Dengue bittet um Asyl.

12. Mai 2016
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In den kommenden Jahrzehnten wird sich das Risiko für Dengue-Ausbrüche auf ganz Europa ausweiten. Das zeigen Simulationsrechnungen eines schwedischen Forscherteams. Wichtig ist daher, europaweite Frühwarnsysteme und Präventionsmaßnahmen jetzt zu etablieren.

Dengue-Fieber ist inzwischen die wichtigste Erkrankung [Paywall] weltweit, die von Gliederfüßern – wie Insekten, Zecken oder Spinnentieren – übertragen wird. Nach Angaben der WHO stieg die Zahl der Erkrankungsfälle in den letzten Jahrzehnten dramatisch an, mit geschätzten 390 Millionen Dengue-Erkrankungen pro Jahr. Der Hauptüberträger des Dengue-Virus ist die Gelbfieber- oder Dengue-Mücke Aedes aegypti, während die asiatische Tigermücke Aedes albopictus ein zweiter, weniger effizienter Vektor ist.

Studien haben bereits gezeigt, dass steigende Temperaturen in Europa die Ausbreitung von Tropenkrankheiten wie Dengue- und Chikungunya-Fieber begünstigen können. Auch die Tatsachen sprechen für sich: In Griechenland traten ab 2010 erstmals seit 1974 wieder Malaria-Fälle auf, 2007 kam es in Norditalien zu einem ein Ausbruch von Chikungunya-Fieber – und 2012 wurde der erste große Dengue-Ausbruch in Europa seit der 1920er Jahren beobachtet: auf der portugiesischen Insel Madeira erkrankten über 2.000 Menschen.

Temperaturschwankungen spielen eine Rolle

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Jing Liu-Helmersson, Forscherin an der Abteilung für öffentliche Gesundheit und klinische Medizin der Umeå Universität in Schweden. © Umeå Universität

Ein Forscherteam um Jing Liu-Helmersson von der schwedischen Umeå-Universität hat nun in Simulationsrechnungen erstmals die Zunahme der Durchschnittstemperaturen und der täglichen Temperaturschwankungen zugrunde gelegt, um das Auftreten von Dengue-Fieber in 10 europäischen Städten vorherzusagen. Dabei betrachtete das Team die sogenannte Vektorkapazität: die Fähigkeit der Mücken, das Virus von Mensch zu Mensch zu übertragen. In ihren Analysen berücksichtigten die Forscher tatsächliche und vorhergesagte Temperaturen der Jahre 1901 bis 2099 und legten unterschiedliche Annahmen zum Klimawandel zugrunde – von einem moderaten bis zu einem starken Anstieg der Durchschnittstemperaturen.

„Sowohl ein wärmeres Klima als auch stärkere Temperaturschwankungen beeinflussen die Fähigkeit von Aedes-Mücken, Dengue-Fieber zu übertragen“, erläutern Jing Liu-Helmersson und ihr Team. So begünstigen höhere Temperaturen die Vermehrung und Übertragung der Dengue-Viren und führen dazu, dass weibliche Mücken häufiger stechen. Gleichzeitig verlängert sich das Zeitfenster pro Jahr, in dem Dengue-Fieber übertragen werden kann.

Dengue-Epidemien in Südeuropa wahrscheinlich

Die Berechnungen der Wissenschaftler ergaben, dass Dengue-Epidemien in Südeuropa im Sommer wahrscheinlich sind, sofern dort Aedes-Mücken vorkommen. Demnach ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es in Städten wie Athen, Rom, Malaga oder Nizza zu Dengue-Ausbrüchen kommt. Durch zunehmende Klimaerwärmung könnten sich die Risikogebiete im Lauf der Zeit nach Norden verschieben und das Zeitfenster für die Virus-Übertragung verlängern. „Gegen Ende des 21. Jahrhunderts könnte es in ganz Europa saisonale Dengue-Ausbrüche geben, sofern in einer Region Aedes-Mücken vorkommen“, schreiben die Forscher.

Aedes albopictus-Mücken sind in ganz Südeuropa verbreitet und kommen bis in die Niederlande vor. Dagegen wurden Aedes aegypti-Mücken, die Hauptüberträger des Dengue-Virus, bisher nur in Russland und Georgien beobachtet. Allerdings waren sie bis in die 1950er Jahre in europäischen Ländern wie Frankreich, Spanien oder Portugal verbreitet. Studien sagen zudem vorher, dass sich Aedes aegypti-Mücken bis zum Jahr 2080 in den Küstenregionen Europas ausbreiten werden. „Deshalb ist es wahrscheinlich, dass Aedes-Mücken in Europa zu einem festen Bestandteil der Fauna werden“, sagt Liu-Helmersson.

