Arzt-Performance: Weiße Kittel in der Mangel

7. April 2016
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Der Konzern 3M veröffentlicht ein neues Softwarepaket für Krankenhäuser. Darin geht es nicht nur um Qualitätsindikatoren. Vielmehr haben Chefs die Möglichkeit, Leistungen von Ärzten zu vergleichen. Bereits heute sind die Folgen des wachsenden Drucks unübersehbar.

Beim Kongress der Healthcare Information and Management Systems Society (HIMSS) in Las Vegas stellten Größen der Branche ihre Innovationen vor. Von 3M kam eine neue Version der 360 Encompass Health Analytics Suite. Das „Physicians Compare“-Modul bringt einige Funktionen zum Qualitätsmanagement mit, um vermeidbare Risiken zu identifizieren. Dazu gehören beispielsweise Komplikationen, die aufgrund von Behandlungen aufgetreten sind, aber auch vermeidbare Notfalltherapien. Leistung und Effizienz von Ärzten bestimmen die Tools ebenfalls, gemessen an einer Vergleichsgruppe („Peer“). Hier geht es auch um die Frage, welche Ressourcen Mediziner einsetzen und wie sich ihre Performance noch steigern lässt. Weitere Pakete, nämlich „State Compare“ und „Patient Compare“, vergleichen Qualitätsindikatoren beziehungsweise Kosten aus Patientensicht mit Standards der Branche. Bleibt zu befürchten, dass der administrative Druck auf Kollegen in der Klinik weiter wachsen wird.

Viel Wirbel um Fehler

Zum Hintergrund ein paar Zahlen aus Deutschland – früher oder später werden Ärzte auch bei uns mit US-Tools zu kämpfen haben. Wie der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) berichtet, gingen Gutachter in 2014 genau 14.663 vermeintlichen Behandlungsfehlern nach. Ein Jahr zuvor waren es noch 14.585. Sie bestätigten 3.796 Fälle (2013: 3.687). Knapp zwei Drittel der Vorwürfe betrafen Behandlungen in Krankenhäusern, ein Drittel richtete sich gegen niedergelassene Kollegen. Die meisten Verdachtsmomente bezogen sich auf chirurgische Eingriffe. In der aktuellen Statistik standen 7.845 Fälle in direktem Zusammenhang mit OPs. Ein Behandlungsfehler wurde in 24,3 Prozent aller untersuchten Ereignisse gutachterlich festgestellt.

Ob Software einzig und allein zu mehr Sicherheit führt, ist fraglich. „Wenn zum Beispiel bei Operationen immer eine standardisierte OP-Checkliste genutzt wird, dann kann einfach verhindert werden, dass offensichtliche Probleme und bekannte Risiken im Einzelfall übersehen werden“, sagt Privatdozent Dr. Max Skorning, Leiter Patientensicherheit beim MDS. „Besteht eine solche Routine nicht, dann liegt es nahe, dass doch folgenschwere Fehler aufgrund von Verwechslungen oder Missverständnissen geschehen können.“ Er verweist auf Analysen sogenannter „Never Events“, also folgenschwerer, aber vermeidbarer Irrtümer.

Spirale abwärts

Jenseits digitaler Maßnahmen zur Qualitätssicherung befürchten US-Kollegen, dass neue Module von 3M den Druck im klinischen Alltag weiter erhöhen. Bereits heute sind die Folgen steigender Belastungen kaum zu übersehen. Besonders hart trifft es angehende Mediziner während ihrer Ausbildung, schreibt Douglas A. Mata von der Harvard Medical School, Boston [Paywall]. Zusammen mit Kollegen hat er eine Metaanalyse mit 54 Studien und 17.560 Nachwuchsärzten veröffentlicht. Zwar sind die mit einbezogenen Arbeiten hinsichtlich ihrer Methodik nicht unbedingt vergleichbar. Manche Forscher zogen den Fragebogen PHQ-9 (Patient Health Questionnaire) heran, andere verwendeten PRIME-MD (Primary Care Evaluation of Mental Disorders). Trotzdem zeigt sich ein erschreckendes Bild. Mata zufolge lag die geschätzte Prävalenz depressiver Symptome bei 20,9 Prozent (PHQ-9) bis 43,2 Prozent (PRIME-MD). In einem Editorial stellt Thomas Schwenk von der University of Nevada School of Medicine, Reno, Zusammenhänge zwischen depressiven Erkrankungen und Fehlern im Arbeitsalltag her. Auch die Pflege leidet unter dauerhaft überlasteten Fachkräften.

Organisieren statt einsparen

Seit Jahren bauen zahlreiche Kliniken trotz des steigenden Bedarfs an Pflegekräften Stellen in diesem Bereich ab. „Die Folge ist, neben der Erhöhung qualitativer und quantitativer Anforderungen, eine steigende Arbeitsbelastung für das Pflegepersonal“, heißt es von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Experten führen Fehlbeanspruchungen beim Pflegepersonal hauptsächlich auf arbeitsorganisatorische Aspekte zurück. Sie kritisieren, es gebe bei uns keine geeigneten Instrumente, um Gegebenheiten in der stationären Krankenpflege zu erfassen. „Dementsprechend erscheint es erforderlich, ein auf die deutschen Verhältnisse angepasstes Verfahren zu entwickeln und in Bezug auf Validitäts- und Reliabilitätskriterien zu überprüfen“, heißt es weiter. Grund genug für die BAuA, ein kriteriengeleitetes Bewertungs- und Gestaltungsverfahren zu entwickeln. Ihr Tool wurde anschließend auf 45 Pflegestationen, in zwei OP-Bereichen und einem Anästhesiebereich evaluiert. Dabei konnten die Forscher wenig überraschend Schwächen bei der Organisation feststellen. Setzen Führungskräfte hier an, gelingt es, Ressourcen freizusetzen, ohne den Druck auf Mitarbeiter weiter zu erhöhen.

69 Wertungen (4.22 ø)

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19 Kommentare:

Gast
Gast

Der Arzt soll auch keine Performance machen, wo kommen wir denn da hin,
der soll Patienten behandeln und wenn er Probleme hat, den Oberarzt fragen.

#19 |
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Gast
Gast

Gilt auch für manche “Medizinjournalisten”

#18 |
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Gast
Gast

@Dieter Nitruk, die Defizite liegen immer bei den Gesundheitsökonomen, das ist das eigentliche Problem.

#17 |
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Laßt doch gleich die ganze Medizin von Computerprogrammen und Robotern machen, am besten auch die Pflege. Dann braucht der Götze Mammon sogar die Chefärzte nicht mehr, sondern nun noch Betriebswirte und Programmierer. Denen gönne ich von Herzen, dass sie bei Krankheit von ihrem eigenen System behandelt (und gefressen) werden.

#16 |
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Andreas Ekkert
Andreas Ekkert

Und weniger Bürokratie bei verschiedene Anerkennungen! Fehlen Ärzte und andere Spezialisten?? Warum SO VIELE hochqualifizierte Profi aus Russlanddeusche haben KEINE Möglichkeit seine Diplome zu anerkennen??Nur einzige…

#15 |
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Marcus Nabholz
Marcus Nabholz

Wir brauchen keine Tools, wir brauchen genügend qualifiziertes Personal. Das ist volkswirtschaftlich billiger als menschenverachtende Computersoftware!

#14 |
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Prof. Dr. med. Andreas Gerstner
Prof. Dr. med. Andreas Gerstner

Sehr passend ist im Zusammenhang mit diesem Beitrag und der Diskussion dazu (insbesondere die erste Bemerkung) der Kommentar von Frau Hibbeler zu den sog. “Gesundheitskongressen” im aktuellen Deutschen Ärzteblatt. Sehr lesenswert.

#13 |
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Ingrid Fanta
Ingrid Fanta

Die Crux ist die “Durchökonomisierung” des Gesundheitswesens, wo die “Soft-Skills” nur noch der Profitgier im Wege stehen. Die ärztliche Kunst zählt nichts, die pflegende Zuwendung lässt sich nicht ummünzen. Es hilft nur: gesund bleiben!

#12 |
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Gast
Gast

” Eine Steigerung von Leistungsfähigkeit und Liebesfähigkeit ist nach meinen jahrzehntelangen Erfahrungen nicht miteinander vereinbar ” ( Wolfgang Schmidbauer, einer der bekannten deutschen Psychologen, Therapeuten und Autoren ). Was folgt ?

#11 |
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Student der Humanmedizin

Interessant ist die Priorisierung: Erst muss ein Tool her, dass Gegebenheiten erfasst, dann werden diese angepasst – obwohl wie beschrieben und durch Studien angezeigt Mangel und gesundheitliche Auswirkungen auf das Personal – uns – bekannt sind.
Da die Lösung aber mehr Personal (ebenfalls durch Studien nachgewiesen: Korrelation zwischen Pflegeschlüssel und Mortalität) und mehr Kosten heißen würde, lassen wir lieber erst mal Tools entwickeln, die dann für teures Geld implementiert werden – das nenne ich mal eine fette Portion schwarzen Humor..

#10 |
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Eine Lachnummer
Man muss eine auf die deutschen Verhältnisse angepasstes Verfahren
entwickeln in Bezug auf Validitäts- und Reliabilitätskriterien.
Jeder weiss im Gesundheitssystem woran es krankt.
Überbürokratisierung , chronischer Geldmangel, personelle Unterbesetzung,
Missmanagement,Inkompetenz ……..

#9 |
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Solange es Medizinökonomen gibt, die solche Sachen wie Sie als Quintessenz schreiben, wird die ärztliche Kunst weiter in den Dreck geritten. Haben Sie denn gar nichts verstanden?

#8 |
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Solange es Medizinökonomen gibt, die solche Sachen wie Sie als Quintessenz schreiben, wird die ärztliche Kunst weiter in den Dreck geritten. Haben Sie denn gar nichts verstanden!

#7 |
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Gast
Gast

Es liest sich sehr erbauend, wenn Führungskräfte ansetzen, wenn Personal motiviert und verplant wird und Ressourcen freigesetzt werden.

#6 |
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Prof.Dr.Dr. Reichardt MP MD
Prof.Dr.Dr. Reichardt MP MD

Ja das Ende der Welt wird sicher nicht sich so vollziehen wir uns die Märchenonkel´s es versucht haben bei zu bringen.
Was noch muss ein Arzt mit guter Ausbildung und Weiterbildung, Ethischem verhalten über sich ergehen lassen?
Sicher gibt es Menschen die diesen Beruf (es sollte eigentlich eine Berufung sein) um des Jobs ausüben
Wenn nicht wir, wer dann soll „Risiko „ Patienten und sogenannte Unwirtschaftliche Patienten beistehen versorgen, behandeln.

#5 |
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Immer häufiger wird mir klar : Das Ende der Welt wird ganz anders aussehen, als es mir einst als 10-jähriger im Reli-Unterricht vorgegaukelt wurde. Aber wahrscheinlich nicht besser, höchstens schlimmer.

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Dr.med dent André Robert Thomar
Dr.med dent André Robert Thomar

Ich denke die Einführung derartiger Software wird zu etwas anderem führen was gar keiner diskutiert. diE Ärzte werden versuchen Risiko Patienten anderen kollegen aufzudrücken um selber nicht schlecht in der Statistik darzustehen, Risiko patienten werden es immer schwerer haben Ärzte zu finden. Ethisch einwandfreie Ärzte die alle bereit sind zubehandeln werden trotz guter Leistungen schlecht in der Statistik darstehen. Immer mehr Ärzte werden risikoärmere Behandlungsmethoden wählen, auch wenn das Ergebnis schlechter ist.

#3 |
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Medizininformatiker

Die Einführung einer solchen Software ist gem. § 87 Abs. 1 Punkt 6 Betriebsverfassungsgesetz mitbestimmungspflichtig durch den Betriebsrat.

Das schließt die Einführung zwar nicht aus, macht sie aber schwerer und mit einer passenden Betriebsvereinbarung lässt sich das, was letztendlich ausgewertet wird, steuern.

#2 |
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solange Ärzte noch denken sie müssten alles können, und nicht offen zugeben wo ihre Defizite liegen, wird sich an den momentanen Zuständen wenig bis nichts ändern.Die moentane Praxis ist doch dahingehend, je teurer um so wichtiger.

#1 |
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