Pädiater: Geduld und Lollies

18. Mai 2011
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Im 5. Teil der Facharztreihe geht es um die Kleinsten: Dr. med. Joseph Zakarian erzählt im Interview, warum er Kinderarzt geworden ist, was man mitbringen muss und wie man mit überbesorgten Eltern umgeht.

Dr. med. Joseph Zakarian ist Facharzt für Kinderheilkunde. Er hat Frankreich studiert und hat nun seit 11 Jahren seine eigene Praxis in Düsseldorf. Seine Facharztausbildung hat er ebenfalls in Frankreich absolviert, Weiterbildungen in Kinderkardiologie und Humangenetik kamen hinzu. Trotz langer Arbeitszeiten und viel Bürokratie, macht ihm sein Beruf noch immer viel Spaß und er bereut seine Berufswahl nicht.

Dr. Zakarian, warum und seit wann wollten Sie Kinderarzt werden?

Dr. Zakarian: Der Wunsch Kinderarzt zu werden, entwickelte sich während meines Studiums, als ich Praktika in der Kinderheilkunde machte. Was mich von Anfang an bei der Pädiatrie gereizt hat, ist die Vielseitigkeit. Man beschränkt sich nicht nur auf ein Organsystem oder auf eine Art von Krankheiten. Die Kinderheilkunde ist ein breit gefächertes Fach, es umfasst die gesamte Medizin.

Wie sind Sie Kinderarzt geworden?

Dr. Zakarian: Meine Facharztausbildung habe ich in Metz und in Nancy durchgeführt. Anschließend habe ich 2 Jahre in der Kinderkardiologie und 1 Jahr in der Humangenetik gearbeitet. Insgesamt habe ich 14 Jahre im Krankenhaus gearbeitet, davon ca. die Hälfte der Zeit in der Intensivmedizin und einige Zeit in der Neonatologie. Das Interesse etwas Neues kennenzulernen, mehr Erfahrungen in der Kardiologie zu sammeln und meine Sprachkenntnisse zu erweitern, führte dazu, dass ich nach Deutschland kam. Zuerst habe ich 7 Monate lang ein unbezahltes Praktikum an der Uniklinik in Düsseldorf gemacht und anschließend meine eigene Praxis eröffnet, in der ich bis heute arbeite.

Wie sieht der Alltag als Kinderarzt aus? Wie ist der Tagesablauf?

Dr. Zakarian: Ich habe sehr viele Patienten, manchmal bis zu 70 an einem Tag. Da ist es wichtig, dass man sich immer konzentriert – auch beim letzten Patienten vor der Mittagspause oder vor dem Feierabend.

Außerdem kann man als Kinderarzt keine Patienten wegschicken. Wenn Eltern kurz nach Feierabend mit einem fiebernden Kind hineinkommen, kann ich Sie nicht bis zum nächsten Tag vertrösten. Natürlich kann es etwas Banales sein, aber man kann es nicht wissen und man muss den Patienten einmal untersuchen um auszuschließen, dass es sich nicht um etwas Schlimmeres handelt.

Es gibt natürlich viele Patienten mit Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Aber langweilig wird es nie. Jeden Tag sind interessante Fälle dabei. Patienten, die eine bekannte chronische Erkrankung haben, die ich schon seit Jahren behandele. Neue Diagnosen stellen sowie akute Erkrankungen entdecken, die es sofort zu behandeln gilt. Neue Patienten, deren Familien- und Lebensgeschichte ich kennenlerne. Dann kommen am Tag auch viele Kinder zu den Vorsorgeuntersuchungen und werden geimpft.

Infobox: Kindervorsorgeuntersuchungen

Die Kindervorsorgeuntersuchungen sind wichtig, um frühzeitig Erkrankungen festzustellen, die die körperliche und geistige Entwicklung des Kindes einschränken könnten. So können sie möglichst frühzeitig behandelt werden. Gleichzeitig sollen bei den Untersuchungen Fälle von Vernachlässigung und Kindesmissbrauch vorgebeugt und erkannt werden. Die Untersuchungen fangen mit dem APGAR Score in den ersten Minuten nach der Geburt an und begleiten das Kind bis zum 18. Lebensjahr ( U1 – U11, J1 und J2).

Es wird gesagt, dass man als Kinderarzt die Eltern mitbehandeln muss. Wie ist Ihre Erfahrung dazu? Haben Sie schon viele hysterische Mütter kennengelernt?

Dr. Zakarian: Natürlich stimmt es, dass viele – ich sag jetzt mal vor allem – Mütter besorgt um ihre Kinder sind. Manchmal machen sie sich zu viele Gedanken und kommen wegen Banalitäten fast jede Woche zum Arzt. Das kann für einen Arzt schon zu Beeinträchtigungen des Arbeitsalltags führen, wenn montags morgens viele Kinder unangemeldet hergebracht werden und im Endeffekt nichts haben. Dadurch habe ich weniger Zeit für andere Patienten, die seltener kommen und vielleicht ein dringendes Anliegen haben.

Es liegt meiner Meinung nach unter anderem daran, dass der Arztbesuch hier in Deutschland, bei gesetzlich Versicherten, von Vornhinein nicht bezahlt werden muss. Man gibt einmal die „Plastikkarte“ ab und kann dann so oft man will zum Arzt. Dass die Ärzte nur einmal im Quartal eine Kopfpauschale von den Krankenkassen bezahlt bekommen, ist vielen nicht klar oder auch egal. Manche Eltern nutzen die „Flatrate“ des Gesundheitssystems aus. In Frankreich zum Beispiel sieht das anders aus. Dort bezahlt man für jeden Arztbesuch und bekommt die Kosten erst im Nachhinein zurückerstattet,

Es ist wichtig überbesorgte Eltern zu beruhigen und einschätzen zu können, wie ernst die Lage ist. Das Gute ist, dass ich als niedergelassener Arzt, die Kinder und Eltern meistens schon lange betreue, so kenne ich die Mütter und Väter und kann einschätzen, ob sie übertreiben oder nicht. Aber ich denke mir oft, dass mir Eltern, die einmal zu oft zum Arzt kommen, lieber sind, als solche, deren die Gesundheit ihrer Kinder egal ist.

Was gefällt Ihnen besonders gut an ihrem Beruf? Was gefällt ihnen weniger?

Dr. Zakarian: Das Negative zuerst. Ich finde es schade, dass ich mir nicht noch mehr Zeit für die Patienten nehmen kann. Einerseits liegt es – wie eben erwähnt – daran, dass einige Patienten im Quartal sehr häufig kommen.

Andererseits habe ich insgesamt auch sehr viele Patienten, was mich natürlich erfreut, was aber auch sehr viel Arbeit bedeutet.
Dann die viele Bürokratie: Wenn man eine eigene Praxis hat, ist man nicht nur Arzt, sondern auch selbstständiger Unternehmer, man hat Angestellte. Das bedeutet viel Organisationsarbeit und Verantwortung. Ich mache das zwar auch gerne, aber das heißt, dass ich nicht nur während meiner Sprechzeiten arbeite, sondern auch während meiner Mittagspausen und freien Nachmittagen.

So nun aber zum Positiven. Wie gesagt, erfreue ich mich immer wieder über die Vielseitigkeit meines Berufes. Ich lerne viele verschiedene Menschen kennen und befasse mich nicht nur mit ihrem Herz und Kreislauf, nicht nur mit ihren Hals-, Nasen- und Ohrenerkrankungen, nicht nur mit ihren Knochen, sondern mit all ihren körperlichen und seelischen Anliegen. Ich betreue auch oft nicht nur ein Kind, sondern meistens die ganze Familie und das über viele Jahre. Ein Kinderarzt ist auch ein Familienarzt. Ich verfolge wie sich die Kinder entwickeln und was aus ihnen wird. Außerdem finde ich es angenehm, dass man als Pädiater, durch die Vorsorgeuntersuchungen, auch viele gesunde Kinder als Patienten hat.

Wenn man sich für ein Thema besonders interessiert, kann man sich als ausgebildeter Kinderarzt, noch vertieft weiterbilden. So ist es bei mir zum Beispiel mit der Kinderkardiologie.

In meiner Praxis in Düsseldorf, finde ich es toll, dass ich eine sehr internationale Klientel habe. Meine Patienten sind nicht nur deutscher, sondern zum Beispiel auch italienischer, indischer, französischer und türkischer Herkunft. So lerne ich verschiede Kulturen und Traditionen kennen.

Machen Sie auch Notaufnahmedienste?

Dr. Zakarian: Einmal im Monat, arbeite ich am Wochenende in der Notaufnahme des Evangelischen Krankenhauses in Düsseldorf. Einerseits ist es mal etwas anderes und kann auch spannend sein. Aber dort fehlen mir viele Vorteile, die ich in meiner Praxis habe. Ich sehe die Kinder zum ersten Mal, weiß nichts – außer dem, was die Eltern mir dann kurzfristig berichten – über ihre Vorerkrankungen und kann die Eltern nicht gut einschätzen.

Facharzt-Reihe:

Was sollte man Ihrer Meinung nach für Eigenschaften haben, um ein guter Kinderarzt zu werden?

Dr. Zakarian: Geduldig und tolerant sollte man auf jeden Fall sein. Es gibt brave oder schüchterne Kinder, die alles über sich ergehen lassen und sich dann am Ende der Untersuchung unheimlich über einen Lutscher erfreuen. Andere dagegen haben Angst, wenn man sich ihnen nur nähert und wieder andere sind verzogen und haben einfach keine Lust, die Dinge zu machen, die man von ihnen verlangt. Da muss man Geduld haben und auch kreativ sein. Man sollte für verschiedene Charaktere Ideen haben, wie man sich mit ihnen verstehen kann, wie man auf ihre Wellenlänge kommt.

Ich finde, dass es hilft, wenn man eigene Kinder hat. Man kann sich dann viel besser in die Lage der Eltern hineinversetzen. Wenn man selbst noch keine Kinder hat, ist es einfach über vermeidliche Fehler anderer zu urteilen. Aber wenn man selbst Kinder aufzieht, realisiert man, dass es viel schwieriger ist, als in der Theorie. So kann man dann mehr Verständnis und Empathie für die Familien aufbringen.

Wenn Sie jetzt die Wahl hätten, würden Sie dann wieder Kinderarzt werden wollen?

Dr. Zakarian: Ja, ich denke schon. Mir wird es niemals langweilig, mein Alltag ist sehr lebendig und macht mir nach den vielen Jahren noch sehr viel Spaß. Ich bereue diese Entscheidung nicht.

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