Rückenschmerz: Paracetamol fühlt sich nicht wohl

8. April 2016
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Quälen sich Patienten mit Lumbalgien oder Dorsalgien, ist guter Rat teuer. Nicht jede Therapie führt zur Besserung. Finden Ärzte keine Grunderkrankung, bleiben NSAIDs plus moderate körperliche Aktivität das Mittel der Wahl, fraglich ist die Wirkung von Paracetamol.

Deutschland hat Rücken: Wie aus neuen Daten der Techniker Krankenkasse (TK) hervorgeht, entfielen in Rheinland-Pfalz fast zehn Prozent aller Krankschreibungen auf Rückenschmerzen. Das entspricht umgerechnet 1,5 von 16,14 Tagen. Erfahrungsgemäß sind nicht nur Erwerbstätige mit schwerer körperlicher Tätigkeit betroffen, sondern auch Personen, die viel im Sitzen arbeiten. Wenige Monate zuvor hatte die Barmer GEK vor „deutlichen Fehlentwicklungen“ bei der Versorgung gewarnt. Zwischen 2006 und 2014 war die Zahl an stationären Patienten von 282.000 bis auf 415.000 angewachsen. In jedem dritten Fall kam es lediglich zur bildgebenden Diagnostik ohne weitere Therapie. „Damit die Betroffenen erst gar nicht in der Klinik landen, muss die Behandlung viel früher ansetzen, bevor sich die Schmerzen chronifizieren“, sagt Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer GEK. Ein kritischer Blick auf mögliche Strategien.

Bewegung und Entspannung

Anneliese Bodemar, Leiterin der TK in Rheinland-Pfalz, rät Menschen mit Rückenschmerzen, körperliche Aktivitäten in ihren Tagesablauf zu integrieren, etwa auf dem Weg zur Arbeit. „Idealerweise sollte man den Tag gleich mit Bewegung beginnen. Zehn Minuten nach dem Aufstehen reichen schon für einen aktiven Start.“

Daniel Cherkin aus Seattle setzt eher auf Entspannung. Der Forscher wollte wissen, ob Patienten nachweislich von der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction, MBSR) profitieren. Er rekrutierte 342 Erwachsene zwischen 20 und 70 Jahren, die im Schnitt seit 7,3 Jahren an Rückenschmerzen litten. Sie wurden randomisiert drei Gruppen zugeordnet und erhielten MBSR (116 Personen), kognitive Verhaltenstherapien (CBT; 113 Personen) oder konventionelle ärztliche Hilfe (113 Personen). Allen Personen stand es jedoch frei, Mediziner bei Bedarf zu konsultieren. Nach 26 Wochen mussten die Teilnehmer auf einer Skala von null bis zehn Punkten ihre Beschwerden quantifizieren. Um ihre funktionelle Einschränkung zu bewerten, zog Cherkin einen modifizierten Roland Disability Questionnaire (RDQ) heran. Sowohl unter MBSR (60,5 Prozent) als auch unter CBT (57,7 Prozent) kam es signifikant häufiger zu klinisch relevanten funktionalen Verbesserungen als in der Vergleichsgruppe (44,1 Prozent). Auch hinsichtlich der Beschwerden schnitten MBSR (Besserung bei 43,6 Prozent) und CBT (44,9 Prozent) deutlich besser als die Basisversorgung ab (26,6 Prozent). Erstaunlich ist, dass nur jeder zweite Teilnehmer der Interventionsgruppen an sechs von acht Sitzungen teilgenommen hatte. Eine gewisse Erwartungshaltung lässt sich nicht leugnen.

Fragwürdige Physiotherapie

Deutlich schlechter schneiden Physiotherapien mit Manipulation der Wirbelsäule ab, berichtet Julie M. Fritz aus Salt Lake City. Im Mittelpunkt ihrer randomisierten Studie standen 220 Teilnehmer mit mittleren bis starken Schmerzen gemäß Oswestry Disability Index (ODI). Die Skala reicht von null bis 100 Punkten. In der Physiotherapie-Gruppe erhielten Betroffene Wirbelsäulenmanipulationen und ein Übungsprogramm. Teilnehmer der Vergleichsgruppe bekamen einen Ratgeber mit dem Hinweis, sich regelmäßig zu bewegen. Nach drei Monaten sank der ODI-Score von 41,3 Punkten auf 11,1 Punkte (Physiotherapie) beziehungsweise von 40,9 Punkten auf 14,5 Punkte (Vergleichsgruppe). Fritz schreibt, der Unterschied sei zwar statistisch signifikant, aber nicht klinisch relevant. Nach zwölf Monaten hatten alle Teilnehmer schließlich ODI-Werte unter zehn erreicht.