Darüber hinaus könnte das Dengue-Virus durch internationale Reisende, Migranten und Gütertransporte zunehmend nach Europa gebracht und dort in neue Regionen eingeschleppt werden. Auch eine zunehmende Verstädterung und eine veränderte Nutzung von Landflächen könnten dazu beitragen [Paywall], dass sich Tropenkrankheiten in Europa ausbreiten.

Strategien gegen den Klimawandel könnten Dengue-Fieber aufhalten

Allerdings wurde die Ausbreitung von Dengue-Fieber in Liu-Helmerssons Studie stark von einem bestimmten Faktor beeinflusst: den Emissionsraten und der damit verbundenen Temperaturerhöhung. „Das bedeutet, dass Maßnahmen zur Reduktion von Treibhausgasen sehr wichtig sind. Sie können die zeitliche und räumliche Ausbreitung von Dengue-Fieber stark beeinflussen“, schreiben die Wissenschaftler.

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Links: Regionen, in denen aktuell Dengue-Epidemien (übertragen durch Aedes-Mücken) auftreten können. Rechts: Wahrscheinlichkeit für Dengue-Epidemien in den 2090er Jahren. Obere Graphik: bei hohen Emissionsraten. Untere Graphik: bei niedrigen Emissionsraten. Die farbigen Linien zeigen zunächst die historischen und dann die geschätzten globalen Veränderungen der Oberflächentemperatur. Dabei werden verschieden hohe Emissionsraten (RCP 2.6 bis RCP 8.5) angenommen. © Jing Liu-Helmersson

Die Ergebnisse des Forscherteams machen zudem deutlich, dass effektive Maßnahmen zur Kontrolle der Überträgermücken entwickelt werden müssen. „Der Dengue-Ausbruch in Madeira war eine Art Weckruf, dass in Europa etwas getan werden muss“, betont Liu-Helmersson.

Frühwarnsysteme entwickeln

Um regionale Krankheitsausbrüche rechtzeitig zu erkennen, sollten die Ausbreitung tropischer Viren und der Überträgermücken kontinuierlich überwacht werden, betont ein Forscherteam um Francis Schaffner von der Universität Zürich. Es gibt zwar eine Reihe von Institutionen für das Monitoring von Infektionskrankheiten in Europa. Allerdings seien sie zurzeit noch nicht ausreichend auf die Ankunft und Ausbreitung tropischer Erreger in Europa vorbereitet, betont Jan C. Semenza vom European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) in einem Review-Artikel.

Mehrere Organisationen, etwa das European Environment and Epidemiology (E3) Network, das zum ECDC gehört, untersuchen bereits, welche Faktoren die Ausbreitung von Tropenkrankheiten in Europa beeinflussen. Dabei werden zum Beispiel Klima- und Wetterdaten, Statistiken von Reisenden und Daten aus Gesundheitsregistern einbezogen. So berechneten die Forscher in einer Fallstudie die Wahrscheinlichkeit, mit der Dengue-Fieber durch internationale Reisende nach Europa gebracht wird. Solche Analysen können dazu beitragen, Frühwarnsysteme zu entwickeln, um das Risiko für Dengue-Ausbrüche vorherzusagen. „Das könnte als Basis dienen, um rasch vorbeugende oder eindämmende Maßnahmen zu ergreifen“, so Semenza.

Internationale Zusammenarbeit wichtig

Eine mögliche Gegenmaßnahme sei zum Beispiel, die Überträgermücken frühzeitig nach ihrer Einschleppung auszurotten, erläutern Schaffner und sein Team. „Wenn sich die Mücken bereits ausgebreitet haben, könnten ähnliche Strategien greifen wie in tropischen Ländern“, so die Wissenschaftler. „Zum einen die Bekämpfung der Mücken, zum anderen die Aufklärung der Bevölkerung, etwa über Mückenschutzmaßnahmen und die Symptome der Erkrankung.“

