Therapietreue: Hier haftet die Pille selbst

22. April 2016
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Um die Einnahmehäufigkeit von Arzneimitteln zu verringern, setzen pharmazeutische Hersteller meist auf retardierte Zubereitungen. Jetzt berichten Wissenschaftler von einer Tablette, die im Magen haftet und Wirkstoffe längerfristig freisetzt.

Die Therapietreue bleibt für Ärzte und Apotheker eine zentrale Herausforderung. Leiden Patienten an chronischen Erkrankungen, sinkt ihre Bereitschaft, Medikamente einzunehmen. Ähnlich schlecht sieht es aus, falls keine schwerwiegenden Symptome auftreten. Wissenschaftler versuchen deshalb, Wirkstoffgaben hinsichtlich ihrer Frequenz auf ein Minimum zu verringern. Jetzt hat Young-Ah Lucy Lee vom Massachusetts Institute of Technology, Cambridge, eine neue Möglichkeit vorgestellt.

Wirkstoffdepot im Magen

Das von Lee entwickelte galenische System lässt sich unabhängig vom Wirkstoff normal schlucken. Im Magen haftet es an der Schleimhaut und setzt Arzneistoffe mittelfristig frei. Das ist aber nicht der entscheidende Aspekt – per Mucoadhäsion gelang es bereits mehrfach, Tabletten vor Ort zu deponieren. Problematisch war vor allem der Zeitfaktor. Aßen oder tranken Patienten etwas, ging ihr Wirkstoffdepot vor Ort oft verloren. Genau hier setzte Lee mit ihrem Forschungsprojekt an. Sie beschichtete Tabletten auf einer Seite mit Carbopol, einem mucoadhäsiven Polymer auf Basis von Polyacrylsäure. Für die andere Seite setzte sie Celluloseacetat ein. Ihre Idee war, per Lotuseffekt eine wasserabweisende Oberfläche zu schaffen.

Präparate blieben an Schleimhaut haften

Anschließend folgten Tests in vitro mit Präparaten von Schweinen. Deren Gastrointestinaltrakt wurde mit einem Mix aus Flüssigkeit und Nahrungsbestandteilen gespült, um eine reproduzierbare Situation zu schaffen. Young-Ah Lucy Lee verglich ihr Präparat mit Tabletten, die entweder nur mucoadhäsive oder hydrophobe Überzüge hatten. Während sich „amphiphile“ Präparate noch nach zehn Minuten an der Schleimhaut befanden, verschwanden die Vergleichstabletten bereits nach wenigen Sekunden. Im nächsten Schritt wollen Forscher klären, wie lange entsprechende Arzneimittel vor Ort bleiben. Für ihre Idee, Arzneimittel per Celluloseacetat hydrophob zu machen, haben sie auch schon Pläne. Vielleicht profitieren Menschen mit Schluckbeschwerden von der Oberflächenstruktur.

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