Bonusprogramme: Kein Zuckerbrot, nur Peitsche

16. März 2016
Teilen

Wollen Arbeitgeber ihre Angestellten zu mehr Bewegung motivieren, nützt Strafe offenbar mehr als Belohnung – diesen Effekt beobachteten Forscher. Stellt die Untersuchung damit das Prinzip aktueller Belohnungssysteme als Motivation für gesundheitsbewusstes Handeln infrage?

Gesundheitsbewusstes Verhalten durch Belohnung zu fördern, galt bisher als sinnvolle Strategie von Gesundheitsprogrammen. Ein höheres Maß an täglicher Bewegung gilt dabei unter anderem als nützliche Maßnahme – etwa im Kampf gegen Übergewicht und die damit verbundenen Risiken, wie kardiovaskuläre Erkrankungen oder Diabetes. Forscher untersuchten nun in einer aktuellen Studie [Paywall], ob Angestellte sich entweder durch eine finanzielle Belohnung oder aber den Verlust derselbigen zu mehr Bewegung motivieren ließen. Das Ergebnis überrascht: Die Angst vor dem Verlust eines potenziellen Bonus entpuppte sich als weitaus stärkere Triebfeder als die Aussicht auf einen Gewinn.

Strafe muss sein?

Insgesamt nahmen 281 Probanden an der Studie der Division of General Internal Medicine der University of Pennsylvania teil. Für die randomisierte, kontrollierte Untersuchung wählte das Forscherteam um Dr. Mitesh Patel übergewichtige bis adipöse Angestellte mit einem Durchschnittsalter von 39,7 Jahren und einem BMI über 27 (durchschnittlich 33,2). Über einen Zeitraum von 13 Wochen sollten die Teilnehmer täglich ein Bewegungsziel von 7.000 Schritten erreichen. Die Wissenschaftler teilten die Probanden in vier Gruppen ein, mit jeweils unterschiedlichen Motivationsanreizen:

  • Teilnehmer der ersten Gruppe erhielten täglich 1,40 US-Dollar, wenn sie die geforderte Schrittzahl erreichten.
  • Probanden der zweiten Gruppe durften an jedem erfolgreichen Tag ein Los ziehen, mit einem möglichen Gewinn zwischen 5 und 50 US-Dollar.
  • Testpersonen der dritten Gruppe erhielten zunächst 42 US-Dollar im Voraus; jeden Tag, an dem sie das Bewegungsziel verfehlten, mussten sie mit 1,40 US-Dollar bezahlen.
  • Der vierten Gruppe (Kontrollgruppe) wurden keinerlei finanzielle Anreize oder Strafen in Aussicht gestellt: Ihnen wurde lediglich die mittels Pedometer gemessene, tägliche Schrittzahl mitgeteilt.

Die Auswertung zeigte bemerkenswerte Unterschiede zwischen den Gruppen: Die erste Gruppe, deren Beteiligte eine tägliche Belohnung ergattern konnten, erreichte im Mittel an 35 % der Studientage das Schrittziel und lieferte somit vergleichbare Ergebnisse wie die zweite Gruppe mit durchschnittlich 36 %, die auf einen Losgewinn hoffen durfte. Beide Gruppen waren jedoch – wie zu erwarten – mit Aussicht auf eine Belohnung motivierter als die Kontrollgruppe, die lediglich an 30 % der beobachteten Tage die geforderten Schritte zurücklegte. Doch nur die Versuchsteilnehmer der dritten Gruppe setzten sich in puncto Bewegung deutlich von den anderen Gruppen ab: Sie erreichten an 45 % der Studientage das Bewegungsziel und verzeichneten einen signifikanten Aktivitätsvorteil von 16 % gegenüber der Kontrollgruppe. Offenbar hatte die Furcht vor dem Verlust des vorausgezahlten Bonus den stärksten Effekt auf die Motivation.

Wer gewinnen kann, strengt sich an – wer verlieren kann noch mehr

Spätestens seit Forscher in den Fünfzigerjahren das Belohnungssystem im Gehirn entdeckten, gilt die Aussicht auf Belohnung als starker Motivator für das eigene Tun. Löst der Lohn durch die Ausschüttung von verschiedenen Endorphinen und Oxytocin Glücksgefühle aus, kann dies zu einer starken Triebkraft unseres Handelns werden. Auch bezogen auf gesundheitsbewusstes Verhalten lässt sich die Strategie anwenden. So bieten inzwischen viele gesetzliche Krankenkassen Bonussysteme an, die greifen, wenn sich Versicherte besonders kosten- oder gesundheitsbewusst verhalten. Wer beispielsweise sein Gewicht hält, Sport treibt oder regelmäßig Vorsorgeuntersuchungen wahrnimmt, kann Punkte sammeln und sich an Geld- oder Sachprämien erfreuen. Auch viele Unternehmen nutzen positive Anreize für Arbeitnehmer im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Und sogar Arbeitgebern winken Vorteile – beispielsweise in Form von Steuervorteilen – wenn sie in gesundheitsfördernde Maßnahmen ihrer Mitarbeiter investieren.

Die aktuell vorgelegte Studie von Dr. Patel und seinen Mitstreitern wirft nun ein anderes Licht auf diese Vorgehensweisen. Denn aus wissenschaftlicher Sicht spielt auch ein anderer Effekt, von Psychologen als „Verlustaversion“ bezeichnet, als Motivationstreiber eine wesentliche Rolle. „Wir wissen, dass Menschen zu irrationalem Verhalten neigen, aber auf vorhersagbare Weise“, so Patel. „Sie neigen dazu, stärker auf Verlust als auf Gewinn zu reagieren. Unsere Gehirne sind auf diese Weise programmiert.“

Verlustangst motiviert

Auch andere Experten wie Soeren Mattke, leitender Direktor der unabhängigen Forschungsorganisation RAND Corporation, stimmen den Schlussfolgerungen der Studienautoren zu. „Die Ergebnisse stimmen mit dem überein, was wir über menschliches Verhalten wissen“, kommentiert Mattke die Untersuchung. „Aus der Wirtschaftstheorie ist gut bekannt, dass ein Verlust einen stärkeren Effekt auf Menschen ausübt als ein Gewinn desselben Werts“, so Mattke weiter, der ebenfalls bereits über Anreizmodelle für Gesundheitsprogramme forschte. „Wenn ich Ihnen 10 Dollar gebe, wirkt sich dies weniger stark aus, als wenn ich damit drohe, Ihnen 10 Dollar wegzunehmen.“ Mattke fügt allerdings hinzu, dass es sehr schwierig sein kann, ein Anreizmodell zu implementieren, das Mitarbeitern mit Geldverlust droht. „Aus der Angestellten-Perspektive haben Bestrafungen einen schlechten Nachgeschmack“, argumentiert der Experte weiter. Es sei daher deutlich leichter den Leuten zu sagen ‚wir geben dir 10 Dollar mehr, wenn du am Gesundheitsprogramm teilnimmst‘, weil das ganz anders rüberkomme als zu sagen ‚wenn du nicht mitmachst, blockieren wir deine Auszahlung‘.

Eine andere Möglichkeit, einen Anreiz zu schaffen, bestehe für Arbeitgeber darin, erst den Geldbetrag anzuheben und dann zu sagen ‚leistest du Folge, kannst du das Geld zurückbekommen‘. Mattke erklärt den Zusammenhang weiter: „In Wirklichkeit liegt kein Geld auf dem Tisch, dennoch wird das Bild eines Gewinns erzeugt.“ Auf diese Weise komme die Maßnahme besser an.

Verlustaversion auch für weitere Bereiche nutzbar

Zwar untersuchte die vorgelegte Studie den Motivationseffekt von finanziellem Gewinn oder Verlust ausschließlich in Bezug auf körperliche Aktivität, doch die Strategie könnte sich auch dazu eignen, um andere gesundheitsfördernde Ziele zu erreichen. Denn laut Dr. Patel weisen auch andere Studienergebnisse daraufhin, dass die Verlustaversion Angestellte beispielsweise dazu motivieren kann, mit dem Rauchen aufzuhören oder ihr Gewicht zu reduzieren. „Ich denke es gibt die Möglichkeit, diese Taktik auch auf andere Szenarien zu übertragen“, schlussfolgert Patel.

Zuletzt stellt sich allerdings doch die Frage, ob der beobachtete Effekt auch längerfristig Wirkung zeigt. Denn in der Studie ließ sich auch beobachten, dass die Motivation der Probanden aller Gruppen mit der Zeit deutlich nachließ. Am Ende des Beobachtungszeitraums erreichten sowohl die Gruppe der Sanktionierten als auch die Kontrollgruppe an gleich vielen Tagen das Bewegungsziel. In jedem Fall aber könnte die Studie Anlass für Arbeitgeber und Krankenkassen sein, die bisherige Vorgehensweise bei Programmen zur Gesundheitsförderung zu überdenken und gegebenenfalls zu überprüfen, ob sich gesetzte Ziele durch andere Strategien besser erreichen lassen.

36 Wertungen (4.42 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

14 Kommentare:

Michael Riediger
Michael Riediger

1. Die “Verlustaversion” gibt es nur bei Menschen, die einen noch nicht erzielten Gewinn als einen tatsächlich bereits realisierten Gewinn ansehen. Das mag auf die meisten Menschen zutreffen, auf mich jedenfalls nicht.

2. Arbeitgeber sollten lieber zusehen, ihren Mitarbeitern keine Frustrationen und keinen unnötigen Stress zuzufügen, das bekäme der Menscheit insgesamt besser als solche Einmischungen in Privatangelegenheiten.

#14 |
  0
Nichtmedizinische Berufe

Meiner Erfahrung nach ist eine dauerhafte Lebensumstellung nur zu erreichen, wenn man eine tiefgreifende Erfahrung gemacht hat, wie z.B. die Diagnose von Diabetes, Herz-/Kreislauferkrankungen etc. Man muss für sich selbst feststellen, dass eine Änderung nötig ist, damit es einem besser geht.

Motivation von außen ist, wie die (etwas zu kleine und kurze) Studie auch zeigt, nur von kurzer Dauer. Das ist beim Übergewicht nicht anders, wie beim Rauchen, Trinken und anderen ungesunden Dingen.

Im Übrigen wird heute schon genug in das Leben einzelner hinein reguliert. Das halte ich für keine gute Entwicklung, schon gar nicht wenn es sich um das Verhältnis Arbeitgeber/Arbeitnehmer handelt. Gut, wenn der Arbeitgeber Möglichkeiten schafft (einen Fitnessraum/Parcour etc.) Aber damit sollte es dann getan sein. Man sollte sich überlegen, wohin eine Gesundheitsüberwachung des Arbeitnehmers führen kann.

Außerdem wird die seelische Komponente hier völlig übersehen. Jemand, der Übergewicht hat und seine Arbeit mit Freude verrichtet, hat möglicherweise weniger gesundheitliche Risiken wie ein normalgewichtiger, total frustrierter Mitarbeiter. Hier gilt es anzusetzen. Noch mehr Druck zu schaffen, zusätzlich zum ohnehin heute schon sehr hohen Druck in der Arbeitswelt, ist meiner Ansicht nach kontraproduktiv.

Natürlich gibt es Berufe, wo Kontrolle erforderlich ist, wie etwas bei Piloten oder Zugführern, wie die jüngste Vergangenheit leider gezeigt hat. Aber auch im Falle des Selbstmordpiloten, war keine körperliche Erkrankung ausschlaggebend, sondern eine schwerwiegende psychische. Das sollte zu denken geben.

#13 |
  1
Gast
Gast

Das sollte nicht vom Arbeitgeber, sondern der Mitarbeitervertretung organisiert werden, die dann gerne Unterstützung durch AOK und Arbeitgeber erhalten,
und natürlich so anonym wie möglich OHNE Registrierung und Dokumentierung von Personen!
George Orwell 1984 ist schon Wirklichkeit!

#12 |
  1
S. Pfaue Heilpraktikerin für Psychotherapie
S. Pfaue Heilpraktikerin für Psychotherapie

– In der Verhaltentherapie ist eine Kombination von “weg-von” zusammen mit “hin-zu” am erfolgreichsten.
– Um eine neue Verhaltensweise zu intregrieren, ist ein Zeitraum von mindestens 100 Tagen (also ca. 12 Wochen, s.o.) zu veranschlagen,
– Innerhalb dieses Zeitraumes ist die Motivation durchaus wechselhaft, nicht gleichbleibend, am schlechtesten in den letzten 10% vor Ende.
– “Umerziehung” von Außen ist immer schwierig, besonders beim Erwachsenen, warum, weiß jeder selber am besten, intrinsische Motivation ist unabdingbar, s.#4 Dr. Weiser,
– Erzwungene Verhaltensänderung kann traumatisieren
– Ist die Motivation hoch genug, kann das Verhalten auch sehr schnell, quasi von jetzt auf gleich geändert werden und zwar freiwillig und mit (überwiegend) positiven Gefühlen
– Es muss -leider- ein gewisser Leidensdruck herrschen, der eine entsprechende Verhaltensänderung erstrebenswert erscheinen lässt
– Und es ist möglichst mit Güte und Akzeptanz zur Kenntnis zu nehmen, dass sich verschiedene Menschen auch auf unterschiedlichen persönlichen Entwicklungsebenen befinden und jeder auf seine Art das ihm Bestmögliche leistet.
Vergisst man leicht, erdet aber hervorragend.
MfG

#11 |
  2
Roman Haack
Roman Haack

Interessant! Denke aber, es gibt schon Beides. Ein leeres “Bonus”heft der GKV schürt sicher Verlustängste, auch wenn es nicht “Malus”heft heißt. Mglw. aber erst bei Eintritt des Risikos. Ein Unterschied liegt in der Regelmäßigkeit der Belohnung vs. Unregelmäßigkeit der “Bestrafung”. Vllt. könnte ein halbjährliches Schreiben der Krankenkasse mit steigendem Risikowert o.ä. helfen…? Gibt es Kassen, die das umsetzen?

#10 |
  1
Prof. Dr. Beate Blättner
Prof. Dr. Beate Blättner

Auch in diesem Beitrag kommt die entscheidende Aussage ganz am Schluss: Eine nachhaltige Motivation ist so nämlich nicht zu erreichen. Dass Effekte durch Angst oder Verlust nicht lange anhalten, ist schon ein alter Hut und leider bislang nicht widerlegt.

#9 |
  1
Weitere medizinische Berufe

Wie kann ich eine Verhaltensänderung unterstützen? Das ist die Fragestellung, welche mich als Therapeut umtreibt. Da steht (natürlich) das Belohnen im Vordergrund. Aber warum nicht auch die Verlustaversion als Option in Betracht ziehen? Insofern habe ich den Beitrag sehr hilfreich gefunden, auch (wieder einmal) meine Position zu überdenken und auch in Frage zu stellen.
Gruss
Bruno

#8 |
  1
Gast
Gast

Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes hat ja auch entsprechende Gesundheitsfolgen verursacht. Entsprechend dürfte die Verlustaversion eine schon lange als überstarke Motivationsquelle bekannt sein.

#7 |
  0
Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast
Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast

Hier von Strafe zu reden, ist nicht wirklih gerechtfertig. Es handelt sich um den Verlust einer Belohnung, und das ist ein Unterschied. Eine wirkliche “Bestrafung” müsste ovn der gleichen Voraussetzungen wie ein Belohnung ausgehen, also von Null. Während die Belohnten etwas erhielten, müssten die Bestraften etwas verlieren, aber nicht etwas, was sie vorher bereits bekommen haben. Das sowas praktisch nicht zu implementieren ist, bemerkten die Autoren ja bereits selbst. Außerdem sind 13 Wochen für ein “Gesundheitsprogramm” mit 7000 Schritten zu kurz, um einen nachhaltigen Einfluss auf den Gesungheitszustand der Probanden zu haben. Insofern ist der praktsiche Nutzen der Studie eher begrenzt.

Ebenso wie #4 bin ich bei einem Unterschied von 16%bei 281 Probanden, die noch dazu in 4 Gruppen aufgeteilt sind skeptisch, auch wenn das Ergebnis angeblich signifikant ist.

#6 |
  0
Flüchtiger Leser
Flüchtiger Leser

Der Arbeitgeber sollte die Arbeitsumgebung so einrichten, dass Bewegung sich von alleine ergibt. Also nicht alles in Reichweite oder im Computer sondern auf der anderen Seite des Raumes. Damit wäre schon viel gewonnen. Ohne Bonus oder Malus-System.

#5 |
  1
Dr. Thomas Weiser
Dr. Thomas Weiser

1. Die Relevanz eines Unterschiedes von max. 16% Punkten zwischen best- und schlechtest motivierter Gruppe sollte man kritisch diskutieren.
2. Die Motivation aller Gruppen ließ nach.

Was lernen wir daraus?
Extrinsische Motivation funktioniert nicht gut! Wenn die Teilnehmer keinen wahrnehmbaren Erfolg spüren (Gewichtsabnahme, höhere Fitness, etc.), dann übernehmen sie die neue Verhaltensweise nicht nachhaltig.

Fazit: Menschen machen (in der Regel) auf Dauer nur das, wovon Sie einen Nutzen haben / was ihnen Spass macht.

#4 |
  0
Gast
Gast

ja und dann hast du nur noch aggressive egoistische gewinner im krankenhaus.
viel spass

#3 |
  0
Gast
Gast

Schwierig zu interpretieren, die Sache mit den Bonussystemen zur “Gesundheitsfoerderung” im BGM.
Irgendwann kippt das ganz nämlich und Mitarbeiter erscheinen auch ernsthaft krank zur Arbeit, um ihre Boni nicht zu verlieren. Und damit ist niemandem gedient, weder den Mitarbeitern noch den Unternehmen.
Im übrigen, letzteres Phänomen ist auch durch umfangreiche Studien längst schon belegt.
Es lohnt sich, die Vor- und Nachteile beider Studienansätze einmal im Vergleich gegenüberstellen.

#2 |
  0
Gast
Gast

“Der Arbeitgeber” sollte sich aus meinem Privatleben raushalten.
Sonst ein sehr interessanter Beitrag.

#1 |
  3


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: