HIV-Prophylaxe: Fehlerf**ktor Mensch

12. April 2016
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Um die Zahl an HIV-Neuinfektionen zu verringern, reichen moralisch erhobene Zeigefinger, regelmäßig Kondome zu verwenden, nicht aus. Forscher setzen jetzt auf Wirkstoffe zur Präexpositionsprophylaxe, vergessen aber eine zentrale Größe: den Patienten.

Wenig Grund zur Freude: In 2014 haben sich 3.000 bis 3.400 Menschen neu mit HIV infiziert, schätzt das Robert-Koch-Institut. Ein Jahr zuvor erfassten sie ähnliche Werte. Als Gesamtzahl geben Epidemiologen 77.000 bis 91.200 Patienten an, davon 12.100 bis 14.700 ohne HIV-Diagnose. Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), stehen mit 49.800 bis 58.500 Betroffenen nach wie vor an der Spitze, gefolgt von heterosexuellen Personen (9.500 bis 11.600 Erkrankte). Um Neuinfektionen zu vermeiden, verweist das RKI auf präventive Möglichkeiten.

Neue Strategien gesucht

„Die Empfehlung, bei sexuellen Kontakten mit Personen mit unbekanntem HIV-Status, aber auch zur Vermeidung anderer sexuell übertragbarer Infektionen Kondome zu benutzen, ist nach wie vor ein Grundpfeiler der HIV/STI-Prävention“, heißt es im „Epidemiologischen Bulletin“. Und weiter: „Die Kenntnis des eigenen HIV-Status sollte so aktuell wie möglich sein und eingegangene Risiken sollten so bald als möglich durch einen HIV-Test abgeklärt werden.“ Genau hier besteht Nachholbedarf.

Ärzte führen bei heterosexuellen Patienten ohne vermeintlich riskantes Verhalten zu selten HIV-Tests durch, selbst im Falle von Indikatorerkrankungen. Die Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter (DAGNÄ) kritisiert, trotz aller Erfolge habe sich die Zahl der Neuinfektionen bisher nicht nachhaltig verringert. „Aktuell wird mit der Präexpositionsprophylaxe (PrEP) eine neue Präventionsmethode intensiv diskutiert – ohne dass wirklich Klarheit über das Interesse und Wissen möglicher Zielgruppen in Deutschland besteht“, schreibt der Verband. Im Rahmen einer Umfrage unter HIV-negativen Menschen wollen Health Professionals jetzt den Wissensstand bei Laien erfassen – nicht ohne Hintergedanken: In der Forschung hat sich viel getan.

Schutz aus der Schachtel

Ärzte und Apotheker kennen aus den USA vor allem Truvada® mit Tenofovir und Emtricitabin. Beide Wirkstoffe hemmen als Inhibitoren der reversen Transkriptase die Replikation von HI-Viren. In diesem Zusammenhang werden vor allem drei große Studien zitiert, nämlich iPrEx („Iniciativa Profilaxis Pre-Exposición“), PrEP (Partners Preexposure Prophylaxis) sowie PROUD (Pre-exposure prophylaxis to prevent the acquisition of HIV-1 infection). Dabei konnte die Rate an Neuinfektionen um 42 bis 86 Prozent verringert werden, je nach Arbeit.

Roy Gulick, New York, berichtet jetzt von einer Phase-II-Studie mit Maraviroc. Der Arzneistoff fungiert als Antagonist des CC-Motiv-Chemokin-Rezeptors 5 (CCR5). Gulick rekrutierte 406 HIV-negative Männer, die ungeschützten Sex mit Männern haben. Seine Probenden erhielten randomisiert Maraviroc, Maraviroc plus Emtricitabin beziehungsweise Maraviroc plus Tenofovir. Dabei kam es zu fünf HIV-Infektionen, teils unter Maraviroc, teils unter Arzneistoffkombinationen. Gulick erklärt dies mit niedrigen Plasmaspiegeln, sprich zu geringer Adhärenz. Er hält Maraviroc als Pharmakon generell für geeignet, da nur selten Resistenzen auftreten. Eine zentrale Voraussetzung wäre jedoch, dass Patienten regelmäßig ihre Präparate einnehmen.

