Medizinstudium: Einbahnstraße 1,0?

29. Mai 2013
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Die Kritik am bestehenden Auswahlverfahren für das Medizinstudium wird immer lauter. Die bvmd hat sich nun ein Interview des Präsidenten der Bundesärztekammer zum Anlass genommen, dass Auswahlverfahren selbst und die derzeitige Diskussion kritisch zu beleuchten.

Von Seiten der bvmd heißt es, man habe ein Interview der Rheinischen Post mit dem Präsidenten der Bundesärztekammer, Prof. Frank Ulrich Montgomery, interessiert gelesen. Montgomery kritisiert darin “das Auswahlverfahren für Medizinstudenten allein nach der Abiturnote” und wünscht sich die Einführung von Assessment-Centern, in welchen die künftigen Medizinstudenten “nach Eignung ausgesucht werden können”. Die bvmd fordert im Gegenzug eine wissenschaftliche Evaluierung dieser Assessment-Center, “um die Objektivität, Reliabilität und Validität der Verfahren zu gewährleisten” und zudem eine transparente und faire Durchführung des Auswahlverfahrens.

Die Kritik an der Abiturdurchschnittsnote als alleiniges Auswahlkriterium sei, so die bvmd, nachvollziehbar. Die Bundesvertretung setze sich daher für die Einbeziehung weiterer Kriterien – neben der Abiturnote – zur Vergabe von Medizinstudienplätzen ein. Nichtsdestotrotz sei eine pauschale Verurteilung der Abiturdurchschnittsnote in der Diskussion nicht hilfreich, da es in der wissenschaftlichen Literatur unterschiedliche Ergebnisse zur Voraussagekraft der Abiturdurchschnittsnote für den Erfolg des Studiums gäbe.

Politische Ziele sollten nicht das Auswahlverfahren bestimmen

Die Abiturdurchschnittsnote könne aber beispielsweise durch Testverfahren zur Zulassung zum medizinischen Studium ergänzt werden, da dadurch eine bessere Vorhersagbarkeit des erfolgreichen Studiumsabschlusses erreicht würde. Nach Meinung der bvmd solle es weiterhin für einen Teil der Studienbewerber möglich sein, einen Studienplatz nach diesem Kriterium zu erhalten. Zusätzlich müssten aber auch andere Kriterien und Qualifikationen berücksichtigt werden, um die Eignung von Bewerbern festzustellen. Zudem müsse eine zusätzliche wissenschaftliche Begleitung zur Evaluation und Weiterentwicklung der Testinstrumente erfolgen. Dabei, so die bvmd, solle die Abbrecherquote für das Medizinstudium weiterhin sehr gering gehalten werden.

Dem im Interview geschilderten Zusammenhang zwischen einer Abiturnote von 1,0 und dem zunehmenden Landarztmangel steht die bvmd, wie sie bereits 2010 in diesem Positionspapier erläuterte, sehr skeptisch gegenüber. Politische Ziele, wie die verstärkte Gewinnung von Ärzten für bestimmte Fachbereiche, sollten nicht die Auswahlverfahren bestimmen dürfen. Zudem bezweifelt die bvmd, dass sich, beispielsweise durch Auswahlgespräche, gezielt und zuverlässig Bewerber mit dem Berufswunsch Landarzt selektieren ließen. Zum Einen könnte von den Bewerbern zur Zeit Ihrer Bewerbung nicht erwartet werden, dass sie abschätzen könnten, in welche Richtung sie sich nach dem Studium wenden. Eine derartige Verpflichtung zur späteren Ausbildung und Niederlassung sei weder gerecht noch die Lösung des eigentlichen Problems. Zum Anderen erscheint es, so die bvmd, nur zu einfach, ein Interesse, das nicht vorhanden ist, vorzutäuschen.

Ehrliche Debatte notwendig

Abschließend betont die bvmd, dass ihr eine flächendeckende, gute Versorgung ein Anliegen sei, wie sie bereits 2010 deutlich gemacht habe. Um dies zu erreichen, sei aber eine ehrliche Debatte und Analyse der Strukturen erforderlich, in welcher die bvmd gerne die studentische Position einnehme. Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden glaubt, dass es sowohl im Interesse der Bewerber als auch der Universität sei, wenn Auswahlverfahren diejenigen Bewerber bevorzugen, die am besten für das Studium und den ärztlichen Beruf geeignet seien und das Studium mit hoher Wahrscheinlichkeit erfolgreich abschließen könnten.

44 Wertungen (3.55 ø)

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8 Kommentare:

Ärztin

#5
Das Medizinstudium dauert doch schon lange genug. Ein ganzes Jahr Pflegepraktikum ist viel zu viel! 4 Monate haben durchaus gereicht, einen Einblick in den pflegerischen Alltag zu bekommen und um zu wissen, dass ohne Pflegepersonal im Krankenhaus nichts läuft. Auch während der Famulaturen und im PJ war ich immer wieder dankbar über Schwestern und Pfleger, die einem teilweise mehr beigebracht haben als so mancher Arzt.

Zahnis müssen kein einjähriges Praktikum vor dem Studium in einer Praxis machen, Jura-Studenten müssen auch nicht teilweise den Beruf eines Rechtsanwaltsgehilfen erlernen. Warum also sollten das die angehenden Humanmediziner machen sollen?

#8 |
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Gast
Gast

#5
Großartig und auf den (wunden) Punkt gebracht.

#7 |
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Gast
Gast

#5
Super Kommentar!
Wuerde jeden Satz unterschreiben, DANKE!

