TV-Docs: Die etwas anderen Mediziner

30. Januar 2013
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Populär wie kaum ein anderes Genre, geistern seit vielen Jahren verschiedene "Arztserien" durch die Fernsehlandschaft. Neben ihren amerikanischen "Kollegen" aus Grey's Anatomy und Dr. House therapieren auch deutsche Serienärzte ihre Patienten zur besten Sendezeit.

Warum aber haben Arztserien einen so durchschlagenden Erfolg und wie wirkt sich dies auf die reale Krankenhauswelt von Ärzten und Patienten aus? Die Darstellung der Ärzte und Schwestern in den bekannten Fernsehserien variiert im Serienvergleich sehr. So zeichnet sich der zynische und “menschenverachtende” Dr. House der gleichnamigen amerikanischen Serie sicher nicht durch seinen empathischen Umgang mit den Patienten, sondern durch sein nicht endendes Fachwissen und das sichere Gespür für seltene Erkrankungen aus.

Dr. House fasziniert durch eine unkonventionelle Denkweise und eigenwillige Art. Schlagfertige Dialoge, ständig wiederkehrende krankenhausinterne Konflikte sowie blitzschnell gelöste Fälle halten die Spannung über insgesamt 8 Staffeln. Im englischen Sprachgebrauch hat sich, dem skurrilen Serienarzt zu Ehren, sogar eine Wortneuschöpfung ergeben, der sogenannte “Houseism“.

Deutsches Fernsehidyll

Ein derartiger Misanthrop, wie Dr. Gregory House sicherlich einer ist, könnte wohl kaum den Ansprüchen Prof. Dr. Gernot Simonis (“In aller Freundschaft”) genügen und wäre in dieser deutschen Fernsehidylle schnell abserviert. Hier stellt Dr. Roland Heilmann die zentrale Arztfigur dar. Er ist beliebter Chefarzt, Vater, Ehemann und besonnener Geist der Klinik in Personalunion. In der Sachsenklinik geht es weniger ruppig zu, wenngleich interne Machenschaften und Liebeleien natürlich auch hier nicht fehlen. Die Ärzte der Sachsenklinik begleiten ihre Patienten mit ärztlichem Fachverstand, viel Zeit und vor allem einer großen Portion Einfühlungsvermögen.

Auch etliche weitere “Arztformate” wie Scrubs, Grey’s Anatomy, Doctor’s Diary, die Schwarzwaldklinik oder Klinik am Alex, um nur ein paar zu nennen, locken seit jeher eine breite Masse an Zuschauern vor die Bildschirme. Ist es aber die medizinische Thematik, die das Publikum zum Zusehen bewegt oder sind es die agierenden Charaktere?

Vertrauter Schauplatz

Betrachtet man den Aufbau der Arztserien und erfolgreicher Fernsehserien anderer Genres, so gibt es ein paar grundsätzliche Kriterien, die sie interessant für den Zuschauer machen. Ein bunter Haufen an sehr unterschiedlichen Charakteren, von denen sich der Zuschauer mit mindestens einem teilweise zu identifizieren vermag, erlebt gemeinsam emotionale Grenzsituationen. Dabei bietet insbesondere ein Krankenhaus einen beinahe nicht endenden Fundus an Geschichten. Dem Zuschauer wird alles geboten: Menschliche Schicksale, Intrigen, Liebesbeziehungen, Hierarchien, medizinische Wunder und Nervenkitzel.

Eine Arztserie bietet zudem einen Schauplatz, den jeder ein bisschen zu kennen vermag: das Krankenhaus. Der “medizinische Plot”, der – für den Laien nicht ersichtig – meist an den Haaren herbeigezogen oder im Falle von Dr. House nur absolute Raritäten der Medizin zu behandeln scheint, spielt für die meisten Zuschauer eher eine untergeordnete Rolle. Wobei natürlich vor allem unter Ärzten, Schwestern und Medizinstudenten durchaus auch ein Interesse am Plot bestehen kann. Insbesondere Emergency Room und Dr. House scheinen hier zum Teil, wenn auch sehr theoretisch und konstruiert, nicht schlecht recherchiert zu sein. In folgender Umfrage bewerten Mediziner ihre Fernsehkollegen der genannten Serien zumindest häufiger mit den Noten 1 und 2, wogegen die Serie “In aller Freundschaft” als sicherer Sechserkandidat fungiert.