Entscheidend bei all dem sei, dass die europäischen Länder ihre Aktivitäten koordinierten. So haben mehrere Länder im Mittelmeerraum bereits Maßnahmen eingeleitet, um sich auf das zunehmende Risiko von insekten-übertragenen Krankheiten vorzubereiten. Allerdings seien die Maßnahmen oft noch sehr elementar, schreibt ein Forscherteam um Maya Negev von der israelischen Universität Haifa. „Hier sollten die verschiedenen Länder vermehrt zusammenarbeiten, ihr Wissen austauschen und ihre Maßnahmen koordinieren – am besten unter dem Schirm einer übergeordneten, politisch neutralen Organisation“, so Negev und ihr Team. „Denn die Überträger von Infektionskrankheiten kennen keine politischen Grenzen.“

Originalpublikation:

Climate Change and Aedes Vectors: 21st Century Projections for Dengue Transmission in Europe
Jing Liu-Helmersson et al.; EBioMedicine, doi: 10.1016/j.ebiom.2016.03.046; 2016

56 Wertungen (4.18 ø)

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13 Kommentare:

Arzt
Arzt

Sicher eine wissenschaftlich falsche Darstellung von Doccheck, der Vergleich mit Malaria ist richtig. Man muss schon zwischen Vektor (Mücke) und Ausbreitung durch Menschen und Transportmittel unterscheiden.
Schon in Wiki kann man nachlesen, dass es bereits 1927–1929 eine Dengueepidemie in Griechenland mit mehr als einer Million infizierten Personen gab, die erst mit der Ausrottung der auch für das Gelbfieber verantwortlichen Mücke im ganzen Mittelmehrraum beendet wurde. Die USA hat das Virus wahrscheinlich auch als biologische Waffe (1981) in Kuba eingesetzt.
Also nichts mit dem idiotischen Klimawandel liebe doccheck!!!!
Man kann die Vektoren bekämpfen oder auch nicht, man kann seit kurzem Impfen oder nicht. Der Verzicht auf Vektorenbekämpfung, von der grünen Maffia verursacht zeigt bei Dengue den gleichen Zusammenhang wie bei Malaria (DDT-Verbot). Das wäre mal ein Doccheck-Thema. Die Mücke ist denen wichtiger als Millionen Menschen!
Wie kann man nur durch Löschen von Beiträgen die Diskussion unterbinden???

#13 |
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Gast
Gast

Es ist noch mehr gelöscht worden als eine Temperaturkurve, ziemlich unverschämt!

#12 |
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Arzt
Arzt

Warum löscht ein Ärzteforum hier eine interessante historisch Temperaturkurve,
wenn im Beitrag selbst eine mehr als unseriöse und provozierende Temperaturprojektion bis 2100 gezeigt wird?
Gelten Ärzte als Dummköpfe, denen man jeden Blödsinn erzählen kann???
Meinungszensur?

#11 |
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Gast
Gast

In der mittelalterlichen Warmzeit gab es Weinanbau bis zur Ostsee ohne Spritzmittel und Gewächshäuser,
sowie ohne Flugverkehr und ohne Migration von mehr als 1 Million Menschen /Jahr
Mit der Kälte wurde alles schlechter

#10 |
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Biologe
Biologe

@Dr. Stefan Gesell Biologie heißt hier, dass sowohl in Deutschland wie auch im wärmeren Spanien und anderswo eine DEUTLICHE Übersterblichkeit des Menschen im Winter besteht, nicht im Sommer!
Und Biologie heißt auch, dass Pflanzen (unsere Nahrung) evolutionär an einen höheren CO2-Gehalt in der Luft gewöhnt waren, z.B. Getreide und dass allein der Anstieg der letzten 100 Jahre zu erheblichen Ernteverbesserungen beigetragen hat. Wir liegen jetzt bei ca.400 ppm CO2 in der Luft, das geht im Experiment noch weiter bis über 1000 ppm, fragen Sie einen Holländer, der ein Gewächshaus hat.

#9 |
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Gast
Gast

Als jemand der selbst die hämorrghagische Form von Dengue hatte, kann ich sagen, dass diese Krankheit absolut nicht zu unterschätzen ist. Ich empfehle dazu auch mal die Literatur von asiatischen Ländern zu studieren. In vielen asiatischen Ländern steigt im Moment die Zahl der Fälle massiv an, wenn der Hausarzt selbst sagt, dass er noch nie Dengue-Fälle hatte, aber dieses Jahr schon 10, dann ist das wirklich herausstechend. Es ist die Masse an Infizierten, es verstirbt prozentual nur eine Minderheit, aber in der Masse sind das wieder sehr viele Menschen. Hinzukommt auch noch die Kreuzreaktivität von IgG-Antiörpern mit anderen Subtypen, d.h. wenn man Dengue einmal hatte, wird es das nächste mal mit Sicherheit nicht weniger schmerzhaft bzw. ungefährlicher. Und natürlich spielt das Klima eine Rolle. Warum ist 2016 so massiv? Wie wärs mit El Nino. Dies ist allein schon durch die Reifung der Mückenlarven zu erklären. Je heißer, desto mehr müssen sie saugen. Es ist absolut wichtig weltweit einen funktionierenden Impfstoff zu entwickeln. Dies wird absolut Zeit. Nicht für uns Europäer, die eh kaum Infektionskrankheiten kennen, sondern für Menschen, die diesen Impfstoff absolut brauchen. Aber hierzu fehlt eh immer das Geld, weil man damit ja schlecht etwas verdienen kann. Es gleicht eigentlich schon einem Wunder, dass tatsächlich dieses Jahr ein Impfstoff zugelassen wurde. Leider wirkt der nicht auf alle 4 Subtypen gleich gut.

#8 |
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Gast
Gast

Der reißerische (Bild am Sonntag) Titel mit dem Reizwort Asyl wirkt abstoßend.
Wir sollten in der Medizin human bleiben.
Entscheidend ist doch viel mehr, dass schnell prophylaktische Vakzine entwickelt und auf den Markt gebracht werden, um die Erkrankung kontrollierbar zu machen. Im Februar 2016 wurde auf den Philippinen Dengvaxia (Sanofi) zugelassen. Es handelt sich dabei um ein tetravalentes prophylaktisches (single dose) rekombinantes Vakzin gegen das Dengue Fieber. Dengvaxia wird derzeit auch in vielen anderen Risikogebieten wie z. B. in Mexiko geprüft. Auch in der EU wird seine Zulassung angestrebt.
Weitere Vakzin-Entwicklungen sind unterwegs.

#7 |
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Mitarbeiter Industrie

Wie war das gleich mit den Öko-Vorzeigeprojekten wo das Wasser auf Versickerungsflächen oder Fäkalien in offene Schilfkläranlagen geleitet wird und mit der Renaturierung von Sümpfen, Mooren und Auen ? Die Römer haben in Köln mit der Mal’Aria, der schlechten Luft, gekämpft und die Sümpfe trocken gelegt. Wir haben die Gossen beseitigt um die Ratten zu bekämpfen und nun schaffen wir wieder beste Bedingungen für Schädlinge und Krankheiten. Aber natürlich ist das Klima schuld, also die Natur…..

#6 |
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Dr. Stefan Gesell
Dr. Stefan Gesell

Kann die Biologie sprechen? Hat die Ihnen das persönlich gesagt?

#5 |
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Gast
Gast

wer löscht hier schon wieder????
Keiner bestreitet Klimawandel!
Als permanente Schuldzuweisung ist er aber bekanntlich ungeeignet!!!
Menschen sterben vermehrt bei Kälte.
wärmer ist besser,
kälter ist schlechter,
mehr CO2 ist besser
weniger CO2 ist schlechter

sagt ganz eindeutig die Biologie.

#4 |
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Aqil
Aqil

Soziologische Daten (Bildung, Zugang zu sauberem Trinkwasser, Hygiene) sollten in die Projektionen mit einfliessen. Malaria z.B. war – selbst während relativen Kaltzeiten – früher bis Mittelskandinavien und Südostkanada verbreitet. Klimaparameter sind wichtig, ohne Frage, der Gesamtzusammenhang ist aber komplexer. Als epidemiologisch bedeutsamer könnten sich Adaptationen längst etablierter Pathogene erweisen, der Herpesviridae, Coxiella burnetii, Elizabethkingia etc.

#3 |
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Gast
Gast

Richtig#1
Gar nicht so lange her, dass es in Europa bis Holland noch Malaria gab,
(früher auch bis Finland)
hat sich jetzt wahrscheinlich wegen dem Klimawandel nach Afrika zurückgezogen.

#2 |
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Gast
Gast

Schon wieder der blöde Klimawandel,
blamabel, bitte verschont uns von dem Quatsch für Doofe!
Pest gab es auch im kalten Norwegen und hat dort die halbe Bevölkerung ausgelöscht.
Gibt es augenblicklich in Madagaskar.

#1 |
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