Health IT: Der Apfel der Versuchung

28. April 2016
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Apple verspricht, per iPhone Forschung und Therapie zu verbessern. Nach Einführung des „ResearchKits“ stellt der Konzern ein „CareKit“ vor – und stößt auf großes Interesse. Kein Wunder, denn öffentliche Health-IT-Infrastrukturen stecken nach wie vor in den Kinderschuhen.

Gesundheit am Puls der Zeit: Laut repräsentativen Umfragen von Bitkom Research nutzen derzeit 31 Prozent aller Konsumenten ab 14 Jahren Fitness-Tracker. Besonders hoch im Kurs stehen Fitness-Armbänder (18 Prozent), Smartphones mit Fitness-Apps (13 Prozent) oder Smartwatches (sechs Prozent). User erfassen besonders häufig ihre Schrittzahlen sowie die zurückgelegte Strecke. Auch für chronisch kranke Menschen nimmt die Zahl an Apps stetig zu. Diesen Datenschatz versucht Apple nun zu heben.

Probanden per Smartphone

Vor mehr als einem Jahr ging deshalb Apples „ResearchKit“ als Tool für die medizinische Forschung an den Start. Es handelt sich um ein offenes Software-Framework, um Entwickler mit ins Boot zu holen. Falls Anwender zustimmen, greift die App auf bereits installierte kleine Programme anderer Hersteller zu, um beispielsweise Gewicht, Blutdruck, Blutzuckerspiegel oder die Nutzung von Asthmasprays zu erfassen. Außerdem gelingt es Wissenschaftlern deutlich leichter, Patienten für Studien zu rekrutieren.

Quelle: http://www.apple.com/pr/library/2016/03/21Apple-Advances-Health-Apps-with-CareKit.html

„Asthma Health“ sammelt die Daten der User, um unbekannte Auslöser  zu finden, die die Symptome verschlimmern. © Apple

 

 

Einige Beispiele: Neurologen der University of Rochester fanden mit ihrer „mPower Study“-App über 10.000 Teilnehmer für die bislang größte Parkinson-Studie. Per Smartphone messen Patienten Geschicklichkeit, Gleichgewicht, Gang und Gedächtnis. Aus diesen Daten ermitteln Forscher, welchen Einfluss Verhaltensweisen auf die Symptome haben.

Ähnlich erfolgreich waren Kardiologen von Stanford Medicine mit ihrer „MyHeart Counts“-App. Innerhalb kürzester Zeit meldeten sich 11.000 Teilnehmer an. Hier geht es um den Zusammenhang zwischen kardiovaskulären Risiken und Lebensstil-Einflüssen. An der Icahn School of Medicine, New York, entstand „Asthma Health“. Rund 2.500 Patienten erklärten sich bereit, über diese App Daten für die Asthma Research Study zu erfassen. Ziel ist, bislang unbekannte Auslöser zu identifizieren, die Symptome verschlimmern.

„Autism & Beyond“, eine App der Duke University, Durham, erfasst per HD-Frontkamera emotionale Reaktionen von Kindern. Dahinter verbirgt sich ein telemedizinisches Screening auf Autismus. Und per „EpiWatch“ hofft ein Team der Johns Hopkins University, Baltimore, epileptische Anfälle vielleicht schon bald vorherzusagen. Momentan werten sie Daten von Apple Watches aus.

Nicht zuletzt ein Beispiel aus Deutschland: Am Universitätsklinikum Freiburg untersuchen Ärzte per „Back on Track“-App, wie Kreuzbandrupturen behandelt werden. Ihr Ziel ist, Behandlungsmethoden zu verbessern.

App zum Arzt

Vom Erfolg des „ResearchKits“ angespornt, begann Apple, „CareKit“ als weitere Plattform in den Markt einzuführen. Zu Beginn stehen Patienten vier Module zur Verfügung.

Quelle: http://www.apple.com/pr/library/2016/03/21Apple-Advances-Health-Apps-with-CareKit.html

Beim „CareKit“ stehen dem Patienten derzeit vier Module zur Verfügung. © Apple

„Care Card“ hilft ihnen, Anweisungen von Health Professionals besser zu befolgen, etwa Medikamente richtig anzuwenden oder physiotherapeutische Übungen korrekt auszuführen. Hier greifen kleine Programme auf Sensoren in Apple Watches und iPhones zu. Um Symptome wie Fieber oder Schmerzen zu erfassen, kommt ein „Symptom and Measurement Tracker“ mit hinzu.

Der nächste Baustein, nämlich „Insight Dashboard“, fungiert als Schnittstelle. Ärzte können mit Aufzeichnungen ihrer Patienten Symptome und Interventionen, etwa eine geänderte Analgesie, in Korrelation bringen. Bleibt noch „Connect“, um Daten nach Zustimmung mit Health Professionals oder Familienmitgliedern zu teilen. Entwickler haben für das „CareKit“ eine App zur postoperativen Nachbehandlung, zur Behandlung chronischer Krankheiten allgemein oder speziell zur Therapie von Diabetes in ihrer Pipeline.

Finger weg, meins!

Apple hat zeitgleich mit der Einführung beider Plattformen seine Strategie grundlegend geändert. War der Konzern früher durchaus bereit, Behörden beim „Knacken“ von iPhones zu unterstützen, stehen Patienten jetzt an erster Stelle.

Der Konzern weigerte sich, das Gerät eines in San Bernardino erschossenen Terroristen zu entsperren. Kalifornische Richter wollten Apple verpflichten, FBI-Ermittler „angemessen“ zu unterstützen. Sie beriefen sich auf den All Writs Act von 1789. Bundesgerichtshöfe können im Zuge ihrer Arbeit „Writs“, also formale Anordnungen, gegen Dritte stellen. Apple-Juristen meldeten Zweifel an und beteiligten sich nicht am gewaltsamen Eindringen in das Gerät. Daraufhin schritten professionelle Hacker zur Tat.

Firmenvertreter betonten, die Sicherheitslücke habe nur eine „kurze Haltbarkeit“ und werde im Rahmen einer normalen Software-Weiterentwicklung beseitigt. „Apple glaubt fest daran, dass die Menschen in den USA und in der ganzen Welt ein Recht auf Datenschutz, Sicherheit und Privatsphäre haben“, heißt es in einer Stellungnahme.

Den wunden Punkt getroffen

Dass Ärzte und Patienten von Apples neuen Plattformen gleichermaßen angetan sind, erstaunt nicht wirklich. Staatliche Digitalisierungsmaßnahmen im Gesundheitswesen fördern primär die Telemedizin und den sektorübergreifenden Informationsaustausch. Patienten kommen darin nur indirekt vor. Auch die elektronische Gesundheitskarte steckt noch in den Kinderschuhen – viele Funktionen kommen erst in den nächsten Jahren. Patienten, die Vitalparameter selbst überwachen wollen, bleibt nur, selbst aktiv zu werden.

30 Wertungen (4.03 ø)

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10 Kommentare:

Gast
Gast

“Eine Life-App wacht über mein Leben.
In Sicherheit soll ich mich wiegen.
Macht mich gläsern fürs Gewinnstreben.
Versicherungsprämien sind bald gestiegen….”

Der Song “nur virtuell” bringt es auf den Punkt:

http://youtu.be/WzvpF6JR1cE

Viel Spaß beim Zuhören und: lasst Euch die Realität nicht vermiesen!

#10 |
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Arzt
Arzt

Das Problem ist ja nicht, dass ein elektronisches Gerät irgend eine biometrische Größe misst, das macht ja auch das medizinische Labor und hier ist Fortschritt immer schon willkommen gewesen.
Sondern das Problem ist die (ewige) Speicherung zusammen mit der Quelle irgendwo im Internet. Wie kann man nur so blind sein, das zu ignorieren???
Schon wenn ich eine Straße in einer Stadt suche, will googl immer, dass ich mich “einloge”.
brave new world, nein Danke.
Des ungeachtet, steht selbstverständlich jedem frei, sich selbst zu behandeln.
Muss nicht immer das schlechteste sein.
Wenn das Cholesterin raufgeht, kann man statt Tabletten auch in die Mucki-Bude gehen oder anfangen zu laufen, das senkt auch den Cholesterinspiegel.

#9 |
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Gast
Gast

liebe Silke, die “Autokorrektur” (und anderes) kann man auch abschalten,
besonders bei Namen kann das peinlich werden.
Mich stören kleine Rechtschreibefehler überhaupt nicht,
eher zu viel “englisch”, die Primitivsprache.

#8 |
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Gast
Gast

Gegen “Fitnes-Berater” aller Art ist wirklich nichts einzuwenden,
von mir aus auch googl oder Apple, wer etwas exibitionistisch veranlagt ist,
denn dass das alles im internet ewig gespeichert ist, sollte man nicht erst merken, wenn man sich mal um einen neuen Arbeitsplatz bemüht.
Allerdings wenn es um die Behandlung von Kranken geht, die sich verständlicherweise auch an jeden Strohhalm klammern,
ist die nun fast ungehemmte Ausbreitung unkontrollierter und inzwischen wohl auch unkontrollierbarer “Heiler” eine falsche Entwicklung.
Darüber sollte auch doccheck ernsthaft nachdenken.
Hier wird viel unausgegorenes angeboten nur um “Nachrichten” zu produzieren.

#7 |
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Ärztin

No go! Autokorrektur hat mal wieder zugeschlagen. Auch ein no go.

#6 |
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Ärztin

Ich kann mich noch an Zeiten erinnern als die “Telefondiagnose“ ein absoluter noch go war. Keine Diagnose ohne Untersuchungen!
Ich bezweifle dass derartige Apps die Medizin besser machen. Man spart sich die Ärzte und die Kosten fließen in dunkle Kanäle. Schöne neue Welt !?

#5 |
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Gast
Gast

Die ganze Krankengeschichte von Michael Schumacher wurde bereits (illegal) im Internet angeboten.

#4 |
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Gast
Gast

einfach immer alles machen, was der Bildschirm will.
Apple geht es übrigens schlecht.

#3 |
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Elvira M.
Elvira M.

Das wird dann genau so wie mit den lästigen Medikamenten-Waschzetteln:
bei Risiko und Nebenwirkung frage Sie ihren Arzt und Apotheker,
wobei der letzte auch immer auf den Arzt verweist,
was anderes habe ich noch nicht erlebt.

#2 |
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Gast
Gast

Was wollen Sie uns mit diesem Artikel sagen? Dass Apple mal wieder Vorreiter für das Sammeln von sensiblen Daten ist und wir es immer normaler finden, sie einfach weiterzugeben? Das es mittlerweile technisch möglich ist, unsere Körperfunktionen per Smartphone zu checken? Der Sinn des Artikels erschließt sich mir nicht.

#1 |
  4


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