Hörsturz: Mangelnde Ohridenz

7. Juni 2011
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Eine evidenzbasierte Hörsturz-Therapie sucht man vergebens. Kollegen fragen sich häufig, ob sie wirklich ein separates Krankheitsbild vor sich haben oder nur ein Symptom, hinter dem verschiedene pathophysiologische Prozesse stecken.

Keine Seltenheit in der HNO-Praxis: Verschiedenen Untersuchungen zufolge erleiden von 100.000 Menschen etwa 160 bis 400 pro Jahr einen Hörsturz. In der Regel ist nur ein Ohr betroffen und bei 85 Prozent der Patienten kommt ein Tinnitus mit hinzu. Auch klagen rund 30 Prozent über Schwindel.

Viele Wege führen ins Ohr

Wie es zum Hörsturz kommt, ist für Wissenschaftler immer noch ein Rätsel. Zumindest existieren zahlreiche mehr oder minder untermauerte Hypothesen, etwa Hinweise auf Durchblutungsstörungen. In einer Literaturübersicht konnten bei drei Prozent der Fälle vaskuläre Ursachen identifiziert werden. Zuletzt zeigte auch eine Kohortenstudie mit rund 1400 Teilnehmern, dass deren Risiko, nach einem Hörsturz in den nächsten Jahren einen Schlaganfall zu erleiden, 1,64 Mal höher ist als bei der Kontrollgruppe. Kollegen raten deshalb, Patienten gegebenenfalls internistisch und kardiologisch zu untersuchen.

Als weitere Größen werden virale Infektionen oder Autoimmunerkrankungen heiß diskutiert. Auf molekularer Ebene versuchen Forscher zudem, Störungen in den Ionenkanälen schallempfindlicher Haarzellen zu identifizieren. Blutgefäße in der Außenwand der Gehörschnecke stehen ebenso in Verdacht: Unter permanentem Stress ausgeschüttetes Adrenalin könnte diese kontrahieren und damit zu einer schlechteren Versorgung des Areals führen. Als Folge gehen Verschaltungen zwischen Haarzellen und Nervenzellen zu Grunde, lautet die Hypothese der Wissenschaftler. Doch so viel ist zumindest sicher: Risikofaktoren für einen Hörsturz sind Parameter, die gleichzeitig einen Herzinfarkt auslösen können, etwa Stress, ein hoher Blutdruck, zu viele Blutfette oder Diabetes mellitus.

Abwarten und Tee trinken?

Immer wieder ist bei Hörstürzen von spontanen Heilungen zu lesen, je nach Studie in bis zu 90 Prozent aller Fälle. Wozu also eine teure und zeitaufwändige Therapie durchziehen? Der Haken: Oftmals wurden nur retrospektive Auswertungen oder nicht kontrollierte Studien veröffentlicht. Auch berichten Autoren teilweise von einer Besserung der Symptome oder von einer kompletten Remission, so dass Zahlen nicht immer vergleichbar sind.

Abwarten und beobachten ist dennoch ein möglicher Weg – nicht jeder Hörsturz muss behandelt werden. Von der Einstufung als medizinischer Notfall sind Kollegen mittlerweile abgekommen. Vor allem bei hohem Leidensdruck sollte jedoch nichts unversucht bleiben – eine starke Einschränkung der Lebensqualität rechtfertige grundsätzlich Therapieversuche, heißt es in der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. Diverse Möglichkeiten lassen sich schnell auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Ihnen fehlt die Evidenz. Trotzdem rät das Papier, einen Versuch mit Hydroxyethylstärke oder Glucocorticoiden zu machen.

Goldstandard war gestern

Einst das Mittel der Wahl, sehen Forscher den Nutzen von Glucocorticoiden heute weitaus kritischer. Eine ältere Metaanalyse der Cochrane Collaboration führte zu dem verheerenden Ergebnis, dass diese Arzneistoffe keinen klaren Vorteil gegenüber Placebo oder anderen Behandlungsformen hätten. Mittlerweile liegen aber mehrere prospektive, randomisierte und kontrollierte Studien vor, die eine Erfolgsquote von 59 bis 87 Prozent zu Papier bringen. Das Gehör verbesserte sich im Schnitt um 12 bis 19 Dezibel im Bereich hoher Frequenzen sowie um 20 bis 34 Dezibel bei mittleren und tiefen Tönen. Lediglich eine Forschergruppe gab die komplette Heilung unter Glucocorticoiden an – mit 36 Prozent. Als Plan B haben Kollegen die Arzneimittel mit gutem Erfolg direkt in das Mittelohr appliziert, hochwertige Studien mit großen Patientenkollektiven stehen noch aus.

Bei Hörstürzen, die gar nicht auf Glucocorticoide ansprechen, gibt es möglicherweise bald eine Alternative: Japanische Forscher verabreichten lokal ein Gelatine-Hydrogel mit dem Wachstumsfaktor IGF-1. Dieses körpereigene Eiweiß, so die Theorie, bremst den Zelltod in geschädigten Regionen. Bei 56 Prozent der Patienten verbesserte sich in den nächsten Monaten das Gehör deutlich – weitere Untersuchungen sind in Arbeit.

Blut verdünnt, Problem gelöst?

Auch auf in Blut verdünnende Stoffe setzten HNO-Ärzte lange Zeit große Hoffnungen. Sie vermuteten bei Patienten einen erhöhten Gehalt an Fibrinogen und damit verbunden eine schlechtere Durchblutung in der Gehörschnecke. Zur Behandlung dient klassisch gelöste Hydroxyethylstärke (HES) in Form von Infusionen. Doch konnte der Vorteil gegenüber Corticoiden nicht zweifelsfrei belegt werden. Im Rahmen einer Literaturübersicht wurden dazu Studien mit hoher Evidenz ausgewertet. Das Gehör der Verum-Gruppe verbesserte sich bei 55 bis 79 Prozent der Hörsturz-Patienten um 10 bis 14 Dezibel im Hochtonbereich beziehungsweise 18 bis 26 Dezibel im restlichen Geräuschspektrum – schlechtere Ergebnisse als bei der Glucocorticoid-Behandlung, und das bei deutlich höherem Aufwand. Nur wenige Fachartikel gingen auf die Zahl der kompletten Remissionen ein, die Zahlen schwankten zwischen 14 und 50 Prozent.

In einer weiteren Veröffentlichung verglichen Kollegen bei 210 Patienten den Effekt von HES mit einer Glucose-Lösung. Ihr Fazit: Nach sieben Tagen ergab sich eine Verbesserung des Gehörs im Vergleich zu Placebo – aber nur bei Patienten mit erhöhtem Blutdruck sowie mit spätem Therapiebeginn von 48 Stunden und mehr nach dem Hörsturz. Kritiker bemängelten an der Arbeit, dass selbst das Placebo die Durchblutung des Innenohrs möglicherweise über Volumeneffekte verbessert habe.

Auch mit den Nebenwirkungen von HES ist nicht zu spaßen: Gaben von deutlich mehr als 300 Gramm der Verbindung führten zu einer Ablagerung im Gewebe und damit zu therapieresistentem Juckreiz. Anaphylaktische Schocks wurden in Einzelfällen ebenfalls beobachtet.

Manche Kliniken waschen Fibrinogen als mögliche Wurzel allen Übels kurzerhand aus dem Blut: Mit der selektiven Apherese lässt sich der Gerinnungsfaktor abtrennen, und das Plasma gelangt zurück in den Kreislauf. Jedoch überzeugten die Ergebnisse im Vergleich zu Plasmaexpandern oder Glucocorticoiden auch nicht wirklich.

Aus der eigenen Tasche

Angesichts der fehlenden Evidenz müssen Versicherte die Hörsturz-Therapieversuche immer öfter selbst bezahlen. Zwar dürfen Kollegen Hydroxyethylstärke oder Glucocorticoide theoretisch zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherungen verschreiben. Vor einem möglichen Regress ist bei diesen Präparaten ohne Evidenz niemand sicher – nur der Griff zum Privatrezept kann helfen. Da mag durchaus erstaunen, dass die weitaus teurere Behandlung in Tageskliniken oder in teilstationärem Krankenhausaufenthalt manchmal noch übernommen wird.

Das Thema wurde vorgeschlagen von unserem Leser Siegfried Gerdesmann.