Greifbares Identifizierungspotential

Den wichtigsten Baustein der populären Fernsehserien stellen aber zweifelsohne die zwischenmenschlichen Beziehungen der Akteure – das dicht verwobene Netz an Freundschaften, Feindschaften und Liebesbeziehungen zwischen Ärzten und gelegentlich auch Patienten dar. Außerdem bietet ein Krankenhaus die Möglichkeit, ständig neue Charaktere einzuführen und auszuwechseln, ohne seine Glaubwürdigkeit einzubüßen.

Neben der Identifizierung mit einem der Hauptdarsteller, findet auch eine Identifizierung des Zuschauers mit den fiktiven Patienten und ihren Angehörigen statt. Die Wahrscheinlichkeit, einen Krankheitsfall im persönlichen Umfeld zu erleben ist groß und greifbarer, als den Szenarien ausgesetzt zu sein, wie sie beispielsweise Actionfilme thematisieren. Außerdem werden auch die Probleme und Krisen der Ärzte genau beleuchtet. All die zwischenmenschlichen und gesundheitlichen Probleme können im fiktiven Krankenhausalltag schnell gelöst werden und beruhigen den Zuschauer mit seinen ganz persönlichen – aber oftmals ähnlichen – Ängsten und Problemen. Einen Arzt zu sehen, der sich trotz persönlicher Schicksalsschläge aufopfernd für seine Patienten engagiert, macht zusätzlich Mut.

Wenn Realität und Fiktion verschmelzen

Genau hier aber können sich Realität und Fiktion unbemerkt vermischen und zum Problem werden. In einer Umfrage von 162 Patienten, die zu einem Routineeingriff kamen, hat der Chirurg Dr. Dr. Kai Witzel eine interessante Aussage treffen können. So waren Patienten, die einen hohen Fernsehkonsum aufwiesen, unzufriedener mit dem Ablauf der Visite im Krankenhaus. Ausführlich nachzulesen ist dies in dem 2009 erschienenen Buch “Wem helfen die Fernsehärzte”. In einem Interview bestätigt Witzel außerdem, dass die Angst vor einem Routineeingriff bei hohem Arztserienkonsum steige.

Diese Erkenntnisse überraschen nicht. Die Medizin, die im Fernsehen dargestellt wird, unterscheidet sich in großem Maße von der realen Medizin im Krankenhaus. Im Klinikalltag kommt es mitunter zu erstaunlichen Situationen. So erinnert sich ein Student an folgenden empörten Kommentar eines Patienten: “Im Fernsehen klappt das aber besser.” Zu hören bekam er diesen, weil der Kaffee nicht schnell genug ausgeteilt, gar etwas abgekühlt serviert wurde und die Krankenzimmerausstattung zu wünschen übrig lies. Vermutlich handelte es sich hierbei um einen Liebhaber der deutschen Arztserienkunst mit Heimatfilmeinschlag, dem die wahren Abläufe eines Krankenhauses noch fremd waren.

Im realen Leben trifft der Patient zudem zumeist Arztexemplare mit herkömmlicher Körperstatur, die in der Regel eine Fachdisziplin beherrschen. Der Fernseharzt dagegen – meist durchtrainiert und gutaussehend – ist nicht nur Experte seines Fachs, er erledigt zugleich die Arbeit eines Internisten, Radiologen, Chirurgen, Labor- und Arbeitsmediziners und dies, ohne die nötige Zeit für intensive Patientengespräche und zeitraubende Affären einzubüßen. Ihre Mittagspause genießen die Ärzte und Schwestern regelmäßig gemeinsam.