Weniger Tabletten, mehr Erfolg

Entscheiden sich Patienten doch für ein Schmerzmittel, fällt ihre Wahl oft auf Paracetamol. Bruno R. da Costa aus Bern ging der Frage nach, ob das Pharmakon bei Beschwerden aufgrund von Knie- und Hüftarthrosen überhaupt wirkt. Über Literaturrecherchen fand er 8.973 Veröffentlichungen. Er schloss 74 randomisierte Studien mit 58.556 Patienten in seine Analyse ein. Im Unterschied zu NSAIDs wie Diclofenac zeigte Paracetamol keinen nennenswerten Effekt.

Die Veröffentlichung erstaunt nicht wirklich: Einige Zeit zuvor kam Christopher M. Williams aus Callaghan, Australien, bei Kreuzschmerzen zu ähnlich vernichtenden Resultaten. Er verglich im Rahmen einer randomisierten Studie Paracetamol mit Placebo – ohne signifikante Unterschiede aufzuspüren.

Weitere Daten kommen von Benjamin W. Friedman, New York. Er nahm 323 Patienten mit akuten Rückenschmerzen in eine Studie auf. Sie waren im Schnitt 39 Jahre alt und hatten auf dem Roland-Morris-Disability Questionnaire (RMDQ) mindestens fünf von 24 möglichen Punkten. Friedmanns Kollegen verordneten zweimal täglich 500 Milligramm Naproxen als Basistherapie. Zusätzlich setze er Oxycodon plus Paracetamol, ein Muskelrelaxans oder Placebo ein. Anfangs lag der RMDQ-Score im Median bei 20 Punkten. Nach einer Woche hatten sich die Beschwerden um 9,8 Punkte (Naproxen plus Placebo), 10,1 Punkte (Naproxen plus Muskelelaxans) und 11,1 Punkte (Naproxen plus Oxycodon plus Paracetamol) gebessert. Statistisch signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen gab es nicht. Friedmann rät Ärzten und Apothekern deshalb, bei akuten Rückenschmerzen, die nicht von Unfällen oder Grunderkrankungen herrühren, lediglich NSAIDs abzugeben. Weniger ist mehr.

42 Wertungen (4.24 ø)

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20 Kommentare:

Prof. Dr. Elvira Cziborski, Orthopädin
Prof. Dr. Elvira Cziborski, Orthopädin

zu @#19 darf ich ergänzen, man könnte Sie sonst als zickige Feministin missverstehen, Sie wollten sicher richtig sagen:
“Sie sind ja vielleicht ein erfahrener Arzt”.
Das ist richtig und der “lauert” auch nicht, ist so etwas in Ihrer Abteilung bekannt?
Die Psyche zeigt sich SELBSTVERSTÄNDLICH in Haltung und Gangbild eines Menschen.

#20 |
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Gast
Gast

# 9, 10 : Sie sind ja vielleicht einer. Erst zusammen mit einem Arzt-Kollegen Schwestern auf den Fluren auflauern, ihren ” Gang ” zu ” beobachten ” unter dem Mäntelchen der Pseudo-Wissenschaften und dann nicht einmal etwas für die Psyche übrig zu haben. Klar, wenn der Körper dermaßen dominiert, nicht ungewöhnlich in Kliniken..

#19 |
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Arzt
Arzt

Das geht ja wirklich hier wie Kaut und Rüben durcheinander.
akute WS-Beschwerden, chronischen Beschwerden,
dann werden auch noch Knie- und Hüftarthrosen reingenommen.
Da kann eigentlich nichts vernünftiges mehr rauskommen.
Deshalb nur ein Kreuzchen.

#18 |
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hier gibt’s aber viele Gäste
hier gibt’s aber viele Gäste

@ #11, Dr. Schätzler:
habe die Publikation auch gelesen – 1. zur äußeren Anwendung sollte klar sein – wer will schon mehrfach konzentrierte Chili-Soße/Salbe enteral anwenden?
2. Schmerzen von im Mittel 6-7 auf einer Skala von 0-10 würde ich nicht mehr als “leichter” einstufen wollen;
3. Es liegt in der Natur der Sache, dass die meisten akuten Rückenschmerzen von selber wieder verschwinden – sollte man die daher gar nicht behandeln? Finde ich unethisch!

#17 |
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Robert
Robert

Ach so, zum Thema, ich war da durch die vorangegangenen Ausführungen etwas abgelenkt: Paracetamol war dann das Einzige was bei Rückenmarkshaut- als auch Hirnhautreizung half, also das was von den Symptomen her durchaus bei wenig verantwortlicher Betrachtungsweise einfach nur einen Simulantenrücken, einen psychogenen Spannungskopfschmerz und einen Stressnacken darstellt.
Paracetamol kann aber leider nur sachverständig dosiert verantwortet werden, wie nun doch wohl sehr bekannt…

#16 |
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Robert
Robert

Leider gibt es wohl sogenannte “Simulanten”.
Leider fallen wegen dieser Pauschalisierung behandlungsbedürftige Patienten dann aber ebenso durch das Raster dieser sehr fragwürdigen Simulantenprüfungen, die rein subjektiv der Arzt bestimmt und keinerlei wissenschaftlichen Ansatz zur Grundlage haben.
Werden dann aber nach vielen Jahren und übersehenen Gehirn- und Rückenmarksentzündungen, so wie bei mir und unbekannt bis bekannt vielen anderen, wegen der Rücken-Pauschalisierungs-Simulanten-Undiagnostik, dann mal endlich von einer forschenden Neuroradiologie+Neurochirurgie die nun gebliebenen Schäden der geschädigten Hirn- und Rückenmarkshäute mit moderner Technik nachgewiesen, die es leider nur sehr selten gibt, der andere MR-Geräte-“Schrott” ist tatsächlich nicht zielführend, dann konnte nur noch mit Adhäsiolyse der hirnwasserblockierenden spinalen intraduralen Arachnoidalzyste und VP-Shunt zwar recht gut geholfen werden, jedoch nun leider sich immer wieder mal weiter Septen sich dort hinzugesellen und für die entsprechenden Symptome sorgen, die aber weder von Ursache noch von Wirkung her bei den “Simulanten-Glaskugel”-Medizinern leider nicht bekannt sind, diese sich doch besser mal auf den Hosenboden setzen sollten, die weltweit und schon immer bis heute stiefmütterlich behandelte Forschung zum Verständnis der CSF-Absorption vorantreiben könnten…

#15 |
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Gast
Gast

Bewegung, die sich auf die Rückenschmerzen auswirkt, ist eine Linderung der Wahl. Aber nur dann, wenn sie verschlimmert muss eventuell erst die Bewegung ermöglicht werden, z. B. kontrakte Strukturen mobilisiert werden. Leider wird immer wieder Kräftigung auf vollkommen überlastete muskuläre Strukturen verordnet, die genau gegenteilig wirken. Medikamente als Langzeitbehandlung auch nicht das Mittel der Wahl.
Ursachenforschung, Differentialdiagnosen und ähnliches sind absolut notwendig. Ich vermisse bei den bisher gelesenen Ausführungen, dass es unterschiedliche Auslöser für einen Rückenschmerz geben kann, wie z. B. neurologische Krankheitsbilder, internistische wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Herzinfarkt, Lungenembolie (natürlich sehr selten, aber 2 meiner Patienten sind von Pontius zu Pilatus gelaufen). Durchblutungsstörungen, Krebserkrankungen…
Danke, an Herrn Schmidt, dass der Rückenschmerz mit Depressionen in Verbindung stehen können und nicht sofort als psychische Belastung eingestuft werden.
Eine Wirbelsäulenschmerz anhand von muskulärem Körperbau und einem Röntgenbild einzustufen, halte ich für äußerst fragwürdig. Degenerative Veränderungen lasse ich mir gefallen, aber leider kann der Schmerz nicht röntgenologisch dargestellt werden, deshalb ist funktionelle Untersuchung immer noch der 1. Schritt, mit der Schmerzskala und evt. gezielter Schmerzreduktion lokal und erneuter Testung… Wenn sich funktionell und schmerzmäßig nichts bessert, kann später immer noch evt. weiter mit CT oder MRT differenzieren.
Ich vermisse auch wieder, dass bei HWS oder LWS Beschwerden nie die Frage nach Geburten, Operationen oder Verletzungen gestellt wird.

#14 |
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Gast
Gast

Wenn wir schon bei den “physikalischen” Maßnahmen (Wärme) sind, da gibt es doch noch diesen “Interferenzstrom” (Nemectrodyn), der durchbricht sogar eine akute Lumbalgie, man kommt gebückt darein und geht grade wieder raus aus der Behandlung, soll aber 5-6 mal wiederholt werden.
Ein altes Hausmittel ist auch ein heißes Vollbad (Wanne nicht Dusche).
Machen die Japaner regelmäßig, angeblich fast bis 50°C, was ich (noch) nicht aushalte.

#13 |
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Gast
Gast

Das Finalgon® muss ja ein bischen eingerieben werden, das ist doch immer angenehm. Noch besser wäre eine Massage, vielleicht etwas Wärme vorweg, wie der “Lichtkasten” noch älter als Finalgon, das schon aus den 50-ger Jahren stammt. Massage wird nur (fast) nicht von der AOK bezahlt.
Wenn ich reich genug wäre würde ich das jeden Abend machen lassen.

#12 |
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@ Gast #1 Was soll das? Es handelt sich um Finalgon® [als topische Creme: Nonivamide 0.17% mg; Nicoboxil 1.08% oder als topische Salbe: Nonivamide 0.4% mg; Nicoboxil 2.5%] ausschließlich zur äußerlichen Anwendung. Hilft allenfalls bei leichteren, unspezifischen Rückenbeschwerden, die auch von alleine verschwinden können. MfG

#11 |
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Arzt
Arzt

Es gibt für den Gutachter kaum ein anderes Organ, bei dem so viele Simulanten auftreten wie bei “Rückenschmerzen”, die sie angeblich arbeitsunfähig machen.
Besonders eindrucksvoll war für mich ein rel. junger Mann, der das behauptete und den ich (gründlich) untersuchen sollte. Dazu gehört nun mal ein Rö-Bild. Schon beim Ausziehen sah ich, dass hier etwas nicht stimmt, denn er hatte geradezu einen “Modellkörper” sehr muskulös! Meine freundliche Nachfrage beantwortete er mit seinem Hobby von regelmäßigem Krafttraining. Er sah ein, dass bei einem so exzellenten “Äußeren” eine genauere Suche nach der Schmerzursache notwendig sei und willigte in die Röntgenuntersuchung ein.
Diese zeigte zu meiner Überraschung eine starke Seitwärtsverbiegung, die er bei der Untersuchung vorher eindeutig nicht hatte. Unter einer dummen Ausrede konnte ich ihn nach längerer weiterer Untersuchung noch einmal zu einer weiteren Rö-Untersuchung überreden und siehe da, diesmal gab es wieder eine Seitwärtsverbiegung, aber zur anderen Seite, er hatte wohl die Seite vom ersten mal vergessen. Er war ein Simulant. Denn gute (nicht fixierte) Beweglichkeit der WS ist ein positives funktionelles Qualitätsmerkmal, das nicht jeder hat und das man sich hart erarbeiten muss.
So viel zur Psyche.

#10 |
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Arzt
Arzt

@Manfred Schmidt nehmen Sie es doch einfach etwas sportlicher, “viele Wege führen nach Rom”, sagte meine verstorbene Mutter. Also zeigen Sie auf, was Sie können und definieren Sie nicht Ihre Existenz-Berechtigung durch Kritik an anderen, die Sie eher nicht wirklich beurteilen können.
Der erfahrene “Schulmediziner” (und Gutachter) unterteilt WS-Beschwerden in “funktionelle” und organische. Und er weis auch dass z.B. röntgenol. sichtbare (degenerative) WS -Veränderungen auch erheblichen Ausmaßes durchaus mit subjektiver Beschwerdefreiheit einhergehen können. Haltung und Gangbild ist extrem individuell und ich habe mit meinem Kollegen eine Sport daraus gemacht, in den langen Krankenhausfluren Schwestern schon in der Entfernung an ihrem (individuellen) Gangbild zu erkennen, bevor man ihr Gesicht überhaupt erkennen kann. Sie haben insofern recht, dass die Psyche (Chef des Menschen) gerade bei der WS und damit der “Haltung” eine erhebliche Rolle spielt, das wussten schon Generationen vor uns mit ihrem “Brust raus, Bauch rein”-Appell schon in der Kindererziehung (darf man heute nicht mehr sagen?). Insofern ist die WS durchaus ein “psychosomatisches Organ”. Trotzdem gibt es nun wirklich eine ganze Reihe von Situationen, in der aktives “organisches” Handeln erforderlich ist, wie bei einer akuten Lumbalgie durch eine “falsche Bewegung” oder gar neurologische Ausfälle bei Wurzelkompression durch “Bandscheibenvorfall”. Im nicht neurologischen Fall genügt oft eine lokale paravertebrale Quaddelung mit “Einrenken” und der liegend antransportiere Patient kann sofort wieder zu Fuß nach hause gehen. Und Diclophenac ist selbstverständlich keine Dauertherapie sondern eine nützlich “Brücke” für den Augenblick. Kausal wäre Muskelkräftigung mit Haltungs- und Bewegungsschulung. Ohne Muskeln geht gar nichts in der WS, schon bei 16-Jährigen.

#9 |
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Psychotherapeut

“Herr Arzt” – von einer Dauertherapie kann ja wohl kaum die Rede sein bei 3 Wochen. AT braucht nunmal mind. 6 Wochen, bis man es wirklich beherrscht, weshalb ich es ja auch nicht anwende, um Patienten nicht zu frustrieren.

Diclofenac ist schon ein prima Medikament – aber eben auch mit u.U. erheblichen Nebenwirkungen. Und: wenn Patient nicht lernt, sich im Alltag anders zu halten, sich zu entspannen, dann wird Diclo zur Dauertherapie!
Das ist zwar ganz häufig genau so, aber es entspricht sicherlich nicht den Vorstellungen von einer vernünftigen und patientengerechten Therapie.

Bedacht wurde bei Rückenschmerzen auch gar nicht, dass doch jeder Hausarzt gehalten ist, Patienten mit solchen Beschwerden auf womögliche Depressionen hin genauer anzuschauen. Denn da ist bekanntlich sehr häufig ein Zusammenhang, den Diclofenac dann überhaupt nicht lösen kann!

Unsere Medizin geht viel zu leichtfertig mit Medikamenten um, die dem Patienten nur helfen, in all seinen inneren und äußeren Fehlhaltungen zu verbleiben – statt wirklich etwas zu verändern. Vor allem sich selbst zu ändern, was sowohl den Patienten wie auch den Arzt betrifft! (Denn dieser hat ja auch eine Fehlhaltung, wenn er immer weiter munter Schmerzmittel verschreibt.)

#8 |
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Arzt
Arzt

@Manfred Schmidt bedenken Sie halt den winzigen Zeitunterschied zwischen Ihrer “Dauertherapie”, drei Wochen reichen Ihnen ja nicht,
und dem Schlucken einer Tablette,
wobei Dr. Schätzler da 100% Recht zu geben ist,
das sollte wenigstens die richtige Tablette sein und nicht Paracetamol.
Welcher Depp macht denn auch so was? In der Uni kann er das nicht erlernt haben. Wahrscheinlich ist das so “populär” weil man heute alles ohne den Dr. machen möchte, kann ich ja verstehen. Wer hat nicht aller Rückenschmerzen.
Vor allem die vielen (berufsbedingten) Bewegungsmuffel!
Ich bevorzuge lieber einen Kurzurlaub, drei Wochen kann ich mir schon kaum leisten, nach einer Woche wirds mir schon langweilig. Am besten Wintersport Ski laufen.
Oder zuhause ein Tennismatsch damit man ordentlich ins Schwitzen kommt.
Dann ist der Rückenschmerz sofort weg.
Besser als Parac…oder Psycho…

#7 |
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Die Studienlage bei “off-label-use” von Paracetamol verwundert nicht: Der Titel “Paracetamol fühlt sich nicht wohl” liegt m. E. neben der Spur.

In Klinik und Praxis ist bei orthopädisch definierter Symptomatik Paracetamol bisher nie als “first-line” Präparat angesehen oder angewandt worden. Der offizielle Beipackzettel für den “Klassiker” ben-u-ron® als 500 mg Tabletten definiert auch unter “4. Klinische Angaben – 4.1 Anwendungsgebiete – Behandlung leichter bis mäßig starker Schmerzen und/oder Fieber”.

Im “European Spine Journal” (Eur Spine J 2008; 17: 1423) wurde unter dem Titel “A systematic review of paracetamol for non-specific low back pain” von R. A. Davies et al. über den “nicht-spezifischen unteren Rückenschmerz” publiziert.

Schlussfolgernd werden die Evaluation von Paracetamol durch umfangreiche randomisierte, kontrollierte RCT-Studien von hoher Qualität gefordert, um die glaubwürdige Evidenz der Effektivität von Paracetamol bei Patienten mit nicht-spezifischem unteren Rückenschmerz zu erbringen und um die Validität von Empfehlungen in klinischen Leitlinien zu etablieren [“There is a clear need for large, high quality randomized controlled trials evaluating paracetamol, to provide reliable evidence of paracetamol’s effectiveness in patients with low back pain and to establish the validity of the recommendations in clinical guidelines”]. Von Nackenschmerzen sowie Hüft- und Kniearthrosen bzw. gar Osteoarthritis war damals nicht mal ansatzweise die Rede.

Die letztjährige Veröffentlichung im BMJ (BMJ 2015; 350: h1225): “Efficacy and safety of paracetamol for spinal pain and osteoarthritis: systematic review and meta-analysis of randomised placebo controlled trials” von G. C. Machado, PhD student, et al. (!) entlarvt sich bereits im seinem “Abstract” als Produkt spekulativer studentischer Ungenauigkeit. Anfangs heißt es noch unter Untersuchungsgegenstand: Untersuchung zur Effektivität und Sicherheit von Paracetamol (Acetaminophen) bei der Behandlung von spinalen Schmerzen und Osteoarthritis von Hüft- und Kniegelenk [“Objective – To investigate the efficacy and safety of paracetamol (acetaminophen) in the management of spinal pain and osteoarthritis of the hip or knee”].

In krassem Gegensatz ist bei den Schlussfolgerungen nur noch von Paracetamol-Ineffektivität bei der Behandlung des unteren Rückenschmerzes, spezifisch oder nicht-spezifisch blieb offen, und von minimalem Kurzzeit-Benefit bei Osteoarthritis die Rede: “Conclusions – Paracetamol is ineffective in the treatment of low back pain and provides minimal short term benefit for people with osteoarthritis. These results support the reconsideration of recommendations to use paracetamol for patients with low back pain and osteoarthritis of the hip or knee in clinical practice guidelines”. Vom Management spinaler Schmerzen [“management of spinal pain”] ist auf einmal gar keine Rede mehr. Vgl. http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(14)60805-9/fulltext

Abgesehen davon sind mir keine validen Daten bekannt, dass ausgerechnet eine Osteoarthritis des Hüft- oder Kniegelenks, auch als aktivierte Arthrose bekannt, und spinale Schmerzen n i c h t mit Cox-1 und Cox-2-Inhibitoren, NSAR wie Naproxen, Ibuprofen bzw. orthopädischerseits bevorzugt mit Diclofenac und Kortison, sondern ausgerechnet nur mit Paracetamol behandelt werden sollten?

Wenn man nicht gleich zu Physiotherapie, REHA-Sport und aktivierenden, Muskel aufbauenden Maßnahmen bei gleichzeitiger Gewichts- und Risikofaktoren-Reduktion rät?

So bleibt das Paracetamol-“Bashing” vordergründig: Falsche Substanz am falschen Ort zum falschen Indikationsgebiet! Ob mit oder ohne Medikation, orthopädischer “Mischspritze”, kraniosakraler Therapie, physiotherapeutischer Intervention, osteopathischer Manipulation; der unspezifische untere Rückenschmerz heilt in der Mehrzahl der Fälle auch spontan aus. Jeder Handwerker, der einmal in gebückter Zwangshaltung Gewerke ausführen musste, weiß davon ein Lied zu singen.

NSAR und Cox-1 erhöhen das Risiko gastrointestinaler Ulzerationen und Blutungen. Besonders Diclofenac steht im dringenden Verdacht, das Risiko eines akuten Koronarsyndroms (ACS) zu erhöhen. Naproxen schneidet in allen Pharmakovigilanz-Studien besser ab.

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Psychotherapeut

Vor ein paar Jahren habe ich eine mehrwöchige Pilotstudie zur Wirksamkeit von Entspannungsverfahren in einer Reha-Klinik durchgeführt. Rückenschmerzen waren auch dort sehr häufig.

Von der Klinik aus wurde Autogenes Training angeboten, das zwei Psychologinnen durchführten – allerdings so, dass sie die ganze Übungszeit hindurch die Formeln sehr ein- oder ausdrucksvoll vorsprachen. Es handelte sich also gar nicht um AUTOGENES Training, sondern um HETEROGENES Training.

Bei einer durchschnittlichen Verweildauer von 3 Wochen in der Reha-Klinik kann man eben gar kein AT erlernen!

Ich selbst habe dann in geführter Form Tiefenentspannung (quasi eine Gruppen- Hypnose) mit anschließender Imagination in der Stille durchgeführt. Die Wirkung war ganz enorm: Manche meinten, sie wären noch nie in ihrem Leben so entspannt gewesen wie während der Übung!

Und die anschließende Imagination mit vorgegebenem Thema (“Sie befinden sich auf einer schönen Wiese…”) brachte sehr viel Material zutage, das später in Einzelgesprächen besondere Bedeutung hatte und zumeist mit den Rückenschmerzen in Verbindung gebracht werden konnte, was wiederum Ressourcen wie auch die Bearbeitung von Konflikthaftem ermöglichte.

Der Andrang bei diesen Tiefenentspannungen mit Imagination war so groß, dass die Leute schon 1/2 Stunde vorher da waren…

Es gibt also schon noch andere Möglichkeiten als Tabletten, die noch dazu als sehr gewinnbringend erlebt werden.

#5 |
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Noch ein Gast
Noch ein Gast

@ #2, letzter Satz: Warum ist das bedenklich?
a) Solange eine Studie ordentlich durchgeführt wurde, ist gegen das Sponsoring nichts einzuwenden. Schließlich müssen Ethikkommissionen und Zulassungsbehörden zustimmen. Wo ist das Problem?
b) Wer soll denn Arzneimittelstudien sonst bezahlen? Die Hersteller können ja schlecht mit dem Hut umherlaufen und Geld dafür einsammeln.

Also: Auf den Inhalt schauen, nicht auf die Herkunft.

#4 |
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Psychotherapeut

Hatten wir das nicht gerade vor kurzer Zeit hier, dass Paracetamol “bei Rücken” und “bei Nacken” nicht hilft? –

Dass MBSR so gut abschneidet, hängt sicherlich u.a. auch damit zusammen, dass der/die PatientIn hier selbst aktiv wird und den Prozess steuert.
Außerdem wissen wir ja, dass Schmerzzustände fast aller Art bis zu 70 % psychisch unterhalten werden – die reale Basis für akuten oder chronischen Schmerz also nur 25 % der Skalenangaben beträgt.
Darum kann eine Methode wie das MBSR auch so erfolgreich sein, weil es zu einem großen Teil die Aufmerksamkeitszuwendung für die Schmerzen erheblich verringert.

Autogenes Training WAR auch einmal genauso erfolgreich in der Schmerzreduktion. Aber da AT kaum noch lege artis gelehrt und erlernt wird, treten da nur noch selten Erfolge ein. Ein 6 – 8 – wöchiges Training bei täglich mehrfachem Üben wird von vielen doch eher als Zumutung empfunden. Aber so lange dauert es halt, bis “das Wort Fleisch wird” bzw. die Konditionierung vollzogen ist.

Klinische Hypnose ist bei vielen Schmerzzuständen äußerst erfolgreich und – regelmäßig wiederholt – dauerhaft wirksam. Auch hier findet ja eine Konditionierung statt, die viele PatientInnen auch allein für sich wirksam werden lassen kann.
Der Vorteil der Klinischen Hypnose ist, dass sie bei dafür geeigneteten
PatientInnen auch kurzfristig gute bis sehr gute Wirkungen zeigt.

Allerdings bringen die übenden Meditations- und Enstpannungsverfahren kaum Einnahmen. Gerade auch eine gute Hypnose, die gut vorbereitet und durchgeführt und nachbesprochen werden muss, kostet vor vor allem Zeit, bringt aber nix ein, was sehr schade ist.

Man sollte auch selbst immer gut auf seinen Eutonus achten! ;-)))

Eutonus

#3 |
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Gast
Gast

Paracetamol ist Vermutl heute noch oft das Mittel der Wahl weil es Patienten ein Begriff ist und ohne Bedenken geschluckt wird. Zudem ist es sehr kostengünstig u einfach erhältlich. Bei der im Feedback angegebenen Studie finde ich bedenklich, dass sie von einem Pharmahersteller gesponsert wurde.

#2 |
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Gast
Gast

Wer wissen will, was hilft: Hier kann man zumindest zu einem Präparat nachlesen, dass es in einer klinischen Studie funktioniert hat. Erzeugt auch garantiert keine GI/Leberschäden:-)

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ejp.719/abstract

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