Wenn das Wehwehchen zum Notfall wird

3. Mai 2016
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Ein Notfall muss nicht immer ein Notfall sein. Viele Patienten ziehen die Notaufnahme dem Hausarzt vor, obwohl eine notärztliche Behandlung oft nicht nötig ist. Forscher zeigten nun, aus welchen Gründen die Zentrale Rettungsstelle die häufig beliebtere Anlaufstelle für Patienten ist.

Suchen Patienten eine Zentrale Notaufnahme (ZNA) auf, wird die Dringlichkeit ihres Behandlungsbedarfs zunächst mit Hilfe des sogenannten Manchester-Triage-Systems (MTS) eingestuft. Bei diesem System handelt es sich um ein standardisiertes Verfahren zur ersten Einschätzung des Schweregrades einer Krankheit. Ziel ist die schnelle Festlegung von sicheren und nachvollziehbaren Behandlungsprioritäten, sodass Personen, die am dringlichsten Hilfe benötigen, diese zügig erhalten, unabhängig vom Zeitpunkt ihres Eintreffens in der Notaufnahme.

Für ihre Untersuchung haben die Wissenschaftler um Prof. Dr. Martin Möckel, Ärztlicher Leiter der Rettungsstellen am Campus Virchow-Klinikum und am Campus Charité Mitte, insgesamt 40 erwachsene Patienten in breiter Altersverteilung und mit unterschiedlichen Beschwerdemustern interviewt, deren Behandlungsbedarf zuvor als nicht dringlich eingestuft worden war.

Pluspunkte für die Notaufnahme

Die Forscher befragten die Patienten nach ihren subjektiven Gründen, eine Rettungsstelle aufzusuchen. Die Ergebnisse zeigen: Hauptmotive neben nicht oder spät verfügbaren Haus- und Facharztterminen waren Zeitautonomie, die Qualitätsstandards eines universitären Krankenhauses, die Möglichkeit multidisziplinärer Untersuchungen während eines Termins sowie die Empfehlung aus dem ambulanten Bereich, eine Rettungsstelle aufzusuchen.

Medizinische Qualität für alle Patienten

„Unsere Interviewdaten weisen auf eine eigenständige Funktion der Zentralen Notaufnahmen für ambulante Behandlungen auf“, stellt Prof. Möckel fest. „Selbst eine konsequente Wahrnehmung des Sicherstellungsauftrages der Kassenärztlichen Vereinigung wird nicht dazu führen, dass die Rettungsstellen nur noch medizinische Notfälle versorgen. Wenn wir die medizinische Qualität für Patienten aller Dringlichkeitsstufen dauerhaft sicherstellen wollen, müssen Strategien zur Anpassung des Versorgungsbedarfs entwickelt werden. Dazu gehört eine bedarfsgerechte Ausstattung und Vergütung der ZNA“, fügt er hinzu.

Originalpublikation:

Inanspruchnahme zentraler Notaufnahmen: Qualitative Erhebung der Motivation von Patientinnen und Patienten mit nichtdringlichem Behandlungsbedarf
M. H. Schmiedhofer et al.; Thieme, doi: 10.1055/s-0042-100729; 2016

24 Wertungen (2.88 ø)

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11 Kommentare:

Gast
Gast

Eine allgemeine Notaufnahme im Krankenhaus ist weder medizinisch noch ökonomisch sinnvoll
und wie kann man sich da auch als Patient wohl fühlen,
auch da gibt es inzwischen unangenehme Wartezeiten.
Die Besetzung ist (aus Kostengründen) immer mit unerfahrenen Assistenten, manchmal wird das auch vom Pflegepersonal übernommen, kein Witz.
Das Ergebnis ist entweder suboptimale oder falsche Behandlung (falsche Diagnose) oder die noch häufigere stationäre Sicherheitsaufnahme (zu teuer).
Na klar wird das am anderen Morgen nicht sooo konsequent korrigiert, wenn er schon mal stationär ist, es muss ja für den Kostenträger (und das Haus) die Notwendigkeit sozusagen erfunden werden, der Patient wird das eher weniger durchschauen (“Wir müssen aus Sicherheitsgründen unbedingt noch xyz machen”). Gezielte Überweisung durch eine Arzt in eine Fachabteilung wie früher ist wesentlich sinnvoller.
Aber da lügt sich Politik und Krankenhausträger lieber in die Tasche und klopft sich gegenseitig auf die Schulter.

