Sterbehilfe: Spitzenreiter Schweiz

8. März 2016
Teilen

Im Vergleich wird in der Schweiz bei Patienten am Lebensende häufig auf eine Behandlung verzichtet. 2013 leisteten Ärzte in mehr als vier von fünf erwarteten Sterbefällen Sterbehilfe. Die ethisch schwierigen Entscheidungen werden meist gemeinsam mit Patienten und Angehörigen gefällt.

Schwindet die Hoffnung auf Heilung, verschieben sich die Schwerpunkte medizinischen Handelns. Anstatt den Tod weiter hinauszuzögern, soll die Lebensqualität von schwerkranken Patienten möglichst hoch sein und ihr Leiden gelindert werden. Forscher der Universitäten Zürich und Genf haben im Jahr 2013 Ärzte in der Deutschschweiz zu ihrer medizinischen Praxis am Lebensende befragt. Die nun veröffentlichten Daten zeigen, dass in mehr als vier von fünf erwarteten Todesfällen in irgendeiner Form Sterbehilfe geleistet wurde – am häufigsten als Behandlungsverzicht oder -abbruch sowie als intensivierte Verabreichung von Schmerzmitteln wie etwa Morphin. In der überwiegenden Mehrheit der Fälle wurde der Entscheid gemeinsam mit dem Patienten und seinen Angehörigen gefällt.

Insgesamt waren 71,4 Prozent bzw. 2.256 der untersuchten Todesfälle „nicht plötzlich“ und „erwartet“. Nur bei 18 Prozent dieser Fälle wurden im Vorfeld keine medizinischen Entscheidungen getroffen, die den Todeseintritt möglicherweise oder wahrscheinlich beschleunigt haben. Bei 70 Prozent der erwarteten Sterbefälle wurde auf weitere Behandlungen verzichtet bzw. eine laufende Therapie abgebrochen.

Fast gleich häufig war mit 63 Prozent der Fälle die intensivierte Abgabe von Mitteln zur Schmerz- bzw. Symptomlinderung. „Bei etwas mehr als der Hälfte der erwarteten Sterbefälle wurden vor dem Tod mehrere Maßnahmen kombiniert“, erklärt Matthias Bopp vom Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich. Hingegen selten – in drei Prozent der Fälle – war aktive Sterbehilfe wie Suizidbeihilfe, aktive Sterbehilfe auf Verlangen oder ohne ausdrückliches Verlangen des Patienten.

Medikamentöser Tiefschlaf am Lebensende

Die Studie untersuchte auch die terminale Sedierung, den Einsatz von Beruhigungsmitteln mit dem Ziel, den Patienten kurz vor dem Tod in einen kontinuierlichen Tiefschlaf zu versetzen. Auch wenn diese Maßnahme in der Regel nicht zu einer Lebensverkürzung führt, ist die terminale Sedierung eine ethisch schwerwiegende Entscheidung.

Verschiedene Länder berichteten über eine Zunahme dieses Trends. In der vorliegenden Studie ergab sich für 2013 gegenüber 2001 beinahe eine Vervierfachung der Häufigkeit und damit ein (noch) höherer Wert als etwa in Belgien oder den Niederlanden.

Gemeinsame Entscheidung mit Patienten und Angehörigen

Ein besonderes Augenmerk legte die Studie auf die Frage, wie häufig Patienten und Angehörige bei Entscheidungen miteinbezogen wurden. Dabei zeigten sich große Unterschiede, je nach dem, wie der Arzt die Entscheidungsfähigkeit des Patienten einschätzte. Während nur mit jedem zehnten der nicht urteilsfähigen Patienten die getroffenen Entscheidungen besprochen wurden, geschah dies bei den voll urteilsfähigen Patienten in beinahe drei von vier Fällen. Werden auch Gespräche mit Angehörigen und frühere Willensäußerungen des Patienten berücksichtigt, kommt es bei nicht urteilsfähigen Patienten in vier von fünf Fällen zu einer gemeinsamen Entscheidung und bei voll Urteilsfähigen sogar in rund neun von zehn Fällen.

Georg Bosshard, Leitender Arzt an der Klinik für Geriatrie des UniversitätsSpitals Zürich, sieht hier Verbesserungspotenzial: „Es werden noch einige medizinische Entscheidungen gefällt, ohne dass der Arzt diese mit dem Patienten oder seinem Umfeld vorgängig bespricht. Wenn es gelingt, die Kommunikation zwischen Arzt, Patient und Angehörigen zu verbessern und solch heikle Entscheidungen wann immer möglich gemeinsam zu treffen, führt dies zu einer besseren Situation für alle Betroffenen.“

Vergleiche mit den lateinischen Landesteilen in Aussicht

In der letzten Lebensphase haben Ärzte oft ethisch schwierige Entscheidungen zu fällen, die den Todeszeitpunkt der von ihnen betreuten Patienten beeinflussen können. Dabei treffen unterschiedliche Erfahrungen, Emotionen, Glaubens- und Wertanschauungen von Ärzten, von Patienten und Angehörigen aufeinander. Mit den Resultaten dieser Studie kann das Thema „Sterbehilfe“ wissenschaftlich fundiert und aus einer sachlichen Perspektive beleuchtet werden.

Im Gegensatz zur Erhebung im Jahr 2001 sind in der neuen Studie alle Landesteile der Schweiz abgedeckt. Dies ermöglicht eine gezielte Untersuchung allfälliger kultureller Unterschiede. Entsprechende Auswertungen sind im Gange und sollen noch in diesem Jahr veröffentlicht werden.

Originalpublikationen:

Medical end-of-life practices in Switzerland: A comparison of 2001 and 2013
Georg Bosshard et al.; JAMA Internal Medicine, doi: 10.1001/jamainternmed.2015.7676; 2016

Medical end-of-life decisions in Switzerland 2001 and 2013: Who is involved and how does the decision-making capacity of the patient impact?
Margareta Schmid et al.; Swiss Medical Weekly, doi: 10.4414/smw.2016.14307; 2016

24 Wertungen (4.29 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

6 Kommentare:

Heilpraktiker
Heilpraktiker

Verehrter Herr Tsirigiotis,
danke für Ihren Kommentar.
Ich bin zwar kein “Ganzheitsmediziner” und weiß auch nicht, was Sie darunter verstehen, aber ich kommentiere im Folgenden gerne etwas.
Die sog. komplementäre Heilkunde versucht, dem Körper Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, selbstverständlich in enger Zusammenarbeit mit der Schulmedizin.
Was heißt das für die Praxis?
Regulatorisch und komplementär gesehen ist einem Todkranken nicht mehr zu helfen, aber linderbar ist jedes Leid, wie mein Doktorvater schon immer sagte.
Regulatorische und wiederherstellende Maßnahmen führen nicht zum Erfolg, wenn der Körper sich bereits im Zerfall befindet und der Patient nicht mehr zu leben wünscht oder es einfach nicht mehr kann.
Herr Chirurg, ich finde Ihre Arbeit sehr wichtig und finde es super, wenn man einem Todkranken die Möglichkeit gibt, ohne Schmerzen und anderen Leidigkeiten wie Misere zu sterben, Hut ab.
Ganzheitliche Medizin ist nur in so weit sinnvoll, dem Sterbenden einen ruhigen und friedvollen Übergang zu ermöglichen.
Sterbende sprechen z.B sehr gut auf aromatherapeutische Maßnahmen an, angefangen bei Lavendelöl bis hin zu Mischungen mit Tonka und Vanille.
Es ist erwiesen (limbisches System), dass solche Maßnahmen schmerzstillend und beruhigend wirken.
Begleitung, Halt und Linderung ist hier das Gebot der Stunde, da keine kurativen Maßnahmen mehr möglich sind.
Immer in Absprache mit dem behandelnden Arzt, versteht sich.
Nichts spricht dagegen, die allopathische Therapie (Analgetika, Antiemetika etc) mit einer komplementären zu ergänzen.

Meine ganz persönliche Meinung und Erfahrung, ganz besonders bei Todkranken und Sterbenden:
Der Wunsch zu sterben ist zu unterscheiden vom Wunsch des Erlöst-seins.
Ich kann mir sehr gut vorstellen, in welchem Zwist und ethischem Konflikt sich der behandelnde Arzt befindet, wenn er seinen Patienten leiden sieht und nicht helfen darf/kann/möchte, weil er entweder Märchenbüchern wie der Bibel oder anderen Schrift glaubt oder Angst vor den Konsequenzen hat.
Die persönliche Meinung des Arztes ist auch wichtig, denn letztendlich leistet er dem Patienten einen urärztlichen Dienst: Helfen und Lindern.
Ich als HP habe ganz viele Ärzte kennen gelernt, mit denen eine Zusammenarbeit toll war und wirklich gut funktioniert hat.

PS: Der Eid ist nicht verpflichtend.
Ein Kollege: Ich könnte schwören, nie einen Eid geleistet zu haben….

#6 |
  0
Gast
Gast

ich halte es lieber mit dem Eid des Hypokrates.
Sonst müsste man auch die Todesstrafe wieder einführen.

#5 |
  0

Geht es um die gute alte Schweiz oder um die Sache?
Assistierter Suizid sollte in allen Ländern möglich sein.
Das hat mit einem Ileus absolut nichts zu tun.
Vielleicht ist es schlecht nachvollziehbar, warum jemand sterben möchte, aber wenn er oder sie es möchte, muß man das akzeptieren. Einen Menschen zu zwingen, der auch trotz der besten Palliation und trotz bester Hospize sterben möchte, weiterleben lassen zu müssen, ist unmenschlich, wenn er etwas anderes will. Dann wäre auch der Hospizgedanke unmenschlich, den er zwänge ein paar Menschen etwas auf, was die speziell nicht wollten. Prinzipiell sind Hospize natürlich eine Bereicherung.

#4 |
  2
Chirurg
Chirurg

Ich hoffe ja nicht, dass die Schweizer eine Ileus (wirklich nicht selten) einfach ohne Therapie sterben lassen, wenn die Kakke dann oben rauskommt.

#3 |
  0
Chirurg
Chirurg

Was mich nun wirklich ganz erheblich stört, ist der völlig undifferenzierte Begriff “Sterbehilfe” ohne ganz scharf zu unterscheiden zwischen aktiver Tötung (auf Wunsch) und echter Sterbehilfe, die es schon seit über 100 Jahren gibt,
wie den bekannten künstlichen Ausgang bei Darmverschluss.
Das nennt man dann palliative Behandlung.
Dann ist die Schweiz schlagartig kein Spitzenreiter mehr!

#2 |
  0

Und wieder mal kein einziger Kommentar von den sogenannten “Ganzheitsmedizinern” dazu.

#1 |
  0
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: