Toxoplasmose: Statistiker in Katerstimmung

22. März 2016
Teilen

Katzen übertragen Toxoplasma gondii auf werdende Mütter. Der Parasit führt beim Ungeborenen zu Fehlbildungen. Forscher berichten jetzt, dass eine Toxoplasmose weitaus häufiger auftritt als bislang angenommen. So mancher Fall bleibt unentdeckt.

Rund 30 Prozent aller Menschen haben sich dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge im Laufe ihres Lebens mit Toxoplasma gondii infiziert, ohne dies zu bemerken. Häufig gelangen Oozysten über Ausscheidungen von Katzen in den menschlichen Körper. Als weitere Quellen gelten Gewebszysten in rohen Fleischprodukten. Schwangere ohne eigene Antikörper übertragen den Einzeller auf ihr Ungeborenes, was zur Toxoplasmose führen kann. Abhängig vom Zeitpunkt der Infektion treten bleibende neurologische Schäden auf. Das Sehvermögen kann ebenfalls dauerhaft geschädigt werden. Für Deutschland gab es bislang keine belastbaren Zahlen, sondern grobe Schätzungen. Zwischen 35 bis 70 Prozent aller Bürger im Osten und 32 bis 48 Prozent im Westen Deutschlands sollen entsprechende Antikörper im Blut aufweisen.

Mit DEGS zu verlässlichen Aussagen

Wissenschaftler haben im Rahmen der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) etliche Blutproben untersucht. Die Resultate: Von 6.663 Personen waren 3.602 seropositiv. Die Seroprävalenz erhöhte sich von 20,0 Prozent bei jungen Erwachsenen (18-29 Jahre) auf 76,8 Prozent bei Senioren (70-79 Jahre). Noch ein Blick auf Frauen: Aus den aktuellen Zahlen errechneten RKI-Forscher 6.393 jährlichen Serokonversionen bei Frauen während der Schwangerschaft. Daraus ergeben sich rein statistisch 1.279 Infektionen des Fetus und 345 Neugeborene mit klinischen Symptomen. Momentan werden dem RKI acht bis 23 kongenitale Toxoplasmosen im Jahr gemeldet. „Dies weist auf eine starke Untererfassung dieser Erkrankung bei Neugeborenen hin“, heißt es vom RKI.

Umstrittenes Screening

Nicht nur Ärzte sind jetzt gefragt. Werdenden Müttern bleibt neben üblichen Hygienemaßnahmen derzeit nur ein Test, den sie als IGeL-Leistung selbst bezahlen müssen. Am Sinn oder Unsinn von Untersuchungen scheiden sich die Geister. Ein Schwangeren-Screening auf Antikörper wie in Frankreich wird bei uns nicht durchgeführt.

31 Wertungen (4.77 ø)
Forschung, Pharmazie

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

6 Kommentare:

Piet
Piet

Vielleicht tue ich einige Reagenten hiermit ein gefallen? Hierin wird auseinander gesetzt wie u.A. Toxoplasmose funktioniert.

http://www.euleev.de/images/EULEN-SPIEGEL/2013/2013-1-2_i3_web_EULE.pdf

#6 |
  0
Jens Hafner
Jens Hafner

Immer wieder wird entdeckt, dass Menschen und Tiere bestimmte Erreger in sich tragen, eine Krankheit aber nicht ausbricht, und wenn, dann ausgelöst durch Faktoren, die entweder nicht oder nur zum Teil bekannt sind und auch noch individuelle Umstände (Genetik/Physiologie) bedingen, die so vielfältig wie das Leben selbst sind. Biologie/Ökologie heisst Wechselwirkungs-Gefüge.
Wer kontrolliert wen oder was?
Wer bedingt wen oder was?
Wer bewirkt wen oder was?
Dazu kommt, dass alles, was wir essen und trinken, starken Einfluss auf Körper und Psyche hat. In Sachen Zucker kann es sogar sein, dass Bakterien Einfluss auf unser Verhalten nehmen, um ihr Substrat zu erhalten.
Unser geliebtes anthropozentrisches Weltbild eines sich selbst bestimmenden autonomen Menschen, ist angesichts der flirrenden Macht der Mikrobiologie nur das gekräuselte Wellenspiel eines abgründigen Ozeans …

Wir sind viele.

#5 |
  0
Klaus Vogel
Klaus Vogel

Der direkte Kontakt mit Katzen stellt entgegen einer häufig geäußerten Befürchtung nahezu kein Risiko dar. So gelang bisher kein Nachweis von infektiösen Oozysten aus dem Fell oder Speichel von Katzen. Andererseits benötigen Toxoplasma-Oozysten 3 Tage Entwicklungszeit nach der Ausscheidung mit dem Kot, um infektiös für ein anderes Säugetier zu werden. Wer als Schwangere täglich die Katzentoilette reinigt oder natürlich bestenfalls reinigen läßt, minimiert also bereits dadurch das recht geringe Infektionsrisiko durch die eigene Katze ganz erheblich. Hauptinfektionsquellen für den Mensch sind und bleiben rohes (Schweine)fleisch und Gartenarbeit. Dort spielen leider Katzen aufgrund des Vergrabens ihres Kotes die Hauptrolle.

#4 |
  0
Dr Christoph Molz
Dr Christoph Molz

Das Übertragungsrisiko durch Katzen halte ich für vernachlässigbar gering. Eine infizierte Katze scheided Oozysten nur ca. 2-3 Wochen lang aus. Dann verhindert die Immunität eine weitere Ausscheidung. Ausnahme: immunsuppressive Erkrankungen wie Aids oder Leukose.
Zitat des Instituts für Risikobewertung: “Der direkte Kontakt mit Katzen ist für die Übertragung des Erregers von untergeordneter Bedeutung.”
Dazu passt ein Befund aus der Praxis: In meiner Tierarztpraxis waren zwei Tierarzthelferinnen, die fast täglich mit Katzenkot in Berührung kamen, negativ. Meine Frau aus einem Metzgerhaushalt, die nie mit Katzen zu tun hatte, war positiv.

#3 |
  0
Gast Hebamme
Gast Hebamme

Ich stimme zu. Vor allem bei der Gartenarbeit und aber auch über ungewaschenes Obst und Gemüse, welches mit Erde / Exkrementen in Kontakt kommen konnte, können die Erreger übertragen werden.
Zudem sind die Tests, die hierzulande durchgeführt werden wenig aussagekräftig, wenn sie nur einmal zu Beginn der Schwangerschaft durchgeführt werden. Wer mit diesem Test sichergehen will, muss ihn regelmäßig wiederholen. Leider wissen das wenige Frauen, Hebammen und Ärzte (oder es wird zu wenig aufgeklärt oder es schreckt ab, dass es eine IGELeistung ist??).
Der Artikel zeigt jedenfalls deutlich, dass das derzeitige Vorgehen wenig wirksam gegen Toxoplasmose Infektionen ist.

#2 |
  1
Gast Tierärztin
Gast Tierärztin

Nicht nur direkter Kontakt zu Katzen bzw. das Säubern von Katzentoiletten, die nicht täglich gereinigt werden, sondern besonders “ungeschützter” Kontakt zu evtl. mit Oozysten infizierter Erde bei der Gartenarbeit kann für Schwangere ein Risiko darstellen!

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: