Niereninsuffizienz: Dosierungsprobleme im Heim

23. März 2016
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Eine Studie mit 852 Pflegeheimbewohnern zeigt, dass jeder fünfte Pflegeheimbewohner Medikamente erhält, deren Dosis nicht an seine Nierenfunktion angepasst ist oder von denen etwa wegen einer – häufig altersbedingten – Nierenschwäche sogar abzuraten wäre.

Die Niere hat im Körper nicht nur die Aufgabe, überflüssiges Wasser auszuscheiden, sondern auch Medikamente oder deren Abbauprodukte. Viele Pflegeheimbewohner erhalten gleich mehrere Dauermedikamente, von denen bei Nierenschwäche entweder gänzlich abzuraten oder deren Dosis zumindest an die Nierenfunktion anzupassen ist – eigentlich.

Knapp ein Drittel mit zu hoch dosierten Medikamenten

Das interdisziplinäre Forscherteam um den Oldenburger Versorgungsforscher Prof. Dr. Falk Hoffmann stellte fest, dass offenbar nicht bei allen Pflegeheimbewohnern die Nierenfunktion bekannt, geschweige denn der maßgebliche Wert des Stoffwechselprodukts Kreatinin regelmäßig bestimmt worden ist. „Wünschenswert wäre eine mindestens jährliche Erhebung des Kreatininwerts, der dann allen an der Versorgung Beteiligten zur Verfügung stehen sollte“, betont Hoffmann.

Erkenntnisse zur Nierenfunktion lagen den Forschern zu 685 der in der Studie insgesamt berücksichtigten 852 Pflegeheimbewohner vor. Von diesen 685 litt fast die Hälfte an einer mittelgradigen, weitere 15 Prozent sogar an einer hochgradigen Niereninsuffizienz. 135 Bewohner erhielten mindestens ein Arzneimittel, das gemäß der dazugehörigen Fachinformation nicht der Nierenfunktion entsprechend dosiert oder kontraindiziert war. Eine Kontraindikation ist eine Gegenanzeige, also ein Umstand, der die Gabe eines bestimmten Medikaments im Grunde verbietet. Bezogen auf diejenigen Patienten mit bekannter Nierenschwäche entsprechen die 135 Betroffenen mit zu hoch dosierten oder kontraindizierten Medikamenten sogar einem Anteil von gut 30 Prozent.

Problem mit der Arzneimitteltherapiesicherheit

„Die Dosis hängt bei vielen Arzneistoffen von der Nierenfunktion ab“, erläutert der Apotheker Dr. Michael Dörks, einer der Ko-Autoren des Beitrags. „Die Niere hilft, Medikamente wieder auszuscheiden. Wenn sie nicht mehr richtig funktioniert, bleibt der Arzneistoff unter Umständen länger im Körper.“ Die übliche Wirkstoffmenge bedeute in dem Fall eine Überdosierung. Daraus können schwere Nebenwirkungen resultieren, die auch eine Einweisung ins Krankenhaus nach sich ziehen können.

Dass diesem Risiko jeder fünfte Pflegeheimbewohner ausgesetzt war, hat Hoffmann nicht überrascht. „Immerhin 90 Prozent der Bewohner in unserer Studie erhielten Medikamente, die bei Niereninsuffizienz in der Dosis anzupassen oder sogar kontraindiziert sind“, so Hoffmann. Neben einer jährlichen Ermittlung der Nierenfunktion von Pflegeheimbewohnern mahnen die Autoren eine einheitliche und praktikable Handreichung für Ärzte an, die Dosisanpassungen bei Nierenschwäche auflistet. Das Fehlen einer solchen systematischen Aufbereitung für den ärztlichen Alltag bedeute „ein erhebliches Problem der Arzneimitteltherapiesicherheit“. Hier seien die Hersteller und die regulierenden Behörden gefragt.

Originalpublikation:

Renal Insufficiency and Medication in Nursing Home Residents
Falk Hoffmann et al.; Deutsches Ärzteblatt, doi: 10.3238/arztebl.2016.0092; 2016

29 Wertungen (4.79 ø)

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6 Kommentare:

Dipl.oec-troph.J.Ritschel
Dipl.oec-troph.J.Ritschel

“fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker”.. .im Fachbuch/C.Küpper/Ernährung älterer Menschen S.64 lese ich: >..das Nierengewebe nimmt beim gesunden Menschen vom 30.bis zum 70./80. Lebensjahr um ca. ein Drittel des Maximalgewichtes ab, die Gesamtzahl der Glomerili sinkt um etwa die Hälfte. So kann die glomeruläre Filtrationsrate bis zum 80.Lebensjahr um ca.50% abnehmen.” Weiter heißt es dort, dass das unter Normalbedingungen (bezgl. einer normalen Eiweißaufnahme und einer ausreichender Flüssigkeitsaufnahme) nicht problematisch sein muss….Aus eigenen Erfahrungen bei Schulungen in Pflegeheimen kann ich nur bestätigen, dass es ein großes Problem im Alter ist, ausreichend zu Trinken (bei einem per se reduzierten Körperwasseranteil von nur noch 45-50%) und in vielen Fällen bei Senioren Multimedikamentation besteht! Diese Hintergründen machen das Thema umso dringlicher. Kompetenzen haben sicherlich viele Berufsgruppen, incl. das Pflegepersonal, die ihre Bewohner/Patienten täglich beobachten. Wünschenswert wäre es, ehrlich miteinander zu kommunizieren und Hinweise diesbezüglich ernst zu nehmen- ohne Kompetenzgerangel(wie Gast Nr 3 vorbildlich bestätigt).

#6 |
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Ärztin
Ärztin

@ Gast Nr. 3
So ist es! In anderen Ländern (z.B. Taiwan) überlassen Ärzte die wichtige Aufgabe der Medikation/Dosisanpassung gänzlich denen die am meisten davon verstehen > denen die auch wirklich Pharmazie studiert haben! (und nicht wie hier die Ärzte 6 Jahre Medizin = alles mögliche und unwichtige + nur 1 Semester oberflächliche Pharmavorlesung ohne Anwesenheitspflicht).
Kein Wunder, dass so viele Fehler auftreten. Pharma ist ein viel zu umfangreiches Fach um es angemessen in dem ohnehinschon überladenen Medizinstudium ausreichend zu behandeln. Wir Ärzte sollten hier etwas Verantwortung an qualifiziertere Kollegen abgeben, ich würde mich darüber freuen.

#5 |
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Barbara Kölzer
Barbara Kölzer

Barbara Kölzer, HELIOS Studienkoordination Rheinland

Das hilft: http://priscus.net/download/PRISCUS-Liste_PRISCUS-TP3_2011.pdf !

#4 |
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Gast
Gast

Ein weiteres Indiz dafür, dass die fähigen Arzneimittelexperten des Landes nicht ausreichend in die Medikation eingebunden werden. Die Pflicht z.B. zum Medikationsmanagement für beliefernde Apotheken wäre hier ein hervorragendes Werkzeug, um die Arzneimitteltherapiesicherheit zu gewährleisten, eine entsprechend AMTS-Zertifizierung sowie eine angemessene Vergütung für diese anspruchsvolle Arbeit vorausgesetzt. Die Behörden, die Krankenkassen und auch die Ärzte sollten diesen Bereich den Apothekern überlassen und verstehen, dass das Budget der Kassen entlastet wird, weil weniger KH-Aufenthalte und ärztliche Interventionen nötig werden, und für Patienten und deren Angehörigen die Arzneimitteltherapiesicherheit ein beachtlicher Aspekt von Lebensqualität bedeutet.

#3 |
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Dr. Joachim Bedynek
Dr. Joachim Bedynek

Es wäre schön, wenn einige besonders relevante Medikamente benannt worden wären, da die Beipackzettel oft sehr “übervorsichtig” erscheinen. Auch die Nennung “gefährlicher” Kreatinin-Werte wäre hilfreich gewesen.

#2 |
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Wolfgang Müller
Wolfgang Müller

In unserer heutigen “voll vernetzten” Zeit, sind doch ganz sicher Programme auf dem Markt, die den meist ohnehin überforderten Verantwortlichen, bei der Auswahl u. Dosierung der Medikamente bzw. Wirkstoffe eine große Hilfe sein können, oder?
Es ist unglaublich, daß dieser gesundsgefährdende Mißstand heute immer noch so weit verbreitet ist.

#1 |
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