Fettleibigkeit: Epigenetik geht durch den Magen

4. April 2016
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Übergewicht und daraus resultierender Typ-2-Diabetes scheinen epigenetisch vererbbar zu sein. Versuche mit Mäusen zeigten, dass durch Fehlernährungen entstandene Stoffwechselstörungen auch bei Nachfahren auftraten. Eine Erklärung für den Anstieg der Diabetes-Prävalenz?

Für eine Studie verwerndete das Team vom Institut für Experimentelle Genetik Mäuse, die aufgrund einer fettreichen Nahrung fettleibig geworden waren und einen Typ-2-Diabetes entwickelt hatten. Ihre Nachkommen wurden ausschließlich über in vitro-Fertilisation von isolierten Eizellen und Spermien gewonnen, sodass Veränderungen bei den Nachkommen nur über diese Zellen weitergegeben wurden. Ausgetragen wurden die Nachkommen von gesunden Leihmüttern. Dadurch konnten die Wissenschaftler zusätzliche Faktoren wie beispielsweise Verhaltensweisen der Eltern und Einflüsse der Mutter während der Schwangerschaft und des Säugens ausschließen.

Mögliche Erklärung für rasante Ausbreitung von Diabetes weltweit

„Es zeigte sich, dass sowohl Eizellen als auch Spermien epigenetische Information weitergeben, die insbesondere bei den weiblichen Nachkommen zu einer starken Fettleibigkeit führten“, erläutert Prof. Johannes Beckers, Leiter der Studie. Bei den männlichen Nachkommen hingegen war der Blutzuckerspiegel stärker betroffen als bei den weiblichen Geschwistern. Die Daten zeigen außerdem, dass – wie beim Menschen auch – der mütterliche Beitrag zur Veränderung des Stoffwechsels bei den Nachkommen größer ist, als der des Vaters. „Diese Art der epigenetischen Vererbung einer durch Fehlernährung erworbenen Stoffwechselstörung könnte eine weitere wichtige Ursache für den weltweiten dramatischen Anstieg der Diabetes-Prävalenz seit der 1960er Jahre sein“, betont Prof. Martin Hrabě de Angelis, Initiator der Studie. Der weltweit beobachtete Anstieg an Diabetikern lässt sich durch die Veränderung der Gene selbst nämlich kaum erklären – dazu schreitet der Anstieg zu schnell voran. Da epigenetische Vererbung im Gegensatz zur genetischen Vererbung prinzipiell reversibel ist, ergeben sich aus diesen Beobachtungen neue Möglichkeiten, die Entstehung von Adipositas und Diabetes zu beeinflussen, so die Wissenschaftler.

Sowohl Jean-Baptiste Lamarck als auch Charles Darwin schlossen in ihren Theorien zur Vererbung und Evolution explizit die Möglichkeit ein, dass Eigenschaften und Merkmale, die Eltern während ihres Lebens durch Interaktion mit ihrer Umwelt erwerben, an ihre Nachkommen weitergegeben werden könnten. Erst in der Neo-Darwinistischen „Synthetischen Theorie der Evolution“, welche die Theorien der Selektion von Darwin und der Genetik von Gregor Mendel verbindet, wurde die Vererbung erworbener Eigenschaften abgelehnt. „Aus Sicht der Grundlagenforschung liegt die Bedeutung der Arbeit daher insbesondere darin, dass hier zum ersten Mal nachgewiesen wurde, dass eine erworbene Stoffwechselstörung über Oozyten und Spermien an die Nachkommen epigenetisch vererbt werden kann – ähnlich den Vorstellungen von Lamarck und Darwin“, kommentiert Beckers.

Originalpublikation:

Epigenetic germline inheritance of diet induced obesity and insulin resistance
Peter Huypens et al.; Nature Genetics, doi:10.1038/ng.3527; 2016

22 Wertungen (4.32 ø)

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19 Kommentare:

Dr. rer. nat. Susanne Lang-Fugmann
Dr. rer. nat. Susanne Lang-Fugmann

Fette Ernährung erzeugt Diabetes??? Hier ist wohl eher der Zucker Schuld. Was soll denn sonst das Low-Carb-Ernährungskonzept oder ketogene Ernährung?

#19 |
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Chirurg
Chirurg

@Silke Schuster und mit Ihrem “übrigens” in #14 liegen Sie ebenfalls total daneben. Wenn Sie sich hierzu öffentlich äußern, abgesehen davon, dass das hier auf doccheck schon Thema war, sollten Sie vorher wenigstens mal googeln z.B. unter “Neolithische Revolution”.
“Die Skelettfunde aus dem Neolithikum belegen, dass die Körpergröße der Menschen in dieser Phase deutlich abnahm, was Rückschlüsse auf ihren Ernährungsstatus zulässt (Nutritional Anthropologie). Die Lebenserwartung sank deutlich im Vergleich zum Paläolithikum.”
Das ist nichts neues, da die Zusammensetzung der Ernährung auch im Altertum und Mittelalter Gesundheit, Körpergröße und Lebenserwartung beeinflusst hat.
Schlicht ein Bildungsmangel für einen Doktor.
Wenn Sie also eine stark Übergewichtigen ohne Operation zu deutlichen Gewichtsabnahme führen wollen, was natürlich immer zuerst versucht werden muss, geht das nicht ohne solche Kenntnisse (Nahrungszusammensetzung).
Gern geschehen,
Schönen Sonntag

#18 |
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Chirurg
Chirurg

#13 Silke Schuster, Ihr erneuter Kommentar, egal wieviel Daumen hier gegeben werden, zeigt deutlich, dass Sie noch keinen einzigen solchen Patient gesehen haben, das sollten Sie wenigstens zugeben.
Die Stark-Übergewichtigen haben alle zwei “Schwächen”:
1) Sie essen zu schnell
2) Sie hören nicht auf, wenn sie einmal essen, offensichtlich fehlt hier das Sättigungsgefühl.
(Trotzdem können sie länger hungern als ein Schlanker!)
Nach der Operation haben sie alle ein sehr hohes Sättigungsgefühl, auch wenn Sie sich das offenbar nicht vorstellen können. Das wird durchaus NICHT als unangenehm geschildert, im Gegenteil. Er ist immer sehr überrasch darüber.
Das macht schlicht die Wandspannung des (zu) kleinen Magens.
Es gib da übrigens genaue Untersuchungen aus Schweden, wo man das “adjustable band” entwickelt hat (ich halte nicht so viel von Magenband),
mit dem man das Restreservoir des Magens noch nach der Op verändern kann,
und die zeigen, 1) dass der Patient immer genau so viel isst, wie die Größe des Restmagens das zulässt und
2) dass die Angaben des Patienten selbst über seine eigene Nahrungsmenge nie stimmen.

Wer hier neben der Gewichtsabnahme,
das Verschwinden von Diabetes und Hypertonie ganz ohne Medikamente einmal erlebt hat,
der kann nur den Kopf schütteln über die dumme AOK, die das blockiert.

#17 |
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Bürgerin Marina Bausmer
Bürgerin Marina Bausmer

Veranlagung kommt auch aus dem Erbgut das durch die Lebensweise der Vorfahren gesammelt und gejagt wurde und auch dem Erbgut der Gesammelten Produkte und der gejagten Beute , der Pflanzen und Tiere. Zudem kommt auch das gegenwärtige zum Tragen zusammen ist also alles im Zusammenhang zu sehen.-

#16 |
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Ärztin

# 10
Wenn Sie solche Patienten kennen, wissen Sie dass ich Recht habe und keinen Unsinn erzähle.

#15 |
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Ärztin

Übrigens wurden die Jäger und Sammler ebenso wie später die sesshaften Bauern selten älter als 30 Jahre alt. Da geht es uns heute selbst mit Adipositas, Diabetes und Herzinfarkt doch besser.

#14 |
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Ärztin

Jetzt wird es unqualifiziert ! Anonyme “Ärzte“ und “Gäste“ sollten versuchen sich nicht selbst zu widersprechen wenn sie widersprechen.
Und wer das Unvermögen mehr als drei EL Nahrung zu sich zu nehmen als erstrebenswertes normales Essverhalten bezeichnet und Sättigung unterstellt (statt Übelkeit) sollte das einfach selbst ausprobieren.
Bariatrische Operationen mögen derzeit die Lösung gegen morbide Adipositas sein, aber Heilung ist das nicht! Hier wird der “Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben“.

#13 |
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Gast
Gast

Danke #10 und#11, das ist auch der Grund, warum Schlanke kein Verständnis für Dicke haben.

#12 |
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Arzt
Arzt

Natürlich gibt es diese “dicken Familien”,
aber auch das Gegenteil nämlich wirklich schlanke Kinder von normalgewichtigen Müttern bis zur Pupertät, danach geht es erst los
und auch dicke Mütter, die dauerhaft schlanke Kinder bis zum Erwachsenenalter haben.
Was wir “essen” ist ja alles andere als “genetisch” bestimmt, sondern “kulturell”.
Kochen ist alles andere als angeboren. Für mich übrigens eine hohe Kunst.
Die “Jäger und Sammler” waren bekanntlich gesünder, größer und lebten länger als ihre sesshaften Nachfahren (neolithische Revolution). Ihre Fähigkeit große Mahlzeiten zu vertilgen und (damit) dann länger hungern zu können, zeichnet auch die heutigen Übergewichtigen aus. Nur der (moderne) Naturschlanke kann das nicht, der dreht eher durch, wenn er nicht regelmäßig essen kann.
Wenn man also die Op vermeiden will, muss man (unter anderem) diese Fähigkeit wieder einsetzen, SELTENER zu essen, was die Schlanken gar nicht können.
Nur sagen leider die unwissenden Psychologen, die alles besser wissen, das Gegenteil.

#11 |
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Arzt
Arzt

@Silke Schuster, bei dem Unsinn den Sie (und andere) hier über die Operation von sich geben, muss man vermuten, dass keinen einzigen operierten Patient gesehen haben.
Der erste Effekt ist, dass diese Patienten schon nach zwei oder drei Löffel satt sind und aufhören zu essen.
Das “Essverhalten” ändert sich also RADIKAL!

#10 |
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Gast
Gast

An den Kommentaren kann man die immer noch massiven Vorbehalte gegen bariatrische Chirurgie bewundern.
Für viele die einzige Lösung gerade wenn man hier genetische Faktoren behauptet.

#9 |
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Weitere medizinische Berufe

@ #7: Da ja die Mäuse von “Leihmüttern” ausgetragen wurden, kann das Mikrobiom in diesem Fall wohl nicht ausschlaggebend sein.
@ #1: bariatrische Operationen sind wirklich nur der Weisheit letzter Schluss; das eigentliche Essverhalten ändert sich kaum.

#8 |
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Mitarbeiter Industrie

Vielleicht ändert sich garnicht (nur) das Erbgut sondern (auch) die “Beimpfung” des Nachwuchses mit dem entsprechenden Mikrobiom was dann fortan wiederum das Ernährungsverhalten (mit) bestimmt ? (Einfluß der Darmflora auf die Psyche mit Studien-Referenzen z.B. http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=57551) Ein Zusammenhang zwischen Mikrobiom und Diabetes 2 wird ja derzeit intensiv erforscht….

#7 |
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@#1: Das kann doch kaum der Weisheit letzter Schluss sein, oder? Mal abgesehen davon, dass eine Diskussion darüber, wie wir den BMI der Nation wiederherstellen könnten, nicht zum Thema des Artikels passt – sollten vor den Chirurgen nicht eher Aktivisten wie Dr. David Kessler zu Wort kommen? http://www.amazon.com/David-Kessler/e/B001KDRTTG (kein Affiliate-Link!)

#6 |
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Ich frage mich, wie lange jemand schlank gewesen sein muss, damit die epigenetische Veränderung rückgängig gemacht wird – falls überhaupt?

#5 |
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Ärztin

Hinterfragt man diese Ernährungsweise erschließt sich schnell weshalb der Diabetes so schnell verschwindet.
Auf der anderen Seite ist es für eine bariatrisch operierte Frau umso problematischer ein Kind nicht mangelernährt auszutragen, was den Erfolg für die nächste Generation fragwürdig erscheinen lässt. Da die epigenetischen und genetischen Informationen von beiden Elternteilen vererbt werden, werden selbst bei bariatrisch verschlankten Eltern deren Kinder auf lange Sicht ohne entsprechende Maßnahmen (Ernährung und Bewegung) nicht schlank bleiben/werden.

#4 |
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Ärztin

#1 Bariatrische Operationen führen oft zum Verschwinden von Diabetes, sogar lange bevor eine Gewichtsreduktion eintritt. Mitnichten “normalisiert“ sich das Essverhalten dieser bedauernswerten Menschen. Sie sind auch postoperativ lebenslang ! extremen Diätvorschriften unterworfen (Gefahr von lebensgefährlichen Dumping-Syndromen). Ein großes Problem ist Mangelernährung zu verhindern.

#3 |
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Ärztin

Der Artikel zeigt nur, dass Genetik und Umweltbedingungen zusammen wirken und dass die Betroffenen selbst am wenigsten Einfluss auf ihren Zustand haben. Die um 1960 Geborenen haben Eltern,die in der Nachkriegszeit zunächst mit Hunger groß geworden sind und dann das Wirtschaftswunder mit üppigem Nahrungsangebot erlebten. Sowohl für Hunger als auch für Überernährung existieren Epigenetikstudien die Fettleibigkeit in der Folgegeneration beobachten.

#2 |
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Ein Grund mehr, frühzeitig bariatrische Operationen durchzuführen. Damit normalisiert sich das Eßverhalten und kann nicht auf die Nachkommem weitergegeben werden. Interessanter Artikel.

#1 |
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