Hochbegabung: Raus aus der Nerd-Schublade!

18. April 2016
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Das Klischee, Hochbegabte seien schwierig im sozialen Umgang, ist in vielen Köpfen der Deutschen verankert. Verstärkt wird dieser Eindruck durch das stereotype Bild, das in den Medien vermittelt wird. Diese gesellschaftlichen Vorurteile machen eine Nutzung des Genie-Potenzials schwierig.

„Das Klischee, dass Hochbegabte sozial schwierig und emotional labil sind, hält sich nach wie vor hartnäckig. Dabei zeigen einschlägige Studien, dass Hochbegabte auch nicht verrückter sind als der Rest der Menschheit“, sagt Tanja Gabriele Baudson, Psychologin an der Universität Duisburg-Essen.

In einer aktuellen Untersuchung ist die Forscherin der Frage nachgegangen, welche Stereotype die Deutschen über Hochbegabte haben, wie verbreitet sie sind und wovon es abhängt, welchem Stereotyp man anhängt.

Repräsentative Hochbegabten-Befragung

Für die Studie wurden 1029 erwachsene Deutsche zwischen 18 und 69 Jahren zu ihren Vorstellungen über Hochbegabte befragt. Die Stichprobe war hinsichtlich des Alters, Geschlechts und der regionalen Verteilung repräsentativ. Mittels eines Fragebogens wurden demographische Daten erfasst.

Die Befragten beurteilten ihre eigene Intelligenz, die Gefühle, die das Wort „Hochbegabung“ in ihnen hervorruft, ihr Interesse am Thema Hochbegabung und ob sie hochbegabte Personen kennen. Außerdem beantworteten sie Fragen zu fünf Aspekten, die Hochbegabten zugeschrieben werden: (1) hohes intellektuelles Potenzial, (2) hohe Leistung, (3) generelle Überlegenheit, (4) Schwierigkeiten im sozialen Umgang, (5) emotionale Probleme. Die Probanden beantworteten die Fragen auf einer fünfstufigen Skala von „stimme gar nicht zu“ bis „stimme voll zu“.

Disharmonischer oder harmonischer Urteilstyp?

Diese fünf Aspekte wurden einer latenten Profilanalyse unterzogen, um „Typen“ von Beurteilern zu identifizieren. Die Ergebnisse legen nahe, dass es im Wesentlichen zwei Urteilstypen gibt, denen sich die Befragten zuordnen lassen. Beide haben gemeinsam, dass sie Hochbegabung mit hohem intellektuellem Potenzial und hoher Leistungsfähigkeit verbinden. Nur ein Typus schreibt Hochbegabten jedoch außerdem zu, dass sie schwierig im sozialen Umgang sind und emotionale Probleme haben. Dieser als „disharmonisch“ bezeichnete Urteilstyp zeigte sich bei zwei Dritteln der Befragten. Der „harmonische“ Urteilstyp hingegen, der Hochbegabte „nur“ als intelligenter und leistungsstärker ansieht, zeigte sich bei einem Drittel der Befragten.

Ob jemand eher dem harmonischen oder dem disharmonischen Stereotyp anhängt, ist unabhängig davon, wie intelligent er oder sie sich selbst einschätzt. Auch hat es keinen Einfluss, ob man selbst einen Hochbegabten kennt. Die weiterführende Analyse zeigt außerdem, dass Männer, Alleinerziehende, Arbeitslose, Menschen mit höherem Einkommen sowie Personen, bei denen der Begriff Hochbegabung negative Gefühle weckt, eher zum disharmonischen Klischee neigen.

Verzerrte mediale Präsentation von Hochbegabten

„Die Effekte dieser Einflussfaktoren sind allerdings nicht sehr groß. Obwohl einige demographische und psychologische Prädiktoren identifiziert wurden, blieb viel Varianz unaufgeklärt. Das macht es notwendig, in zukünftigen Studien genauer zu untersuchen, wie sich die Stereotype entwickeln und was sie aufrechterhält“, fasst Tanja Gabriele Baudson zusammen.

„Die Darstellung Hochbegabter in den Medien entspricht überwiegend der Disharmonie-Hypothese – und möglicherweise prägt das die Sicht der Öffentlichkeit auf Hochbegabte“, so weiter Baudson. „Dieses Bild sollte von Wissenschaftlern, Praktikern und den Medien korrigiert werden. Wenn wir keine voreiligen Rückschlüsse von besonderen Fähigkeiten auf soziale und emotionale Defizite ziehen, dann hilft das nicht nur Hochbegabten ihre Fähigkeiten umzusetzen, sondern auch der Gesellschaft, von diesen besonderen Fähigkeiten langfristig zu profitieren.“

Originalpublikation:

The Mad Genius Stereotype: Still Alive and Well
Tanja G. Baudson; Frontiers in Psychology, doi: 10.3389/fpsyg.2016.00368; 2016

17 Wertungen (4.24 ø)
Medizin, Neurologie

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6 Kommentare:

Gast
Gast

Nun, Autisten sind ja nicht automatisch hochbegabt,
das Thema scheint mir in der Allgemeinen Problematik viel wichtiger.
Und zwar in der Problematik, dass Hochbegabte in der Kindheit bis zur Selbständigkeit eher behindert als gefördert werden.
deshalb Dank an doccheck für das Thema.
Hochbegabung sollte NICHT in die Nähe irgendwelcher Erkrankungen gerückt werden.
Dazu neigen wir in Deutschland viel mehr als z.B. in Südeuropa oder USA

#6 |
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Mitarbeiter von DocCheck

Lieber Herr Fricke,
danke für Ihren Hinweis. Wir haben den Link zur Originalpublikation korrigiert.
Weiterhin viel Spaß beim Lesen.

#5 |
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Es wäre interessant gewesen, zu eruieren, wieviel der befragten Hochbegabten autistisch veranlagt sind. Ähnliches kann man auch im autistischen Spektrum beobachten. Kinder und Erwachsene mit hochfunktionellem Autismus gelten ebenfalls als sozial und emotional defizitär. Eine gewisse empathische Imbalance (ein Überhang an affektiver, ein Mangel an kognitiver Empathie) bedeutet ja nicht absolute Empathielosigkeit bis zur Gefühllosigkeit. Da einige, aber bei Weitem nicht alle hochfunktionellen Autisten eine besondere Begabung für IT haben und neuerdings von der IT-Branche umworben werden, werden alle pauschal als Computer-Nerds eingestuft. Klischees wohin man schaut.

#4 |
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Gast
Gast

Ich glaube nicht an “soziale und emotionale Defizite ” bei diesen Menschen, das sind ganz normale Kinder, denen es allerdings im Schulunterricht sehr langweilig ist. Lehrer besonders im Gymnasium sind gelegentlich grausam und vertragen kein Wissen über ihren eigenen Horizont,
wozu wirklich nicht allzuviel gehört.
Danke #2 volle Zustimmung;
da gibt es doch z.B. das schüchterne Mathematik-Genie, der in Deutsch nicht den Mund aufkriegt, bei den Mitschülern eher beliebt, bei den Lehrern eher runtergenotet.

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Jörg Fricke
Jörg Fricke

Erste Anmerkung zum Link zur Originalpublikation: Der führt in die Irre; bitte korrigieren.
Zwei Anmerkungen zum Inhalt (ohne bisher die Originalveröffentlichung gelesen zu haben): Falls die Befragung die Teilnehmer zwang, nur jeweils *eine* Stufe der Skala (von “gar nicht” bis “voll”) zu wählen, so lässt das den Teilnehmern doch gar keine Chance, eine mögliche Vorurteilsfreiheit zu bekunden. Gibt es schon den Begriff der “selbsterfüllenden Befragung”? Wenn nicht, hier wäre er angebracht. (Falls beliebig vielle Stufen angekreuzt werden konnten: Ich bitte um Entschuldigung.)
Zweitens: Offensichtlich gibt es doch an den Enden des Hochbegabten-Spektrums einerseits das Allround-Genie mit glücklicher Familie und Segelboot und andererseits den Spezialisten, der zu nichts Anderem Lust oder Begabung hat. Deshalb sind *alle* Allgemeinplätze, die positiven wie die negativen, nur teilweise zutreffend.
Wovon die Gesellschaft wirklich profitieren würde: Das Anforderungsprofil der “eierlegenden Wollmilchsau” fallen lassen und zum Beispiel akzeptieren, dass Mitarbeiter X geniale technische Lösungen findet, aber nicht mit Kunden verhandeln kann; und finanziell berücksichtigen, dass X genauso wertvoll für den Betrieb ist wie “Manager” Y.

#2 |
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heilpraktikerin Claudia Behrens
heilpraktikerin Claudia Behrens

ich bin der Meinung das viele Hochbegabte viel reifer mit Emotionen umgehen.
Was soll daran gut sein sich in den emotionalen Brei vieler Menschen reinziehen zu lassen?
Und das bedeutet noch lange nicht das sie keine Gefühle hätten.
Diese Menschen sind viel zu verantwortungsvoll als das sie sich von einem Gefühlschaos leiten lassen.
Sie können echte Gefühle von Emotionen unterscheiden.

#1 |
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