Alzheimer-Früherkennung: Bluttest mit Bestzeit?

15. März 2016
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Ein Bluttest könnte eine Alzheimer-Früherkennung ermöglichen. Mithilfe eines Infrarotsensors werden Biomarker aus dem Nervenwasser oder Blut entnommen. Dieser kann bereits mehr als 15 Jahre vor Eintreten der Symptome erkennen, ob die Biomarker krankhaft verändert sind.

Forscher der Ruhr-Universität Bochum haben einen Alzheimer-Bluttest entwickelt, der potenziell auch eine Früherkennung ermöglicht. Er basiert auf einem immuno-chemischen Verfahren in Form eines Infrarotsensors. Die Oberfläche des Sensors ist mit hochspezifischen Antikörpern belegt. Sie fischen Biomarker für die Alzheimer-Krankheit aus dem Blut oder dem Nervenwasser, das im unteren Bereich des Rückens entnommen werden kann, heraus. Der Infrarotsensor misst, ob die Biomarker bereits krankhaft verändert sind, was schon mehr als 15 Jahre vor dem Auftreten klinischer Symptome der Fall sein kann.

Diagnose kommt heute meist zu spät

Ein großes Problem der Diagnose von Morbus Alzheimer ist die Tatsache, dass beim Auftreten erster klinischer Symptome bereits massive irreversible Schäden des Gehirns vorliegen. Zu diesem Zeitpunkt ist nur noch eine symptomatische Behandlung möglich. „Wenn wir in Zukunft über ein Medikament verfügen wollen, dass den weiteren Krankheitsverlauf deutlich verlangsamen kann, benötigen wir dringend Bluttests, die die Alzheimer-Krankheit bereits in prädemenziellen Phasen entdecken können“, sagt Prof. Dr. Klaus Gerwert, Leiter des Lehrstuhls für Biophysik der RUB. „Ein frühzeitiger Einsatz derartiger Medikamente könnte die drohende Demenz entweder aufhalten oder zumindest den Zeitraum verlängern, bis sie auftritt“, ergänzt Prof. Dr. med. Jens Wiltfang.

Als Biomarker dient bei dem neu entwickelten Test die Struktur der Amyloid-beta-Peptide. Sie verändert sich bei der Alzheimer-Erkrankung. In der fehlgefalteten, krankhaften Struktur können sich immer mehr Amyloid-beta-Peptide aneinander lagern und nach einiger Zeit die für Alzheimer typischen sichtbaren Plaque-Ablagerungen im Gehirn bilden. Dies geschieht schon mehr als 15 Jahre bevor klinische Symptome bei den Patienten sichtbar werden. Zwischenzeitlich kann man die krankhaften Beta-Amyloid-Plaques zwar auch durch die Positronen-Emissions-Tomografie, kurz Amyloid-PET, sichtbar machen, dieses Verfahren ist aber vergleichsweise teuer und mit einer Strahlenbelastung verbunden.

Diagnostische Genauigkeit von bis zu 90 Prozent

Die Gruppe um Gerwert hat nun gemeinsam mit Wiltfang ein Verfahren entwickelt, das genau diese Fehlfaltung der Amyloid-beta-Peptide nachweist. Ihr infrarotbasierter Sensor extrahiert das Amyloid-beta-Peptid gezielt aus Körperflüssigkeiten. Anfangs arbeiteten die Wissenschaftler mit Proben von Nervenwasser, erweiterten das Verfahren dann aber auch auf die Analyse von Blut. „Dabei selektieren wir nicht nur eine einzelne mögliche Faltung des Peptids, sondern detektieren erstmals die Verteilung aller vorliegenden Amyloid-beta-Strukturen, also der gesunden und der kranken Formen gleichzeitig“, so Gerwert. Erst die Summe aller Sekundärstrukturen erlaube eine präzise Diagnostik. Tests, die das Amyloid-beta-Peptid analysieren, gibt es bereits mit den Enzyme-Linked-Immunosorbent-Assays (ELISA). Sie bestimmen die Gesamtkonzentration, Verhältnisse verschieden langer Formen oder auch die Konzentration einzelner Konformationen in Körperflüssigkeiten, bisher aber nicht die diagnostisch wichtige Verteilung aller Formen gleichzeitig. „Daher zeigen die bisherigen ELISA-Tests in der Praxis nur einen mäßigen Erfolg bei Anwendung auf Blutproben“, erklärt Gerwert.

Mit dem Verfahren haben die Wissenschaftler bereits Proben von 141 Patienten untersucht. Dabei haben sie eine diagnostische Genauigkeit von 84 Prozent in Blut und 90 Prozent in Nervenwasser im Vergleich zum klinischen Goldstandard erzielt. Im Test zeigt sich eine Zunahme fehlgefalteter Biomarker als spektrale Verschiebung der Amyloid-beta-Bande unterhalb eines Schwellwertes und diagnostiziert dadurch Alzheimer.

Ein potenzieller Sensor für die Früherkennung

Im Rahmen der Studie haben die Forscher bereits an einer kleinen Gruppe von Patienten auch das wichtige Potenzial zur Früherkennung von Morbus Alzheimer getestet. Die Ergebnisse deuten an, dass auch in prädemenziellen Stadien ein erhöhter Anteil an fehlgefalteten Amyloid-beta-Peptiden in Körperflüssigkeiten detektiert werden kann. Damit könnte künftig die Diagnose von Morbus Alzheimer in präklinischen Stadien möglich sein. „Je früher man Alzheimer erkennt, desto größer sind die Chancen auf eine mögliche Therapie. Dieser Sensor ist ein wichtiger Meilenstein in diese Richtung“, ergänzt Wiltfang. Derzeit laufen Messungen an Proben zur Früherkennung von 800 Probanden, um die statische Signifikanz weiter zu verbessern.

Originalpublikation:

An infrared sensor analysing label-free the secondary structure of the Abeta peptide in presence of complex fluids
Andreas Nabers et al.; Journal of Biophotonics, doi: 10.1002/jbio.201400145; 2016

31 Wertungen (4.61 ø)

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4 Kommentare:

HP Angelika Marcher
HP Angelika Marcher

Es ist ja nicht mit Gewissheit zu sagen,dass die Erkrankung wirklich z.B. 15 Jahre später auftritt.Ich würde bei positiver Testung sicherlich nicht z.B. 15 Jahre lang Medikamente die mit Nebenwirkungen behaftet sind einnehmen wollen.

#4 |
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Eva Kurzweil
Eva Kurzweil

An #1
Ich empfehle Literatur darüber: ” Alzheimer ist heilbar” und “Die Alzheimerlüge” und “Alzheimer vorbeugen und behandeln”. Alle von Ärzten geschrieben.

Wie so viele Massenerkrankungen eine Erkrankung durch den Lebensstil! Doch das möchte niemand wissen, is zu anstrengend…..

#3 |
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marina geyer
marina geyer

Die Genauigkeit liegt bei 90%, und was ist mit der Angst, ob man ein falsches Ergebnis hat oder nicht… bei einer positiven Probe?

#2 |
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Welchen Sinn hat eine Früherkennung, wenn es keine Frühintervention gibt? Vom Kokosöl mag ich noch nicht so recht überzeugt sein…

#1 |
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