117 Wertungen (4.37 ø)

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11 Kommentare:

Dr. rer. nat. Wolfgang Poltz
Dr. rer. nat. Wolfgang Poltz

Es wird immer an den Ohren herumtherapiert. Könnte es nicht sein, dass die Ursache im Gehirn lieg, dass also das Gehirn beim Hörsturz abschaltet, oder beim Tinnitus den Ton erzeugt. mein Tinnitus erzeugt einen Ton, den ich eigentlich nicht mehr hören kann (etwa 16 000 Hz).

#11 |
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Ich hatte vor gut einem Jahr einen akuten Hörsturz rechts mit Komplettausfall mit extremer Hyperakusis, ausgelöst durch Zugerscheinungen und Stress. Vorzeichen wie bei einer Erkältung.
Glücklicherweise konnte ich sofort eine HNO Behandlung mit Cortison und HES bekommen, HES ergab unerträglichen Druck im Kopf und Jucken, wurde daher nach 4x abgesetzt.
Nach 3 Tagen erfuhr ich glücklicherweise von der hyperbareb O2-Therapie.
Die habe ich dan konsequent ca 30x in Anspruch genommen.
Anfangs täglich, später 2-3x wöchentlich.
Nach ca 10 x nachweislich eine Besserung des Druckgefühls und der Frequenzverschiebung.
Nach 25x fast vollständige Regeneration und Wiederherstellung des Gehörs.
Heute keine Einschränkungen mehr außer Druckgefühl bei Stress als Warnzeichen.
Warum wird die Hyperbare O2 Therapie nicht einmal mehr in den Leitlinien HNO erwähnt?
DieserErfahrungsbericht ist natürlich nicht evidenzbasiert mit Blindstudie!Wie denn auch, wer wäre der Vergleichspatient?
Dennoch ein Beitrag zur Linderung oder Heilung nicht nur pharmakologisch!

#10 |
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Herr Christian-Peter Bernhardt
Herr Christian-Peter Bernhardt

Aus psychodynamischer Sicht hat der Hörsturz – also der Verschluss der Ohren – eine seltsame Bedeutung: “Ich höre etwas von dem ich weiß, dass es wahr ist, ich die Wahrheit aber nicht wahrhaben, nicht annehmen will.” Die Ohren zu vershließen ist im Unterschied zum Verschließen der Augen eigentlich nicht vorgesehen in unserem System und bedarf eines gewaltigen inneren Aufwandes um das Gehirn dazu zu bewegen, die notwendigen Schaltungsvorgänge vor zu nehmen – und natürlich ist es genau so komplex, zurück zu schalten. So es gelingt die zu Grunde liegende Auslösung auf zu lösen, löst (kann) sich auch der Hörsturz auf.

#9 |
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Tinnitus kommt meist bei Stress. Stress macht verbissen und fördert Bruxismus. Als ganzheitlich orientierter Zahnarzt mache ich oft Feinkorrekturen der latent traumatischen Okklusion. Und siehe da:Tinnitus bessert sich dabei zu ca. 50%,in einem Fall eines erst seit 3 Monaten bestehenden Tinnitus sogar zu 100%.
Mein Rat zur ersten Hilfe, wenn sich der Tinnitus akut verstärkt:
1. Kopf tief halten, z.B. bücken.
2. hyperventilieren
Das verstärkt die Durchblutung und die Sauerstoffversorgung und hilft innerhalb einer Minute.
3. Überlegen, was gerade der große Stressfaktor war, und lockerlassen, auch die Zähne bewusst auseinander lassen.
$. Ganzheitlichen Zahnarzt aufsuchen, z.B. bei http://www.gzm.org oder http://www.bnz.de

#8 |
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Anette Minarzyk
Anette Minarzyk

Hat eigentlich jemals irgendwer die Assoziation von Hörsturz, Migräne und Raynaud-Syndrom untersucht? Ich hab alle drei, und die gemeinsamen Begleitfaktoren sind Streß plus alles, was zu einer Hypotonie führt. Ich vermute daher, dass allen dreien ein ähnlicher Mechanismus auf Kapillarebene gemein ist: Gefäßspasmus + verminderter Druck – Ödem – noch schlechtere Versorgung des betroffenen Gebietes – Zelluntergang. Wenn das zuträfe, dann wär es vielleicht einen Versucht wert, bei akutem Hörsturz in die Kiste der bewährten Migräne-Medikamente zu greifen.

#7 |
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Medizinjournalist

Habe selbst einen Hörsturz hinter mir und Tinnitus auf beiden Ohren (linear ca. 8,3 kHz links, ca. 11,2 kHz rechts). Infusion und mehrere Wochen Tinnitusklinik hat dahingehend Erfolg gebabt das ich auf dem rechten Ohr fast nichts mehr gehört habe und ich jetzt wieder bei gut 50 db bin. Der Durchbruch und eine beginnende Besserung kam aber erst mit einer guten Psychotherapeutin und nach 3 Jahren Therapie. Ein möglicher Erfolg liegt meiner Meinung nach auf jedem Fall im Zusammenspiel eines HNO mit einem Psychotherapeut. Der Faktor “Stress” ist sehr entscheident, das Problem ist nur das der Betroffene die Stressquelle in sich erstmal finden muß und das ist gar nicht so einfach, hier istves von Vorteil wenn die klassische Medizin zumindest mal Symthome und Leidensdruck verbessern kann.

#6 |
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Gut ist, dass sich hier Pragmatiker der alten Schule äussern, wie Kollege Peter Cornelius mit dem Hinweis auf ein Behandlungsprinzip, welches heute den meisten jüngeren Kollegen nicht einmal mehr vom Hören- und Sagen bekannt ist. Diese Therapie nach dem SANUM-Konzept, besser gesagt nach den streitbaren Theorien über den Pleomorphismus des Herrn Dr. Günther Enderlein fristet ein Schattendasein. Keine Forschergruppe findet sich, um evidenzbasierte Studien zu liefern (mangels lukrativer Gewinnaussichten). Nebenbei: Sanukehl myc D 5 kann gerne auch mit Mucor racemosus D6 ergänzt werden.
Lieber Peter Cornelius, lassen Sie uns bitte weiterhin an Ihrem Praxis-Wissen aus 79 Lebensjahren teilhaben !

#5 |
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Dr Wolfang Viehbeck
Dr Wolfang Viehbeck

Leider bringt der Artikel wenig neues.
Auffällig erscheint mir bei vielen zum Teil sehr jungen Hörsturz-Patienten eine besondere psychische Überforderungssituation. Wesentlicher Bestandteil ist neben den Heilversuchen mit Steroiden und Volumentherape daher die Abschirmung dieser Patienten im Sinne einer Entschleunigung der aktuellen Lebenssituation der Betroffenen.

#4 |
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Tibor Bulecza
Tibor Bulecza

Hydroxyethylstärke? Da wundere ich mich jetzt ein wenig. Da gab es doch gerade erst einige Meldungen über gefälschte Studienergebnissen und Nierenschäden, was die Substanz angeht (http://www.telegraph.co.uk/health/8360667/Millions-of-surgery-patients-at-risk-in-drug-research-fraud-scandal.html). Wird das nun vollkommen vergessen? Oder gilt zur richtigen Beurteilung auch hier die Auffassung nach Paracelsus?

#3 |
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Betahistin wird gar nicht erwähnt warum nicht? Ist immerhin durchaus bei Rezidiven und bei V.a. Meniere ein Therapeutikum. Ich vermisse im übrigen die umfassende Bereichterstattung und Abgrenzung zum Meniere. Warum werden Akustikusneurinmome nicht erwähnt? Ich habe den Eindruck, dass hier nur sehr focussiert auf einige “Spots” geschaut wurde.

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Dr. med.  Uwe Popert
Dr. med. Uwe Popert

Ich teile die Ansicht, dass bei fehlender höherwertiger Evidenz durchaus Erfahrungen eine Rolle spielen sollten. Meine Erfahrungen: innerhalb von 1-2 Tagen nach Beginn von Hörsturz und /oder Tinnitus zeigen Entspannung und eine Wärmflasche im Nacken die besten Effekte. (Theorie: reflektorische Verengung der Gefäße wird rückgängig gemacht)
Cortison oder Infusionen haben mich noch nie überzeugt.
Mit freundlichen Grüßen
Dr.med. Uwe Popert
Arzt für Allgemeinmedizin

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