Tinnitus: Fataler Dreh am Lautstärkeregler

2. März 2016
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Der aktuelle Gefühlszustand hat Einfluss auf das Belastungsempfinden von Tinnitus-Patienten. Bislang war lediglich bekannt, dass Stress mit Tinnitus zusammenhängt. Für entsprechende Untersuchungen nutzte man eine neu entwickelte Smartphone-App.

Die hohe Prävalenz von Tinnitus mit bis zu 15 % und die enormen gesellschaftlichen Kosten, die sich gemäß Schätzungen wissenschaftlicher Studien auf über 5.000 Euro pro Patient im Jahr belaufen, verdeutlichen die Relevanz effektiver Therapien gegen diese Störung. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Identifikation der Prozesse, die einen Einfluss darauf haben, wie die Tinnitus-Lautstärke zu mehr oder weniger Belastung durch den Tinnitus führt. Dafür eignet sich der Einsatz von Techniken und Methoden des sogenannten „Ecological Momentary Assessment“ (EMA) – einer Form des ambulanten Assessments bzw. der Datenerfassung im Alltag der Betroffenen.

Für eine solche tagebuchartige Erfassung aktueller Selbstberichte eignet sich die Smartphone-App „TrackYourTinnitus“, die von Forschern um Dr. Winfried Schlee von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Regensburg entwickelt wurde. Ein Team von Forschern aus Regensburg, Ulm und Witten/Herdecke untersuchte mit Hilfe der App im Alltag von Betroffenen, ob aktuelle emotionale Zustände dazu beitragen, dass die Tinnitus-Lautstärke mit mehr oder weniger Belastung durch den Tinnitus verknüpft ist.

Tinnitusbelastung sinkt durch Stressminderung

Als aktueller emotionaler Zustand wurde das Ausmaß von zwei Komponenten von aktuellen emotionalen Zuständen einbezogen: „Arousal“ und „Valenz“. Unter „Arousal“ versteht man das Ausmaß der inneren Aktivierung des Nervensystems und unter „Valenz“ die mehr positive oder mehr negative Färbung der aktuellen Stimmungslage. Für ihre Untersuchung analysierten die Forscher die Daten aus dem Alltag von 658 Tinnitus-Patienten.

Die Analysen zeigten, dass die Tinnitus-Lautstärke bei höherem „Arousal“ und verstärkt negativer „Valenz“ ebenso wie bei höherem aktuellen Stresserleben mit einer stärkeren Belastung durch Tinnitus verbunden ist. Diese Beobachtung hat Konsequenzen für die therapeutische Praxis: So dürften gerade solche Therapieansätze, die auf eine Veränderung von Emotionen und Stress abzielen, dazu führen, dass die Belastung durch den Tinnituston sinkt und sich der Zustand der Patienten verbessert.

Originalpublikation:

Emotional states as mediators between tinnitus loudness and tinnitus distress in daily life: Results from the „TrackYourTinnitus“ application
Thomas Probst et al.; Scientific Reports, doi: 10.1038/srep20382; 2016

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5 Kommentare:

Dipl.Ing. Winfried Duven
Dipl.Ing. Winfried Duven

Mein Hochtontinnitus ist häufig im “relaxed mode” deutlich erhöht. Das widerspricht, zumindest bei mir – der Stresstheorie. Andererseits ist ein als unangenehm empfundener Tinntus ein wesentlicher Stressor, kann also die Belastungsspirale weiter nach oben befördern. Ich denke jeder als zu belastend im Alltag empfundene Tinnitus sollte von einem auf Tinnitus spezialisierten Facharzt/Fachärztin bzw. in eine Spezialklinik individuell bewertet und behandelt werden, denn Tinnitus ist ein sehr komplexes Beschwedebild, bei dem es viele schöne Behandlungskonzepte aber (leider) noch keine Universaltherapie gibt.

#5 |
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Hier noch ein interessanter Therapievorschlag vom 26.02.2016:

Musik-gegen-Tinnitus/MDR-Fernsehen/Video?bcastId=7545180&documentId=33739800

#4 |
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Es gibt auch die Auffassung, dass die Entwicklung eines Tinnitus auf eine zunehmende Schwerhörigkeit zurückzuführen sei. Indirekt ergibt sich daraus aber eben wieder die Ursache (durch Lärm erzeugten) Stress.
Da Menschen im Autismus-Spektrum einem um 15-30% höheren, “natürlichen” Stresslevel ausgesetzt sind als neurotypische, wäre es interessant, die Prävalenz von Tinnitus in dieser Bevölkerungsgruppe zu ermitteln. Ich bin selbst vom Asperger-Syndrom betroffen und lebe schon lange mit Stereo-Tinnitus. Er kann allerdings kaum höher als Stufe zwei sein, denn ich komme damit klar.

#3 |
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Dr. Joachim Bedynek
Dr. Joachim Bedynek

Ich war 2006 zur fachlich-stationären Tinitusbehandlung. Nach meinem Eindruck waren die Maßnahmen recht “hilflos”. Es müsste mehr grundlegende physiologische und pharmakologische Forschung betrieben werden.

#2 |
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Harry
Harry

Meine Frau und ich haben schon seit mehr als 25 Jahren beidseitigen Tinnitus, ohne ärztliche Behandlung. Der Aussage mit der Streßbelastung kann ich nur
bedingt zustimmen. Mir fällt auf, das ich häufig vor der Mittagsruhe wenig Geräuschbelastung habe die dann nach ca 20 Minuten Ruhe stark zunimmt.

#1 |
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