Sind Ärzte Emp-fehler?

15. Juni 2011
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Was Ärzte Patienten empfehlen, ist unter Umständen etwas ganz anderes, als für sie selbst in Frage käme, ergab eine aktuelle Studie. Denn nicht nur Gefühle sind bei Entscheidungen wichtig, sondern auch die Kommunikation mit dem Patienten.

Stehen Patienten vor schwierigen medizinischen Entscheidungen, fragen sie meist den behandelnden Arzt nach seiner Meinung. Doch wie kommt es zur Entscheidung für eine Empfehlung und welche Faktoren beeinflussen den Arzt dabei? Dieser Frage gingen US-Forscher in einer aktuellen Untersuchung nach und fanden heraus, dass zwischen Empfehlungen für Patienten und sich selbst eine große Lücke klafft.

Szenario 1: Darmkrebs

Peter Ubel der Duke University und Mitarbeiter konnten anhand von Fragebögen zeigen, dass die Entscheidung für bestimmte Behandlungsempfehlungen die Arztmeinung zur Empfehlung verändert. Dazu entwickelten die Forscher zwei Szenarios: 500 Hausärzte sollten sich vorstellen, sie selbst oder einer ihrer Patienten hätten ein Kolonkarzinom diagnostiziert bekommen. Sie sollten eine von zwei möglichen Therapien auswählen. Beide Behandlungen versprachen Heilung bei 80 Prozent der Betroffenen, doch wies eine der Behandlungen eine höhere therapiebezogene Mortalität, dafür aber weniger Nebenwirkungen aus. Die andere Behandlungsmöglichkeit hatte ein geringeres Todesrisiko, dafür aber eine erhöhte Kolostomierate, das Risiko chronischer Diarrhoen, intermittierender Darmobstruktionen und von Wundheilungsstörungen.

242 Mediziner, also knapp die Hälfte der Befragten, beantworteten die Fragen zu den Therapieentscheidungen. 37,8 Prozent wählten für sich selbst die Behandlungsmethode mit der erhöhten Todesrate, doch dem geringeren Nebenwirkungsrisiko. Nur 24,5 der Ärzte würden diese Therapie ihren Patienten empfehlen.

Szenario 2: Vogelgrippe

1.600 Mediziner sollten sich vorstellen, ein neuer Stamm des Vogelgrippevirus machte sich breit. Ein Teil der Ärzte sollte annehmen, selbst infiziert zu sein, ein weiterer Teil davon ausgehen, ein Patient sei infiziert. Eine Behandlung mit einem Immunglobulin war möglich. Ohne diese Therapie würden zehn Prozent sterben und 30 Prozent für eine Woche ins Krankenhaus gehen müssen. Die Behandlung könnte die Komplikationsrate auf die Hälfte senken, aber auch bei einem Prozent der Behandelten den Tod verursachen und bei vier Prozent eine anhaltende Nervenschädigung mit Paralyse zur Folge haben.

698 Ärzte (43,6 Prozent) antworteten, wobei 62,9 Prozent für sich selbst eine Immunglobulinbehandlung bei einer Infektion ablehnten. Nur 48,5 Prozent der Ärzte hätten ihren Patienten das Ausschlagen der Therapie empfohlen.

Welches ist die optimale Entscheidung?

Welche der Entscheidungen in Einzelfällen die bessere wäre, ist schwer zu sagen. Auch bleibt das Ergebnis wie auch die ganze Untersuchung hypothetisch, denn es handelte es sich ja um keine echten Krankheitsfälle. Dennoch scheint der Prozess der Entscheidungsfindung von Ärzten für Patienten oder die eigene Person unterschiedlich zu sein. Für Patienten muss das keinen Nachteil bedeuten. Wahrscheinlich ist, dass Entscheidungen zu Therapieempfehlungen für Patienten rationaler getroffen werden, während bei eigenen Entscheidungen Gefühle wie die Angst vor Nebenwirkungen und anhaltenden Gesundheitsbeeinträchtigungen eine Rolle spielen.

Welche Rolle spielt der Patient bei der Entscheidung?

In der Realität befindet sich der Arzt meist im Gespräch mit seinen Patienten und berücksichtigt in der Mehrzahl der Fälle auch dessen Ideen und Präferenzen bei der Planung der Therapie. Diesen Schluss lässt zumindest eine Untersuchung aus dem Jahr 2007 zum Thema zu. Auch diese Studie geht allerdings auf eine Befragung von über 1.000 Ärzten zurück und spiegelt schon deshalb möglicherweise nicht die Praxis wider.

Bei 53 Prozent Antworteingängen gaben zwei Drittel der Ärzte an, die gemeinsame Entscheidungsfindung mit dem Patienten bevorzugt anzuwenden. 14 Prozent waren eher für eine Bevormundung und elf Prozent stellten die Patientenmeinung in den Vordergrund. Der Entscheidungsstil und die Entscheidung selbst sind also von verschiedenen Faktoren abhängig und der Patient bleibt in diesen Untersuchungen die unbekannte Größe.

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Medizin

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13 Kommentare:

Mündig-rational-irrational. Selbstverständlich ist fachliche Kompetenz-diese unterliegt ja durchaus auch irrationalen Zuflüssen, PC;s sind Ärzte nicht-extrem wichtig. Mit wenig sachlicher Kompetenz ist ein adäquater und sozialkompetenter Umgang von vorneherein unmöglich oder fatalistisch.Bezogen auf die “harten Daten” ist der Patient unmündig und wird es bleiben-oder er kennt das Sachgebiet eben.Die rationalen, kausalen Vorstellungen stoßen aber oft früh an Grenzen und da wird es schwierig und sehr individuell.Dieses ” Niveau” dürfte selten erreicht werden-aus vielen Gründen.Weder noch mehr überregulierende Korsette noch Beschwörungen der Emotionalitäten bringen vom System her die befreiende Klarheit.Wissen und Weisheit sind eben ein schwieriger Prozess.

#13 |
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Diplompsychologe Axel Lohse
Diplompsychologe Axel Lohse

@ 5

‘Ich denke vom mündigen, aufgeklärten, selbstbestimmten Patienten sind wir noch weit entfernt.’

und was erfahren wir, wenn der Arzt zum Patienten wird. Ich habe desöfteren mit Ärzten als Krebspatienten zu tun und erlebe keineswegs sozialkompetente Souveränität im Umgang mit der eigenen Erkrankung. Einschränkend muss gesagt werden, die anderen bekomme ich in meiner Praxis nicht zu Gesicht. Nur für Patienten ist von Aussen nicht erkennbar, was für ein ‘Mensch’ Arzt steht mir beratend zur Seite. Fachkompetenz ist eine wesentliche, aber wohl kaum hinreichende Voraussetzung? Häufig wird die emotionale Seite der Entscheidungen ‘aussen’ vor gelassen, aus Angst falsch zu reagieren oder verstanden zu werden. Sie ist jedoch wesentlich insbesondere für die unbewussten Anteile einer Entscheidung. Die Möglichkeit einer rein rationalen Entscheidung ist ein weitverbreiteter Irrglaube, der darauf verweist, die Unwägbarkeiten der Emotionalität umgehen zu wollen.

Da sollte die Frage erlaubt sein:
Sind wir vom mündigen, aufgeklärten, selbstbestimmten Arzt-Patienten noch weit entfernt?

#12 |
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@ Monika Geissler
Ich weiss nicht wieviele Ärzte Sie in einer persönlichen Entscheidungssituation kennen gelernt haben, aber ich möchte Ihrer Aussage vehement widersprechen. Alle Kolleginnen und Kollegen (mich selber bisher in drei schwerwiegenden Eingriffen eingeschlossen) tendieren eher dazu, sich für eine risikoreichere Therapie zu entscheiden, wenn der “Gewinn” diese rechtfertigt. Diese Entscheidung ist natürlich immer vor dem Hintergrund der Restlebenserwartung zu sehen. Was aber sicherlich auch der Fall ist: Ärzte schauen sich Ihren Kollegen, dem Sie sich anvertrauen müssen sehr genau an. Und da haben eben aufgeblasene “Ist doch alles kein Problem” Kollegen null chance. Und der Kollege der an der realistischen Machbarkeit des Eingriffs sich orientiert, der ausgeschlafen seinen Dienst beginnt, der am Abend vorher (nach subjektiver Einschätzung lieber nüchtern bleibt) der wird der Operateur. Letztlich würden Sie sich einen Piloten, der den Ferienflieger nach Hurgada (nur z.B.) fliegt, genauso aussuchen. Ärzte wählen für sich häufiger ein größeres Risiko, als sie Patienten empfehlen würden, weil sie Ärzte sind und wissen, was sie da entscheiden.

#11 |
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Rolf-Werner Kohn
Rolf-Werner Kohn

Oftmals wird leider Fähigkeit und Kompetenz eines arztrs masslos überschätzt. Natürlich bedienen sie sich der Möglichkeiten der IGEL- Angebote in zunehmendem Maße, siehe die z.T. unsinnge Werbung in den Wartezimmern. Nun wird die Zielgruppe älter und ist natürlich auch leicht von der “Notwendigkeit” zu überezeugen.

