Klinik mit X: War wohl nix

23. Mai 2011
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Nach Vorabinformationen von DocCheck stellt die umstrittene niederländische Stammzellklinik XCell-Center den Betrieb in Deutschland ein. Vorausgegangen war eine Verfügung der Kölner Bezirksregierung in Absprache mit dem Gesundheitsministerium in NRW, die der Klink seit Ende April die Abgabe stammzellhaltiger Knochenmarkpräparate verbietet. Deutsche Neurologen sind erleichtert.

Das ebenso lukrative wie umstrittene Geschäft mit der Hoffnung startete im Jahr 2009. Seitdem lockte das XCell-Center „mit wissenschaftlich haltlosen Angeboten Schwerkranke und behinderte Menschen unter anderem mit Multipler Sklerose, Querschnittslähmung oder der Parkinson-Krankheit aus der ganzen Welt in seine Düsseldorfer Klinik“, wie die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) am morgigen Dienstag in einer DocCheck vorab vorliegenden Mitteilung feststellten wird. Gleichzeitig betont die DGN, dass sich betroffene Patienten „einer teuren, nutzlosen und risikoreichen Behandlung mit Stammzellen unterzogen“.

Tatsächlich bot XCell in der Düsseldorfer Klinik ihre vermeintlich innovative Stammzelltherapie unter dem Deckmantel der erlaubten Therapieversuche an – und behandelte dort nach eigenen Angaben mehr als 3.500 Patienten. Durch Injektionen körpereigener, zuvor aus dem Knochenmark gewonnener Stammzellen ins Gehirn, Rückenmark oder ins Herz sollten die Patienten von sonst unheilbaren Leiden wie Parkinson, Alzheimer oder Querschnittslähmung geheilt werden, „wohlweislich ohne Garantie“, wie die DGN schreibt. Diese Behandlungen kosteten der DGN zufolge „bis zu 26.000 Euro – und manchmal sogar das Leben“. Bald nachdem XCell in Deutschland seine Behandlungen angeboten hatte, wurden dessen Patienten in neurologischen Praxen vorstellig. Zudem mehrten sich die Berichte über verzweifelte Patienten, denen es nach der teuren XCell-Behandlung nicht besser, sondern noch schlechter ging.

Ärzte wehrten sich gegen dubiose Klinikbetreiber

Dass deutsche Neurologen derart massiv gegen eine Klinik vorgingen, liegt in der Therapiebilanz von XCell: Im Sommer 2010 erlag ein eineinhalbjähriger Junge nach einer Zellinjektion ins Gehirn einer Hirnblutung. Das Aus der Klinik wird auch von der Deutschen Parkinson Gesellschaft (DPG) begrüßt, die darin einen Sieg für die Patientensicherheit sieht. „Die Schließung schützt auch den guten Ruf der Neurologie in Deutschland, die weltweit unter dem Gebaren des XCell-Centers gelitten hat“, betont der Vorsitzende der DPG, Wolfgang Oertel.

Erstmals in der jüngsten Vergangenheit nahmen mit DPG und DGN gleich zwei renommierte Fachgesellschaften eine auf Stammzelltherapie ausgerichtete Einrichtung massiv unter Beschuss. Beide Organisationen hatten seit Juni 2009 die Öffentlichkeit auf die Gefahren derartiger ungeprüfter Behandlungsmaßnahmen hingewiesen, waren mit den Behörden in Kontakt getreten und hatten das XCell-Center zu fachlichen Stellungnahmen aufgefordert. Die Warnungen wurden zudem in Englisch publiziert, „damit die massiv im Ausland – wo der angebotene Eingriff nicht erlaubt ist – eingeworbenen Patienten des XCell-Centers ebenfalls informiert waren“, wie die am Dienstag erscheinende Stellungnahme erklärt.

