Nebenjob Sozialstation

25. Mai 2011
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Wie geht man mit jemandem um, der grade erfahren hat, dass er querschnittsgelähmt bleiben wird? Was bedeutet das für sein Leben? Anne war dabei und hat einiges für den Arztberuf gelernt.

Im inzwischen 6. Teil der Doccheck-Reihe zu außergewöhnlichen Nebenjobs, stellen wir diesmal Anne Hoffmann vor. Sie hat neben ihrem Medizinstudium in Mainz bei einer Sozialstation in der Pflege gearbeitet und dabei viel übers und fürs Leben gelernt.

Liebe Anne, wie hast Du Dein Studium finanziert?

Anne: Ich habe so einige Nebenjobs angenommen, oftmals nur Gelegenheitsjobs. Ab dem fünften Semester habe ich dann fest angefangen für eine Sozialstation in Mainz zu arbeiten. Ich habe in der 24-Stunden-Betreuung eines querschnittsgelähmten Patienten mitgewirkt.

Erzähl doch einmal mehr über Deinen Nebenjob: wie hast Du ihn bekomme, wie lange hast Du das insgesamt gemacht und was genau war Deine Tätigkeit?

Anne: Ich war beim Jobcenter an der Uni. Dort habe ich u.a. unter der Rubrik „medizinische Dienste“ nachgeschaut, unter der eben diese Annonce geschaltet war. Der Patient war zu dem Zeitpunkt noch im Krankenhaus: Nach einem Unfall war er querschnittsgelähmt und wir waren quasi die ersten Betreuer, die ihn zu Hause pflegen würden.
Ich habe mich damals zunächst bei der Sozialstation vorgestellt. Als diese ihr OK gaben bin ich in die Klinik gefahren, um den Patienten und seine Ehefrau kennen zu lernen. Die beiden wollten zunächst alle Bewerber kennen lernen und auswählen, welche sie gerne für sich arbeiten lassen wollen – verständlich!

Hattest Du Berührungsängste?

Anne: Natürlich verspürte ich zunächst Unsicherheit, da der Unfall und das damit verbundene Schicksal des Patienten noch nicht lange zurücklagen und ich nicht wusste wie der Umgang der beiden mit dieser Situation zu diesem Zeitpunkt war. Ich konnte mir da die unterschiedlichsten Reaktionen des Patienten vorstellen.

Meine Erfahrungen in der Pflege hatte ich bis Dato nur in meinen Pflegepraktika in der Vorklinik gesammelt. Aber im Unterschied zu vielen Kommilitonen war mein Pflegepraktikum super. Ich war nicht fürs Kaffeekochen abgestellt worden, sondern habe völlig integriert mit allen Schwestern gearbeitet. Auf der Inneren hatten wir damals entsprechend viele Pflegefälle.

Wie war der erste Kontakt mit der Familie?

Ich traf die Ehefrau zunächst allein in der Cafeteria des Krankenhauses. Neben der Frage nach meinem eher mageren pflegerischen Hintergrund, wollte die Ehefrau ansonsten eine kurze mündliche Zusammenfassung meines Lebenslaufes. Ich bin damals privat viel gereist, ebenso wie die beiden und es stimmte auf Anhieb die Chemie zwischen uns. Sie war zwar streng, hatte genaue Vorstellungen und Erwartungen, aber war ebenso gutmütig.

Ich fragte sie ob ich etwas Besonderes beachten solle im Umgang mit Ihrem Mann und sie sagte einzig dass ich nicht seine Hand berühren solle zur Begrüßung, da dies schmerzhafte Spastiken bei ihm auslöse. Wir sind daraufhin zu ihm gegangen und die Sympathien stimmten weiterhin auf beiden Seiten. Er nahm mir mit seiner sehr natürlichen und humorvollen Art alle Bedenken und Unsicherheiten. Eine Woche später bin ich ihn dann noch einmal besuchen gefahren, habe einen Nachmittag mit ihm verbracht, ihn zur Physio begleitet und habe mir von den Schwestern noch ein paar Sachen erklären lassen.

Wie oft hast Du im Semester gearbeitet? Wie groß war der Zeitaufwand für An- und Abreise, Vor- und Nachbereitung?

Anne: Ich habe zunächst nur Nachtdienste übernommen, die Zeit tagsüber wurde von examinierten Pflegekräften abgedeckt. Bald hat mich das Ehepaar gefragt, ob ich am Wochenende auch tagsüber arbeiten könne. Das tat ich und so verbrachte ich so manche Tage und Nächte bei den beiden. Mit der Zeit fühlte es sich für mich eher heimisch an und zu den beiden entwickelte sich eine Art Freundschaft.

Ich habe ein bis zwei Nächte pro Woche und zwei Wochenenden im Monat gearbeitet. Eine Schicht ging jeweils 12 Stunden von 21 Uhr abends bis 9 Uhr morgens. Für An- bzw. Abfahrt musste ich knapp eine Stunde pro Weg rechnen; das Auto stellte die Sozialstation.

Terminlich korrelierte das natürlich öfter mit der Uni, manche Vorlesungen konnte ich am Morgen nicht wahrnehmen. Oft bin ich dann von der Sozialstation direkt zur Uni in die Vorlesung – natürlich völlig übermüdet, aber mit Kaffee und dem ein oder anderen „Power-Nap“ habe ich den Uni-Tag meist gut rumbekommen.

Wichtige Frage: Wie hoch war die Entlohnung?

Anne: Ich habe 100€ pro Schicht bekommen.

Und ist der Job empfehlenswert?

Anne: Ich fand es super, aber vor allem auch weil es menschlich einfach passte. Neben dem Studieren sicherlich anstrengend, aber für mein jetziges Arbeiten als Ärztin hat es mir sicherlich in menschlicher wie auch fachlicher Weise viel gebracht.

Dann vielen Dank, dass Du Rede und Antwort gestanden hast und weiterhin viel Spaß und Erfolg im Arbeitsalltag.

Nebenjob-Reihe

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