Diagnosestellung: Der Suchmaschinen-Selbstbetrug

9. März 2016
Teilen

Patienten empfinden das Arztgespräch oft als zu oberflächlich, weshalb sie häufig zusätzliche Informationen aus dem Internet beziehen. Die verzerrte Aufnahme überwiegend positiver Informationen stellt dabei eine ganz neue Herausforderung für Ärzte dar.

Psychologen des Leibniz-WissenschaftsCampus Tübingen „Bildung in Informationsumwelten“ haben herausgefunden, dass Patienten nach medizinischen Diagnosen und im Falle eines von Krankheit ausgehenden Gefühls der Bedrohung Informationen über ihre Krankheit bei der Internetsuche einseitig aufnehmen. Dabei ist überraschend: Je schwerer die Erkrankung, desto zuversichtlicher fühlen sich Menschen nach intensiver Internetrecherche in Bezug auf ihre eigene Gesundheit.

Den Grund vermuten die Wissenschaftler darin, dass das Gefühl von Einschränkung und persönlicher Bedrohung, wie es häufig durch eine medizinische Diagnose ausgelöst wird, zu einer einseitigen Informationsauswahl und Verarbeitung führt. Das bedeutet, dass sich viele Menschen unter Bedrohung bei ihrer Internetrecherche unbewusst auf die positiven Informationen konzentrieren und negative ausblenden, wie Prof. Dr. Kai Sassenberg erklärt.

„Um das Gefühl der Bedrohung zu reduzieren, wählen Patienten bei der Informationssuche im Internet mehr positive Links aus und erinnern sich öfter an positive Informationen aus gelesenen Texten.“ Erkrankte formen sich so einen verfälschten Eindruck von ihrer eigenen Situation, denn sie übersehen potentielle negative Verläufe ihrer Krankheit. Da Patienten nach der Internetsuche häufig mit diesem einseitigen Bild zum Arzt zurückkehren, sehen sich Ärzte neuen Herausforderungen gegenüber.

Originalpublikation:

Internet Searching About Disease Elicits a Positive Perception of Own Health When Severity of Illness Is High: A Longitudinal Questionnaire Study
Kai Sassenberg et al.; Journal of Medical Internet Research, doi: 10.2196/jmir.5140; 2016

25 Wertungen (4.2 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

10 Kommentare:

Nichtmedizinische Berufe

Frauenselbsthilfe nach Krebs Bundesverband e. V.

Ja, wir Patienten suchen im Netz nach weiteren Informationen. Wir haben grundsätzlich Verständnis, dass unsere Ärzte nur begrenzte Zeit für Erklärungen zur Verfügung haben.
Deshalb unser Vorschlag: Ärzten werden von z. B. Krankenkassen, der Deutschen Krebsgesellschaft, dem Krebsinformationsdienst oder ähnlichen Institutionen Listen mit seriösen Internetseiten zur Verfügung gestellt. Die könnten die behandelnden Ärzte ihren Patienten zur “Selbst- bzw. Weiterinformation” zur Verfügung stellen. Dann müssen wir uns nicht durch den “Mist” kämpfen, den das Netz bereit hält.
Ulrike Voß-Bös

#10 |
  0
Chirurg
Chirurg

Wenn ich z.B. Krebs behandelt habe oder behandeln sollte, wurde ich rel. oft nach irgendwelchem alternativen Käse gefragt, auch mit dem Dauerbrenner Mistelextrakt oder noch teuere Thymus – Extrakt von irgendwelchen Jungtieren (aus dem Ausland), war auch mal ein Renner. Dazu sage ich selbstverständlich meine Meinung, sehr schonen und freundlich, allerdings auch eindeutig, Wahrheitsliebe hat schon was.
In wenigen Fällen im terminalen Stadium hab ich da mal nachgegeben, weil ich sah, dass man sich hoffnungsvoll daran geklammert hat. Eigentlich hab ich das aber später bereut, weil ich den starken Eindruck hatte, das das den Zustand objektiv verschlechtert hat.
“Statistiken”, Leitlinien und AOK-Wünsche sind oft sehr nachteilig für den konkreten Patienten.

#9 |
  0
Chirurg
Chirurg

#7Gast “Paranoia” und “Prestigedenken” ist eigentlich ein Verstoß gegen Etiketten, die zum Umgang mit Menschen gehören sollten.
Sie haben mich gründlich missverstanden.
Ich will KEINEM vorschreiben was er tun und lassen will, möchte allerdings auch nicht von anderen in meinem eigenen Tun (von Berufsfremden) bevormundet werden,
ist das so schwer zu verstehen? Was Sie als Arzt heute tun und lassen dürfen, ist doch stärker reguliert, als bei fast jedem anderen Beruf.
Das geht durchaus in Richtung Roboter.
Dass sich Patienten mehr informieren, auch unabhängig vom Arzt, stört mich dagegen nicht im Geringsten. Das ist mein voller Ernst.

