Hasta la vista, Blister!

13. Mai 2011
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Mit einem ordentlichen Medienrummel hat die AOK im Februar auf den Erfolg ihrer Blisterprojekte mit dem Anbieter 7x4 Pharma aufmerksam gemacht. Doch die Euphorie bleibt vorerst ohne Folgen: Die Pilotprojekte laufen aus und werden wohl zunächst nicht verlängert.

War es das? Oder geht es jetzt erst richtig los? So ganz schlau wird man nicht aus den Entwicklungen bei der Arzneimittelverblisterung in Deutschland. Da gibt es im Februar 2011 eine Pressekonferenz, bei der die Arzneimittelverblisterung in einem Pilotprojekt in Berliner Pflegeheimen als großer Erfolg gefeiert wird. Von einer Ausdehnung der Verblisterung in Richtung ambulante Versorgung außerhalb von Heimen ist die Rede. Ungewöhnlich genug wirft sich sogar der AOK Bundesverband mit einer eigenen Meldung in die Bresche. Auf dem Weg in die Blisterrepublik Deutschland also? Pustekuchen. Zwei Monate später kommt sie dann, die dürre Meldung, nicht von der AOK, sondern vom Dienstleister 7×4 Pharma der kohl-Gruppe: Das gemeinsame Projekt werde nach offizieller Verkündung der Abschlussergebnisse beim Hauptstadtkongress im Mai 2011 auslaufen, desgleichen das Pilotprojekt in Sachsen. Buff.

Ein Zehntel weniger Tablettenverbrauch, und trotzdem mehr Compliance

Drehen wir die Zeit noch einmal etwas zurück. Im Jahr 2009 gab die AOK nach einem Pilotprojekt im Saarland den Startschuss für das erste wirklich größer angelegte Verblisterungsprojekt im GKV-Umfeld, das in Berlin, Sachsen und Thüringen stattfinden sollte (DocCheck berichtete). Schon damals war der Berliner Hauptstadtkongress die Bühne für das Inszenierungsspektakel gewesen. Bis dahin hatten lediglich einige private Krankenversicherungen Blisterverträge abgeschlossen. Als Partner seitens der Apotheken konnte der Bundesverband Deutscher Apotheker (BVDA) gewonnen werden. Alle Lichter standen also auf Grün. Ärzte wählten die Patienten aus und erstellten ein entsprechendes Rezept für die Blister. Die Apotheken leiteten das Rezept an 7×4 Pharma weiter, wo die Wochenblister produziert wurden. Die Verteilung geschah dann über die Apotheke. Für seine Mühen erhielt der Apotheker eine Aufwandsentschädigung. Die Krankenkasse zahlte für die Dienstleitung einen gewissen Betrag pro Patient und Jahr, der von 7×4 im Jahr 2009 auf mehrere hundert Euro beziffert wurde.

So weit, so gut. Und der Zug dampfte dann auch los. So hatten sich in Berlin Mitte 2010 insgesamt 14 Apotheken und 21 Pflegeheime mit rund 550 Patienten an dem Blisterprojekt beteiligt, wie Professor Jens Leker von der Universität Münster im Februar zu berichten wusste. Die wissenschaftliche Zwischenauswertung war ausgesprochen positiv: Durch die tablettengenaue Abgabe konnten 10,3 Prozent der verordneten Tabletten eingespart werden. Hauptgrund: ein geringer Verwurf. Gleichzeitig gab es Hinweise auf eine bessere Compliance. Details dazu sollen im Mai vorgestellt werden. Schließlich haben Leker und seine Kollegen auch noch eine Befragung des Pflegepersonals durchgeführt, die positiv ausfiel: Die Verblisterung wird mehrheitlich für sinnvoll gehalten. Den Zeitaufwand für die Bereitstellung der Medikamente beurteilt die Mehrheit als geringer. Insgesamt wird eine Entlastung des Pflegepersonals gesehen. „Ein Modellprojekt mit Zukunftscharakter“, schwärmte die AOK.

Mangelt es an gesetzlichen Grundlagen?

Und nun? Außer Spesen nichts gewesen? Was ist das Problem? Der Hersteller 7×4 Pharma listet eine Reihe von offenen Fragen auf, die seitens der Politik geklärt werden müssten. Gefordert werden verbindliche gesetzliche Grundlagen für eine sachgerechte Arzneimittelverblisterung. Konkret geht es dabei um Honorierungsregelungen auf freiwilliger vertraglicher Basis, um Lösungen für die Teilung von Fertigarzneimitteln, um angepasste Abrechnungsregelungen sowie um mehr Gestaltungsmöglichkeiten bei der Beschreibung der Einsatzfelder der Verblisterung und bei der Zuzahlungsbefreiung.

All das klingt nicht nach unlösbaren Problemen, und es klingt vor allem nicht nach Erkenntnissen, die in den letzten zwei Monaten gereift sind. Eine Anfrage von DocCheck bei der AOK Nordost lichtet den Nebel auch nicht vollständig. Der Hersteller, nicht die Krankenkasse, habe das Projekt für abgeschlossen erklärt, wird dort allerdings betont. Für ausgewählte Patientengruppen halte man seitens der AOK die Verblisterung nach wie vor für eine interessante Option, so ein Sprecher. An der positiven Einschätzung der Ergebnisse des Berliner Pilotprojekts hält man fest. Weitere, auch größer angelegte Verblisterungsprojekte könne man sich durchaus vorstellen.

Der Vorhang zu, und viele Fragen offen

Was also sind die wahren Ursachen für das vorläufige Ende der Verblisterung? Gibt es einen Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Re-Importeur-Branche? Am Tag nach der Meldung über das Ende der Pilotprojekte informierte die kohl-Gruppe, der Mutterkonzern von 7×4 Pharma, die Öffentlichkeit über einen Stellenabbau bei kohl Pharma als Folge der gesetzlichen Zwangsrabatte. Ein anderer Erklärungsversuch wäre das von Novartis im Rechtsstreit mit einer Apotheke erwirkte Urteil gegen die industrielle Auseinzelung von Lucentis. Gibt es hier doch noch Klärungsbedarf? Sowohl 7×4 Pharma als auch die AOK bestreiten das. Eines scheint klar: Das letzte Wort zum Thema Verblisterung in Deutschland ist wohl noch nicht gesprochen. Die Erfahrungen, die nicht zuletzt in Berlin gemacht wurden, sind eigentlich zu gut, um sie einfach ad acta zu legen.

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Pharmazie

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1 Kommentar:

Apotheker Karl Steiner
Apotheker Karl Steiner

Wenn sich durch Verblisterung dieser Artikel auf seine wesentliche Aussage reduzieren ließe, dann würde ich Verblisterung ausdrücklich begrüßen!

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