Verbraucherschutz: Der mediale Imperativ

10. Mai 2016
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Antibiotikaresistenzen und Schadstoffe in Kosmetika schüren die Skepsis der Verbraucher. Lebensmittel hingegen werden vom Großteil der Bevölkerung als sicher eingestuft. Vermutlich ist der mediale Kontext für widersprüchliche Wahrnehmungen von Verbrauchsgütern verantwortlich.

Die Risikowahrnehmung der Bevölkerung in Deutschland ist bei Lebensmitteln widersprüchlich. Das ist eines der Ergebnisse des dritten Verbrauchermonitors des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Einerseits halten fast drei Viertel der im Februar 2016 repräsentativ befragten Verbraucher die am Markt befindlichen Lebensmittel für sicher. Andererseits ist mehr als die Hälfte der Befragten beunruhigt über Themen wie Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in Lebensmitteln, Mikroplastik in Lebensmitteln oder gentechnisch veränderte Lebensmittel, die eng mit dem Generalthema Lebensmittelsicherheit verbunden sind.

„Diese widersprüchliche Einschätzung zeigt uns, dass es ganz entscheidend ist, in welchem Kontext Verbraucher zur Sicherheit von Lebensmitteln befragt werden,“ kommentiert Professor Dr. Dr. Andreas Hensel, Präsident des BfR, die Ergebnisse der repräsentativen Befragung von über 1.000 Personen in Deutschland für den aktuellen BfR-Verbrauchermonitor.

Riskiowahrnehmung wird medial beeinflusst

„Wenn Sie die Menschen im Kontext allgemeiner Lebensmittelrisiken fragen, dann werden Lebensmittel von einer großen Mehrheit als sicher angesehen. Fragen Sie aber im Kontext eines in der Öffentlichkeit vornehmlich unter dem Risikoaspekt diskutierten Themas wie Antibiotikaresistenzen oder Pflanzenschutzmittel, dann ist ein hohes Maß an Beunruhigung gegenüber der Lebensmittelsicherheit zu beobachten“, sagt Hensel. Das belegt einmal mehr, dass die Risikowahrnehmung durch die mediale Darstellung beeinflusst wird.

Der BfR-Verbrauchermonitor ist ein wichtiges Instrument, mit dem das BfR seine Aktivitäten zur Risikokommunikation entsprechend der in der deutschen Öffentlichkeit diskutierten Themen steuern und anpassen kann. In einem halbjährlichen Zyklus werden deshalb diese Daten zur Wahrnehmung gesundheitlicher Risiken seit 2014 repräsentativ erhoben.

Steigende Relevanz ungesunder Lebensmittel

Verbraucher halten nach den jüngsten Umfrageergebnissen den Klimawandel bzw. Umweltbelastungen vor Rauchen für das größte Risiko für die Gesundheit. Fehlernährung und Alkoholkonsum folgen als nächstes im Risikoranking, wobei im Vergleich zum Vorjahr die Fehlernährung von deutlich mehr Menschen als Gesundheitsrisiko eingeschätzt wird als der Alkoholkonsum. Ungesunde und belastete Lebensmittel werden dagegen als etwas relevanter als im Vorjahr wahrgenommen.

Beim Bekanntheitsgrad von Themen des gesundheitlichen Verbraucherschutzes zeigen sich im Vergleich zu 2015 große Unterschiede. Am bekanntesten sind die Themen  Antibiotikaresistenzen, Pflanzenschutzmittelrückstände in Obst und Gemüse und Mineralöle in Körperpflegeprodukten, die mehr als drei Viertel der Befragten kennen. Glyphosat als Thema kennen hingegen trotz der großen Präsenz in den Medien relativ wenig Befragte. Zwar hat die vorrangig in den Medien geführte Debatte um die Zulassung dieses Pflanzenschutzmittelwirkstoffes die Zunahme seiner Bekanntheit um vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr bewirkt. Nach wie vor nimmt es aber den letzten Rang unter den acht genannten Verbraucherthemen ein.

Zunehmende Skepsis gegenüber Konsmetika

Hinsichtlich der Lebensmittelsicherheit beunruhigten die Befragten wie auch 2015 an erster Stelle Antibiotikaresistenzen, dicht gefolgt von gentechnisch veränderten Lebensmitteln und Rückständen von Pflanzenschutzmitteln. Mikrobielle Kontaminationen von Lebensmitteln werden zwar als durchaus wichtiges Gesundheitsrisiko wahrgenommen, allerdings beunruhigt dieses Gefahrenpotential in dieser Umfrage deutlich weniger Menschen als in der letzten. Am wenigsten beunruhigt wie schon in der letzten Befragung die Lebensmittelhygiene im eigenen Haushalt.

Nach wie vor betrachten Verbraucher die Sicherheit von bestimmten Produkten skeptisch. Fast die Hälfte der Befragten halten Textilien, Spielzeug oder Kosmetika nicht für sicher. Zugenommen hat im Vergleich zum Vorjahr insbesondere die Skepsis gegenüber Kosmetika.

Forderung nach mehr staatlicher Kontrolle

Dem Staat weist die Bevölkerung eine zentrale Rolle beim gesundheitlichen Verbraucherschutz und der Lebensmittelsicherheit zu. Über die Hälfte der Befragten wünscht sogar mehr Maßnahmen wie Verbote und strenge Regulierungen, um Lebensmittel sicherer zu machen und Verbraucher zu schützen. Außerdem sollten staatliche Institutionen objektive und verlässliche Informationen bereitstellen, auf deren Grundlage der Einzelne sich selbst besser schützen könne. Lediglich ein Zehntel der Befragten ist der Auffassung, dass sie sich auch ohne staatliche Institutionen ausreichend schützen können.

Originalpublikation:

BfR-Verbrauchermonitor 02 | 2016
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR); 2016

13 Wertungen (3.85 ø)

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2 Kommentare:

Manfred Lothar Dietwald
Manfred Lothar Dietwald

Fast täglich werden Stoffe durch die Medien verbreitet, die günstige oder schädliche Wirkungen zeigen sollen. Dabei wäre es einfacher, Erzeuger und Vertreiber von Lebensmitteln etc. von der Möglichkeit sich gegen Leichtsinn versichern zu lassen, zu entheben. Probieren vor studieren einschränken. Gentechnik ist selten gegen Hungersnot nötig, aber für Geldnot – und davon gibt es beim Staat bei Vernunft genug.

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Dr. Gero Beckmann
Dr. Gero Beckmann

Die Forderung nach mehr staatlicher Kontrolle ist Dauerthema seit mehr als 20 Jahren. Jedoch fragt kaum jemand (weshalb wohl?) nach der Effizienz staatlichen Handelns. Schon beim ersten Gammelfleischskandal zeigte sich z.B., wie schlecht die Lebensmittelüberwachung technisch ausgestattet war. Ganz zu schweigen von den erheblichen Personal”reserven” in den Großinstitutionen der Länder (Landesuntersuchungsämter) und der Bundesoberbehörden, wozu auch die Bundesforschungsanstalten, BfR und BVL gehören. Wenn man davon einen Teil der Mitarbeiter dorthin beordern würde, wo das richtige Leben stattfindet, also auf die kommunale Ebene, würde man dem Verbraucherschutz einen echten Dienst erweisen. Daneben behindern Überregulierung, unklare Rechtsbegriffe, mangelnde Befugnisse und eine bisher nicht vollzogene Schwerpunktsetzung der lokalen Überwachung einen modernen Vollzug. Alles nachzulesen in den vielen Gutachten, die seit der BSE-Krise 2000 in Auftrag gegeben wurden….

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