#10 |
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Gut, medizinische Entscheidungen sind häufig komplexe Kann-Entscheidungen.Was ein Kollege sich zumutet, kann er nicht ohne weiteres auf einen Patienten übertragen da Leitlinienzwänge im Zweifelsfall erhebliche Bedeutung haben können. Siehe Defensivmedizin.Ärztliche Heilkunst in Zusammenarbeit mit dem Patienten ist heute durch überregulation zumindest erheblichst erschwert.

#9 |
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@Dr.med.dent Susanne …Ihr Nachnahme verschwindet im Grau der Zeile.
Ich bin an Ihrer Diss. interessiert; woher kann ich sie beziehen.
Für einen Tipp Ihrerseits, wäre ich Ihnen sehr dankbar.
Kommunikationsmöglichkeit bitte googeln…
Gruß
Ludger Müller-Freitag, Bad Münstereifel

#8 |
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@Dr.med.dent Susanne…..
es ist halt Nachdenken und Mühe seitens der Patienten von Nöten, um eine Entscheidung zu treffen. Oft wird nach 20-30 minütiger Beratung mit einem großen Fragezeichen das Besprechungszimmer verlassen, um die Helferin zu fragen, was die beste Therapie sei….
Dabei gibt es “die beste” Therapie nicht, sondern nur eine dem individuellen Einzelfall angemessene, gute und erfolgreiche Therapie. Deswegen sind alle “industriell”-standardisierten Entscheidungsfindungen abzulehnen; sie werden der Individualität unserer Patienten/Mitmenschen nicht gerecht. “Patienten sind keine Werkstücke”

#7 |
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Nichtmedizinische Berufe

Guten Tag,
als Patient erlebte ich erst kürzlich einen Arzt der mir sagte: Die Entscheidung kann ich Ihnen nicht abnehmen… Da hatte er recht. Aber er sagte auch, eine Bescheinigung über die Reiseunfähigkeit stelle ich nicht aus. Er kann mir nicht sagen, ob ich reisen kann oder nicht.
Dabei war ich dort, mich beraten zu lassen. Ein Risiko, krank zu verreisen, wollte ich vermeiden.
Doch scheinbar war es der falsche Arzt dafür.

Ärzte, die mir klar sagen, das und das ist machbar, dass ist möglich, auch an Nebenwirkungen, dass müssen Sie erwarten, die sind mir am allerliebsten. Nur welcher Arzt hat überhaupt noch die Zeit, wirklich zuzuhören und zu beraten?

#6 |
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Monika Geissler
Monika Geissler

Es ist doch schon lange bekannt, daß Ärzte ihren Patienten, vor allem Privatpatienten, Operationen empfehlen, die sie nie an sich selbst machen lassen würden. Wirklich ein trauriger Zustand.

#5 |
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Wolf-Peter  Weinert
Wolf-Peter Weinert

Ich bin seit 24 Jahren Hausarzt und die Erfahrung zeigt klar: Man muss den Patienten bei der Entscheidungsfindung so oft wie möglich mit ins Boot holen. Die überwiegende Zahl der Entscheidungen in der Medizin beruhen auf “Kann”, nicht auf “Muss”.
Natürlich gibt es manchmal auch das kompromisslose Führen durch den Arzt. Immer häufiger sage ich meinen Patienten, was ich machen würde, wenn ich ihre Krankheit oder ihre Befindlichkeitsstörung hätte. Nur bin ich persönlich für mich medizinisch sehr zurückhaltend, und das kommt in der heutigen Gesellschaft oft nicht gut an.
Die Basis aller wichtigen Entscheidungen ist gegenseitiges Vertrauen, davon profitieren langjährige Patienten-Arzt-Beziehungen.
http://www.der-andere-hausarzt.de

#4 |
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Il faut toujours faire ce qu’il fasse – mais jamai ce qu’il dise.
Sinnspruch aus Frankreich: Man soll immer das tun, was der Arzt selber tut – aber niemals das, was er sagt.

Wurde besonders häufig in Bezug auf’s Rauchen verwendet – gilt aber wohl auch sonst.

#3 |
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Als Patient würde ich mir wünschen, dass die Ärzte mich von beiden Behandlungsmöglichkeiten unterrichten und mir als Patient die Wahl, mit einer aufrichtigen Empfehlung geben würden.

#2 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Es wäre wissenswert, welcher Altersgruppe die Ärzte angehören, wie lange sie Berufserfahrung haben, hier geht die Schere bestimmt weit auseinander.

#1 |
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