Tastsinn: Auch ein Zeigefinger kann sich täuschen

12. April 2016
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Man kann den Tastsinn der Finger austricksen, indem man die Härte des berührten Objekts verändert. Während der Berührung entsteht die Illusion, dass sich nicht die Härte verändert, sondern die Position des Fingers. Das Ziel ist es, einen virtuellen Tastsinn entwickeln zu können.

Finger sind die wichtigsten Tastsensoren des Menschen. Doch nicht immer fühlen sie zuverlässig. Sie lassen sich täuschen. Das haben Bielefelder Wissenschaftler in einer neuen Studie gezeigt, indem sie die Wahrnehmung austricksten. „Eine grundlegende Frage im Projekt ist: Welche haptischen Reize spielen eine Rolle für die Wahrnehmung?“, sagt Professor Dr. Marc Ernst, bis Ende März 2016 Leiter der Forschungsgruppe Kognitive Neurowissenschaften in Bielefeld. „Eine Besonderheit unserer Finger ist, dass sie fleischig sind. Sie können nachgeben, wenn sie etwas berühren“, so Ernst. Wenn eine Person zum Beispiel einen Schwamm anfasst, spürt sie über die Tastsensoren in ihrer Haut, wie der Gegenstand beschaffen ist.

Für ihr Experiment bauten die Wissenschaftler einen Apparat, an dessen Ende waagerecht ein Stoffband gespannt war. Die Härte des Bandes war verstellbar. Die Versuchsperson legte ihre Hand und den Unterarm in die Führungen des Apparates. Die Person sollte sagen, wann ihrer Meinung nach der Finger weiter abgeknickt war. Tatsächlich veränderte sich die Position des Fingers aber nicht, sondern nur die Härte des Stoffbandes. „Verblüffend war, dass alle Probanden das Abknicken des Fingers am größten einschätzen, wenn das Stoffband weich war. Das liegt offenbar daran, dass das weiche Band im Vergleich mehr Hautfläche berührt“, sagt Dr. Alessandro Moscatelli, der die Experimente ausführte.

Virtueller Tastsinn

„Entscheidend ist, mit wie viel Fläche des Objekts unsere Haut in Berührung kommt. Je mehr Kontaktfläche, desto näher erscheint uns ein Objekt, und daher umso mehr abgeknickt der Finger.“ Doch warum ist diese Erkenntnis wichtig? „Ohne dass wir unsere Körperstellung genau kennen würden, könnten wir nicht greifen, nicht fangen, und nicht mit Objekten oder anderen Personen interagieren“, erklärt Marc Ernst.

Einen virtuellen Tastsinn entwickeln – das ist ein langfristiges Ziel von Marc Ernst. Im EU-Forschungsprojekt „WEARHAP“ (WEARable HAPtics for Humans and Robots) arbeitet er mit Kollegen aus ganz Europa daran. „Wir wissen jetzt besser, wie wir künstlich den Eindruck vermitteln können, ob sich ein Objekt weich oder hart anfühlt“, sagt der Neurowissenschaftler. „Das soll uns in Zukunft helfen, einen virtuellen Tastsinn zu entwickeln, mit dem man aus der Ferne ertasten kann, wie sich beispielsweise ein Pullover oder ein anderes Produkt anfühlt, das es bei einem Online-Versand zu kaufen gibt.“

Originalpublikation:

The Change in Fingertip Contact Area as a Novel Proprioceptive Cue
Alessandro Moscatelli et al.; Current Biology, doi:

14 Wertungen (4.57 ø)

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4 Kommentare:

Gast
Gast

#2 : Ich bitte alle Urologen um Verzeihung, die diese Symptome nicht aufweisen, so sie deren Abwesenheit denn bemerken.

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Dr. med. Gerhard Middelberg
Dr. med. Gerhard Middelberg

Aber darum geht es in dem Artikel ja garnicht. M.E. ein weiterer interessanter Ansatz, der insbesondere Menschen mit Nervenverletzungen – wahrscheinlich leider erst in einiger Zeit – Hoffnung machen dürfte. Ich hoffe, daß die Forscher nie ihr eigenwilligen Gedankengänge aufgeben, selbst wenn sie öfter mal nicht zum Ziel führen, denn sonst kommen wir alle nicht weiter!

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Dr. med. Gerhard Middelberg
Dr. med. Gerhard Middelberg

Sehr geehrter Gast: wie viiiieellee Urologen kenne Sie denn, daß Sie sich so ein Urteil erlauben können.
MfG, Dr. Gerhard Middelberg, Urologe

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Gast
Gast

Das ekelhafteste sind die teils ungewaschenen und überaus fleischigen Finger vieler Urologen. Und es erscheint ihnen offenbar nicht einmal peinlich, pfui.

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