Unterversorgung: Begründete Rezeptsammelstelle?

15. März 2016
Teilen

Eine Unterversorgung der Bevölkerung mit Apotheken scheint in Anbetracht des Markts in Ballungszentren eher fernliegend. Jüngst beschäftigte sich das VG Köln mit einem Sachverhalt, bei dem ein Apotheker die Zulassung einer Rezeptsammelstelle mit genau diesem Argument begehrte.

In dem dortigen Sachverhalt war in Köln-Merkenich im Oktober 2013 die letzte Apotheke geschlossen worden, sodass ein Apotheker aus Köln-Heimersdorf die Erlaubnis zum Betreiben einer Rezeptsammelstelle mit dem Argument beantragte, für die Bewohner Merkenichs sei im Umkreis von mehr als 5 km keine Apotheke zugänglich. Seine Apotheke – als nächstgelegene Apotheke – sei 5,1 km von der früheren Apotheke in Merkenich entfernt.

Ein Bedarf an einer Versorgung mit Arzneimitteln bestünde auch deswegen, weil es einen Arzt in Merkenich gebe, der im Rahmen seines Praxisbetriebes Arzneimittel verordne, sodass auch in Merkenich ein entsprechender Bedarf anfalle.

Würde mit öffentlichen Verkehrsmitteln eine Apotheke, etwa in Köln-Chorweiler aufgesucht, so sei hierfür per Bus durchschnittlich eine Stunde einzuplanen.

Zumutbarkeitsgrenze bei 6 km

Dieser Antrag wurde von der Behörde zunächst abgelehnt, weil diese eine entsprechende Ausnahme nicht sah. Die Zumutbarkeitsgrenze läge bei 6 km. Unterhalb dieser Grenze käme nicht nur die Apotheke des Antragstellers in Betracht, sondern auch zwei weitere Apotheken in Köln-Chorweiler sowie in Köln-Niehl für die Arzneimittelversorgung. Man könne nämlich sowohl vormittags als auch nachmittags per öffentlichem Verkehrsmittel die Apotheke in Chorweiler in weniger als einer Stunde aufsuchen.

Das Verwaltungsgericht Köln sah dies ebenso (Urteil vom 16.02.2016, Az. 7 K 947/14) und vertrat hierzu eine klare Auffassung, welche an die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts anknüpfte und dabei zur Überprüfung stellte, ob ein Ort „abgelegen“ sei. Hiervon sei auszugehen, „wenn nicht täglich mindestens je einmal vormittags und nachmittags die Möglichkeit besteht, den Weg zur nächsterreichbaren Apotheke und zurück während der Öffnungszeiten mit öffentlichen Verkehrsmitteln in angemessener Zeit zurückzulegen“, was jedenfalls bei einer Abwesenheit von Zuhause von deutlich länger als eine Stunde anzunehmen sei.

Besorgung von Arzneimitteln mit öffentlichen Verkehrsmitteln

Bei der Anlehnung dieser Maßstäbe auf den vorliegenden Fall hat das Gericht dann einmal die reine Wegstrecke von weniger als 6 km bis zur nächstgelegenen Apotheke bewertet, aber auch die Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln, wobei es eine Apotheke gab, welche per Straßenbahn mit einer Fahrzeit von 14 min. für die einfache Fahrt erreichbar war. Die Besorgung von Arzneimitteln sei damit in deutlich weniger als einer Stunde zu bewerkstelligen. Auch die Busverbindung nach Köln-Chorweiler benötige höchstens 17 min. Fahrzeit aus den nördlichen Bereichen Merkenichs. Die Besorgung von Arzneimitteln sei auch auf diesem Wege in deutlich weniger als einer Stunde zu bewerkstelligen.

Mithin ging es noch um das Argument der vor Ort gelegenen Arztpraxis. Auch dies begründe nicht das Kriterium der Abgelegenheit, selbst wenn eine gewisse Unannehmlichkeit für Patienten sich ergäbe, verschriebene Arzneimittel nur in einem anderen Stadtteil zu erhalten.

Bedarf einer Rezeptsammelstelle nicht begründet

Was die Frage der Bewertung der Belange einzelner Patientengruppen anging, so etwa von alten und gebrechlichen Personen, könne dies einen Bedarf an der Errichtung einer Rezeptsammelstelle nicht begründen. Dies heutzutage umso weniger, als dass durch den Versandhandel eine neue Form der Bezugsmöglichkeit von Arzneimitteln etabliert worden sei gerade für die Anliegen „chronisch kranker, immobiler Patienten, älterer Bürger und Kunden mit größeren Entfernungen zur nächsten Apotheke“.