#11 |
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Gast
Gast

“Forscher” find ich gut, möcht ich auch sein.

#10 |
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Ärztin
Ärztin

@Peter Devesa: Sie haben durchaus recht: manchmal ist die Untersuchung und Anamnese durchaus knapp und oberflächlich gehalten aber dafür gibt es mehrere Gründe welche man nicht immer dem Arzt anlasten kann:

1. Der Arzt wird nicht angemessen vergütet, die Kassen halten sowohl die Hausärzte als auch die Notaufnahmen extrem kurz und in vielen Fällen zahlt man drauf (welche Klemptner oder Schlüsseldienst würde sich darauf einlassen? die bekommen für einen “Noteinsatz” einiges mehr als ein erfahrener Notarzt für eine erfolgreiche Reanimation!)

2. In vielen Fällen ist mehr auch nicht nötig weil viele wegen Lappalien zum Arzt oder gar in die NA gehen. Natürlich macht man sich als Arzt sehr unbeliebt wenn man sich weigert wegen einer Erkältung die Lunge zu Röntgen oder Antibiotika zu verordnen und es wird einem vielfach vorgeworfen man nehme seine Patienten nicht ernst.
Ganz besonders schlimm ist es für unerfahrene Assistenzärzte in der Notaufnahme: wo ein erfahrener Facharzt in der Praxis oft ziemlich schnell erkennt, dass er es mal wieder mit einer harmlosen Befindlichkeitsstörung zu tun hat bedarf es in der Notaufnahme manchmal eines erheblichen diagnostischen Aufwandes um sich zu vergewissern dass man den Patienten (welcher schließlich den Notarzt gerufen und sich mit dem Rettungsdienst bringen hat lassen nur um gleich zu verkünden er lehne eine stationäre Aufnahme sowieso ab) getrost wieder ziehen lassen darf.

@ Silke Schuster und Harald Schneider: volle Zustimmung!
@ Gast Nummer 3: ja, Flatulenzen können quälend sein, ebenso wie eine Verstopfung, ein Schupfen, ein Mückenstich, ein Biss auf die eigene Zunge und so weiter und so fort, aber für die meisten dieser Fälle gibt es Gott sei Dank gute Hausmittel oder rezeptfreie Präparate in der Drogerie oder Apotheke, man muss und soll deswegen nicht unbedingt die Kapazitäten der Notfallversorgung überstrapazieren, die werden nämlich für wichtigeres gebraucht.

#9 |
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Sehr geehrte Frau Kunze,

um auf Ihre Frage zu antworten: Der Nachwuchs ist woanders. Der Grund liegt im Erfolg der gemeinsamen Anstrengungen von Krankenkassen, Kassenärztl. Vereinigungen und Politikern aller Parteien, die es in einer Melange von Unfähigkeit, Kostendämpfung, bürokrat. Absolutismus und anderem Unsinn den Karren an die Wand gefahren haben und sich jetzt öffentlich empören dass nicht genug Masoschisten Medizin studieren und es dann auch praktizieren wollen.

#8 |
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Heilpraktikerin

wenn ich von meiner Gegend ausgehe, unser einziger Arzt befindet sich in 5 km entfernung und hat das rentenalter längst überschritten……
er kann auch nur arbeiten:::::wO IST DER NACHWUCHS FÜR DIE LANDPRAXEN???

