Hormonaktive Substanzen: Jederzeit startbereit

6. Mai 2016
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Egal, ob Triclosan aus Zahncreme, Bisphenol A aus Kunststoffen oder DDT aus der Umwelt: Diese Stoffe stören unsere endokrinen Systeme. Trotz europäischer Regelwerke werden viele Substanzen immer noch verwendet. Jetzt gibt es ein neues Bewertungssystem.

Endokrine Disruptoren (endocrine disrupting chemicals, EDC), sprich hormonaktive Substanzen, schädigen unsere Gesundheit, indem sie das Hormonsystem beeinflussen. Die Liste umfasst etliche Halogenide, Weichmacher, Pestizide, Arzneimittel, Metalle und Organometallverbindungen. Sie können beispielsweise zu Störungen im Blutzuckerhaushalt oder im Kalziumstoffwechsel führen, sprich Diabetes oder Osteoporose begünstigen. Jetzt warnt die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) vor entsprechenden Stoffen im Alltag.

Hormonrezeptoren ausgebremst

„Wir wissen nicht, ob alle diese Stoffe das Hormonsystem nachhaltig beeinflussen. In letzter Zeit mehren sich aber die Hinweise, dass auch zunächst unverdächtige und scheinbar nützliche Chemikalien wie Weichmacher für Plastik, Flammschutzmittel, Beschichtungen für Pfannen und Verpackungen als EDC auf Menschen wirken“, sagt Professor Dr. Ulrich Schweizer vom Institut für Biochemie und Molekularbiologie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. „So können Xenoöstrogene das Eintrittsalter in die Pubertät senken und Antiandrogene zu vermehrten Penismissbildungen sowie zu einer seit Jahrzehnten beobachteten Verminderung der Samenqualität führen.“

Schweizer sieht hormonabhängige Krebsarten wie Mamma- oder Prostatakarzinome als weiteres Problem. Er verweist in diesem Zusammenhang auf eine systematische Studie der US-amerikanischen Endocrine Society. Belastbare Daten liegen unter anderem zu Bisphenol A, zu Phthalaten, etlichen Pestiziden und Herbiziden, aber auch zu Industriechemikalien wie polychlorierten Biphenylen (PCB) und polybromierten Diethern vor.

Kriterien gesucht

Doch diese wissenschaftlichen Erkenntnisse sind noch lange nicht in der Praxis gelandet. EU-Ministerialbürokraten haben schon vor Jahren eine Regulierung verabschiedet. Vier Richtlinien später ist immer noch nichts passiert. Als Grund sehen Toxikologen vor allem fehlende Kriterien zur Identifizierung endokriner Disruptoren – trotz Vorschlägen der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Jetzt schlägt Rémy Slama, Wissenschaftler am INSERM (Institut National de la Santé et de la Recherche Médicale), ein System zur Klassifikation vor. Dazu gehören erwiesene endokrine Disruptoren, Moleküle mit Verdacht auf endokrine Disruption und sonstige endokrin aktive Substanzen. Studien zu einer Folgenabschätzung oder zu Dosis-Wirkungs-Bewertungen lehnt Slama ab. Hier gehe es nicht um wissenschaftliche, sondern um gesellschaftliche und wirtschaftliche Betrachtungen, lautet seine Befürchtung.

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2 Kommentare:

Manfred Lothar Dietwald
Manfred Lothar Dietwald

Wenigstens in den 60er Jahren wurde bei Manövern der Bundeswehr generell aus Aluminiumkochgeschirr und mit Löffel aus Aluminium gegessen, weil dieses ein geringeres Gewicht bei Transport hatte. Mir ist auch bei Reservisten kein erhöhter neurologischer Befund durch Aluminiumintoxikation bekannt geworden.

#2 |
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Arzt
Arzt

Eine gute und dringliche Angelegenheit, gerade bei Nahrung und Essgeschirr oder Verpackung von Lebensmitteln. Hierbei müsste man bei gültiger Gesetzeslage eigentlich den Unschädlichkeitsnachweis schon VORHER von Hersteller verlangen.
Ich warne auch immer im Rahmen von individueller Ernährungsberatung, dass Aluminiumgeschirr (Salatschüssel, Bratpfanne) zur Nahrungzubereitung verwendet werden, da ich oft erhöhte Blutspiegel (zufällig) gemessen habe. Bekanntlich ist das neurotoxisch.

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