EHEC: Das 1×1 für die Praxis

9. Juni 2011
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Tomaten, Gurken, Sprossen - die Liste potentieller EHEC-Gemüse wird immer länger. Und damit auch die Warteschlangen besorgter Patienten. Wir haben die wichtigsten Punkte für den Umgang mit EHEC in der Praxis noch einmal zusammengefasst - inklusive Patientenmerkblatt zum Ausdrucken.

1. Screenen

Nicht jeder Durchfall ist durch EHEC bedingt. Bei blutigem Durchfall sollten jedoch die Alarmglocken klingeln. Von der aktuellen EHEC-Welle sind meist Frauen betroffen – hier kursiert die Hypothese, dass sie sich meist gesünder ernähren. Mehr Gemüse und mehr Rohkost soll das Risiko erhöhen. Kinder bzw. Männer gehören seltener zu den Patienten.

Die kürzlich veröffentlichte „S1-Leitlinie EHEC / HUS, Empfehlungen zu Diagnostik und Therapie“ der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) rät dazu, Durchfall-Patienten unbedingt auf folgende Kriterien hin zu untersuchen:

• Liegen Funktionsstörungen der Niere vor (Ödeme, Hämaturie)?
• Besteht Verdacht auf eine hämolytische Anämie (auffallende Blässe)?
• Könnte eine Thrombopenie bestehen (Petechien, Hämatome)?

Wenn der Durchfall von einem oder mehreren der oben genannten klinischen Zeichen begleitet wird, sollte nach Ansicht der Autoren eine sofortige stationäre Einweisung mit telefonischer Vorankündigung erfolgen. Bei hinreichendem klinischem Verdacht kann dabei auf das Labor verzichtet werden, um Zeit zu sparen. Lässt die Klinik keinen eindeutigen Schluss zu, können ein Blutbild (Fragmentozyten, Thrombos <150.000) und das Serumkreatinin die Verdachtsdiagnose weiter festigen. Zusätzlich sollte eine Stuhlprobe gesichert werden, um sie im Labor auf EHEC untersuchen zu lassen.

Kürzlich hat das Uniklinikum Münster (UKM) Protokolle zur Labordiagnostik des EHEC veröffentlicht. Die Molekularbiologen empfehlen eine Multiplex-PCR, also eine Polymerase-Kettenreaktion, um den aktuellen Stamm „O104:H4“ („HUSEC041“) von anderen verwandten Keimen abzugrenzen – angesichts der Vielzahl von Darmbakterien die genetische Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Das Verfahren hat es in sich: Enzyme bauen an einer Matrix aus bakteriellem Erbgut neue DNA auf. Theoretisch reicht dazu ein einzelnes Molekül aus, praktisch sind in Patientenproben aus Stuhlanreicherungen deutlich größere Mengen vorhanden. Nach jedem PCR-Zyklus verdoppelt sich die Menge des bakteriellen Erbguts. Bei der vorgestellten Multiplex-PCR werden vier relevante Gene vervielfältigt, die spezifisch für den aktuellen Ausbruch sind. Die Methode sei in den vergangenen Tagen mit Erfolg einer umfangreichen Prüfung unterzogen worden, so Professor Dr. Dr. h.c. Helge Karch, Direktor des Instituts für Hygiene am UKM.

2. Nichts falsch machen

Die ambulante Therapie der EHEC-Enteritis ist rein symptomatisch bzw. supportiv. Die Mehrheit der Fälle verläuft glücklicherweise ohne schwerwiegende Komplikationen wie das hämolytisch-urämische Syndrom. Die Behandlung beschränkt sich im Wesentlichen auf ausreichenden Flüssigkeits- und Elektrolytersatz. Eine Antibiotikatherapie birgt die Gefahr der Befundverschlechterung, da durch sie vermehrt bakterielle Toxine freigesetzt werden können. Außerdem handelt es sich beim aktuellen Erreger um einen ESBL-Bildner, d.h. der Keim ist gegen viele gängige Antibiotika resistent. Antidiarrhoika wie Loperamid können die Symptomatik verschleiern, da sie die Darmmotilität herabsetzen und dadurch die Keimelimination verzögern. Darauf sollte man auch den Patienten hinweisen, damit er sich nicht selbst mit diesen Mitteln eindeckt. Zum Einsatz medizinischer Kohle, um im Darm befindliche Toxine zu binden, gibt es in der Fachwelt widersprüchliche Meinungen. Bei stark exsikkierten Patienten kann ein Flüssigkeitsersatz mit Elektrolytlösungen erfolgen, um den Patienten zu stabilisieren. Vorsicht: Bei eingeschränkter Nierenfunktion besteht die Gefahr der Überwässerung.

3. Melden

Bei allen Verdachtsfällen sowie nachgewiesenen EHEC-Infektionen müssen Kollegen eine Meldung an das zuständige Gesundheitsamt absetzen, sowohl beim Aufspüren des Giftstoffs Shigatoxin als auch bei der direkten Identifizierung der Bakterien. Entsprechende Regelungen lassen sich im Infektionsschutzgesetz (IfSG), § 6 (Meldepflichtige Krankheiten) sowie § 7 (Meldepflichtige Nachweise von Krankheitserregern) nachschlagen. Das Meldeformular kann hier heruntergeladen werden. Die Meldung erfolgt wie in den guten alten Zeiten per Fax – aus Datenschutzgründen verweigern die meisten Gesundheitsämter die Meldung per eMail. Von verschlüsselter eMail scheint man dort noch nichts gehört zu haben. Wichtig: Für Personen, die Lebensmittel herstellen oder weiterverarbeiten, ist ihr Job dann erst einmal tabu (IfSG, § 42 Tätigkeits- und Beschäftigungsverbote). Das gilt auch bei Tätigkeiten in Gemeinschaftsunterkünften (IfSG, § 34, Absatz 1, Gesundheitliche Anforderungen).

4. Desinfizieren

Seit EHEC kommt der Hygiene in der hausärztlichen Praxis eine besondere Bedeutung zu. Für eine Infektion reichen nämlich schon weniger als 100 dieser Keime aus. Mikrobiologen raten, Standard-Regeln beim Kontakt mit potenziell Infizierten einzuhalten:

  • Hände vor und nach jedem Patientenkontakt desinfizieren.
  • Möglicherweise kontaminierte Flächen sollten ebenfalls behandelt werden, etwa bei der Arbeit mit Blut- oder Stuhlproben im praxiseigenen Labor.
  • Auch an Gerätschaften wie das allgegenwärtige Stethoskop ist zu denken.
  • Das Robert Koch-Institut hat dazu Listen mit geprüften Desinfektionsmitteln veröffentlicht.
  • Beim Umgang mit möglicherweise infiziertem Material sind Schutzkittel und Einmalhandschuhe zu tragen.

5. Aufklären

Bei EHEC-Patienten sind auch während der Rekonvaleszenz andere Familienmitglieder besonders gefährdet: Mit einer Ausscheidung der Erreger über den Stuhl muss selbst bei Symptomfreiheit noch vier Wochen lang gerechnet werden. Ärzte sollten den Betroffenen Empfehlungen zur Desinfektion der Hände und der so genannten Handkontaktflächen, also Türklinken, Wasserhähne, WC-Spülknöpfe oder ähnliche, mit auf den Weg geben. Auch Geschirr und Besteck müssen in der Spülmaschine bei mehr als 60 Grad gereinigt werden. Eine Wäsche bei diesen Temperaturen ist erforderlich, sollten Kleidungsstücke oder sonstige Gegenstände mit Stuhl oder Erbrochenem in Berührung gekommen sein.

Mit diesen Tipps und einem offenen Ohr für berechtigte oder übertriebene Sorgen lässt sich die Arzt-Patient-Bindung stärken und Panik vermeiden. Und dass die Zusammenarbeit mit Kliniken selbst in Extremsituationen gut funktioniert, haben die letzten Wochen gezeigt. „Die Hausärzte leisten bei der Versorgung von EHEC-Patienten Beeindruckendes“, so Professor Dr. Ulrich Kunzendorf, Direktor der Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten am Uniklinikum Kiel.

Hier finden Sie eine Checkliste (PDF) zum Ausdrucken, mit praktischen Informationen für Ihre Patienten. Zusätzlich zum Runterladen: Das Meldeformular für Ärzte.

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Medizin, Pharmazie
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12 Kommentare:

Horst Rieth
Horst Rieth

@Sven Falkenhain
bakterien auch e.coli führen eine sogenannte konjugation, bildung einer plasmabrücke, über die plasmide (genabschnitte) ausgetauscht werden aus.
im übrigen werden eigentlich stichproben bei rindern gemacht, ob sie husec041 oder nahe verwandte beherbergen, anstatt in mülltonnen rumzukramen ?

#12 |
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Auch ich halte die EHEC-Diskussion für sehr fraglich, diese und verwandte Coli-Infektion fordert doch jedes Jahr Opfer, sie nun als Epidemie zu bezeichnen ist angesichts der doch gesamtepidemiologisch sehr geringen Fallzahlen problematisch. Wieviele Grippe-Opfer haben wir jährlich ?… Landwirte und völlig harmlose Produkte werden durch EHEC verteufelt, EU-Gelder in horrenden Summen sollen Verluste auch im Ausland ausgleichen, das alles zahlen wir. Die Frage danach wer hieran direkt verdient ist leicht beantwortet: Firma Alexion (USA),Hersteller von Eculizumab = Soliris. Extrem teures Nieschenpräparat mit plötzlich beschleunigter Zulassung und wenig Erfahrung – da drängen sich doch Fragen auf. Aus anderen Fällen wissen wir, dass konzernnahe PR-Firmen manipulierte “Fachtexte” streuen – wer zieht hier die Fäden ?;)

#11 |
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Oscar Cahyadi
Oscar Cahyadi

In Spiegel oder Stern letzte Woche wurde berichtet, dass die Herstellerfirma von Eculizumab die Substanz für die EHEC-Patienten kostenlos zur Verfügung stellt. Hier kann die Firma ja nur gewinnen; sie erhofft sich auf eine künftige Zulassung für HUS.

#10 |
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Prof. Dr. med. Christian Albrecht May
Prof. Dr. med. Christian Albrecht May

Ich bin sehr froh, dass bei den genannten Stichpunkten die Nahrung und einzelne Nahrungsmittel nicht genannt sind. Hier wurde sehr viel Hysterie betrieben, zum Schaden der Landwirte und Verbraucher!
Bezüglich der Desinfektion muss man anmerken, dass die Verbreitung nicht nach dem üblichen Schmierinfektionsmuster abläuft. Dann wären nämlich andere Personengruppen weitaus stärker betroffen! Insofern reicht im Allgemeinen und in den meisten Regionen Deutschlands eine ‘normale’ Hygiene (die man eigentlich schon immer durchgeführt hat). Bei so viel Desinfektionsmittel, wie hier gefordert wird, steigt höchstens die Rate der allergischen Reaktionen (Kontaktallergien bzw. Hautreizungen).

#9 |
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Arzt

In dieser Debatte hätte ich gerne einmal den Beriff der
Ökologischen Nische
eingebracht.

Je mehr Freiraum für din Individuum geschaffen wird, umso mehr kann es sich vermehren!

Wir beseitigen alle physiologisch nützlichen Bakterien und erreiceh mehr Platz für Problemkeime.

Könnte das eine Ursache unserer ‘Ehec-Probleme’ sein?

Ist das das Ziel von Desinfektion und Antibiotikagabe?

#8 |
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“…wir leben im 21.Jahrhundert und fallen trotz unserer Entwichklung auf allen Gebieten einem Bakterium zum Opfer. Das stimmt doch nachdenklich.”

Ich weiß gar nicht, was mich nachdenklicher stimmen würde – dies oder wenn das nicht so wäre. In anderen Regionen der Erde sterben – ebenfalls im 21. Jahrhundert – weit mehr Menschen an ähnlich banal erscheinenden Dingen. Hunger zum Beispiel.

#7 |
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“Meine Frau glaubt, das das EHEC ein Produkt der Pharmaindustrie ist um das Sommerloch wirtschaftlich gut zu überbrücken.”

Wenn es der Pharmaindustrie dabei ums Geldverdienen gehen würde, dann hätte sie aber einen schlechten Job gemacht. Hat an EHEC schon jemand verdient?

“Ich glaube vielmehr das das EHEc uns den Fluch der Globaliserung aufzeigt.”

schon eher.

#6 |
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Nichtmedizinische Berufe

Guten Tag,

warum kann man solche Merkblätter nicht einfach mal über die Tageszeitungen verbreiten? Das ist doch Gold für die Leute.

Grüße

S

#5 |
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Mitarbeiterin Industrie

Sehr geehrte Frau Dr. Nitsche, danke für die Antwort. Dass die Quelle bis heute nicht entdeckt wurde, hat mich auf diesen Gedanken kommen lassen. Ich möchte nicht spekulieren, das war nicht meine Intension. Mich beschäftigt das nur sehr, wir leben im 21.Jahrhundert und fallen trotz unserer Entwichklung auf allen Gebieten einem Bakterium zum Opfer. Das stimmt doch nachdenklich.

#4 |
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@ Frau Mohrmann – da muß kein Zweibeiner die Hände im Spiel gehabt haben. Bakterien können unter bestimmten Umständen “in der freien Wildbahn” genetisches Material austauschen, im Mikrobiologischen Slang wird das auch als “Primitivsex” bezeichnet. Damit will ich nicht behaupten, daß es kein “Laborunfall” war, die Vorschriften für sog. S1-S3 Labore sind nicht umsonst so streng … aber genausowenig läßt sich daraus schließen, dass es einer war … sehr verunsichernd für uns alle ist, daß auch nach Wochen die Quelle immer noch unklar bleibt und nur Spekulationen kursieren.

#3 |
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Mitarbeiterin Industrie

Sehr geehrte Damen und Herren,
wissen Sie wie es zu der Kreuzung zweier Bakterien kam aus denen das so aggressive EHEC sich entwickelt hat? War es Absicht so einen Erreger zu entwickeln? Ist da was schief gelaufen? Vielen Dank. MFG Gudrun Mohrmann

#2 |
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Es ist gut über diese Dinge ver Vorbeugung zu lesen, Hygiene ist wichig!

#1 |
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