Anaphylaxie: Kleine fiese böse Biene Maja

18. Mai 2011
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Der (Früh)Sommer ist auch die Zeit der fliegenden Plagegeister. Normalerweise sind Insektenstiche harmlos, in Einzelfällen aber auch gefährlich. Die Letalität einer anaphylaktischen Reaktion ist extrem hoch. Das Arsenal eingesetzter Pharmaka ist nicht immer hilfreich.

Jährlich sterben schätzungsweise bis zu 250 Menschen an einem anaphylaktischen Schock. Da Anaphylaxien in vielen Fällen nicht als solche erkannt und entsprechend behandelt werden, ist sogar von einer wesentlich höheren Dunkelziffer auszugehen.
Genaue Daten gab es bisher nicht, denn es besteht keine Meldepflicht in Deutschland. Das Allergie-Centrum-Charité in Berlin hat ein Meldesystem geschaffen, mit dem möglichst alle anaphylaktischen Reaktionen im deutschsprachigen Raum erfasst werden sollen. Nach Angaben der Leiterin des Registers, Professor Margitta Worm, beteiligen sich mittlerweile mehr als 60 allergologische Zentren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an der Datenerhebung. Die Daten werden anonymisiert und können nachträglich von dem behandelnden Zentrum wieder entschlüsselt werden. Auch niedergelassene Allergologen und Hausärzte können an dem Meldesystem zu Anaphylaxie teilnehmen. Die Datensammlung bildet eine Grundlage für Verbesserungen in der Diagnostik, Behandlung und Prävention von Anaphylaxien und damit letztendlich eine besseren Versorgung der Patienten.

Häufigste Auslöser von Anaphylaxien sind mit fast 40 Prozent Insektenstiche, davon knapp 60 Prozent Wespen. Auslöser einer Insektengiftallergie sind in Deutschland ausschließlich Hautflügler (Hymenopteren), vor allem Honigbienen, Hummeln und verschiedene Wespenarten, zu denen auch die Hornisse gehört. Der Stachel ist im Laufe der Evolution aus der Eilegeröhre entstanden. Männliche Hautflügler wollen also nur spielen, stechen können sie nicht. Wespen haben im Vergleich zu Bienen kürzere Stechborsten und eine kräftigere Muskulatur. Sie können deshalb den Stachel meist aus der Haut wieder herausziehen und erneut stechen. Wespen sind kurzsichtig und kommen uns deshalb sehr nahe. Anpusten und mit den Händen wedeln werten Sie als Angriff und wehren sich. Im Gift sind biogene Aminen, Polypeptide, Kinine und Enzyme enthalten. Der Hauptteil besteht aus Histamin, Adrenalin und Acetylcholin. Auch Serotonin und Dopamin sind enthalten, glücklich macht ein Stich dennoch nicht. „Drei Hornissen können einen Menschen, sieben ein Pferd töten“, diese Laienmeinung ist falsch. Bei einer Allergie reicht ein Stich völlig aus.

Eine schwere Anaphylaxie liegt nach der aktualisierten Leitlinie der deutschen Fachgesellschaften zur “Akuttherapie anaphylaktischer Reaktionen” dann vor, wenn außer Hautsymptomen Befunde wie Erbrechen, Bronchospasmus, Zyanose, Schockzustand (Grad III) oder gar Atemstillstand oder Kreislaufstillstand (Grad IV) hinzukommen.

Adrenalin und Kühlen bei lokalen Reaktionen

Allergische Reaktionen nach Stichen von Stechmücken oder Bremsen sind selten. Es kann jedoch abhängig von der Giftmenge eine erhebliche Schwellung an der Einstichstelle auftreten. Überreagierende Allergiker in schlechter Tagesform sind in ihrer Reaktion allerdings nie optimal einzuschätzen. Es bleibt immer ein Restrisiko. Bei Bienen- oder Wespenstichen im Rachenraum sollte sofort gehandelt werden. Ein „bedächtiges Zuwarten“ ob es schlimmer wird, kann den Patienten das Leben kosten. Gerade bei Kindern kann die Trachea innerhalb von Minuten zuschwellen. Sofort Notarzt rufen, mit Eis von Innen und Außen Kühlen. Soweit verfügbar sollte sofort Adrenalinspray in den Rachenraum gesprüht werden. Kortison i.v. ist zwar hilfreich, wirkt aber zeitverzögert.

Antihistaminika oder Calcium?