#6 |
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Christian
Christian

Ich habe in den vergangenen 12 Fachsemestern mit einem “schlechten Abitur” und insgesamt 12 Wartesemestern durchweg überdurchschnittlich gute Leistungen erbracht. Bei allen Klausuren der Vorklinik und der Klinik lag ich bei ca. 85%.
Ich habe schon zu Beginn des Studiums mehrere 1,0er-Abiturienten verabschiedet, die den Anforderungen des Studiums und der plötzlich wegfallenden Betreuung durch Lehrkräfte nicht gewachsen waren. Natürlich kann ich hier nur meine subjektiven Eindrücke weitergeben, aber ich habe schon den Eindruck gewonnen, dass der Erwerb eines sehr guten Abiturs vor allem von folgenden Dingen abhängt:
Der zwischenmenschliche Kontakt und die Förderung durch Lehrer in der Oberstufe, die Motivation zur “Zielstrecke” durch Familie und Freunde, der Grad der persönlichen pubertären Rebellion zu dieser Zeit (was sicherlich auch ein Grund für die Geschlechter-Noten-Verteilung sein dürfte).
Es ist etwas anderes, drei oder vier vergleichsweise “kleine Fächer” für das Abitur auswendig zu lernen, als dann plötzlich den gesamten Vorklinik-Lehrstoff für das erste Staatsexamen oder die ganze Klinik für das zweite Staatsexamen zu lernen.
Am Ende dieser Herausforderung steht dann nach 6 Jahren vielleicht ein approbierter Arzt, der noch nie in seinem Leben eine Steuererklärung anfertigen musste. Noch keinerlei Verständnis dafür hat, dass Patienten Süchte haben. Den es anwidert, dass alte, totkranke Patienten die Behandlung verweigern.
Es wäre in meinen Augen schon eine große Verbesserung, wenn in Deutschland das lächerliche “Pseudo-Krankenpflegepraktikum” zu einer einjährigen BEZAHLTEN Pflichtzeit auf EINER Station ausgeweitet würde. In diesem Rahmen könnten wichtige aber unterrepräsentierte Bestandteile des Studiums (Patientenkommunikation, Hygiene, Erste Hilfe) bereits als Pflichtbestandteile integriert werden. Die Vorteile lägen auf der Hand: Durch die längere Anwesenheit als feste Mitarbeiter für 12 Monate wäre die Akzeptanz bei den Pflegekräften besser. Die Bezahlung würde das Überleben sichern. Der Studienbewerber könnte sich seine Entscheidung länger Überleben und einen Einblick in die Arbeit der nächsten Jahre erlangen. Die häufig kritisierte Arroganz der Studenten (gerne auch der frühen vorklinischen Semester) würde sich durch einen Einblick in die Arbeit der Pflegekräfte vielleicht etwas nivellieren. Der Pflegenotstand würde durch zahlreiche (Bewerberzahlen!) hoffentlich motivierte Hilfskräfte etwas behoben werden, ohne dass unbezahlte Krankenpflegepraktikanten als “Zivi-Ersatz” hinhalten müssen. Die Qualität der Ausbildung folgender Medizinergenerationen wäre besser!

Nur so eine Idee!

#5 |
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Gast
Gast

#2
Sorry, vergessen: Aktuelle Wartezeit: 12 Semester….da denkt man schon nach, ob man nicht doch was anderes studiert und sich vom Medizinstudium völlig abwendet, den “Parkstudien” werden ja (nicht völlig zu unrecht) NICHT als Wartezeit anerkannt.

#4 |
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Gast
Gast

#2
Nein, Sie haben nichts verpasst, aber raten sie mal, wonach die Unis die Bewerber sortieren…..
Selbst bei sehr komplexen Auswahlverfahren mit Punktetabellen und Berücksichtigung von Leistungskursen, ggf. mit Auswahlgesprächen haben Abiturienten mit “schlechten” Noten (guter 2er Bereich) eher keine Chancen.
Die Charite Berlin führt zu diesem Wintersemester den HAMNAT ein, eigentlich eine prima Sache, aber sie laden nur 850 Leute überhaupt ein…..
Und ich fürchte, es sind wesentlich mehr Leute selbst mit 1 er Abitur!
Die internen Zulassungsrenzen lagen die letzten Semester meines Wissens immer bei 1,0/1,1. Es sind eben zu viele Bewerber mit 1,0…fragt sich woher das kommt und wohin das führt. Zu einer Schwemme an engagierten Ärzten, die Patienten im “Ganzen” versorgen wollen und dafür den Kampf mit der Kassenbürokratie (Bsp. Hausärzte) oder mit Aktiengesellschaften als Arbeitgebern (Bsp. Klinikärzte) aufnehmen mit Sicherheit nicht…..

#3 |
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Neele Stöckmann
Neele Stöckmann

Habe ich irgendetwas verpasst oder werden nicht schon seit Jahren auch Studienplätze nach dem Auswahlverfahren der Hochschule oder über die Wartezeit vergeben???

#2 |
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Student der Pharmazie

Von den Leuten die ich kenne die einen Abi-Schnitt besser als 1,5 haben, traue ich allen zu, das Medizinstudium locker zu schaffen und rein fachlich kompetente Ärzte zu werden. Dennoch würde keiner dieser Leute auch nur annähernd ein guter Arzt werden.
Und niemals würde sich einer von denjenigen mit weniger als einer Top-Stelle in einer Top-Klinik oder 5-Sterne-Praxis mit entsprechendem Honorar abgeben.
Nie im Leben würde sich auch nur einer auch nur zeitweise damit zufrieden geben, eine kleine Praxis mit kleinem Honorar auf dem Land zu führen.

#1 |
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