Brustkrebs-Diagnostik: Preiswert bei DNAldi

4. April 2016
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Ein amerikanischer Anbieter mischt den Markt mit Gentests auf. Zum unschlagbaren Preis von 249 US-Dollar können sich Patientinnen auf die Suche nach Mutationen in 19 bekannten Krebsgenen machen, Beratung inklusive. Ein kritischer Blick hinter die Kulissen.

In den USA sorgt Color Genomics für Schlagzeilen. Das Startup-Unternehmen aus Burlingame, Kalifornien, bietet einen Speicheltest für Frauen an, um nach 19 Krebsgenen zu fahnden. Dazu gehören ATM, BARD1, BRCA1, BRCA2, BRIP1, CDH1, CHEK2, EPCAM, MLH1, MSH2, MSH6, NBN, PALB2, PMS2, PTEN, RAD51C, RAD51D, STK11, TP53. Ziel ist, mögliche Risiken eines Mamma- oder Ovarialkarzinoms zu bestimmen. Anders als bei Konkurrenzprodukten wird der Test ausschließlich über Ärzte abgegeben. Health Professionals erhalten zum Preis von 249 Dollar ein Kit für Patienten, um Proben zu nehmen und in den Labors von Color Genomics untersuchen zu lassen. Resultate gehen in verständlicher, kommentierter Form direkt an Laien.

Wissen für alle

Der niedrige Preis erstaunt selbst amerikanische Kollegen. Wie die gemeinnützige Brustkrebs-Organisation Breastcancer.org gegenüber DocCheck berichtet, schlagen Tests in den USA mit 300 bis 5.000 Dollar zu Buche – je nach Umfang der Untersuchung, sprich Zahl der Gene. Entsprechende Kosten übernehmen Versicherungen nur in manchen Fällen. Blue Cross Blue Shield of North Carolina setzt beispielsweise voraus, dass Krebserkrankungen oder genetische Risiken bei nahen Verwandten vorhanden sind, was Screenings nahezu unmöglich macht. In Deutschland sind etwa 3.000 Euro fällig – ein Rechtsanspruch auf Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen besteht nicht. Die Problematik: „Nur 15 Prozent aller Trägerinnen wissen von ihrem Risiko und haben die Möglichkeit, zusammen mit ihren Ärzten nach Lösungen zu suchen“, erklärt Othman Laraki, Gründer von Color. Selbst Patientinnen ohne hinreichenden Versicherungsschutz könnten sich den neuen Test leisten.

Sparsam sequenzieren

Othman Larakis’ Konzept basiert auf mehreren Faktoren: Sequenzierungen der nächsten Generation (next generation sequencing) haben den Markt revolutioniert. Sie liefern in kürzester Zeit Ergebnisse, und der Preis sinkt Jahr für Jahr. Color Genetics gab sich damit nicht zufrieden, sondern versucht, „Big Data“ effizient zu managen.

„Unser Fokus liegt auf der Anwendung großer, leistungsfähiger Softwaresysteme für die Präzisionsmedizin“, sagt Kelly Tangney von Color Genetics zu DocCheck. Jeder Teilschritt sei analysiert worden, um herauszufinden, wie sich Kosten – beispielsweise durch weitere Automatisierung – reduzieren ließen. Schließlich entstand eine Plattform zur effizienten Auswertung von Bits und Bytes. Tangney: „Der Preis ist um den Faktor Zehn gesunken – bei hoher Qualität.“

In der Hand von Health Professionals

Die Expertin verweist auf Akkreditierungen gemäß CAP (College of American Pathologists) beziehungsweise CLIA (Clinical Lab Improvement Amendment CLIA) und auf interne Standards. Weitere Zulassungsverfahren sind nicht erforderlich: „Labortests fallen derzeit – ähnlich wie Medizinprodukte zur In-vitro-Diagnostik – nicht unter die Regularien der FDA. Zu dieser Kategorie gehören Color und ähnliche Anbieter molekularbiologischer Tests“, erklärt Kelly Tangney. Ganz unreguliert ist der Markt aber nicht. Behörden legen großen Wert darauf, dass Hersteller Patienten keine Tests auf direktem Wege anbieten, was „23 and Me“ seinerzeit aus voller Fahrt bremste. US-Medien berichten jetzt, dass die FDA drei weitere Firmen mit Direct-to-Consumer-Tests im Angebot verwarnt hat: DNA4Life, DNA-CardioCheck und Interleukin Genetics. Color Genetics ist durch sein Vertriebsmodell über Ärzte außen vor und versucht jetzt, den europäischen Markt zu erschließen. Was sagen Kollegen aus Deutschland?

„Seriöse Sache“

„Nach Studium der Informationen im Web scheint es eine seriöse Sache zu sein“, so Dr. Ralf Berg, Facharzt für Allgemeinmedizin und Anästhesie, aus Ühlingen-Birkendorf. Negative Ergebnisse führen zu keinem weiteren Beratungsbedarf, könnten aber vielen Frauen die Angst nehmen. Bei positiven Resultaten stehe und falle alles mit der Qualifikation von Medizinern, die beraten. „Diese Beurteilung erfordert Spezialwissen“, gibt Ralf Berg zu bedenken. „Wenn es stimmt, dass die MDs die angegebenen Qualifikationen haben, wäre meiner Einschätzung nach die Beratungsqualität gegeben und sofern diese wirklich kostenfrei beziehungsweise inklusive ist, auch ein günstiges Angebot.“ Er bemängelt jedoch, dass Gespräche mit Experten von Color Genetics auf Englisch stattfänden – lediglich „Native Speakers“ würden alles verstehen.

Sein Fazit: „Das Angebot ist günstig, wenn im positiven Fall, wie angepriesen, auch eine ausführliche, fachkundige Nachbesprechung durch Mitarbeiter mit ausgewiesener Qualifikation erfolgt und vom Patienten verstanden wird.“ Bleibt abzuwarten, ob Color Genetics andere Konzerne mit dem Geschäftsmodell unter Druck setzt, damit sie Innovationen umsetzen und ihre Preisgestaltung überdenken.

81 Wertungen (4.2 ø)

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11 Kommentare:

Gast
Gast

man könnte ja auch mit Internetanleitung zuhause eine Blinddarmoperation machen,
soll jedenfalls viel leichter sein als dieser Krebs

#11 |
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Bürgerin Marina Bausmer
Bürgerin Marina Bausmer

ich denke das es nicht der Preis allein ist sondern auch die Untersuchung ist nicht schmerzhaft. Bei Blutabnahme durch Spritze oder Mammographie, was auch schmerzhaft unangenehm und strahlenbelastet ist und nur für den Momentanen Zustand also keine langfristige Aussage gegeben ist. Hier ist der Momentane Test angeblich langfristig zu verstehen.

#10 |
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Gast
Gast

Die Firma heisst Color Genomics (so wie zu Beginn beschrieben) und nicht Color Genetics (so wie am Ende des Textes bezeichnet). Solche Fehler müssen nicht sein.

#9 |
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Weitere medizinische Berufe

Ein Experte aus der Pathologie oder Molekulargenetik…wäre sinnvoll, um genau zu klären, ob solche Tests überhaupt sinnvoll sind und wer überhaupt in der Lage ist, das Teszergebnis den Pat. zu erklären. Ansonsten in meinen Augen keine schlechte Idee.

#8 |
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@ Dr. Bayrhoffer:
Für die USA mag dieser Trend konsequent und vielleicht auch richtig sein, schlimm genug, das das Gesundheitssystem dort so ist, wie es ist, wenn auch seit Obama wohl ein bißchen besser. Für das strukturierte Gesundheitssystem in D halte ich diesen Verkauf von Testmaterial an den “Endverbraucher” für absolut daneben, denn der Test wird eben DOCH (wie ich auch herausfand) frei abgegeben. Die meisten der von Herrn v.d. Hevel angegebenen Gene kenne ich selbst als Facharzt, der regelmäßig an Tumorkonferenzen teilnimmt, nicht auswendig – wie soll es da erst dem medizinischen Laien gehen? Ich selbst würde mir mit meinem Oxford-Englisch kaum zutrauen, mit einem Genetiker jenseits des großen Teiches das Ergebnis zu diskutieren, denn das amerikanische Englisch verstehe ich praktisch nicht (wenn es gesprochen wird). Ich halte weiterhin diesen Test jedenfalls für D für nicht sinnvoll und würde allen Patientinnen mit einer entsprechenden Familienanamnese empfehlen, eine Spezialsprechstunde (z.B. an einer Uni) aufzusuchen. Denn die 250 $ ist man in jedem Falle los, ob der Test hier anerkannt wird oder nicht.

#7 |
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Ich habe mal angefragt bei Color Genomics. Die Antwort kam umgehend:

Lauren Ryan (Color Genomics)
Apr 4, 11:06 AM

Dear Dr. Zantvoort,
Thank you for your message. I’m happy to help.
Due to regulations regarding testing in each unique country, Color is not currently available in Germany. We will notify you when shipping to Germany becomes available. Feel free to let us know if you prefer to not be notified.
If you have any additional questions, please feel free to contact me and I will be glad to help.
Thank you,
Lauren

Lauren Ryan, MS, LCGC
Genetic Counselor, Color Genomics

#6 |
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Ärztin

#4
Die Hoffnung stirbt zuletzt…

#5 |
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Dr. med. Hans-Jürgen Pander
Dr. med. Hans-Jürgen Pander

Leider ist die Angelegenheit doch etwas komplizierter als Autor und zitierter “Experte” (“Dr. Ralf Berg, Facharzt für Allgemeinmedizin und Anästhesie, aus Ühlingen-Birkendorf”) in den Raum stellen: Z.B. kann auch bei einem unauffälligen Ergebnis der DNA-Diagnostik – bei entsprechender Familienanamnese – ein erheblich erhöhtes Erkrankungsrisiko für Brustkrebs weiterbestehen, da auch dieser Test nur einen Teil der erblich bedingten Fälle erfasst.
Wenn es gar so einfach wäre, könnte man sich den Facharzt für Humangenetik doch gleich sparen, oder?
Im Zweifelsfall läuft diese Art von Diagnostik darauf hinaus, dass die Patienten mit ihren DNA-Befunden beim Hausarzt oder Gynäkologen sitzen und fragen, was das nun bedeutet. Und wer von diesen besitzt dann die Fachkompetenz, wenn es z.B. um die Beurteilung von nicht selten gefundenen Varianten unklarer Bedeutung bzw. Möglichkeiten deren weiterer Abklärung geht?
Oder – noch schlimmer – es wird “Dr. Google” befragt…
Und eine “Beratung per E-Mail”, wie sie die Firma auf ihrer Website anbietet, hat mit einer ärztlichen oder genetischen Beratung nun sicher überhaupt nichts zu tun.
Diese Art von Patientenversorgung ist nicht anzustreben, auch wenn sie für Patient und Krankenkassen billiger sein mag. Qualität kommt vor Geld!

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Dr. med. Norbert Kania
Dr. med. Norbert Kania

Wichtig ist die Frage der Datensicherheit.
Vielleicht können sie nur so günstig sein, weil sie die Daten an Versicherungsgesellschaften verkaufen……….?

#3 |
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Patienten koennen bei Color Genomics den Speicheltest durchaus direkt und ohne Verschreibung durch einen Arzt ordern. Die Kosten beinhalten eine Beratung (telefonisch) durch einen Humangenetiker (falls vom Patienten gewuenscht). Dieser Trend der ‘self diagnosis’ und ‘self-pay’ ist hier in den USA ein wichtiger Trend. Meist ist es billiger fuer Patienten als Leistungen ueber ihre Versicherung abzurechnen.

Online ‘Discounter’ von labormedizinischen Untersuchungen wie ‘walkinlab’ bieten alle Arten von Panels zu extrem billigen Preisen an. Dabei nutzen sie LabCorp’s Netz von Blutabnahmestellen und Infrastruktur.

#2 |
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Spannende Sache. Aber warum wird im Artikel ein Facharzt für Allgemeinmedizin und Anästhesie nach seiner Meinung gefragt? Interessanter wäre doch wohl ein Experte aus der Pathologie oder Molekulargenetik…

#1 |
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