Die Effizienz von oralen Antihistaminika oder gar Calcium wird in einem derartigen Notfall als kontrovers diskutiert. Calciumionen sind in die Liberation von Histamin aus den Mastzellen eingebunden. Wird der Calciumkanal geöffnet, kann allergenes Histamin aus der degenerierten Mastzelle austreten. Will man antiallergisch vorgehen, müsste man Calcium entziehen. Mastzellstabilisatoren wie Natriumchromoglycat schützen die Mastzelle vor einer Calciumüberladung. KEIN calciumhaltiges Medikament führt in seiner Fachinformation allergische oder gar anaphylaktische Reaktionen auf. Auch Nahrungsergänzungsmittel erwähnen lediglich eine „Verzehrempfehlung einer calciumreichen Diät“ drücken sich aber vor dem Wort Allergie. Es ist als Werbelyrik anzusehen, wenn auf derartigen Präparaten eine Sonne abgebildet ist. Im Gegensatz zu anderen Ländern ist der Einsatz von Calcium zur Allergie(prophylaxe) in Deutschland weit verbreitet. Es existieren hierzu keine (evidenzbasierten) Studien.

Antihistaminika der 2. Generation (Loratadin, Cetirizin) agieren als kompetitive Antagonisten und können erst dann am Rezeptor andocken, wenn dieser wieder freigegeben ist. Histamin hat die höhere Affinität. Antihistaminika der 1. Generation wie Dimetinden blockieren nicht den Rezeptor, sondern schalten den gesamten Histamin-Rezeptorkomplex auf „inaktiv“. Das geschieht rasch und hocheffizient, leider erkauft man sich dies mit einer starken Sedierung. Diese ist beim Notfallpatienten jedoch nicht erwünscht.

Notfallset ist ein Muss!

Erschreckend ist die Tatsache, dass nur 3,4 Prozent der Patienten ein Notfallset mit Adrenalin besitzen. Dabei sind Allergiker, die schon einmal überraschend stark auf ein bestimmtes Allergen reagiert haben, besonders gefährdet für eine Anaphylaxie. Besonders diese Patientengruppe profitiert von einem Notfallset, das im Falle von akuten Beschwerden immer schnell zur Hand sein sollte. Risikopatienten sollten auf jeden Fall ein Notfallset bei sich haben, in dem je nach Allergierisiko auch ein Adrenalinpräparat enthalten ist. Adrenalin kann vom Laien mit einem entsprechend dosierten Autoinjektor selbst injiziert werden. Adrenalinpräparate zur Selbstinjektion gibt es in verschiedenen auf die Patienten abgestimmten Dosierungen. Auch für Kinder gibt es passend dosierte Präparate. Ins Notfallset gehören außerdem ein Antihistaminikum, ein Kortisonpräparat und (bei Asthmapatienten/nur bei Atemnot) ein Asthma-Spray. Alle Medikamente müssen regelmäßig auf ihr Haltbarkeitsdatum überprüft werden. Kortison benötigt 0,5 bis 1 Stunde ehe die Wirkung eintritt. Die Leitlinie empfiehlt die sofortige intramuskuläre Applikation von 0,3 bis 0,5 mg Adrenalin (bei Kindern 0,1 mg/10 kg Körpergewicht) in die Außenseite des Oberschenkels. Diese Therapie könne bei Bedarf je nach Wirkung und unerwünschten Wirkungen alle 10 bis 15 Minuten wiederholt werden.

Allergietests sind frühestens drei Wochen nach der Allergie-Reaktion sinnvoll, da der Körper seine ganzen Vorräte an IgE verbraucht hat. Dann gelingt auch der entsprechende Bluttest (RAST) nicht, denn auch er ist auf die Anwesenheit der Antikörper angewiesen.

Wenn Maja, Willi & Co ihren Stachel zum Einsatz gebracht haben, helfen lokale Antihistaminika und Lokalanästhetika und das Kühlen der betroffenen Stelle. Nicht sinnvoll sind ätherische Öle wie Teebaum oder Pfefferminz. Nach einer subjektiven Kühlung folgt die lokale Hyperämie und dann wird die Juckqual noch stärker.

131 Wertungen (4.56 ø)
Allgemeinmedizin, Medizin

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16 Kommentare:

Dr. med. Renate Hennig
Dr. med. Renate Hennig

Zu 14.) Sehr geehrter Dr B. Staudenmaier! Ihr Beitrag hat mich gerade sehr erheitert…Danke dafür!
Meine Patientin ist extubiert. Ich bin froh, dass ich keine Globuli in meinem Notarztkoffer habe…wer weiß was dann passiert wäre. Im Falle einer nicht gelungenen Koniotomie könnte man die Globuli als ultima ratio einsetzen – oder?