Nach alledem konnte in dem vorliegenden Fall zwar der Apotheker nicht durchdringen; die Entscheidung zeigt aber deutlich, in welchen Konstellationen die Genehmigung zur Errichtung einer Rezeptsammelstelle in Betracht kommen könnte, auch wenn derartige Fallkonstellationen seltener in Ballungszentren oder deren Randbezirken auftreten als in weniger dicht besiedelten Regionen auf dem Lande.

7 Wertungen (5 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

2 Kommentare:

Apotheker

Leiden wir nicht unter einer Dienstleistungs-Ausdünnung aller peripheren undbesonders der ländlichen Lagen? Kumuliert nicht alles in den Zentren, weil nicht jeder viel Zeit mit Notwendigkeiten verbringen will?
Der Versand löst das ? Der Preis ist Austrocknen persönlicher Kontakte und Vermeidung schneller Problemlösung.Sicher, bei Abschaffung der persönlichen Betreuung ist das die letzte Wahl.
Warum ist in Meck-Pom die Herzinfarktsterblichkeit am höchsten? Weil die Eingriffszeiten länger sind.
Es geht um angemessene Prioritätensetzung und nicht um justiziables Einfrieren alles sinnvollen.Wo ist das Klima- eben auch in wirtschaftlicher Hinsicht- menschengemässer Versorgung politisch die richtige Gewichtung zu geben?

Die Geschichte von Kollegin Müller ist reif für eine weite Verbreitung.Sie schärft die Sinne für das wesentliche. Dank dafür.

#2 |
  0
Apothekerin

Susanne Müller
Apothekerin

Auch wenn der Bedarf einer Rezeptsammelstelle in dem beschrieben Fall vielleicht wirklich fraglich ist, finde ich die Begründung und die Entwicklung doch erschreckend und traurig.
Ich stelle mir gerade folgenden Fall vor: Patientin, ca. 85Jahre, die Medikation besteht aus einem Beta-Blocker, einem Statin, ASS, einem Biguanid, ein NSAR… Sie ist schlecht zu Fuß weil sie vielleicht übergewichtig ist, eine schlecht verheilende Wunde am Bein hat – möglicherweise hält sie ihren Diabetes-Typ-II-Diätplan trotz regelmäßiger Ermahnung des Apothekenpersonals nur marginal ein, “so ein Stück Kuchen zum Nachmittagskaffe muss doch erlaubt sein” und auch das Eincremen der Haut kommt zu kurz weil sie es aufgrund ihrer eingeschränkten Beweglichkeit nicht schafft, sich am gesamten Körper einzucremen. Ein Ölbad traut sie sich einerseits nicht, weil sie vor Monaten in der Badewanne ausgerutscht ist und sie nimmt maximal 1x wöchentlich ein Vollbad.
Der Besuch beim Arzt war für Sie sehr anstrengend, sie ist 20min mit der Bahn gefahren, hat davor 10min an der Haltestelle (ohne Sitzgelegenheit) gewartet und bereits 15min Fußweg zur Haltestelle hinter sich, beim Arzt saß sie 1h im Wartezimmer, da kam ein dringender Fall dazwischen. Sie hat nun ihr Rezept in der Hand, müsste eigentlich die Toilette aufsuchen und würde lieber nach Hause fahren, benötigt aber ein paar ihrer Medikamente weil die Vorratspackungen daheim zur Neige gehen.
Sie entscheidet, weitere 10min zur Haltestelle zu laufen, dort (2xtgl hin und zurück reicht nach Ansicht des Gerichtes) im günstigsten Fall ein paar Minuten zu warten, im ungünstigsten Fall hat sie die erste Verbindung des Tages verpasst und wartet ein paar Stunden, erreicht die Apotheke also möglicherweise 3-4h nachdem sie das Haus verlassen hat. Dort ist eins der Medikamente (Biguanid) nicht lieferbar, bei einem anderen (Beta-Blocker) änderte sich der Rabattvertrag, die Apotheke hat das rabattierte AM nicht vorrätig, kann es aber noch zum Nachmittag beschaffen. Die Sonder-PZN nutzt der Apotheker in diesem Fall lieber nicht, er hat erst eine Retax-Streitigkeit hinter sich weil bei einem Beta-Blocker die Dringlichkeit nach Ansicht der KK nicht Grund genug für die Abgabe eines nicht rabattierten AM ist.
Netterweise bietet die Apotheke einen Lieferservice an, die Patientin kann also wenigstens den Beta-Blocker noch am selben Tag erhalten, für das Biguanid findet der Apotheker auch eine Lösung, er lässt sich von seinem Großhändler schriftlich bestätigen, dass das rabattierte Biguanid nicht lieferbar ist, tauscht gegen ein anderes aus und bedruckt das Rezept incl. sämtlicher Begründungen usw… Die Patientin fährt anschließend nach Hause, war nun geschätzte 6 Stunden unterwegs, hat zwischendurch keinen Tropfen getrunken, einerseits ist ihr eine Wasserflasche zu schwer zu tragen, andererseits geht sie nur zu ungern auf öffentliche Toiletten wenn sie unterwegs ist. Den Rest des Tages verbringt sie damit zu hoffen, dass sie nicht schon wieder eine Blasenentzündung bekommt, dann müsste sie morgen wieder zum Arzt und zur Apotheke und ruht sich daheim aus. Vollzeitbeschäftigung “Patientsein”.