#8 |
  0
Gast
Gast

@4-Chirurg: Sie scheinen ja eine regelrechte Paranoia zu entwickeln, dass Ihnen Nichtärzte ins Handwerk pfuschen. Manches mag begründet sein, aber vieles auch einem überholten Prestigedenken entspringen. Das Internet hat, mit all seinen Vor- und Nachteilen, die Informationsumwelt des Patienten verändert. Nicht immer zum Guten, weder für Arzt noch für Patient. Aber die direkte ärztliche Erfahrung hat nach wie vor eine hohe Nachfrage. Kann es nicht sein, dass solche “Fremdbestimmungsportale” überhaupt nur deshalb entstehen, weil Arzterfahrung und Patient sehr oft nur unzureichend zusammen finden? Fühlte sich jeder Patient bei seinem Arzt gut aufgehoben und allumfänglich beraten, brauchte es der ergänzenden Recherche bei selbsternannten Internet-Experten nicht. Die Gründe wiederum sind vielfältig, aber nicht nur politisch.

#7 |
  1
Dr. med. Wurst
Dr. med. Wurst

Allerdings ist auch oft das Gegenteil der Fall. “Internet-Patienten” suchen selektiv nach den negativsten Aspekten ihrer Symptome/Krankheit. Besonders wenn Suchbegriffe miteinander verknüpft oder unzulässige Korrelationen oder Kausalitäten hergestellt werden. Dann kommt oft zusammen, was nicht zusammen gehört. Darüber hinaus schlägt der Meinungstrend bei “Erfahrungsberichten”, Arzneimittel- oder Ärztebewertungen prinzipbedingt meist in eine negative Richtung. Wer dieses Phänomen nicht kennt, gewinnt unfreiwillig einen übertrieben ungünstigen Eindruck von seiner Krankheit, seinen Medikamenten oder seinen Ärzten. Das wiederum löst einen negativen Erwartungseffekt beim nächsten Arztbesuch, Medikamenteneinnahme o.a. aus, was wiederum zu negativen Erfahrungsberichten führt usw.

#6 |
  0
Chirurg
Chirurg

Der zunehmenden Einfluss NICHT- medizinischer Organisationen, sowohl staatlich öffentlich einschließlich den leidigen Kostenträgern (screening ohne Arztkontakt),
wie kommerziell google und Co. ist beängstigend!
Denn er macht aus dem Mensch eher einen uniformen Roboter
und da ist ein Arzt mit seiner Meinung (und Erfahrung) oft im Wege, der wird ja selbst immer stärker fremdbestimmt.

#5 |
  2
Chirurg
Chirurg

Nun, mich stört es eigentlich überhaupt nicht, wenn Patienten, die zu mir kommen, gut informiert sind, ich lobe Sie sogar, wobei ich mit einem Lächeln gerne auch etwas korrigiere, aber mir auch (selten) dankbar Infos geben lasse, die ich bisher nicht kannte, nobody is perfect, oder besser, immer lernbereit bleiben.
Trotzdem habe ich deshalb nach meiner Erinnerung meine Therapie auf meine Fachgebiet noch nicht geändert oder ändern müssen.
Wenn ein Patient etwas verlangt, was meiner persönlichen Erfahrung widerspricht, kommt man natürlich in einen gewissen Konflikt. Da aber ich, nicht der Patient letztlich das (Haftungs-)Risiko trage und auch bereit bin zu tragen, gebe ich da nicht nach, so höflich wie möglich.

#4 |
  0
Nichtmedizinische Berufe

Ist es nicht gerade bei schweren Erkrankungen besser, der Patient sieht hoffnungsvoll in die Zukunft und landet auf Seiten, die ihm Hilfe zur Selbsthilfe geben? Ist es nicht legitim, das Gefühl der Bedrohung zu reduzieren? Oder ist es Ziel, dass der Patient mit einem Nervenzusammenbruch und Ängsten reagiert? Ich verstehe irgendwie das Problem nicht.

#3 |
  1
Nichtmedizinische Berufe

Ich bin Angehöriger und wissenschaftlich geprägt, vielleicht habe dadurch ein ganz andere Verhalten bei meine Internet Recherchen. Ich versuche fundierte Informationen zu erhalten. Dies ist nicht immer leicht, viele Studie sind nur durch gegen ein recht hohen Obolus zu bekommen. Wenn ich die positive Seite beachten und glauben würde, wäre ich viel Geld für Scheinbehandlungen los. Als Erkrankte oder Angehörigen sind selbstverständlich positive (Fehl)Informationen angenehmer. Hoffnung auf eine Genesung und ähnliches kann nicht so leicht abgeschüttelt werden. Bei Hypochonder dürfte die Wahrnehmung im Internet ein wenig anders sein, für die meisten sind Strohhalme wichtig.

#2 |
  3
Heilpraktiker

nennt man das nicht auch ‘morbus google’?!

#1 |
  2


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: