Apotheken 2022: Das Orakel hat gesprochen

5. April 2013
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Gesetzliche Sparmaßnahmen und steigende Kosten: Apotheker blicken auf magere Jahre zurück. Jetzt gaben Experten im Rahmen einer Delphi-Befragung Zukunftsprognosen ab. Bei Apotheken mit klarem Profil und hohem Qualitätsanspruch sehen sie gute Chancen, ihre Position zu behaupten.

Apotheken einst und jetzt: Dr. Frank Diener, Treuhand Hannover, präsentierte bei der Interpharm und beim Pharmaziekongress wenig erfreuliche Zahlen. Im Verhältnis zu 2004 stieg der Umsatz typischer Apotheken in 2011 um 23 Prozent – bei einem Wareneinsatz von plus 27 Prozent. Personalkosten erhöhten sich im gleichen Zeitraum um 32 Prozent und sonstige Kosten um 11 Prozent. Dieners Einschätzung von “langen Jahren der Tristesse” zeigt sich auch beim Betriebsergebnis vor Steuern von minus 15 Prozent. Für 2012 fand der Ökonom im Vergleich zum Vorjahr auch keinen Silberstreif am Horizont: Das Betriebsergebnis vor Steuern ist weiter gesunken, und der Verfügungsbetrag hat sich von 35.000 Euro (2011) auf 34.000 Euro verringert.

Blick in die Zukunft

Doch wie geht es langfristig weiter? Das wollte die Apothekergenossenschaft NOWEDA genau wissen – und gab bei Professor Dr. Andreas Kaapke, Ludwigsburg, eine Studie in Auftrag. Kaapke griff zur Delphi-Methode. Genau 127 Experten aus der pharmazeutischen Industrie, aus öffentlichen Apotheken, aus der Gesundheitsverwaltung sowie aus Politik und Wirtschaft beantworteten Fragen über die Zukunft öffentlicher Apotheken. In einer weiteren Runde sahen Teilnehmer anonymisierte Statements der Kollegen – und hatten Gelegenheit, ihre Einschätzung eventuell zu revidieren. Allerdings gab es bei dieser Feedbackrunde kaum Korrekturen, was für die gefestigte Meinung aller Akteure spricht. Wie beim gleichnamige Orakel von Delphi ist ein Blick in die Zukunft nie frei von Fehlern, zeigt aber deutliche Tendenzen auf.

Qualifiziertes Personal

Eine Mehrheit der Befragten vermutet, dass die Alleinverantwortung von Apothekern in den nächsten zehn Jahren steigen wird, und zwar durch pharmazeutische, aber auch durch administrative Aufgaben. Bei der Personalstruktur sehen drei Viertel der Fachleute eine Verschiebung hin zu höher qualifizierten Berufsgruppen, primär zu Approbierten, aber auch zu PTA, kommen. Damit grenzen sich Apotheken klar zur Konkurrenz wie beispielsweise Drogeriemärkten ab, müssen aber auch mit höheren Kosten kalkulieren – was teilweise zu Personalabbau führen könne. Ein zentrales Problemfeld ist die fehlende Vertretungsbefugnis von PTA, während andere Berufsgruppen mit eingeschränkter Berechtigung mehr und mehr das Rentenalter erreichen werden. Jenseits dieser Tendenz zu qualifiziertem Personal gibt auch unschöne Szenarien.

Zukunftstrend “Apotheke light”

Experten prognostizieren beispielsweise, dass in zehn Jahren nur noch wenige Apotheken Rezepturen (52 Prozent Zustimmung) und Defekturen (27 Prozent Zustimmung) anfertigen werden. Dahinter steckt sowohl der ökonomische Zwang als auch die zunehmende Spezialisierung. Gerade an kleinen Standorten seien Vollapotheken nicht rentabel, heißt es weiter. Neue Modelle reichen von Apotheken mit eingeschränktem Angebot bis hin zu “Shop-in-Shop”-Formaten. Im Filialverbund selbst könnten Rezepturen auch zentral hergestellt werden. Für Patienten hätte das längere Wartezeiten, aber auch längere Wege zur Folge. Davon profitieren früher oder später Logistikunternehmen.

Schlechtere Ertragslage

Teilnehmer der Delphi-Befragung konkretisieren ihre wirtschaftlichen Prognosen. Fast 50 Prozent rechnen mit einer zunehmenden Verschlechterung der Ertragssituation. Sie argumentieren mit steigenden Betriebskosten, mageren Großhandelskonditionen und neuerlichen Sparmaßnahmen der Bundesregierung. Allerdings sieht ein Viertel mögliche Aufwärtstrends: durch immer weniger Apotheken im Markt bei steigendem Bedarf an Arzneimitteln. Hinsichtlich der Entwicklung von Zwangsrabatten zeigt sich ein unklares Bild. Je ein Drittel der Experten erwartet sinkende, gleichbleibende oder steigende Abschläge. Jeder Zweite sieht Fixhonorare ansteigen, vor allem als Inflationsausgleich sowie als Maßnahme, um die Versorgung aufrechtzuerhalten.

Regulatorische Eingriffe des Gesetzgebers

Staatliche Maßnahmen wie die Korrektur von Fixhonoraren sind vor allem denkbar, um strukturschwache Regionen zu versorgen. Das erscheint umso dringlicher, als im Schnitt mit einem Rückgang der Apothekenzahl von 20.921 (2012) auf knapp 17.000 (2022) zu rechnen ist. Der Trend geht weg von Einzelapotheken und hin zur Kette. Immerhin erwarten 41 Prozent eine Liberalisierung des Fremdbesitzverbots, während 59 Prozent dies für politisch nicht konsensfähig und für ökonomisch nicht erforderlich halten. Beim eingeschränkten Mehrbesitz rechnen 63 Prozent mit größeren Filialverbünden als bisher. Weitere 19 Prozent gehen davon aus, es werde bis 2022 keine Obergrenzen mehr geben. Parallel dazu wird sich der Wettbewerb zwischen öffentlichen Apotheken durch den Kostendruck weiter verschärfen. Das Ergebnis: ein immer stärkerer Verdrängungswettbewerb zu Gunsten größerer Strukturen. Bleibt zu klären, wie sich das Apothekensortiment entwickeln wird.

Sortiment erweitern – Erfolg sicherstellen

Hier führen die Befragten teils gegensätzliche Tendenzen an. Gemessen an Packungszahlen sehen sie eine Abnahme von OTCs auf unter 40 Prozent kommen. Der Wert lag laut ABDA in 2011 bei 42,4 Prozent. Allerdings wird der Umsatz im OTC-Segment weiter ansteigen, teilweise durch Erstattungsrestriktionen, aber auch durch den OTC-Switch diverser “Blockbuster”. Bei Triptanen und Omeprazol wurde dieser Schritt ansatzweise schon vollzogen. Bleibt abzuwarten, wann eine Verordnung zu Lasten der GKV nicht mehr möglich sein wird. Durch demographische Tendenzen wiederum könnte sich der Prozentsatz an Kassenrezepten nach oben bewegen. Eine klare Tendenz lässt sich momentan nicht ableiten. Um Einbrüche zu kompensieren, sind rechtliche Auflockerungen beim apothekenüblichen Nebensortiment denkbar – hin in Richtung Drogeriemarkt. Strengere Vorschriften halten viele der Befragten für unwahrscheinlich.

Mehr ärztliche Leistungen

Mit diesen Ertragsquellen wird es allein nicht getan sein. Rund 45 Prozent der Studienteilnehmer geben an, pharmazeutische und medizinische Dienstleistungen würden in den nächsten zehn Jahren an Bedeutung gewinnen. Apotheker könnten sich mit Programmen zur Betreuung chronisch kranker Patienten (Disease Management), zum Medikationsmanagement oder zum Health Care Management profilieren. In Zeiten zunehmenden Ärztemangels sehen Experten auch medizinische Dienstleistungen zunehmend bei Pharmazeuten verankert. Als Argument nennen Fachleute die unmittelbare Erreichbarkeit, ohne Terminvereinbarung oder längere Wartezeit. Auch werden Krankenkassen immer weniger Leistungen finanzieren.

Und der Erkenntnisgewinn aus der Delphi-Befragung? Um auch in Zukunft einen etablierten Platz im Gesundheitssystem zu haben, raten Experten Inhabern nahezu übereinstimmend zur Profilierung und Differenzierung. Ein wichtiger – wenn auch nicht alleiniger – Erfolgsfaktor ist nach wie vor der Standort selbst. Ansonsten gilt als Herausforderung, Dienstleistungen noch stärker an den Bedürfnissen von Kunden auszurichten. Und last, not least, grenzen hochqualifizierte Mitarbeiter öffentliche Apotheken gegenüber anderen Vertriebskanälen ab. Aus Sicht der Befragten ist ein Wettbewerb um Qualität und Leistung zielführender als ein reiner Preiskampf.

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Medizin

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2 Kommentare:

Dr. Martin Beißenhirtz
Dr. Martin Beißenhirtz

Derartige Delphi-Orakel können durchaus hilfreich sein; wünschenswert wären jedoch genauere Angaben über die Zusammensetzung des “Experten-Kreises”, zumindest der Anteiligkeit der verschiedenen Berufs-Sparten: eine bessere Einschätzung der Aussagen wäre möglich, wenn die entsprechenden Interessenlagen auch transparent würden. Völlig fehlt mir allerdings der Meinungs-Beitrag von Personen, die mit der Ausbildung des Nachwuchses befasst sind oder selbst noch in der Ausbildung “stecken”: bezogen auf meinen kleinen Erfahrungsbereich in der Universität meine ich zum Beispiel in der letzten Zeit einen erheblichen Schwenk vom Berufswunsch “Apotheker” hin zu anderen Betätigungsbereichen feststellen zu können. Auch die Frage, wieweit Ausbildung und Berufswirklichkeit kompatibel sind, sein sollten oder werden können, ist für die Zukunft der “Apothekerei” wohl nicht unwichtig!

#2 |
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Apothekerin

All das ist zwar schön und gut gesagt, aber rührt trotzdem nichts an der Grundursache der Eurokrise, die in immer mehr Branchen zu entsprechenden Einkommensverlusten führt. Und diese Grundursache besteht nun mal darin, auch wenn dies bis heute noch kein Finanzpolitiker der EU erkannt oder wahrhaben haben will, daß die “Luftmatratze” über Europa als Veranschaulichung aller jemals von der EZB seit 2002 emittierten Euro-Bargeldvolumina mittlerweile bedenklich schwabbelig geworden ist und heute längst nicht mehr die hinreichende Euro-Bargeldmengenbefüllung für eine funktionsfähige Wirtschaft aufweist wie 2002. Tritt unsere Bundesregierung auf diese Matratze in Deutschland, um Milliarden Euro gen Griechenland, Zypern usw. zu transferieren, mag zwar dort wieder mal eine gewisse Zeit deren Luftmatratzen-Anteil ausreichend gefüllt sein mit Eurogeld-Volumina, doch dafür stehen wir hier in Deutschland auf dem Platten und merken dies an drastischen Umsatzeinbrüchen auch entsprechend.

Gegen all das helfen somit keine krisenzeitverschiebenden “Rettungsschirme, Hilfspakete, Schuldenschnitte, Staatssozialhilfen” usw. oder das Orakel von Delphi, sondern die Grundursache der Eurokrise muß behoben werden, bevor überhaupt die Empfehlungen dieses Orakels fruchten können: Die Behebung der Diskrepanz aus der zu gering vorhandenen Euro-Bargeldgesamtmenge im Verhältnis zur somit längst nicht mehr wertäquivalent deckungsfähigen Gesamtmenge der stetig anwachsenden Sachwerte und Dienstleistungen in der EU. Unter heutigen Bedingungen ist es gesamtbetrachtet daher nicht verwunderlich, weshalb die Erkenntnis vom “sich in die Armut hinein Arbeiten” europaweit die Runde macht. Denn liegt für Arbeit und die daraus geschaffenen Werte keine Euro-Bargeldmengendeckung mehr vor, dann resultiert daraus die Euro-, Wirtschafts- und Finanzkrise, und all die in ihr entstehenden gerichtlichen Schuldtitel stapeln sich europaweit mittlerweile ins Unermeßliche. Aber genau diese nicht mehr tilgbaren Titel sind gleichzeitig auch die Indikatoren für die in der EU fehlende Euro-Bargeldmenge für eine funktionierende Wirtschaft. Daher ist es längst überfällig, daß in der EU ein Gesetz erlassen wird, wonach die EZB zum Ankauf dieser gerichtlichen Schuldtitel von Unternehmen, Institutionen und Privatpersonen verpflichtet wird und hieran ihre Geld-Neuemissionsmenge ausrichtet zur Vermeidung einer Hyperinflation. Durch dieses notwendige Gesetz zur Beendigung der Eurokrise wird nicht nur die o.g. Diskrepanz zwischen statischer Geldmenge und wachsenden Sachwerte-Volumina behoben, sondern auch der 2. Hauptpfeiler der Eurokrise, nämlich der Zins in seiner Schwundwirkung auf die Euro-Bargeldmenge wird damit gleichzeitig behoben. Erst wenn Gläubiger mit ihrer derzeit nicht verkehrsfähigen untilgbar wertlosen “Zweitwährung Vollstreckungstitel” per EZB-Ankauf wieder liquide sind, können entsprechend Investionen erfolgen, Arbeitsplätze mit anständigen Löhnen geschaffen werden und so auch den Schuldnern überhaupt erst eine faire Chance gewährt werden zur Schuldentilgung gegenüber der EZB. Vorher dieser o.g. gesetzlichen Notwendigkeit zur Eurokrisenbeendigung bleiben alle sonstigen Ratschläge und Empfehlungen Schall und Rauch, weil schlicht und ergreifend derzeit die monetäre Basis dazu nicht gegeben ist in der EU.

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