Brustkrebs: Traumatischer Diagnose-Jahrestag

3. März 2016
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Die Diagnose Brustkrebs kann posttraumatische Belastungssymptome (PTBS) auslösen. Bei der Mehrheit der Frauen sind diese auch ein Jahr nach der Diagnose noch messbar. Patientinnen mit einer höheren Bildung leiden seltener beziehungsweise kürzer an der psychischen Belastung.

Im Rahmen der von der Deutschen Krebshilfe geförderten Studie Cognicares hat ein Team um Dr. Kerstin Hermelink und ihre Doktorandin Varinka Voigt vom Brustzentrum der Frauenklinik der LMU mehr als 160 Brustkrebspatientinnen über einen Zeitraum von einem Jahr wissenschaftlich begleitet und mit 60 Frauen ohne eine Krebsdiagnose verglichen. Zu drei Zeitpunkten wurden alle Teilnehmerinnen auf Symptome posttraumatischer Belastung untersucht.

82,5 Prozent aller Patientinnen zeigten vor Beginn der Behandlung posttraumatische Belastungssymptome wie zum Beispiel ständige, unabweisbare Gedanken an die Erkrankung, das Gefühl emotionaler Taubheit, große Reizbarkeit mit Wutausbrüchen und übermäßige Schreckhaftigkeit. Ein Jahr später hatten zwar nur wenige Patientinnen (zwei Prozent) eine voll ausgeprägte Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt, aber mehr als die Hälfte (57,3 Prozent) litt noch immer unter posttraumatischen Symptomen.

Brustkrebs schlimmer als andere Traumata

„Es ist bemerkenswert, dass die hohe seelische Belastung durch die Erkrankung über einen so langen Zeitraum bestehen bleibt“, sagt Kerstin Hermelink. Wie schwer die Diagnose Krebs wiegt, zeigt auch ein Vergleich mit anderen Auslösern von Traumata: Von den Patientinnen, die bereits vor ihrer Erkrankung und Diagnose ein anderes Trauma erlebt hatten, die etwa Opfer eines schweren Unfalls oder eines gewalttätigen Angriffs geworden waren, hielten 40 Prozent die Diagnose Brustkrebs für die schlimmere Erfahrung.

„Cognicares ist eine der ganz wenigen Längsschnittstudien, die es zu traumatischen Störungen nach der Diagnose Brustkrebs gibt“, sagt Kerstin Hermelink. Die Daten basieren nicht auf Selbstauskunft, sondern wurden mithilfe eines diagnostischen Interviews von Psychologen erhoben. Untersucht wurden nur Patientinnen ohne Metastasen, die also berechtige Hoffnung auf eine Heilung haben konnten. Zudem wurden Frauen mit psychischen Vorerkrankungen und fehlenden Deutschkenntnissen ausgeschlossen. „Wir gehen daher davon aus, dass unsere Daten die Verbreitung posttraumatischer Belastungssymptome bei Brustkrebspatientinnen und gesunden Frauen eher unterschätzen“, sagt Hermelink

Manche leiden länger

Die Forscher haben in ihren Daten nach Einflussfaktoren gesucht, warum nicht alle Patientinnen posttraumatische Belastungssymptome entwickelten und warum die Belastung bei einigen länger anhielt. „Einen Einfluss der Art der Operation oder einer Behandlung mit Chemotherapie konnten wir nicht nachweisen. Dagegen zeigte sich deutlich ein günstiger Effekt von Bildung. Offenbar ist Bildung ein Marker für Ressourcen, die es erlauben, sich schneller von der psychischen Belastung durch eine Krebsdiagnose wieder zu erholen“, sagt Kerstin Hermelink.

Die Studienergebnisse sind auch vor dem Hintergrund interessant, dass das Klassifikationssystem DSM, das in der Psychiatrie als Leitfaden für Diagnosen verwendet wird, seit dem Jahr 2013 lebensbedrohliche Erkrankungen nicht mehr als potenzielle Auslöser für Traumata aufführt. „Vor dem Hintergrund unserer Studienergebnisse und meiner Erfahrungen aus der Arbeit mit Brustkrebspatientinnen als Psychoonkologin halte ich das für falsch“, sagt Hermelink. „Ärzte sollten sich bewusst sein, dass nach einer Brustkrebs-Diagnose ein Großteil der Patientinnen posttraumatische Belastungssymptome entwickelt und eine entsprechende Unterstützung benötigt.“

Originalpublikation:

Clinically assessed posttraumatic stress in patients with breast cancer during the first year after diagnosis in the prospective, longitudinal, controlled COGNICARES study
Varinka Voigt et al.; Psycho-Oncology, doi: 10.1002/pon.4102; 2016

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Medizin, Onkologie, Psychiatrie

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6 Kommentare:

Chirurg
Chirurg

Verehrter @Manfred Schmidt, ich habe, da ich das nicht ganz selten operiert habe,
ganz andere Erfahrungen, als “den Teppich unter den Füßen weggezogen”.
Die Frau kommt ja rel. oft zum Arzt, weil sie an die Möglichkeit denkt, immerhin trifft diese Diagnose ja ca. jede 8. Frau.
Und erfreulicherweise ist ja keineswegs jeder verdächtige Befund ein Karzinom.
Die Unsicherheit ist eher die größte Belastung. Man will doch wissen, was man hat (bei der ganz überwiegenden Mehrheit).
Und um den Frauen auch nach der erfolgreichen Entfernung in der leider sehr langen Nachbeobachtungszeit eine Berg- und Talfahrt zu ersparen,
wird die “Aufklärung” eher in die Richtung praktiziert, dass man gleich keine falschen Versprechungen macht, sondern sie ermuntert “mit dem (potentiellen) Tumor” gut zu leben. Denn das ist möglich, hier gibt es ja viele wirksamen Möglichkeiten, was daran zu erkennen ist, dass die Inzidenz wesentlich höher ist als die Mortalität (im Gegensatz zum Lungenkrebs).
Was ich als Trend jedoch negativ sehe, ist die zu weit getriebene Minimierung des Ersteingriffes (aus psychologischen Gründen!), der immer noch entscheidend für die Langzeitprognose ist.
Ich kenne eine genetisch belastete Familie, da ist die Mutter noch “radikal” operiert worden, die erwachsene Tochter “fortschrittlich” schonend.
Und die Mutter hat darauf den Tod ihrer eigenen Tochter am Mamma-Ca miterlebt, von dem sie selbst geheilt war.

#6 |
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Lieselotte Müller
Lieselotte Müller

Ich als Betroffene kann dieser übergroßen Angst vor einem Rezidiv nur zustimmen. Habe versucht Hilfe zu finden, jedoch haben Psychologen und Onkopsychologen die Situation nur verschlimmert. Leider macht frau auch solche Erfahrungen. Was bleibt? Die Angstzustände irgendwie überstehen und sich selbst am Schopfe packen.

#5 |
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Psychotherapeut

Und noch eine kritische Nachfrage:

Der Begriff der “Posttraumatischen Belastungsstörung” wird immer mehr ausgeweitet auf Bereiche, für die es sowohl in DSM wie auch in ICD-F eine Vielzahl von anderen Diagnosemöglichkeiten gibt, die vielleicht hilfreicher sind.

Mir ist der Begriff PTBS im Hinblick auf zu Zuständlichkeiten von BK-Frauen jedenfalls bislang ganz fremd. Und es stellt sich die Frage, ob es hilfreich ist für eine betroffene Frau, wenn ihr eine PTBS-Diagnose “verpaßt” wird. Kann das nicht zu einer weiteren Stigmatisierung führen?

Ich werde den Begriff PTBS jedenfalls auch in Zukunft auf jeden Fall vermeiden, weil er mir einfach als zu stark erscheint und zugleich auch zu sehr mit ganz anderen Erlebnissen (Kriegshandlungen z.B.) in Verbindung gebracht wird. Typisch für PTBS wären ja z.B. die Flashbacks, die ich aber noch nie bei BK-Frauen in ihrer reinen Form erlebt habe.

Schade, dass sich gar keiner weiter mit Kommentaren einschaltet………

#4 |
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Gast
Gast

wahrscheinlich gibt es dafür einen Bluttest.

#3 |
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Psychotherapeut

Sie schreiben: “Die Daten basieren nicht auf Selbstauskunft, sondern wurden mithilfe eines diagnostischen Interviews von Psychologen erhoben.” –

Mich interessiert, wie diese diagnostischen Interviews durchgeführt wurden. Es muss ja eine Art Standardisierung gegeben haben, die eine Vergleichbarkeit und Einordnung ermöglicht haben. Wurden bestimmte Fragebogen verwendet? Wenn ja, welche?

Wenn die Interviews nicht standardisiert waren, würde es mich nicht wundern, dass Gebildetere Erkrankte günstigere Effekte zeigten, da diese sich differenzierter und kritischer mit ihrem Zustand befassen können als wenig Gebildete. Wurde auch berücksichtigt, dass es auch grundsätzlich sehr viel interessanter ist, sich mit gebildeten Patientinnen über das Thema auseinanderzusetzen? – Ich merke es ja an mir selbst, dass ich gebildeten Patientinnen tatsächlich mehr Aufmerksamkeit und Zeit zukommen lasse als Patientinnen mit nur eingeschränkten Reflektions- und Ausdrucksmöglichkeiten. Dh es könnte auch eine negative Projektion sein, dass weniger Gebildete in “diagnostischen Interviews” schlechter wegkommen als die attraktiveren Gebildeten.

Wie konnten Sie diesen Aspekt in Ihrer Untersuchung ausschließen?

#2 |
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Psychotherapeut

In dem Moment, da einer Frau die Diagnose “Sie haben Brustkrebs” mitgeteilt wird, wird ihr sozusagen der Teppich unter den Füßen weggezogen:
ALLES hat sich innerhalb weniger Minuten schlagartig verändert und wird in Frage gestellt.

In meiner Tätigkeit im Brustzentrum habe ich dann aber überwiegend den ruhigen und etwas in sich zurückgezogenen Typus erlebt. Es fällt Frauen in der Phase kurz vor der OP und danach sehr schwer, ihre innere Situation zum Ausdruck zu bringen. – Hier ist immer große Sensibilität wichtig. Viele Frauen in dieser Phase brauchen diese Ruhe und Zurückgezogenheit, und man sollte dann auf keinen Fall (ungewünscht) allzu forsch die schwierige Situation verbalisieren.

In der Zeit der Chemotherapie sind die meisten Frauen nach meiner Erfahrung sehr viel offener und bereiter, über ihre psychische und psychosoziale Situation zu sprechen.

Die PTBS-Situation manifestiert sich nach meinen Beobachtungen oft erst später – nach ca. 1/2 Jahr -, wenn alle anderen wieder zur Tagesordnung übergegangen sind und nichts mehr hören wollen von der Erkrankung und ihren Belastungen. M.E. ist dann auch die Gefahr für Depressionen am höchsten.

D.h. BK-Frauen muss unbedingt ein Angebot gemacht werden, auch längere Zeit nach OP, Chemo usw. Gespräche mit Psychoonkologe, Psychotherapeut o.ä. führen zu können. – Leider sind die ambulanten Möglichkeiten zu einer Psychotherapie o.ä. dann aber ziemlich schwierig, und daran müßte unbedingt etwas geändert werden.

Ich finde es gut, dass diese Thematik hier in dem Artikel aufgenommen wurde!

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