#16 |
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Dr.med Friedrich Schuster
Dr.med Friedrich Schuster

Ein Jahrmarkt der Eitelkeit und immer möglichst am Thema vorbei!
Ein Kollege hat das ganze wohl auf den Ppunkt gebracht: es geht nicht um Hunde Vögel oder Globulie oder Apis sondern um einen akut lebensbedrohlichen Zustand.
Wer das nicht kapiert hat in der Heil-Kunde (Kunde wie Sach-Kunde,-ist auch mit Kenntnis und Können verwandt) nix zu suchen und wäre eher was für den Staatsnwalt.
Die Globulie und Nosoden können dann später an die Überlebenden verkauft werden.

#15 |
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@ 20, 21. Bitte beachten Sie im Interesse anderer Leser bei Ihren Kommentaren den Bezug zum Artikel. Es geht hier weder um Hunde, noch um Arnica. Danke.

#14 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Es wird jetzt Zeit, sich hier auszuklinken, denn das Thema hat die Homöopatie übernommen, die Anaphylaxie ist aus dem Thema ausgeschieden.
Vögel sollen angeblich sehr gut mit Bienenstichen umgehen können, auch Kakadus ;-) ??? Es gibt unter den Vögeln ja spezielle Insektenfresser, ob man aus denen auch homöopathische Tinkturen, Wässerchen und Globuli herstellen kann ???

#13 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Sehr interessanter Beitrag!
Unsere am. Bulldog Hündin hatte vor einiger Zeit ein sog. Blutohr, das heißt, das Ohr hat sich über längere Zeit ein mal wöchentlich mit Blut gefüllt und war so prall, dass man es jedes mal punktieren musste,
das war erstens sehr schmerzhaft für das Tier und zweitens war meistenstens die Praxis mit Blut vollgespritzt. Eine Hunde Physiotherpeutin gab mir den Rat, dem Tier 3 Globuli Arnica C30 zu geben, nach 5 Tagen war das Ohr wieder okay und zwar für immer.

#12 |
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Alfred Frohn
Alfred Frohn

Warum sind die Cornelius-Beiträge nicht bewertbar?

#11 |
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Alfred Frohn
Alfred Frohn

Um wieder zum Artikel zurück zu kommen:
Der Artikel ist – aus Sicht eines Patienten mit fachlich fundiertem Hintergrund – nachvollziehbar und fundiert geschrieben.
Was er allerdings erstaunlicherweise völlig entbehrt, ist das komplette Thema Hyposensibilisierung.

#10 |
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Medizinphysiker

¿ Die Erfahrung mit der Wirkung der homöopathischen Mittel habe ich selbst erlebt. Bei einem Besuch in Basel im Jahre 1914 hatte mich eine Lokomotive erwischt und mir den Fuß abgetrennt als ich auf dem Bahnsteig saß..Nach Konsultation des DHU Büchleins entschied ich mich für die Einnahme von Apis mellifolia D22. Dies hat die stark blutende Wunde am rechten Bein nach zwanzig Minuten gestillt. Die stündliche Einnahme von drei Globuli heilte dann die gesamte Symptomatik, nach sieben Wochen war der Fuß komplett nachgewachsen!
¿ Spaß beiseite, wenn aber bei einer echten Anaphylaxie durch das Wirken des Herrn Cornelius eine schlimme oder die schlimmste Komplikation (Tod) eintritt, hoffe ich, dass der Staatsanwalt vor seiner Tür steht!

#9 |
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Volker Blasig
Volker Blasig

Ich kann dieses dumme Geschwätz des Dr. Cornelius nicht mehr ertragen ! Begründung siehe Auskunft des Herstellers

“Vor der Einnahme ist UNBEDINGT der Arzt über bestandene und bestehende Krankheiten und Überempfindlichkeitsreaktionen zu informieren, da es unter Umständen zu Wechselwirkungen bzw. Erhöhung oder Senkung der Wirksamkeit der anderen Arzneimittel kommen kann. Die aktive Teilnahme am Straßenverkehr und die Bedienung von Maschinen wird bei bestimmungsgemäßen Gebrauch beeinträchtigt. Enthält 35 Vol.-% Alkohol!

Wechselwirkungen von Apis Homaccord Tropfen

Apis Homaccord darf nicht angewandt werden bei bekannter Überempfindlichkeit gegenüber einen der Bestandteile und Überempfindlichkeit gegen Bienengift. Während der Schwangerschaft und Stillzeit ist das Mittel nur nach Rücksprache mit dem Arzt zu nehmen.”

Noch irgenein Zweifel ?