Meist kümmern sich die Mediziner nur um eine Handvoll Patienten und eine OP kann innerhalb von Minuten angesetzt und durchgeführt werden, ohne die lästigen Vorbereitungsprozeduren, Angehörige folgen händchenhaltend bis zum Operationssaal. Immer mal wieder kommt es vor, dass ein Patient überwachungspflichtig wird. Die Massen an Überwachungsmonitoren, die man da in einer deutschen Arztserie am Patientenbett stehen sieht, kann schon aus platztechnischen Gründen kaum übertroffen werden. Jeder einzelne von ihnen zeigt andere Vitalparameter an, aber der Fernseharzt behält den Durchblick. Praktisch täglich erleben Fernsehpatienten lebensbedrohliche Komplikationen, die die perfekt geschminkten Ärzte meist gekonnt abwenden.

Gefangen in der Scheinrealität

Natürlich ist es dann enttäuschend, für eine Gallen-OP im deutschen Durchschnittskrankenhaus zu landen. Weder die gutaussehenden und charmanten Ärzte wehen durch die Flure, noch liegt man im Luxuszimmer und wird einzelbetreut. Ohne den erhofften seelischen Beistand und irgendwie ziemlich alleine im 3-Bettzimmer werden dann Geschichten und Halbwahrheiten ausgetauscht. Die Angst vor der kürzlich im Fernsehen gesehenen Tumorerkrankung wächst. Diese begann mit rechtsseitigen Bauchschmerzen, das weiß man noch genau. Außerdem sticht es immer mal im Bereich des Herzens, auch das kennt man aus dem Fernsehen. OP- und Narkoseaufklärung bestätigen diese Ängste. Die gefürchteten Komplikationen sind also tatsächlich möglich, so steht es im Aufklärungsbogen.

Keiner kann einem die Angst wirklich nehmen, denn keiner hat Zeit. Am Ende verläuft die Operation doch komplikationslos und man wird ohne größere Zwischenfälle nach Hause entlassen. Dort setzt man sich wieder vor den Fernseher, fiebert mit den leidgeplagten Patienten mit, denen all die schlimmen Komplikationen widerfahren und denkt: Habe ich ein Glück gehabt. Richtig lösen von der Scheinrealität des Fernsehens kann sich der Laie vermutlich nicht.

Wenn das TV-Programm den Berufswunsch bestimmt

Nicht nur auf den potentiellen Patienten hat die Arztserie einen deutlichen Einfluss. Auch bei der Berufswahl Jugendlicher spielt der Fernsehkonsum eine Rolle. Das wurde bei einem empirischen Lehrprojekt der Universität Münster am Institut für Kommunikationswissenschaften (IhK) unter der Leitung von Prof. Volker Gehrau herausgefunden. So führe der Konsum gesundheitsbezogener Serien zu einem signifikanten Anstieg eines Berufswunsches im Gesundheitssektor.

Besonders problematisch hierbei ist ohne Zweifel das verzerrte Berufsbild eines Arztes, welches den Jugendlichen anhand der Fernsehserien vermittelt wird. Dass aber nicht nur die Arbeit des Krankenhauspersonals in den Serien zu großen Teilen falsch dargestellt wird, sondern ebenso die von Polizisten, Rechtsanwälten, Werbeleuten oder anderen beliebten Serienberufen, liegt auf der Hand.

Wenn Generationen in ihrer Zukunftsplanung derart beeinflusst werden, dass gewisse, im Fernsehen unterrepräsentierte Berufe, Nachwuchsprobleme bekommen, dann ist das traurig. Verwunderlich ist dies allerdings nicht. Und dass sich die Arbeit mit – von Internet und Fernsehen beeinflussten – Patienten verändert, wird sich wohl auch nicht verhindern lassen. Schön wäre es trotzdem, wenn – von Zeit zu Zeit – mehr medizinischer Verstand hinter den Drehbüchern und der Requisite stecken würde.

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