Schutz „on demand“

Diese Einschätzung ist nicht neu. Schon lange arbeiten Forscher an Lösungen für mehr Therapietreue. Aufgrund der schnellen Bioverfügbarkeit von Tenofovir und Emtricitabin untersuchten mehrere Arbeitsgruppen jetzt, ob eine situationsbezogene Prophylaxe Sinn macht. Jean-Michel Molina aus Paris brachte zusammen mit Kollegen die IPERGAY-Studie („Intervention Préventive de l’Exposition aux Risques avec et pour les Gays“) an den Start. Insgesamt rekrutierten Forscher 400 HIV-negative Männer, die Sex mit Männern hatten.

Alle Probanden erhielten randomisiert gleich aussehende Tabletten – zum Teil mit Tenofovir plus Emtricitabin, zum Teil ohne Wirkstoffe. Probanden wurden angewiesen, zwei bis 24 Stunden vor geplanten Sexualkontakten zwei Tabletten zu schlucken. Eine dritte und vierte Tablette sollte 24 beziehungsweise 48 Stunden nach den ersten beiden Pillen folgen. Jean-Michel Molina gibt einen relativen Schutz von 86 Prozent an, verweist aber gleichzeitig auf Schwächen. So hatten zwei Teilnehmer mit späterer HIV-Infektion 60 beziehungsweise 58 von 60 Tabletten wieder zurückgegeben. Die Schwächen lassen sich eher mit dem Unsicherheitsfaktor Mensch als mit der Pharmakologie an sich erklären.

Ring frei zur nächsten Runde

Deshalb arbeiten Wissenschaftler an galenischen Systemen, die relativ lange im Körper wirken. Mit Vaginalringen zur Arzneistoffabgabe haben sie bereits gute Erfahrungen gemacht, wenn auch im Bereich hormoneller Kontrazeptiva. Jetzt gingen mehrere Teams der Frage nach, ob sich Dapivirin, ein nicht-nukleosidischer Reverse-Transkriptase-Inhibitor, als Wirkstoff eignen könnte.

An der ASPIRE-Studie (A Study to Prevent Infection with a Ring for Extended Use) nahmen 2.629 Frauen aus mehreren afrikanischen Ländern teil. Sie erhielten randomisiert einen Vaginalring mit Verum oder Placebo, monatliche Kontrollen inklusive. Zwischen August 2012 und Juni 2015 kam es zu 71 (Dapivirin-Ringe) beziehungsweise 97 (wirkstofffreie Ringe) Neuinfektionen, was auf den ersten Blick sehr hoch erscheint. Die Rate an Neuinfektionen hatte sich lediglich um 27 Prozent verringert. Jared M. Baeten, Seattle, fand eine Erklärung. Viele Probandinnen hatten Vaginalringe nicht regelmäßig getragen, sondern vor Kontrollen rasch eingesetzt. Ihr Wirkstoffspiegel im Blut war dementsprechend niedrig. Trotzdem ist Baeten nicht enttäuscht. Er konnte zeigen, dass seine Methode prinzipiell funktioniert, wäre da nicht der Mensch.

51 Wertungen (3.76 ø)
Forschung, Medizin, Pharmazie

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11 Kommentare:

Gast
Gast

Bei Sex setzt in der westlichen Welt immer das Denken aus,
hochgradige Verklemmung.

#11 |
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Dipl.-Biologin Sandra Kühnel
Dipl.-Biologin Sandra Kühnel

Ist dieser Artikel ein Aprilscherz? Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass eine Ethikkommission einer Studie zustimmen würde, wo man Gesunden Placebo gibt und dann sagt, setzt Euch einer tödlichen Krankheit aus, der ihr mit Kondomen aus dem Weg gehen könnt, ansonsten können wir nicht feststellen, ob das Medikament wirkt. Auch das 2 der 3 von mir überprüften Artikel am 22.02. (wenn ich mich nicht irre) online gegangen sind, ist sehr seltsam. Aprilscherz? Bitte um Klärung. Danke!

#10 |
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Arzt
Arzt

@Christian Becker ich bin eher der schüchterne Typ, der nicht unbesehen mit jemand ins Bett schlüpfen kann, der muss mir schon verdammt sympathisch sein.
Da ich einen Kondom nicht mag, würde ich den Partner lieber vorher testen,
wenn er sich nicht ganz sicher ist ob er AIDS-frei ist.
So viel Zeit muss sein.

#9 |
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Arzt
Arzt

was hat den Infektionsprophylaxe mit “moralischem Zeigefinger” zu tun,
Herr Journalist van den Heuvel???