#8 |
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Ärztin

Also ich finde es durchaus in Ordnung, wenn ein Patient im Falle einer allergischen Reaktion die Homöopathie nutzt. Im Falle einer Ananphylaxie halte ich allerdings Adrenalin, Cortison und Antihistaminika für indiziert.
– Wenn der Patient kein Notfallset hat, was ja ziemlich häufig vorkommt, dann sollte er zuerst den Notarzt rufen und meinetwegen dann auch noch Apis nehmen.

#7 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Herr Peter Cornelius,
Sie geben mir das Rätsel auf, in welche Kategorie ich Sie stellen soll, doch bestinnt nicht in diese, daß Sie in der Notaufnahme Menschen haben sterben sehen. Ich bezweifle, ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen,daß Sie echte dramatische Situationen behandelt haben, wobei jeder die Dramatik subjektiv auslegen möge.
Wer in 43 Jahren viele Menschen sterben gesehen hat, “schwätzt” nicht, und sonnt sich schon gar nicht in Überheblichkeit, mit seinen “therapeutischen Erfolgen” und das noch durchs Telefon….
Etwes Demut ist bei dramatischen Verläufen immer angebracht, denn da zeigen sich die Grenzen in der Medizin !!!
Auch ich nutze die Homöopathie, doch mit Maß und realistischem Abwägen, doch nicht wenn der Tod an die Tür klopft.

#6 |
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Karsten Bickel
Karsten Bickel

Guter Beitrag.
Mit Calcium hatte ich bisher nur Erfahrungen bzgl. leichter Linderung des Juckreiz bei allerg. Reaktionen.

Im Rettungsdienst kommen mir immerwieder generalisierte allerg. Reaktionen unter. Zum glück kam ich bisher um Intubation / Koniotomie herum. Ist erschreckend wie wenige, v.a. junge Leute die von der Allergie wissen, nur ein Set dabeihaben.
Wie schon beschrieben finde ich die leicht sedierende Wirkung von z.B. Fenistil z.T. sehr vorteilhaft, bei Luftnot und um die Situation zu entspannen.
Ich stelle nur immerwieder mit erschrecken fest wenn sich Pat. in der Ambulanz befinden mit einer generalisierten Reaktion, und das Personal in aller Ruhe Daten erfasst, und ruhig den Doc informiert ohne besondere Dringlichkeit.
Scheinen noch keine Verschlechterung gesehen zu haben.
Ich persönlich bin nach der Info “immer” in 2-3 min dort, spritze Anthistaminikum/Cortikoid/Ranitidin.. und kann dann immernoch sagen ich komme in 30min wieder und dann reden wir in Ruhe..!!

#5 |
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Guter Beitrag, Herr Kollege. Vor allem räumen Sie mal mit dem Mythos Kalzium in der Akuttherapie einer starken allergischen Reaktion oder gar Anaphylaxie auf.

#4 |
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Dr. med. Renate Hennig
Dr. med. Renate Hennig

Gestern mußte ich mit Rettungsdienstbesatzung eine Patientin reanimieren, die nach Bienstich (ohne bek Allegie)innerhalb von minuten mit Schock und Atemstillstand reagiert hatte: Zyanose, Herzaktionen ohne meßbaren Puls, Bronchialsekretion und Schleimhautödem (Larynx). Mit HDM, Intubation (Kindergröße) und Supra iv ist sie dann wieder stabil geworden und heute extubiert. Outcome weiß ich noch nicht. Bei nächstem Patienten werde ich frühzeitige i.m. Gabe Supra bedenken (geht ja auch schneller als i.v.-Zugang bei REA). Homöopathische Medis sind in solchen Fällen obsolet und meiner Meinung was für Juckreiz bei Kindern oder Schwellungen, die “nerven”. In der Notfallmedizin völlig falsch, in nicht Akutsituationen nach Umständen geeignet.

#3 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Aber H A L L O !!!!!
Wir sprechen doch hier und der Artikel spricht doch auch davon, von einer Anaphylaxie, wobei von Insekten gestochene Menschen innerhalb von wenigen Minuten sterben !!!

Was soll da Homöopathie ???? die erst nach Tagen, Wochen und Monaten die gewünschte Wirkung erzielt ???

Da bleiben doch nur Cortison, Adrenalin und Antihistaminika und ein venöser Zugang übrig !!!

und ist die Lawine mal ins Rollen gekommen, ist sie oft nicht mehr zu bremsen…. leider.

#2 |
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Herzlichen Glückwunsch für densehr guten Beitrag.
Wie sieht es im deutschsprachigen Raum mit Anaphylaxie bei Pistazien- bzw. Nussalergie aus?

#1 |
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