Medikamentenvorsorge: Polypillen für Pensionäre

15. April 2016
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Profitieren ältere Patienten von einer Pharmakoprophylaxe mit Antihypertensiva und Lipidsenkern? Daran scheiden sich seit Jahren wissenschaftliche Geister. Seit das Thema 2003 erstmals hochkochte, ist es nicht gelungen, durchschlagende Erfolge nachzuweisen.

Im Jahr 2003 sorgte eine Publikation von Nicholas Wald, Gründer des Wolfson Institute of Preventive Medicine in London, für Schlagzeilen. Er spielte mit dem Gedanken, allen Menschen jenseits des 55. Lebensjahres ohne weiteres Screening Polypillen zu verordnen. Walds Präparate sollten ein Statin, drei Antihypertensiva, Folsäure und Acetylsalicylsäure enthalten, teils in niedriger Dosierung. Damit könne man die Lebenserwartung um elf Jahre steigern, folgerte der Wissenschaftler aus verschiedenen Veröffentlichungen. Kollegen äußerten Zweifel am Konzept.

Mehrwert fraglich

Mark D. Huffman aus Chicago ließ das Thema keine Ruhe. Im Rahmen einer Metaanalyse hat der Forscher neun Phase-II-Studien mit 7.047 Personen ausgewertet. Die Arbeiten mussten Fixkombinationen mindestens eines Lipidsenkers und eines Antihypertensivums erhalten, verglichen mit Einzelpräparaten oder Placebo. Huffman zufolge verringerte sich der systolischen Blutdruck über alle Studien um 7,05 mmHg, was durchaus als beachtlicher Effekt zu sehen ist. Schlechter sah es beim Gesamtcholesterin aus (minus 0,75 mmol/l). Aussagen zu Folsäure oder ASS waren bei maximal 15-monatiger Studiendauer nicht möglich. Ob Polypillen tatsächlich Effekte zeigen, wie sie Nicholas Wald proklamiert hat, bleibt offen. Nebenwirkungen führten zu 55 Therapieabbrüchen pro 1.000 Personen, unter Placebo waren es 25.

Nimm zwei

Kanadische Forscher konzentrierten sich jetzt auf Antihypertensiva plus Lipidsenker. Unterstützung erhielten sie von AstraZeneca. Im Unterschied zu früheren Arbeiten rekrutierten sie allerdings Frauen ab 65 Jahren und Männer ab 55 Jahren mit bekannten Risikofaktoren. Dazu gehörten leicht erhöhte Blutzuckerwerte, erhöhte BMI-Werte, niedrige HDL-Cholesterin-Werte oder genetische Risiken. Teilnehmer erhielten randomisiert Rosuvastatin, Candesartan plus Hydrochlorothiazid, eine Kombination dieser Pharmaka oder Placebo. Als primären Endpunkt wählten Forscher tödliche Herz-Kreislauf-Ereignisse, nicht tödlichen Myokardinfarkte und nicht tödliche Schlaganfälle. Unter Statinen waren 3,7 Prozent aller Teilnehmer betroffen, unter Placebo 4,8 Prozent: ein signifikanter Unterschied. Antihypertensiva oder Antihypertensiva plus Statin erbrachten keinen Mehrwert. Bleibt als Fazit: Durchschlagende Argumente für die Polypille gibt es bislang nicht.

27 Wertungen (3.89 ø)
Forschung, Pharmazie

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2 Kommentare:

Gast
Gast

Bravo Dr.Schätzler!

#2 |
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Ziemlich unverfroren, eine als Polypillen-Studie etikettierte Publikation mit dem Titel “Heart Outcomes Prevention Evaluation” Trial mit dem Akronym HOPE-3 zu versehen, welche ältere Menschen präventiv mit Medikamenten zur Senkung von Blutdruck und Cholesterin behandeln sollte, auch wenn Blutdruck und Cholesterinwert gar nicht erhöht sind. Denn das hat neben einem allzu dürftigen und weitgehend insignifikanten Studienergebnis nun wirklich nicht das Geringste mit der ursprünglichen HOPE-Studie zu tun:

Hintergrund der HOPE-Studie (Heart Outcomes Prevention Evaluation-Study), die 1993 als multizentrische Studie initiiert wurde, “war die Beobachtung aus epidemiologischen und experimentellen Studien, daß ein aktiviertes Renin-Angiotensin-Aldosteron-System unabhängig vom Vorhandensein einer klinisch manifesten Herzinsuffizienz als kardiovaskulärer Risikofaktor einzustufen ist. In einer Metaanalyse der 3 großen ACE-Hemmer-Behandlungsstudien bei Herzinsuffizienz zeigte sich bei 9000 behandelten Patienten, dass das Risiko für einen späteren Myokardinfarkt durch ACE-lnhibitoren unabhängig von der jeweiligen Ejektionsfraktion um 23% reduziert wurde. In die HOPE-Studie wurden multizentrisch 10576 kardiovaskuläre Risikopatienten (Alter mindestens 55 Jahre) eingeschlossen. Alle Patienten hatten anamnestisch eine kardiovaskuläre Erkrankung (Koronare Herzkrankheit, Hirninsult, periphere arterielle Verschlusskrankheit) oder Diabetes mellitus. Zusätzlich bestand mindestens ein weiterer kardiovaskulärer Risikofaktor (Hypertonus, erhöhtes Gesamt-Cholesterin, erniedrigtes HDL-Cholesterin, Rauchen oder dokumentierte Mikroalbuminurie). Herzinsuffizienz galt als Ausschlusskriterium”.
modifiziert nach
http://www.der-arzneimittelbrief.de/Jahrgang2000/Ausgabe02Seite14.htm

Damit ist die damalige HOPE-Studienpopulation mit der beschönigend genannten aktuellen HOPE-3-Studie überhaupt nicht vergleichbar.

Die Ergebnisse von Rosuvastatin (Dosis: 10 mg/die) sowie eine Kombination aus Candesartan (16 mg/die) und Hydrochlorothiazid (12,5 mg/die) waren desolat bis niederschmetternd:
Die Monotherapie mit dem Statin senkte den primären Studien Endpunkt von 4,8 Prozent im Placebo-Arm auf 3,7 Prozent nach der Behandlung mit Rosuvastatin, also gerade mal um 1,1 von Hundert.
Bei Kombination aus Candesartan (16 mg/die) und Hydrochlorothiazid (12,5 mg/die) sank der primäre Endpunkt von 4,4 auf 4,1 Prozent (Hazard Ratio 0,93; 0,79-1,10), also nur um 0,3 von Hundert. Der coprimäre Endpunkt sank von 5,2 auf 4,9 Prozent (Hazard Ratio 0,95; 0,81-1,11), also ebenfalls um 3 auf Tausend.
New England Journal of Medicine (2016; doi: 10.1056/NEJMoa1600175-7)

Wie viele Patientinnen und Patienten sollen denn noch mit dem völlig unsinnigen Polypillen-Konzept ohne Evidenz und Signifikanz behandelt werden? Mit Gewichtsreduktion, zielgerichtet-indizierter Therapie (“treat-to-target”) und Bewegungsaktivität ist wesentlich mehr nebenwirkungsfrei zu erreichen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
vgl. auch meinen kritischen Kommentar zur Polypille auf
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/58376/Herz-Kreislauf-Praevention-Kritische-Zwischenbilanz-zur-Polypille

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