Doch was wäre mit der Patientin geworden wenn ihr Gesundheitszustand z.B. aufgrund eines Infektes nicht zulässt, dass sie noch weiter zur Apotheke fährt? Versandhandel? Sie hat in ihrem Leben noch nie an einem Computer gesessen, eine Internetzugang besitzt sie nicht, als ihr Mann vor 5 Jahren gestorben ist hätte ihr ihre Tochter, die aus beruflichen Gründen im Ausland lebt, natürlich einen eingerichtet – die Frau war aber schon immer etwas vorsichtig, sie hat alles, was sie braucht im näheren Umfeld und da ihre Augen auch nicht mehr die Besten sind und sie auch schon beginnt, etwas vergesslich zu werden, naja….
Sie kann also keine Online-Bestellung vornehmen, bestellt die Medikamente telefonisch. Es fällt ihr sehr schwer, die glücklicherweise mit Computer erstellten Rezepte zu lesen, sie kann die Namen der Medikamente nicht richtig aussprechen, die Apothekenmitarbeiterin am Telefon fragt sie nach so Sachen wie der Krankenkassennummer, irgendwelchen N´s und Zahlen, dabei will die Frau doch einfach nur ihre Tabletten bestellen und ist müde, sie war doch heute schon so lange unterwegs.

Ja, es ist sicher möglich, dass die Patientin ihre benötigten Medikamente irgendwie erhält aber MUSS das wirklich so sein? Was genau hat die Patientin denn verbrochen, dass es für sie solche Mühen bedeuten muss, ihre Medikamente zu erhalten? Ist es ihre Schuld, dass sie alt ist und “alterstypische” Anzeichen wie eingeschränkte Mobilität oder eingeschränktes Sehvermögen besitzt? Muss es sein, dass eine Apothekenmitarbeiterin grob geschätzte 20Minuten versucht, auf alle erdenkliche Weise sämtliche Informationen des Rezeptes (incl Vorhandensein der Telefonnummer des Arztes, die ist sicher noch kleiner geschrieben als die AM-Namen) telefonisch zu erfragen und dabei die Gratwanderung zwischen Respekt vor dem Alter und ihrer jugendlichen Ungeduld zu wahren?

Ja dieses Beispiel mag überspitzt sein und dennoch hat sicher jeder Mitarbeiter einer öffentlichen Apotheke genau so eine Geschichte schon gehört.

Oder wie sähe die gleiche Geschichte aus bei einem jungen Mann, Mitte 40, ihn hat ein Magen-Darm-Infekt erwischt und sein Arbeitgeber fordert eine AU ab dem ersten Fehltag. Sind da 20Minuten Bahnfahrt (wohlgemerkt NACH dem Arztbesuch und 2x tägliche Verbindung des ÖPNV reicht aus) angemessen um ein Mittel gegen Übelkeit und Diarrhö zu erhalten?

Ich bin natürlich auch der Meinung, dass im Gesundheitssystem wirtschaftliche Aspekte genauer betrachtet werden müssen, ebenso finde ich die regulierenden Mechanismen an vielen Stellen sinnvoll. Wenn z.B. die Einrichtung einer Rezeptsammelstelle ohne weitere Regulierung erfolgen dürfte wären vermutlich die “Großen” im Vorteil, man kann mehr Geld für breiter gestreute Sammelstellen als Briefkästen erübrigen, bessere Werbung schalten und würde so der kleinen Apotheke im Wohnviertel noch ein paar wertvolle Kunden ablocken bis auch diese Apotheke schließen muss.

Dennoch gefällt mir der aktuelle Weg nicht!

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: