AML: Böses Blut in der Nische

24. März 2016
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Guido Westerwelle ist tot. Der frühere Außenminister und FDP-Chef litt seit Mitte 2014 an einer akuten myeloischen Leukämie (AML). Was bleibt, ist die Hoffnung auf Fortschritte in Diagnostik und Therapie. Ein Blick in die Pipeline.

Fast zwei Jahre nachdem Ärzte zufällig eine akute myeloische Leukämie (AML) bei Guido Westerwelle (54) entdeckt hatten, ist der frühere FDP-Spitzenpolitiker an den Folgen der Krankheit verstorben. Sein Schicksal ist kein Einzelfall. Jahr für Jahr erkranken mehr als 11.400 Menschen an unterschiedlichen Leukämien, berichtet die Deutschen Krebsgesellschaft. Darunter befinden sich 3.600 AML-Patienten. Sie erhalten laut Leitlinie eine Induktionstherapie und eine Postremissionstherapie. Primäres Ziel ist die komplette Remission. Treten Rezidive auf, bleiben allogene Stammzelltransplantationen. Was tut sich momentan in der Forschung?

Leukämiezellen und ihr Umfeld attackieren

Michael Fiegl aus München hat untersucht, welche Bedeutung Knochenmarksnischen beim Krankheitsprozess haben. In dieser Umgebung liegt der Sauerstoffgehalt bei lediglich einem Prozent – Luft enthält 21 Prozent des wichtigen Gases. Fiegl konnte zeigen, dass Leukämiezellen unter hypoxischen Bedingungen weniger empfindlich auf Chemotherapien reagieren. Im Gegensatz zu normalen Blutstammzellen schütten sie vermehrt IL-8 aus, was sich durch einen niedrigen Sauerstoff-Partialdruck noch verstärkt. Dieser Botenstoff zeigt keinerlei Wirkung auf  Leukämiezellen, lockt jedoch Stromazellen an. Tatsächlich wies Fiegl in Gewebeschnitten des Knochenmarks eine höhere Zahl an Stromazellen bei Leukämiepatienten nach, verglichen mit Gesunden. Es könnte Sinn machen, nicht nur Leukämiezellen selbst, sondern auch deren Umfeld zu attackieren. Doch das ist noch Zukunftsmusik.

Kleines Molekül, große Wirkung

Wesentlich weiter sind Wissenschaftler bei Midostaurin vorangekommen. Der Arzneistoff wirkt nicht nur als oraler FLT3-Kinase-Inhibitor. Er hemmt auch den Vascular Endothelial Growth Factor (VEGF), die Proteinkinase C, die Tyrosinkinase KIT und den Platelet-derived growth factor (PDGFR). Im Rahmen der industrienahen RATIFY-Studie wurden 717 Patienten mit AML und Mutationen im FLT3-Gen rekrutiert. Alle Teilnehmer hatten zuvor noch keine Therapie erhalten. Sie wurden mit Daunorubicin plus Cytarabin therapiert. Bei einer Remission folgten vier Zyklen Cytarabin. Im Verum-Arm setzen Ärzte bei Induktion und Konsolidierung auf orales Midostaurin, in der Kontrollgruppe auf Placebo. Allogene Stammzelltransplantationen waren generell möglich.

Beide Gruppen unterschieden sich hinsichtlich des primären Endpunkts überraschend stark voneinander. Nach 80 Monaten erfassten Onkologen ein Gesamtüberleben von 74,7 Monaten unter Midostaurin, verglichen mit 25,6 Monaten unter Placebo. Ähnlich deutlich war der Unterschied beim ereignisfreien Überleben (8,0 versus 3,6 Monate). Beim ASH-Kongress sprachen Onkologen von der „ersten genotypadaptierten AML-Therapie mit deutlichem Einfluss auf die Lebenszeit“. Da AML häufig polyklonal ist, wirken Multikinaseinhibitoren wie Midostaurin möglicherweise besser als Moleküle, die hoch spezifisch ein bestimmtes Enzym hemmen.

Risiken richtig eingeschätzt

Führen Chemotherapien nicht zum Ziel, bleiben Stammzelltransplantationen als Ultima Ratio. Sie sind generell mit hohen Risiken verbunden. Dazu gehören toxische Nebenwirkungen der myeloablativen Chemotherapie und der Bestrahlung, Infektionen, aber auch Graft-versus-Host-Reaktionen. Onkologen wünschen sich schon länger Möglichkeiten, um Patienten zu finden, die vom Therapieregime profitieren. Mit zytologischen Methoden gelang es ihnen bisher nur, eine kleine Hochrisikogruppe zu identifizieren.

Adam Ivey aus London berichtet jetzt von molekularbiologischen Markern, die auf besonders niedrige Risiken hindeuten. Zusammen mit Kollegen der AML Working Group am UK National Cancer Research Institute hat er 346 Menschen mit AML untersucht. Alle Teilnehmer hatten Anomalien im Nucleophosmin-Gen (NPM1). Ivey wies 27 verschiedene Mutationen nach, von denen sich 90 Prozent in drei Kategorien einordnen ließen: deutliche Pluspunkte für einen PCR-Test. Bei 15 Prozent aller Studienteilnehmer fand der Wissenschaftler typische NPM1-Mutationen nach zwei Chemotherapie-Zyklen. Er bewertet dies als Hinweis auf minimale Resterkrankungen (MRD, minimal residual diseases).

Beim Nachweis einer MRD entwickelten 82 Prozent innerhalb von drei Jahren Rezidive, und 25 Prozent waren noch am Leben. Ohne diesen Marker lag die Rezidivrate bei 30 Prozent und die Überlebensrate bei 75 Prozent. Hier könnte unter Berücksichtigung weiterer Risiken von einer Stammzelltransplantation abgesehen werden. Iveys Fazit: NPM1-Mutationen eignen sich als Marker zur Therapieentscheidung.

Wer spendet mit?

Jenseits neuer Strategien bleibt die Frage, wie viele Menschen tatsächlich zur Stammzellspende bereit sind. Außerhalb eigener Verwandter liegt die Wahrscheinlich bei eins zu 20.000 bis eins zu mehreren Millionen, dass HLA-Typen übereinstimmen. Guido Westerwelle ging deshalb mit seiner Erkrankung sehr offensiv um. Nachdem sein Buch „Zwischen zwei Leben“ erschienen war, folgten Auftritte im Fernsehen und Berichte in Online-Medien. Viele Menschen registrierten sich daraufhin bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS).

56 Wertungen (4.05 ø)
Medizin, Onkologie

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14 Kommentare:

Arzt
Arzt

zu#9 und#11 und auch für das fleißige doccheck
Es ist wirklich richtig, nur politisch unerwünscht, das Strahlung in nicht zu hoher Dosierung gesundheitsfördernd ist, das weiß man schon lange aus studierten Regionen mit sehr hoher natürlicher Strahlenbelastung, wie z.B. in Ramsar einem Kurort am kaspischen Mehr (Iran). Noch eindrucksvoller war eine unbeabsichtigte Kobalt-60 Bestrahlung in Taiwan, wäre mal ein Thema für doccheck bei ausreichender Zivilgourage.
“Effects of Cobalt-60 Exposure on Health of Taiwan Residents Suggest New Approach Needed in Radiation Protection
von W.L. Chena et.al.”
Die Strahlungsgrenze für die Evakuierung in Fukushima war über die 20km hinaus ein Bereich mit eine Strahlung mit einer Äquivalenzdosis von 20 Mikrosievert pro Stunde oder darüber, wie man als Interessierter leicht in der Presse lesen konnte. Das entspricht einer Jahresdosis von 8,76 mSv/a.
In Deutschland wird zwar vom Bundesamt für Strahlenschutz eine max. Exposition von 1 mSv/a empfohlen, auch wenn es in etlichen Orten wesentlich mehr natürliche Strahlung gibt bis zu 20mSv/Jahr im Schwarzwald und für Rö-Personal reichen diese 1mSv/natürlich nicht, deshalb dürfen die auch 20mSv/a erhalten. Es wird aber weder der Schwarzwald evakuiert, wo recht viele Krankenhäuser und Reha-Kliniken stehen (gesunde Luft) noch Krankenhäuser geschlossen. Bei der und wegen der Evakuierung in Fukushima starben etwa 1000 Menschen.
Wir werden von “Grünen Politikern” und schreienden Atomkraftgegnern an der Nase herumgeführt!

#14 |
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Manfred Kloep
Manfred Kloep

Hier wird von niemandem die psychische Situation des Herrn Westerwelle aufgezeigt. Trotz schwerer Wahlniederlagen ( FDP seit 2013 nicht mehr im Bundestag vertreten) übte Herr Westerwelle sein Amt als Außenminister aus. Es ist sicherlich nachvollziehbar, dass in dieser Situation das Selbstwertgefühl des Herrn Westerwelle mehr als nur geknickt war. Hiermit beende i c h diesen Kommentar und überlasse es Ihren Spekulationen, diesen fortzuführen.

#13 |
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Arzt
Arzt

zu#11 auch Strahlenfeteschist?
Nach dem Bundesamt für Strahlenschutz müsste eigentlich der Schwarzwald evakuiert werden (mehr als in Fukushima).
Ein Krankenhaus mit so einer Strahlenbelastung würde jedenfalls geschlossen.
Nur ist die Lebenserwartung im Schwarzwald höher nicht nicht niedriger.
Merke:
“Strahlenschutz” ist ein Politikum wie die Atombombe.
Die dürfen nur die “Guten” haben,
wir gehören nicht dazu.

#12 |
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Gast
Gast

zu Kommentar 3:verfolgen sie die Seite des Bundesamtes für Strahlenschutz mit den da zu findenden Tabellen.Machen sie sich jährlich einen Ausdruck,dann sehen sie ,was gemeint ist. Es gibt zu unser aller Schutz 1800 Meßstellen deren Ergebnisse sich jeder anschauen kann.

#11 |
  3
Gast
Gast

@Dr. med. Martin Lorenz jetzt machen Sie Ihren guten Eindruck von #2 wieder ganz kaputt.
Haben denn nun die Menschen in Bayern oder im Schwarzwald (hohe Bodenstrahlung) eine höhere Krebsrate als in Norddeutschland (sehr niedrige Strahlung)? Müssten Sie als Arzt doch wissen.
Oder wie st es mit Röntgenpersonal, oder Kernkraftwerk-Mitarbeiter, oder mit der Besatzung von Atom-Ubooten oder -Flugzeugträgern? Die Piloten und Bergbewohner können Sie gleich mitnehmen,
ja und da gibt es sogar viele Menschen weltweit, auch in Deutschland die machen Radon-Heikuren!
Na klar die Politiker wollen das nicht hören, aber sie sind doch Arzt und nicht Politiker.

#10 |
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@ #4:
ob niedrig dosierte Strahlung vor Krebs “schützt”, muß man wohl heftig dementieren. Es gib Ansätze, ob diese im Rahmen der Evolution zu positiven Mutationen Anlass gegeben hat, aber mir ist keine Strahlung bekannt, die vor Krebs “schützt”. Diese Theorie halte ich für ….

@ Prof. Kolb:
Wir in der Allgemeinbevölkerung wissen ja nichts über die Krankengeschichte von Herrn Westerwelle. Nichts desto trotz interessiert mich wissenschaftlich, ob es nach Ihrer Einschätzung eher ein Rezidiv oder eine heftige GvH-Reaktion war.

#9 |
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Die Stammzelltransplantation als “ultima ratio” ist sicher ein schlechter Rat, da sie dann auch die schwersten Nebenwirkungen hat. Bei der Behandlung nicht-maligner Bluterkrankungen (aplastiche Anämie, Thalassämie, Sichelzellanämie) hat sie mehr als 90% Heilungsrate. Bei Leukämie sind die Ergebnisse schlechter, bei rechtzeitiger Transplantation zwischen 60 und 90%, bei fortgeschrittenen Formen ist die Transplantation oft die einzige Therapie mit Heilungsaussichten. Der bedauerliche Verlauf bei Herrn Westerwelle zeigt aber auch, dass noch intensive Forschung notwendig ist, um diese effektive Therapie risikoärmer zu ma chen. Leider gibt es kein Interesse der Industrie dafür.
HJK

#8 |
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Leider ist noch ein Versuch notwendig:
Signifikanz p kleiner 0,05
Quelle: “Toxoplasmosis – a global threat.”
In meinem persönlichen Umfeld finden sich in den letzten drei Jahren vier Fälle von Leukämien. Aufgrund der Lebensumstände kann davon ausgegangen werden, dass in allen Fällen zuvor eine latente Toxoplasmose, vermutlich aus mehreren Kontakten zu dem Keim vorgelegen hat. Es ist möglich, dass die Infektionen mit Toxoplasma gondii vor Ausbruch der Krankheit nicht Jahre zurückgelegen hat. Um welche Form der Leukämie es dabei geht, ist aus der Studie nicht ersichtlich und ist mir in den mir bekannten Fällen auch nicht in allen Fällen bekannt geworden.
Ich hinterfrage dies u.a. auch, weil meine eignen Beobachtungen erheblich über die oben herausgelöste Frage nach der Leukämie hinausgehen und in Übereinstimmung mit den Ergebnissen dieser Studie stehen.

#7 |
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Ein wichtiger Teil des Textes wurde leider abgeschnitten und ich finde so keine Korrekturmöglichkeit:
Signifikanz p

#6 |
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Im Rahmen dieser Diskussion kann ich vielleicht eine kleine Beobachtung beisteuern, die ich – auch trotz der kleine Zahl – für Wert halte, aufgrund der Ausschließlichkeit und Übereinstimmung mit einer Studie aus 2014 dahingehend zu hinterfragen, ob ähnliche Wahrnehmungen aufgefallen sind.
Ich beobachte schon seit einigen Jahren die Forschung zu Toxoplasmose einerseits und Leukämie andererseits.
In der oben erwähnten Studie finden sich im Zusammenhang mit einer Prävalenz für Toxoplasmose folgende „p“-Werte für Europa, die aus WHO-Daten ermittelt worden sind:
Kendal Correlation: Mortality 0,0230, DALY 0,0268
GDP-Correlation: Mortality 0,0898, DALY 0,0168
Signifikanz p

#5 |
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Gast
Gast

Niedrig dosierte Strahlung schützt vor Krebs!
Das zeigen alle Untersuchungen, ist nur politisch nicht erwünscht.

#4 |
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Klaus-Peter Karmann
Klaus-Peter Karmann

@ 1: Welche Strahlung ist denn mit der “immer stärker werdenden Hintergrundstrahlung” gemeint?

#3 |
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Als Pilot oder Flugbegleiter ist man noch ein größerer Vielflieger als ein Außenminister.
Als Astronaut ist man viel höheren Dosen als o.g. Personal ausgesetzt.
Man muß hier über Wahrscheinlichkeiten reden. Mir ist nicht bekannt, daß Piloten überdurchschnittlich viele Leukämien oder andere Malignome entwickeln als die “Normalbevölkerung”. Ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der Nähe zu KKW bei Kindern, wird heiß diskutiert, aber Kinder sind auch viel strahlenempfindlicher als Erwachsene, zudem wissen wir nicht, was da manchmal “aus dem Schornstein” kommt, was gar nicht gemeldet wird.
Zusammenfassend kann man sagen, daß mit 3,5 Neuerkrankungen / 100.000 Erwachsenen weder eine Umwelt-, noch eine Flugursache wahrscheinlich erscheint. Die o.g. Inzidenz lässt also rund 2.800 Fälle von AML in Deutschland erwarten, das entspräche bei 40.000 Beschäftigten im fliegenden Personal rund 1,75 Erkrankungen. Viel mehr dürften es dann nicht sein, sonst wäre es signifikant.

#2 |
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Gast
Gast

gerade als Aussenminister ist man ein Vielflieger.Kann es vielleicht sein,dass da die kosmische Strahlung,die man dabei abbekommt,ein Grund für diese Erkrankung sein könnte?Einer schaffts und der andere wird krank davon.
Es ist eine sehr traurige Geschichte und keiner ist gefeit davor so etwas mal zu bekommen. Was hat es mit dem radioaktiven Tritium auf sich,welches in die Atmosphäre gelassen wird in diesem Zusammenhang?Und mit der immer stärker werdenden Hintergrundstrahlung?

#1 |
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