#8 |
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Apotheker

Wäre nichts für mich. Da die Medikamente nicht zu 100% vor einer Infektion schützen, käme das höchstens zusätzlich zu Kondomen in Frage.
Die Frage, ob die breite Anwendung dieser Mittel nicht zur Selektion resistenter Viren führt, wurde ja auch schon gestellt.
Meiner Meinung nach sollten diese Medikamente also eher für den Notfall, also wenn das Kondom gerissen ist etc., eingesetzt werden.
Ganz frei von Nebenwirkungen sind sie ja auch nicht.

Natürlich würden die Herstellerfirmen gerne auch an Leuten verdienen, die NICHT erkrankt sind, ist irgendwie verständlich. Ob es aber der richtige Weg ist, präventiv Virustatika einzusetzen, bezweifle ich.

Die andere Seite ist ja, dass die vermeintliche Sicherheit nun mehr Menschen zu ungeschütztem Sex verleiten könnte, mit allen eventuellen Folgen wie ungewollten Schwangerschaften, anderen Geschlechtskrankheiten, doch HIV.

#7 |
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Bastian Krondorfer
Bastian Krondorfer

Bin selber ein HIV positiver Mensch, und stehe auch unter Therapie.
Hierzulande (Österreich) geben die Krankenkassen rund 20.000.-€ pro Jahr für meine medikamentöse Therapie aus. Zumindest ist der Preich so hoch wie ich malauf einem Bon der Apotheke gelesen hab.

Jemanden der NICHT HIV positiv ist, die Medikamente geben, nur weil er oder sie einer Risikogruppe angehört finde ich schon aus finanziellen Gründen und auch aus ethnischen Gründen nicht richtig

Man könnte dann ja auch mir gleich, sofern es da was gibt, vorbeugend was geben gegen den Krabs, oder andere Krankheiten, die VIELLEICHT mal auftreten könnten.
Die einzigen die davon profitieren würden wären die Pharmafirmen. Nur ändern wird es nix. Man weiss ja nicht bekomm ich diese Krankheiten oder nicht.

Mit einer Prä EP, würden viele Menschen dann nur wieder aufhören zu nachdenken, und es sozusagen als Freibrif sehen, Verhütung nicht als Thema zu sehen.

Besser fnde ich es, wenn eine Infektion festgestellt wird, da dann so bald als möglich mit der Therapie beginnen, nicht erst warten, bis die Viruslast ins unermessliche steigt und die CD$ Werte ins bodenlose sinken.

Und ein weiterer Vorschlag meinerseits wäre:Die Menschen vermehrt dazu zu bringen einen HIV Test, beim Arzt oder Aidshilfe, zu machen.

#6 |
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Heilpraktiker

was tut die Pharma-Industrie nicht alles, um den Umsatz zu steigern.

#5 |
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Gerhard Münch
Gerhard Münch

Es ist wohl zu befürchten, dass alle Wirkstoffe, die zur “Präexpositionsprophylaxe” eingesetzt werden, langfristig zur Selektion von resistenten Mutationen führen.

#4 |
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Herr Gross,
Sie wollen dass sich Menschen, die es sich leisten können, nicht schützen nur weil es sich andere, warum auch immer, nicht leisten können. Das finde ich keinesfalls in Ordnung.
Alternativ können Sie ja auch ihre Familie völlig fehlernähren und sie dadurch Krankheiten aussetzen, nur weil viele Menschen sich keine vernünftige Ernährung leisten können oder nicht über das notwendige Wissen verfügen.
Da gibt es noch viele vergleichbare Beispiele.
Also ich finde, Ihre Argumentation zieht nicht.

#3 |
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Stefan Gross
Stefan Gross

Gesunden Menschen präventiv Medikamente zu verabreichen und Sie damit entsprechenden Risiken durch die Präparateinnahme auszusetzen finde ich ethisch nicht vertretbar. Weiters ist zu bedenken, dass hierdurch Menschen, die sich das Präparat leisten können nahezu ein “Freibrief” zu ungeschütztem Sex gegeben wird, wodurch jene die sich es nicht leisten können ausgegrenzt und diskriminiert werden. Die Entwicklung und der Vertrieb dieser Medikamente zur PreP ist ein nicht zu akzeptierender Zustand!

#2 |
  8
Arzt
Arzt

Herr Heuvel, wieder die Ärzte schuld?

#1 |
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