In einer gemeinsamen Presseerklärung warnten die DPG und DGN bereits vor zwei Jahren vor den Gefahren einer Parkinson-Therapie mit adulten Stammzellen. „Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit, keinen wissenschaftlichen Nachweis der Sicherheit und Verträglichkeit, und es gibt keine wissenschaftlich begründete Abwägung von Nutzen und Risiken“, erklärte Oertel im September 2009 – doch am Erfolg des XCell änderte das vorerst nichts. Nach dem ersten Todesfall am XCell-Center am 12. August 2010 sprachen sich die Gesellschaften in einer gemeinsamen Erklärung für die Möglichkeit „eines schnellen Moratoriums bei gefährlichen, ungeprüften Therapieverfahren“ aus. Auf diese Weise sollte die Sicherheit der Patienten an vorderster Stelle stehen, „und nicht juristische Prozesse, die sich über Monate und Jahre hinziehen können“.

Die Therapie als Illusion

Das Ende der dubiosen Klinik ist ein Erfolg der Ärzteschaft – gleichwohl man sich in der Retrospektive fragen muss, warum die Einrichtung überhaupt hierzulande eröffnen durfte. Denn Experten zweifelten den schnellen therapeutischen Erfolg beim Einsatz mit adulten Stammzellen schon vor Jahren an. Molekularbiologe Jens Reich, der sich auch als Mitglied des Nationalen Ethikrates mit der Stammzellproblematik befasste, sah bereits 2004 in der Grundlagenforschung mit Stammzellen den eigentlich entscheidenden Schritt zum langfristigen therapeutischen Erfolg. Was Reich damals sagte, hat heute, angesichts der XCell-Schließung, nahezu visionären Charakter.

Statt auf vermeintlich vielversprechende, aber wirkungslose Behandlungen zu setzen, sei es für Medizinforscher eher wichtig, die sogenannten Signalketten zu verstehen, meinte Reich im Gespräch mit dem Autor. Denn die molekularen „Baupläne“ legen Reich zufolge den Ablauf innerhalb der Zellfabriken fest – und somit die Einsatzweise der Stammzellen. Eine weitere Vorhersage Reichs dürfte angesichts der XCell-Center-Betriebseinstellung ebenfalls nachhallen: Reich zufolge ist zu erwarten, dass Stammzellen eines Tages als Wirkstofflieferanten dienen werden – und nicht unbedingt als Reparaturzelle per se.

65 Wertungen (4.66 ø)
Allgemein

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5 Kommentare:

Also PENG! zumachen, weil die etwas machen, was wir nicht verstehen oder von dem wir glauben (wohlgemerkt glauben, nicht wissen!) das es nicht hilft – das ist doch ein bischen sehr einfach gedacht und wird dem hohen Gut der Therapiefreiheit nicht gerecht. Roma locuta, causa finita. Ja und? Das hilft den Betroffenen leider überhaupt nicht weiter. Wohlgemerkt (siehe Kommentar 3 – Gastleser) wegen einem (oder mehreren Misserfolgen so vorzugehen macht es doch etwas sehr einfach. Ich selbst stehe dieser Therapieform sehr kritisch gegenüber und würde selbst so etwas nicht machen noch an mir machen lassen. Wenn es denn so wäre, daß man nur ein paar (adulte) Stammzellen in das beschädigte Organ schütten muüsste, dann würde “die Natur” das schon selbst machen; den Weg vom Knochenmark ins Hirn, noch einfacher in den Herzmuskel finden diese Zellen leicht. Aber das reicht ja wohl nicht – oder? ODER? Eben, für dieses “oder” sollten sich die Wissenschftlichen Mediziner sehr anstrengen es zu begründen oder zu wiederlegen. Das ist mit “aufhören und Klappe halten nicht richtig bearbeitet.
Immerhin stehen die Patienten mit dem Rücken zur Wand. Und die Ärzteschaft sollte alles tun, um Scharlatanerie zu unterbinden. Dazu muss man aber erst mal sorgfältig argumentieren. Öffentlich und wissenschaftlich.
GS

#5 |
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Dipl.-Ing Otto Lechner
Dipl.-Ing Otto Lechner

Wie Herr Georgescu schon richtig feststellt, ist es mir unverstädlich, dass diese Klinik überhaupt eine Betriebsgenehmigung bekommen hat. Das angwandte Genehmigungsverfahren sollte neines Erachtens genauer untersucht werden

#4 |
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Ärztin

sehr gut!

#3 |
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Medizinischer Fachhändler

sehr gut!

#2 |
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Dr Guido Schoeldgen
Dr Guido Schoeldgen

sehr gut.

#1 |
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