Studie: Schuldgefühl macht uns kooperativ

26. Mai 2011
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Forscher der University of Arizona haben eine neue Theorie zu kooperativem Verhalten in unserer Gesellschaft aufgestellt. Demnach motiviert uns Schuldgefühl, d.h. das Gefühl, die Erwartungen eines anderen nicht erfüllen zu können, zur Ausübung von guten Taten.

Die Forscher stellen die Problematik anhand eines Alltagsbeispiels dar: In einem Café werden wir von einem anderen Kunden gefragt, ob wir auf seinen Laptop aufpassen können, während er außerhalb ein Telefongespräch tätigt. Angenommen, wir rechtfertigen das Vertrauen und passen wirklich auf seinen Laptop auf. Dann ist klar, dass der Kunde davon profitiert. Doch was nützt das uns selbst? Nach der Theorie der Schuldaversion erinnern uns bestimmte Signale aus der Insula und der supplementär-motorischen Rinde (SMA) daran, dass ein möglicher Laptop-Diebstahl, und damit die Abweichung von der Erwartung des Kunden, zu starken Schuldgefühlen in uns führen würde. Um dieses schlechte Gefühl zu vermeiden, passen wir bereitwillig auf den Laptop auf.

Eine Sache der Erwartung

In der Studie wurde eine ähnliche Situation durch ein Spiel simuliert. Einige Versuchsteilnehmer waren Investoren und erhielten zu Spielbeginn 10 Dollar, die anderen gehörten zur Gruppe der Treuhänder. Der Investor sollte einen Teil des Geldes einem Treuhänder geben, wobei dieser immer die 4-fache Summe des gespendeten Geldes erhielt. Der Treuhänder konnte sich daraufhin revanchieren und dem Investor eine bestimmte Summe wieder zurückgeben. Dieser hatte natürlich eine bestimmte Erwartung, wie viel Geld er vom Treuhänder zurück bekommen möchte. Im Experiment zeigte sich, dass der Treuhänder recht genau in der Vorstellung der Erwartungen des Investors hinsichtlich der Geldrückgabe war. Und er gab dem Investor in der Regel die Summe Geld zurück, die dieser auch erwartet hatte. Nach der Theorie der Schuldaversion handelte der Treuhänder damit kooperativ und nicht eigensinnig, da eine gespendete Summe unter der vermuteten Erwartung des Investors ein Schuldgefühl in ihm produziert hätte.

Unterschiedliche Bereiche im Gehirn aktiviert

Die Untersuchung mittels funktionellem MRT identifizierte bestimmte Bereiche des Gehirns, während der Treuhänder sich entschied, ob er dem vom Investor entgegengebrachten Vertrauen gerecht werden wollte oder nicht. Wenn der Treuhänder beschloss, dem Investor die Menge an Geld zurückzugeben, die nach seiner Vermutung der Investor selbst erwartete, dann wurde eine erhöhte Aktivität in der Insula und der supplementär-motorischen Rinde (SMA) gemessen. Diese Bereiche stehen mit Schuldgefühl, Wut und Ekel in Verbindung. Handelte der Treuhänder indessen gegen seine Vermutung und erhöhte dadurch seinen eigenen Gewinn, wurden verstärkt der ventrale mediale präfrontale Cortex und der bilaterale Nucleus accumbens aktiviert. Diese Bereiche stehen mit der Berechnung von Werten und dem Belohnungssystem in Verbindung.

Kooperatives Verhalten besser verstehen

Das in der Studie erzielte neuartige Verständnis der neuronalen Strukturen von Verhaltensformen wie Kooperation und Vertrauen zeigt auf, dass sozial kooperatives Verhalten neben bereits bekannten Theorien darüber hinaus aus dem Grund entstehen kann, ein drohendes Schuldgefühl zu vermeiden. Dies kann zu neuen Einblicken in die komplexen zwischenmenschlichen Verhaltensweisen unserer Gesellschaft führen.

Veröffentlichung:
Triangulating the Neural, Psychological, and Economic Bases of Guilt Aversion. Luke J. Chang et al.; Neuron, 2011; 70 (3): 560-572 DOI: 10.1016/j.neuron.2011.02.056

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