Adipositas: Gewichtige Hänselei

7. März 2016
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Menschen mit Übergewicht und Adipositas, die im Kindes- oder Jugendalter wegen ihres Aussehens gehänselt wurden, haben große Probleme beim langfristigen Abnehmen. Sie neigen aufgrund der Stigmatisierung dazu, in einen Teufelskreis des emotionalen Essens zu geraten.

Von 381 Frauen und Männern mit früherem oder anhaltendem Übergewicht gaben 14 Prozent in einer Studie des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums (IFB) AdipositasErkrankungen der Universitätsmedizin Leipzig an, im Kindes- oder Jugendalter wegen ihres Aussehens so sehr gehänselt worden zu sein, dass es sie belastet habe. Den untersuchten Personen aus dem Deutschen Gewichtskontrollregister der Medizinischen Hochschule Hannover war es gelungen, mindestens zehn Prozent ihres maximalen Körpergewichts zu verlieren. Sie konnten das reduzierte Gewicht über mindestens ein Jahr halten und nahmen nach zwei Jahren im Schnitt wieder 2,8 Kilogramm zu.

Emotionales Essen beeinträchtigt Gewichtsabnahme

Die Teilnehmer, die in Kindheit und Jugend für ihr Aussehen gehänselt wurden, konnten das niedrigere Gewicht langfristig weniger halten als unbelastete Teilnehmer. Als Ursache dafür zeigte sich, dass die durch Stigmatisierung belasteten Personen stärker zu emotionalem Essen neigten. Dies bedeutet, dass sie durch Essen wieder eine positivere Stimmung erreichen. In der Folge kann leicht ein Teufelskreis aus Hänseleien, negativen Emotionen, Frustessen und weiterem Gewichtsanstieg entstehen, der wiederum noch mehr Hänseleien nach sich zieht.

Verschiedene Studien belegen, dass Auffälligkeiten im Essverhalten, wie etwa emotionales Essen, eine langfristige Gewichtsabnahme beeinträchtigen. „Forscher und Ärzte wissen bisher aber wenig darüber, wie sich Stigmatisierung auf die Entwicklung des Gewichts auswirkt“, unterstreicht Prof. Dr. Anja Hilbert, Leiterin des Forschungsbereichs Verhaltensmedizin am IFB.

Kurzer Erfolg

Die Stigmatisierung von Menschen mit starkem Übergewicht hat neben den geringeren und kürzeren Abnehmerfolgen viele weitere gravierende Auswirkungen wie etwa ein negatives Selbstbild, Essstörungen und sogar Depressionen. „Für die Therapie der Adipositas muss der Zusammenhang zwischen Stigmatisierung und einem kleineren langfristigen Abnehmerfolg beachtet werden. Denn nur ein anhaltend niedrigeres Körpergewicht hilft, die schweren Folgeerkrankungen einer Adipositas wie Diabetes, Arteriosklerose, Fettleber oder Bluthochdruck zu reduzieren“, erläutert Erstautorin Claudia Hübner.

Derzeit schaffen es nur 17 bis 34 Prozent der Menschen mit Übergewicht und Adipositas nach einer Gewichtsreduktion, den Abnehmerfolg langfristig zu halten. Um Adipositastherapien nachhaltiger zu machen, wäre es folglich notwendig, die gewichtsbezogene Stigmatisierung durch mehr gesellschaftliche Aufklärung zu Adipositas zu verringern und den Umgang der Betroffenen damit zu verbessern. Letzteres geschieht zum Beispiel durch das Training von Bewältigungsstrategien. Dabei lernen die Betroffenen, wann sie mit Essen auf negative Gefühle reagieren und welche alternativen Verhaltensweisen möglich sind.

Originalpublikation:

Weight-related teasing and non-normative eating behaviors as predictors of weight loss maintenance.
Claudia Hübner et al.; Appetite, doi: 10.1016/j.appet.2016.02.017; 2016

16 Wertungen (4.31 ø)

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19 Kommentare:

Chirurg
Chirurg

zu#18, “bei weitem” ist gar nicht nötig, es summiert sich auch ein Apfel (65kcal) jeden Tag “zuviel”,
das sind 365/Jahr, lässt sich umrechnen, sind schon über 26kg Körperfett.
Natürlich muss man auf die Psyche eingehen, also insbesondere “das Hungergefühl” aber hat bitte mit fundierten Stoffwechselkenntnissen.
Hier stören mich halt weit verbreitete Psychologensprüche, so darf ich sie mal nennen, die auch oft von Ernährungsberatern kommen, wie die “vielen kleinen Malzeiten” oder noch schlimmer: wenn du Heißhunger auf Süßes hast dann musst du es auch essen. Wobei ich Bitterschokolade gar nicht schlecht finde.
Es gibt also sehr vernünftige Unterstützung beim Wunsch abzunehmen, z.B. was gerade der Übergewichtige BESSER kann als jeder Schlanke, GRÖßERE, nicht kleiner Nahrungspausen, sonst schaltet der Stoffwechsel nie auf “Reservekalorien mobilisieren” = Fettabbau um. Dazu muss der Insulinspiegel runter. Und die Zusammensetzung ist ebenso wichtig. Am meisten und am längste sättigt Eiweiss, das ignorieren auch die Ernährungsberater.
Das sind nur einige Beispiele.
Bei einem Überangebot auf Schritt und Tritt geht es kaum ohne Selbstkontrolle.

#19 |
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Nichtmedizinische Berufe

Chirurg,
bitte klären Sie mich auf..
Ich ging davon aus, dass man dicken Menschen sagt, ihre Kalorienaufnahme überträfe ihren Kalorienbedarf bei weitem. Bei 60 kg Gewichtszunahme in vier Monaten würde ich dann davon ausgehen, dass ich plötzlich die Kalorienaufnahme um das Doppelte gesteigert habe. ( wohlgemerkt, ohne es zu bemerken, quasi unbewußt.).
Ich kann mir das nicht so recht vorstellen. Ergo muss auf der Bedarfsseite was passiert sein, irgendwas muss meinen Kalorienbedarf heruntergefahren haben und zwar fast auf die Hälfte. Es ist möglich, es gibt ja auch Erkrankungen, die so etwas machen, wie die Schilddrüsenunterfunktion.
Daher bin ich am Überlegen, ob vielleicht bei einigen Dicken etwas mit dem Grundumsatz nicht stimmt.

#18 |
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Chirurg
Chirurg

“Wenn die Gleichung Kalorienaufnahme größer als Kalorienbedarf aufgehen soll, hätte es nicht zu solch einer Zunahme kommen dürfen.”

das ist leider falsch und immer das erste,
was Übergewichtige lernen müssen.

#17 |
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Nichtmedizinische Berufe

Frau Dr. Schuster, Sie hätte ich gern zur Ärztin :) Es gibt Hunderte von Gründen für Übergewicht. http://das-dicke-forum.de/forum/showthread.php?t=3222 hier eine kleine Auswahl mit Quellen. Da sind die Esstörungen wie emotionales Essen, Bingeeating etc. noch gar nicht dabei. Ich selbst habe 60 kg mit Olanzapin zugenommen, ohne mein Essverhalten zu ändern. Wenn die Gleichung Kalorienaufnahme größer als Kalorienbedarf aufgehen soll, hätte es nicht zu solch einer Zunahme kommen dürfen.
Stigmatisierung ist einer der Faktoren, die eine Esstörung verstärken. überhaupt wohl psychosozialer Stress http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/kleine-maenner-und-dicke-frauen-werden-haeufiger-benachteiligt-a-1081215.html.
Dr. Paul, eine Sache ist eine sachliche wohlwollende Aufklärung, ich kann durchaus einen Menschen auf sein Gewicht ansprechen, weil ich mir Sorgen um ihn mache, anderes ist eine negative Reaktion der Umwelt a la ” Guck mal, die fette S…..”
Angst war noch nie eine gute Motivation, etwas an seinem Leben zu ändern. Leider ist diese Erkenntnis nicht weit verbreitet, das sieht man ja auch an der Hartz IV- Gesetzgebung.

#16 |
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Dr.Paul
Dr.Paul

Der Jo-Jo-Effekt ist nicht psychologisch sondern biologisch verursacht
und Folge einer leider von Psychologen (Giesener Schule) eingeführten “Radikal-Diet” (Optifast etc.), die zu Abbau von notwendiger Körpersubstanz und damit zur Senkung des Grundumsatzes führen.
Die Kunst der Gewichtsabnahme besteht sozusagen in der selektiven Reduzierung des Körperfettes. Deshalb steht auch die Waage (und der BMI) als Kriterium nicht an erster Stelle. Das erfordert Beratung. Die Psychologen haben hier viel kaputt gemacht und dieser Artikel ist ein Teil der falschen Therapie!

#15 |
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Heilpraktikerin

Mit Mühe und ohne den Patienten unter Druck zu setzen nehmen die ,die es wirklich möchten super ab. Solange danach auch die Psyche stabil ist gibt es auch keinenJo jo
EFFEKT.WIR SOLLTEN UNS ALLE viel mehr Zeit für Adipoitas Patienten.nehmen.Therapien gibt es genug aber für jeden was anderes man muss genau abstimmen was passt dann funktioniert es

#14 |
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Heilpraktikerin

Also mit den Kommentaren kann keiner was anfangen .Man muss die Patienten dazu bringen das sie selbst ihr Übergewicht in den Griff kriegen.Kopfsache nur der jenige selbst schafft es seine Ernährung umzustellen. Keiner wird übergewichtig geboren aber in der heutigen Zeit zum Fresser gemacht. MÜTTER kochen nicht mehr sei die Fertiggerichte schneller gemacht sind traurig aber wahr.Man sollte keinen übergewichtigen Menschen verurteilen es gibt immer einen Grund warum ist er so dick geworden. Die Psyche aber das wissen doch alle

#13 |
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Dr.Paul
Dr.Paul

@Silke Schuster warum diese Polemik?
Dann noch ohne Sachargumente, soll “eindimensional” ein Sachargument sein?
Die Frage #9, was Sie damit bezwecken haben Sie nicht beantwortet.
Nämlich die Frage, ob Sie Übergewicht als Ärztin nicht behandeln wollen.
Ich sehe die negative Reaktion der Umgebung eher als Motivation an daran was zu tun,
statt der hier unterstellten Mitursache an dem Übergewicht, was ich für unsinnig halte.
Wer abnehmen will benötigt Motivation also aktiven Willen, etwas zu ändern.
Das ist in der Regel leichter “in der Gruppe” also mit einem gewissen kollektiven Druck, auch wenn andere das auch allein im stillen Kämmerlein schaffen.
Mit faulen Ausreden wie “Genetik” oder der Drüse, die aus Luft Fett macht klappt es nicht.
Dabei geht es immer um deutliches Übergewicht, sagen wir ab BMI 30
und natürlich Kinder, ein Allarmzeichen für schlechte Erziehung.
Leicht nachweisbar.

#12 |
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Gast
Gast

Es sollte doch eigentlich bekannt sein, dass Adipositas ein interdisziplinäres Problem darstellt. Treffen somit Veranlagung mit fehlendem Sättigungsgefühl und dazu noch eine emotionale Komponente zusammen ist die Gefahr an Adipositas zu leiden höher. Nimmt die emotionale Belastung immer weiter zu ist der Weg zu einer Essstörung nicht weit und die Behandlung äußerst schwierig.

#11 |
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Ärztin

@9
Ad1) Habe selbst lange genug mit Labormäusen gearbeitet und weiß von was ich rede. Alle Mäuse (Balb/c) wurden immer ad libidum gefüttert und keine wurde übergewichtig!
Ad2) Übergewicht alleine auf übermäßiges Essen zurückzuführen ist eindimensional gedacht und schlichtweg falsch. Wer heutzutage als Arzt noch so argumentierst hat schon lange keine Fortbildung mehr besucht oder ein ganz persönliches Problem. Sei es dass er vom “Dicken Geschäft mit den Dicken “ lebt, oder eigene Minderwertigkeitskomplexe mit dem Herabwürdigen von Wehrlosen kompensiert.

#10 |
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Gast
Gast

@Silke Schuster, Das mit den Labormäusen ist falsch, man fragt sich, was Sie damit bezwecken.
Als Ärztin kann man das zunehmende Übergewicht schon bei Kindern nicht verteidigen. Oder freuen Sie sich, dass Sie mehr Patienten kriegen?

#9 |
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Ärztin

@4
Was gestern noch “wahr“ war ist heute schon eine Lüge.
Das dicke Geschäft mit den Dicken wird so lange weiter brummen, solange Menschen die Abwertung Anderer benutzen um sich selbst zu erhöhen.

#8 |
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Ärztin

#6
Nur Labormäuse die genetisch zum Übergewicht prädestiniert sind werden bei ad libidum Fütterung dick. Das gleiche gilt für Schweine und auch für Menschen.

#7 |
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Gast
Gast

zu#5 der Glaube ist nur ein bischen richtig,
denn auch wenn man Labormäusen ad libidum (unbegrenzt) Essen anbietet werden sie übergewichtig. Das gleiche passiert, wenn man das Essen mit Zucker anreichert, bekommt denen auch nicht.
Quantitative und qualitative Kontrolle MUSS sein,
KEINE Ausrede, auch wenn das Sättigungsgefühl bei einer Minderheit stärker ausgeprägt ist.

#6 |
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Glaube schon länger nicht mehr, dass ausgeprägte Adipositas insbesondere bei Kindern, einfach ein psychologisches Problem ist. Halte es für ein genetisches Problem, nicht des Stoffwechsels oder der Psyche, sondern um fehlendes Sättigungsgefühl, dass einfach gelegentlich mal auftritt, vielleicht als archaischer genetischer Rückfall in Zeiten, als ein Sättigungsgefühl noch nicht erforderlich war. Adipöse Kinder und Jugendliche werden natürlich gehänselt. Glaube aber, dass sie grundsätzlich kaum abnehmen können, egal ob sie gemobbt werden oder nicht. Vermutlich hilft da nur eine bariatrische Operation um die dauerhafte übermäßige Kalorienzufuhr zu stoppen und lebensverkürzende Krankheiten zu verhindern.

#5 |
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Gast
Gast

Die Wahrheit zu sagen ist keine Kränkung,
der neuste Sport der Süchologen

#4 |
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Belly & Mind
Belly & Mind

Solange alle daran verdienen, dass die Menschen dick bleiben und nicht genug aufgeklärt wird, dass Essen meist eine Sucht ist und der Suchstoff frei zugänglich ist, selbst für Kinder – dürfen wir spannt sein.

#3 |
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Heilpraktikerin

Wow. Das hat man jetzt rausgefunden?
Jede Kränkung macht krank. Sagt das Wort schon – die deutsche Sprache ist hervorragend geeignet um Lösungen zu finden.
Abwerten ist in unserer Gesellschaft ein Volkssport. Beurteilen und bewerten auch.

#2 |
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Gast
Gast

Ja, man sollte sie doch lieber ermuntern, noch mehr zu essen.
Es gibt immer welche, die noooch dicker sind.

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