#7 |
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Ärztin

In Ambulanzen steht den Patienten tatsächlich die gesamte klinische Infrastruktur zur Verfügung. Selbst lange Wartezeiten führen in Summe schneller zum Ziel. Für konsilarische Untersuchungen muss meist kein zweiter Termin mit neuen Wartezeiten in Kauf genommen werden. Die klinische Versorgung, falls erforderlich, erfolgt meist prompt und Alles ohne Termin. So jedoch ist auch das seit zwei Jahrzehnten bekannte politische Ziel: Die hausärztliche Versorgung reduzieren und die medizinische Versorgung auf Zentren fokussieren. Alles um Kosten zu sparen. Ob diese Versorgungsmodalität tatsächlich kostengünstiger ist sei dahingestellt. Der von (oft) unerfahrenen Assistenzärzten vorschnell hospitalisierte Patient kommt das Gesundheitswesen schnell teuer.

#6 |
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Ärztin

@1
Vergessen Sie bitte nicht, dass der Veterinärmediziner nur Privatpatienten hat. Selbst eine kleine Untersuchung kostet schon mehr als der Hausarzt im ganzen Quartal für einen Kassenpatienten erhält. Auch die Medikamente sind nicht budgetiert. Obwohl bekannt ist dass man mit einer Kleintierpraxis keine Reichtümer verdient glauben immer noch viele Patienten der Hausarzt würde sich mit seiner Praxis eine goldene Nase verdienen. In Wahrheit strampelt er sich im gesundheitspolitischen Hamsterrad ab und hat unbefriedigender Weise keine andere Wahl als immer schneller zu arbeiten. Gäbe es im ambulanten Bereich nur Privatpatienten hätte er mehr Zeit für seine Patienten.

#5 |
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Gast
Gast

#3 : Flatulenzen können sehr quälend sein und manchmal Kommentatoren heimsuchen, wenn sie noch gar nicht daran denken. Und ein AU-Schein muß nicht ergattert sein, sondern kann insbes. auch bei seelischer Not ein berechtigter Rettungsanker sein. Auch das kann Kommentatoren ereilen.

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Wolfhard Spiewok
Wolfhard Spiewok

Solange Otto Normalverbraucher wegen jeder quer gelagerter Flatulenz den Arzt aufsucht, so lange wird die Schere zwischen Anspruchsdenken des Patienten und dem, was die ambulante Medizin qua ihrer personellen (Bedarfsplanung) und wirtschaftlichen (Budgets) Möglichkeiten imstande ist zu leisten, auseinander klaffen. Ich selbst hatte es erlebt, dass Patienten die Rettungsstelle aufsuchten mit der Absicht, einen AU-Schein zu ergattern. Die Notfallambulanzen der Krankenhäuser wären sofort entlastet, wenn sie eine Ordinationsgebühr einführten – aber das wollen die Klinikbetreiber beileibe nicht…

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Nichtmedizinische Berufe
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Peter Devesa
Peter Devesa

Der wichtigste Anlass wurde nicht erwähnt: Der Großteil der Hausärzte nimmt sich auf Grund der Vorgaben der gesetzlichen Krankenkassen so wenig Zeit wie möglich für seine Patienten.
Solange keine zumindest schwerwiegenden Leiden anstehen, läuft alles nach Schema F ab: Kurz an- und abhören, eins, zwei Empfehlungen geben, die man auch in jedem Allerwelt-Ratgeber findet, möglichst nichts verschreiben, weil dies auch noch das Budget belastet und dann der einzige Unterschied zum Notarzt: Wenn der Patient es anspricht bekommt er noch eine AU.
Es gibt natürlich auch ein paar wenige Hausärzte, die es nicht so leicht nehmen. Aber die sind (auch in Großstädten) so hoffnungslos überlaufen, dass sie keine neue Patienten aufnehmen können. Überdies wirken sich zu viele Patienten ja auch negativ auf sein Budget aus.
Manchmal wünscht man sich, dass es beim Hausarzt so abläuft wie beim Tierarzt: Der muss sich Mühe geben, weil der Patient und damit auch dessen Zahlungen sonst nicht wiederkommen.

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