EHEC: ‘Wir haben das Schlimmste überstanden’

10. Juni 2011
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Unbekannte Infektionsquellen und überfüllte Krankenhäuser in Norddeutschland: DocCheck sprach mit Professor Dr. Jan Galle, dem Direktor der Klinik für Nephrologie und Dialyseverfahren am Klinikum Lüdenscheid über den aktuellen Stand der EHEC-Welle.

Herr Professor Galle, laut der Seuchenkontrollbehörde ECDC sind allein in Deutschland 1536 Patienten mit dem enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC) infiziert, bei 627 Patienten entwickelte sich ein hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS). Wie bewerten Sie zum aktuellen Zeitpunkt den Verlauf der Infektionswelle?

Zum Glück ist der Höhepunkt mittlerweile überschritten, die Zahl der Neuerkrankungen nimmt langsam ab. Wir haben das Schlimmste überstanden, dürfen aber nicht vergessen, dass sich bei EHEC-Patienten ein HUS erst fünf bis zehn Tage nach dem Auftreten der Durchfälle bemerkbar macht. Solange uns die Quelle der Erreger Rätsel aufgibt, rechne ich nicht mit einem Rückgang auf das Level früherer Jahre. Unter Verdacht stehen sicher an erster Stelle verunreinigte Lebensmittel. Wir können aber auch Schmierinfektionen, sprich die Übertragung von Mensch zu Mensch, zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausschließen.

Apropos Quelle: Gurken, Tomaten, Blattsalate und Sprossen gerieten in die Schusslinie, später wurde teilweise zurückgerudert. Verbraucher sind zunehmend verunsichert – Ihr Rat?

In Nordrhein-Westfalen oder Bayern würde ich mir weniger Sorgen um Gemüse vom heimischen Feld machen. Schleswig-Holsteins oder Bremens Verbraucher hingegen sollten auf Rohkost gänzlich verzichten und ihre Tomaten beispielsweise im Backrohr grillen. Sprossen würde ich momentan bundesweit vom Speiseplan streichen. Solange wir die genaue Ursache nicht kennen, bleiben eben nur derart allgemeine Warnungen. Ich kann auch nicht ausschließen, dass der Verursacher nie gefunden wird, sollten etwa kontaminierte Produkte längst außer Handels sein. Dass Wissenschaftler beispielsweise an Sprossen aus Niedersachsen keine EHEC-Keime gefunden haben, heißt nicht, dass frühere Chargen in Ordnung waren. Auch Fleisch und Rohmilchprodukte sind immer noch nicht frei von allem Zweifel, sie waren für Erkrankungsfälle in früheren Jahren verantwortlich. Dennoch wäre mir wichtig, dass die Landwirte für ihre größtenteils unverschuldeten Verluste entschädigt werden.

Zurück zu den Patienten: Wie ist die Situation in Kliniken?

Unsere Kapazitäten an Blutplasma oder Dialysegeräten reichen aus, um die Lage zu meistern. Relativ früh haben sich Kollegen über das Netzwerk der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie ausgetauscht und so die Ressourcen je nach Bedarf organisiert. Eine Plasmaspende lässt sich beispielsweise leicht von München nach Hamburg transportieren. Und leichter Erkrankte können in andere Kliniken außerhalb Norddeutschlands verlegt werden, beispielsweise vom Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf nach Düsseldorf, Essen oder Lüdenscheid. Mit Intensivpatienten ist das nicht möglich. Und so kam es im Norden dennoch zur Bettenknappheit. Auch zu wenig Fachpersonal stand zur Verfügung, trotz der Flexibilität vieler Kollegen.

Schlugen Plasmapherese oder Dialyse nicht an, setzten Nephrologen den Antikörper Eculizumab off label ein. Eine Erfolgsgeschichte?

Diese Frage lässt sich jetzt noch nicht abschließend beantworten. Klinken berichten sowohl vom Ansprechen der Behandlung als auch von Therapieversagen. Momentan gilt unsere Empfehlung, mit Eculizumab als Second Line-Therapie zu arbeiten, wenn die klassischen Methoden versagen und es zu einer lebensbedrohlichen Situation kommt. Parallel sammeln wir über ein Register der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie Daten und werden diese nach der Auswertung umgehend veröffentlichen. Die Fachgesellschaft plant zur Entlastung der Kollegen auch, Teams in Kliniken zu schicken und Fakten vor Ort zu erfassen.

Vielerorts steht auch die Frage der Finanzierung im Raum. Bleiben Kliniken nach allem Engagement jetzt auf den Kosten sitzen?

Alle Personen im Gesundheitswesen haben mitgeholfen, ohne auf den Geldbeutel zu schauen. Jetzt muss in der Tat auf Ebene der Spitzenverbände gesprochen werden. Viele Häuser haben beispielsweise die im Jahr zuvor mit den Kostenträgern verhandelten Budgets für Plasmapherese, somit eben jetzt für HUS-Patienten, um ein Vielfaches überzogen. Versicherer müssen nachlegen, um die Einrichtungen nicht im Regen stehen zu lassen. Auch über die teilweise geplanten Kürzungen der Patientenkontingente ist erneut zu diskutieren.

Das Robert Koch-Institut ist in Berlin zunehmend in die Kritik geraten. Vorgeworfen wird den obersten Seuchenhütern eine zu langsame Reaktion sowie eine allzu schnelle Festlegung auf Gemüse. Welche Lehren können wir aus der Erkrankungswelle ziehen, medizinisch wie politisch?

Aus medizinischer Sicht ist für mich ganz klar: Wir haben alles richtig gemacht. Seit die ersten HUS-Fälle am 22. Mai bekannt geworden sind, hat sich binnen weniger Stunden und Tage eine riesige Maschinerie in Gang gesetzt, haben sich Kollegen über Netzwerke auf den neuesten Stand gebracht und die flächendeckende medizinische Versorgung sichergestellt. Molekularbiologen konnten das Genom des Erregers sequenzieren und fanden eine Chimäre mit vier relevanten Genen. Und Labormediziner entwickelten umgehend einen Schnelltest, der sich nicht nur bei Patienten bewährt hat, sondern auch die rasche Überprüfung von Lebensmittel gewährleistet. In Kliniken wiederum kam der Antikörper Eculizumab zum Einsatz. Wahrscheinlich hat er einige Menschenleben gerettet. Ganz klar: Medizinisch haben wir uns richtig verhalten. Dennoch bleibt die Frage, ob auch Deutschland zentrale Strukturen wie das US-amerikanische Center for Disease Control, CDC, braucht. Das sollten wir nach der EHEC-Welle diskutieren – auf fachlicher Basis und nicht unter parteipolitischem Kalkül.

Herr Professor Galle, vielen herzlichen Dank!

Professor Dr. Jan-Christoph Galle leitet seit 2006 die Klinik für Nephrologie und Dialyseverfahren am Klinikum Lüdenscheid. Er ist zugleich Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie. Galle studierte an der an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und am St. Thomas Hospital Medical School, London, Medizin und erhielt seine Approbation im Jahr 1987. Nach der Dissertation und Promotion am Institut für Angewandte Physiologie der Universität in Freiburg habilitierte er sich 1997 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Hypertensiologie, Arteriosklerose und vaskuläre Medizin. Für seine Arbeiten wurde Galle mit dem Franz-Volhard Preis der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie ausgezeichnet.

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14 Kommentare:

Ärztin

Schön, dass die Neuerkrankungen zurückgegangen sind. schön auch,dass die Ursache scheinbar infizierte Sprossen waren!
Aber wie wurden diese mit dem Keim infiziert. Woher kommt der Neue Klon E.coli 0104. Wieso nur Hamburg und Umgebung?
Wo sind Reservoir und Überträger? Warum nicht mehr Fälle?
Warum hilft Eculizumab, gegen weches Antigen wurde er gemacht?
Was hat es mit der Hygiene auf sich? Die ist nicht schlechter als in den letzten Jahren eher ein bißchen zuviel Sakrotan in den Haushalten, oder?! Und meist nicht richtig angewendet!
Viele Fragen und noch mehr Sekulationen.

#14 |
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Das erhebliche Hygieneproblem im Supermarkt beginnt schon an der Schiebestange des Einkaufswagens. Ein mir bekannter Edeka-Markt hat schon vor ca. 10 Jahren Desinfektionstücher für die Reinigung der Wagenstange zur Verfügung gestellt. (Was davon zu halten ist bzw. ob auf diese Weise vielleicht sogar Resistente gezüchtet werden, das frage ich die Mikrobiologen unter den Lesern). Auf jeden Fall würde ich empfehlen, für die Hygiene am Einkaufswagen ein Papiertaschentuch zu opfern.

#13 |
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Dr. Elisabeth Pommé
Dr. Elisabeth Pommé

Ich finde es ja auch ekelhaft, dass Jeder (!) das Obst und Gemüse anfassen darf, welches dann oft aufgrund irgendeines kleinen Flecks wieder zurück gelegt wird. Waschen sich alle die Hände vorher? Oder nachdem sie auf Toilette waren? Überprüft das Gesundheitsministerium alle Hände per Abklatsch vorher? In den hotels wird das Küchenpersonal jährlich überprüft, meines erachtens auch die Verkäufer in Lebensmittelgeschäften, vor Allen Dingen auf salmonellen. aber der Verbraucher darf alles anfassen, auch nachdem er sich “in der Nase gepopelt hat”, oder den Hund gestreichelt hat, weitere unapetitlichere Ausführungen will ich erst gar nicht machen. Es sollte, wie früher, ein hygienisch ausgebildeter Verkäufer sich um die Bedienung an der Obst- und Gemüsetheke kümmern, und zwar mit Plastikhandschuhen, die man von Zeit zu Zeit mal wechselt, das ist auch Umweltfreundlicher, als fürJeden die Handschuhe zur Verfügung gestellt werden, die dann tatsächlich möglicherweise noch vorher mit mit Spucke angefeuchteten Fingern, die dann alle vorhandenen Handschuhe kontaminieren, angefasst werden.
und die Putzfrauen im Krnakenhaus sollten darauf ausgebildet werden, stündlich einen registrierten Rundgang (mittels Unterschriftsliste, wer die Runde gemacht hat) zu machen, um alle Türgriffe und Wasserhähne zu desinfizieren, das würde die Keimübertragung schon erheblich reduzieren. Das vermeidet auch den vermehrten Einsatz von noch mehr giftigen/agressiven Desinfektionsmitteln, denn letzteres fördert nur durch das abtöten von harmloserenl Keimen, das Wachstum Nosokomialer Keime, die dann antibiotisch kaum zu behandeln sind.

#12 |
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Die Hygiene in Kliniken, Praxen ect. ist wirklich oft haarsträubend, genauso ist es beim Einkaufen, an den Verkaufstheken könnte man da so seine Studien machen. Auch die Käufer gehen sehr leichtsinnig mit sich und den Einkaufswaren um. Trotzdem ist es wichtig und gut was gerade geschehen ist. Ich fand die Forschung und Behandlung der Pat. vorbildlich auch die Info. an die Bevölkerung war passend und notwendig.
Zu wünschen ist nun eine unproblematische Erstattung der Unkosten über die Kassen und die öffentliche Hand.
Aus den gelegentlichen Falschmeldungen sollten wir lehrnen.

#11 |
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die datenlage ist wirklich katastrofal! der EHEC ist in menschen zu hause, und noch immer wissen wir nicht um die infektionsquelle. und sind nun alle bisher bekannt gewordenen infektionen sekundäre – als von mensch zu mensch übertragene? gibt es überträger? JB

#10 |
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In den Obst- und Gemüseabteilungen von Supermärkten fassen die Kunden üblicherweise die Ware an und benetzen ihre so kontaminierten Finger mit der Zunge, um die in der Regel verklebten Folienbeutel öffnen zu können. Man sollte auch an diese Infektionsmöglichkeit denken (und die Ursache abstellen).

#9 |
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Monika Geissler
Monika Geissler

Liebe Frau Annabe,
ich gebe Ihnen ja recht, was die Krankenhaushygiene anbelangt. Nur geht es in diesem Fall nicht um diese, sondern um Mängel im Lebensmittelbereich, und da haben Sie doch sicher auch schon beobachtet, wie Verkäufer Geld und Lebensmittel wechselseitig anfassen, mit Putzlappen Theken säubern, um danach mit ungewaschenen Händen wieder Lebensmittel zu berühren.

festgestellt, daß

#8 |
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Dr. Anton Safer
Dr. Anton Safer

@Anmaße: Ja, die Gygienemaßnahemn in Krankenhäusern (und Pflegeheimen!) lässt häufig zu wünschen übrig. MRSA-Auswirkungen sind viel dramatischer als EHEC, und in der Presse selten ein Thema.
Hinzu kommt, dass auch die Verwendung der Antibiotika nicht fachgerecht ist. Typisch: “Verdachtsverordnungen” statt rationaler Therapiewahl. Wer fertigt denn Antibiogramme an?
In der Tat sind die im Fall akuter bakterieller Infehtionen auch unpraktisch, weil in der Wartezeit auf das Ergebnis zu viel passieren kann. Was die Situation wesentlich verbessern könnte, das wären Schnellteste auf Kit-Basis. Wer entwickelt so etwas?
Und bitte, liebe Kollegen/Innen, keine Antibiotika bei Viruserkrankungen, nur weil der Patient so eine Verordnung möchte. Und schon gar nicht bei Kindern, bei denen im übrigen auch vor Verordnung auszuschliessen wäre, dass sie gerade einen Wachstumsschub haben.

#7 |
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Liebe Leser, der vorgenannte Rat “auf Rohkost zu verzichten” ist eher kontraproduktiv, weil bekannter Maßen durch Rohkost das Immunsystem gestärkt wird. Wer sicherer gehen möchte, kann sein Obst und Gemüse vor dem Verzehr mit Vitamin C- oder einer 26%-igen Salzlösung behandeln, gut abspülen, abtropfen lassen. Von Mett, Tartar, Carpaccio und Co. ist bis dato noch kein Einziger durch einen EHEC-Keim zu Schaden gekommen.

#6 |
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Dr. med.dent. Konstantin Sander
Dr. med.dent. Konstantin Sander

Folgendes behauptet der Kollege Dr. Schnitzer!
“Es ist eine Schweinerei, wenn von Bauern anaerob faulender Mist und anaerob verfaulte Jauche auf Lebensmittelfelder ausgebracht wird, um die Pflanzen zu mästen, was sie krank und anfällig für “Schädlinge” macht, was dann mit dem Versprühen hochgiftiger Pestizide beantwortet wird und als Folge das Sterben der Bienen und das Erkranken der Menschen nach sich zieht. Hingegen führt das korrekte aerobe (= unter Luftzufuhr durchgeführte) Kompostieren, das bereits im alten China entwickelt worden ist, zur Abtötung aller pathogenen Keime und zu einem für die Gesundheit und das Wachstum der Pflanzen vorteilhaften Kompostdünger.”

#5 |
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Genmanipulation ausgeschlossen?

#4 |
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Krankenpflegehelferin

Warum nur in Deutschland mit HUS erkrankte Leute ,und nur in Nord Deutschland.Es muste doch in diesem gegen der Quelle von Infection sein, oder?

#3 |
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Monika Geissler
Monika Geissler

Solange wir in Deutschland so katastrophale Hygienezustände haben, werden wir immer wieder mit Epidemien konfrontiert werden.Man müßte erst einmal Verkäufer, Köche etc. in puncto Hygiene unterrichten und schulen.

#2 |
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Ich bin mir nicht sicher ob wir des Schlimmste überstanden haben.Es sind zu viele Fragezeichen offen.

#1 |
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