Kommunikation: Zwei Hirne – ein Gedanke

11. April 2016
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Wenn Kommunikation zwischen zwei Menschen funktioniert, führt dies zu interpersoneller Attraktion. Entscheidend ist, dass beide das gleiche „neuronale Wörterbuch“ benutzen. Erstmals wurden die neuronalen Grundlagen dieser zwischenmenschlichen Attraktion untersucht.

Wie kommt es, dass sich Menschen zu ganz unterschiedlichen Partnern hingezogen fühlen? Eine neue Studie untersuchte erstmals die neuronalen Grundlagen interindividueller Unterschiede in der zwischenmenschlichen Anziehung

„Soziale Beziehungen und Kooperation sind für den Menschen überlebenswichtig”, sagt Prof. Dr. Silke Anders, Professorin für Soziale und Affektive Neurowissenschaften an der Universität zu Lübeck. „Erfolgreiche Kooperation erfordert, dass wir unser Gegenüber verstehen, seine Gefühle und Absichten erkennen und richtig interpretieren. Aus evolutionsbiologischer Sicht ist es daher naheliegend, dass das menschliche Gehirn einen Mechanismus entwickelt hat, der es uns erlaubt, schnell und richtig zu erkennen, wen wir verstehen und wen nicht, und der dazu führt, dass wir uns zu Menschen hingezogen fühlen, deren Gefühle und Absichten wir gut verstehen können.“

Attraktivität der Frauen messen

Um diese These zu testen, führte die Arbeitsgruppe um Silke Anders eine Studie durch. 92 männlichen und weiblichen Studienteilnehmern wurden zunächst Fotos von sechs verschiedenen Studentinnen gezeigt. Um zu messen, wie attraktiv die Teilnehmer jede Studentin fanden, wurden sie gebeten, jedes Foto solange durch Tastendruck auf einem Monitor zu vergrößern, bis eine für sie angenehme Gesprächsdistanz erreicht war. Anschließend sahen die Teilnehmer kurze Videos, in denen die einzelnen Studentinnen entweder traurig waren oder sich vor etwas fürchteten.

Nach jedem Video sollten die Teilnehmer entscheiden, ob die gezeigte Studentin gerade traurig oder ängstlich war, und angeben, wie sicher sie sich waren, dass sie die Emotion der Studentin richtig eingeschätzt haben. Zum Schluss wurde noch einmal das Annäherungsverhalten der Teilnehmer gemessen.

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Neuronale Aktivität im medialen orbitofrontalen Kortex, einem Teil des Belohnungssystems des Gehirns (Mitte), signalisiert, wie gut ein Teilnehmer den Gefühlszustand der beobachteten Studentinnen erkennen kann (unten links) und sagt vorher, wie stark sich ein Teilnehmer am Ende des Versuchs zu jeder Studentin hingezogen fühlt (unten rechts). © Silke Anders

 

Wie erwartet, änderte sich das Annäherungsverhalten der Teilnehmer im Laufe des Versuchs. Während die Teilnehmer zu Beginn des Versuchs ähnliche Studentinnen bevorzugten, zeigten sie große Unterschiede in ihrem Annäherungsverhalten, nachdem sie die Videos der Studentinnen gesehen hatten. Je sicherer sich ein Teilnehmer war, dass er die Gefühle einer Studentin richtig einschätzen konnte, desto mehr fühlte er sich zu dieser Studentin hingezogen. Dies galt sowohl für männliche als auch für weibliche Teilnehmer.

Wer gut miteinander kommuniziert, mag einander

Im nächsten Schritt wollten die Wissenschaftler einen Einblick in die neuronalen Mechanismen erhalten, die dafür verantwortlich sein könnten, dass sich das Annäherungsverhalten der Teilnehmer während des Versuches individuell veränderte. Dafür maßen sie die Gehirnaktivität der Teilnehmer mit Hilfe von funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT).

Dies zeigte, dass zwei Regionen des Gehirns, die Teil des Belohnungssystems sind – der Nucleus accumbens und der mediale orbitofrontale Kortex (mOFC) – immer dann besonders stark „feuerten“, wenn ein Teilnehmer das Gefühl einer Studentin besonders gut einschätzen konnte. Und je stärker die neuronale Aktivität in diesen Belohnungszentren beim Beobachten der Emotion einer Studentin war, desto stärker fühlte sich der Teilnehmer am Ende des Versuchs zu dieser Studentin hingezogen.

Mit dem gleichen „neuronalen Wörterbuch“ kommunizieren

„Mit unserer Studie untersuchen wir erstmals die neuronalen Grundlagen interindividueller Unterschiede in der zwischenmenschlichen Anziehung“, so Silke Anders. „Die Fähigkeit, gut miteinander kommunizieren zu können, spielt dabei offensichtlich eine ganz entscheidende Rolle.” 
Thomas Ethofer ergänzt: „Unsere Untersuchungen legen nahe, dass Kommunikationspartner über ähnliche ‚neuronale Wörterbücher‘ verfügen müssen, damit Kommunikation funktioniert. Je besser das neuronale Wörterbuch von Sender und Empfänger übereinstimmen, desto einfacher ist die Kommunikation. Diese Erkenntnis könnte auch für die Entwicklung neuer therapeutischer Ansätze in der Psychiatrie wichtig sein.“

„Obwohl soziale Beziehungen in fast allen Bereichen unseres Lebens und in der Gesellschaft eine große Rolle spielen, steht unser Verständnis der neuronalen Grundlagen von Beziehungen noch ganz am Anfang. Diese Studie ist ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung“, fasst John-Dylan Haynes die Bedeutung der Studie zusammen.

Originalpublikation:

A neural link between affective understanding and interpersonal attraction

Silke Anders et al.; PNAS Early Edition, doi: 10.1073/pnas.1516191113.;2016

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Medizin, Neurologie, Psychiatrie

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4 Kommentare:

Gast
Gast

Die meisten Studentinnen wollen aber keine Annäherung,
ist meine Erfahrung.
Sind die dann alle krank?
Ich glaub, diese moderne Krankheit hat einen Namen,
fällt mir nur nicht gerade ein.

#4 |
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@2 Frau Diederichs,
das mag bei flüchtigen Begegnungen stimmen oder auch bei besonders “schweren” Fällen von Autismus. Ich gehöre selbst dem Autismusspektrum an und habe schon öfter nach dem Outing das verblüffende Geständnis zu hören bekommen: “aber ich kann mich doch ganz normal mit Ihnen unterhalten!”.
Umgekehrt trifft es aber auch zu. Bei Autisten, die einen neurotypischen Menschen nicht richtig kennen, kommt wenig nonverbale Kommunikation an. (https://pagewizz.com/das-phanomen-autismus-33505/ )
Das ändert sich mit der Fortdauer der Beziehung.

#3 |
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Annika Diederichs
Annika Diederichs

Autisten können ein Lied davon singen, deren Gefühle und Absichten können die wenigsten verstehen.

#2 |
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Arzt
Arzt

aha, deswegen klappt das zwischen Mann und Frau nicht.

#1 |
  2
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