Vorurteile: Hirn drosselt auf Schnecken-Tempo

1. März 2016
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Der Mensch braucht mehr Zeit, wenn er Unangenehmes mit positiven Begriffen assoziieren muss – so beispielsweise bei unbewussten Vorurteilen. Im Gehirn sind dafür aber nicht zusätzliche Prozesse verantwortlich, sondern einige dieser Prozesse dauern einfach länger an.

Ein Fußball-Fan braucht mehr Zeit, um ein positives Wort mit einem gegnerischen Club zu verbinden als mit seiner Elf. Und Mitglieder einer politischen Partei assoziieren ein wohlwollendes Attribut schneller mit ihrer Partei als mit politischen Rivalen – selbst wenn sie sich um das Gegenteil bemühen. Dass eine positive Assoziation mit der eigenen Gruppe, einer Ingroup, unbewusst rascher geschieht als mit einer Fremdgruppe, einer Outgroup, ist längst bekannt. Diese unterschiedlichen Reaktionszeiten werden im Impliziten Assoziationstest (IAT) sichtbar, mit dem Psychologen unbewusste Vorgänge und Vorurteile untersuchen. Warum aber die Überwindung, an eine Outgroup ein freundliches Wort zu adressieren, mehr Zeit beansprucht, war bislang nicht klar.

Sieben Prozesse in weniger als einer Sekunde

Ein Team rund um Prof. Daria Knoch von der Universität Bern zeigte, dass nicht ein zusätzlicher mentaler Prozess dafür verantwortlich ist, wie oft postuliert wurde – vielmehr verweilt das Gehirn länger in bestimmten Prozessen. Für ihre Studie setzten die Forscher auf eine einmalige Kombination von Methoden: Sie führten einen IAT mit 83 Testpersonen durch, die sich zu einem Fußballclub oder zu einer politischen Partei bekennen. Während die Testpersonen positive Begriffe auf dem Bildschirm per Tastenklick entweder mit ihrer Ingroup oder mit einer Outgroup in Verbindung bringen mussten, wurde mittels EEG die Gehirnaktivität aufgezeichnet. „Diese Daten haben wir mit einer Microstate-Analyse ausgewertet. Sie erlaubte es uns, erstmals alle Prozesse im Gehirn – von der Präsentation eines Wortes bis zum Drücken der Taste – zeitlich und auch räumlich abzubilden“, erklärt Co-Erstautorin Dr. Lorena Gianotti.

Die Analyse zeigt Folgendes: Das Gehirn durchläuft von der Präsentation des Stimulus bis zum Tastenklick in weniger als einer Sekunde sieben Prozesse. „Anzahl und Reihenfolge von diesen bleiben exakt gleich, egal ob die Testperson nun positive Wörter mit ihrer Ingroup, also ihrem Club oder ihrer Partei, oder mit einer Outgroup assoziieren musste“, erklärt Erstautor Dr. Bastian Schiller.

Anzahl und Reihenfolge der Prozesse sind exakt gleich

Länger ist die Reaktionszeit bei der Outgroup-Situation demnach, weil einige der sieben Prozesse länger dauern – und nicht, weil ein neuer Prozess dazwischen geschaltet wird. „Entsprechende Theorien können dadurch widerlegt werden“, so Schiller. Eine lückenlose Betrachtung aller Prozesse im Gehirn sei für eine Interpretation essenziell, betont Gianotti, und veranschaulicht dies an folgendem Beispiel: Am Montag gehen Sie nach der Arbeit mit einem Freund essen und danach um 22 Uhr schlafen. Am Freitag tun Sie genau das Gleiche – nur kommen Sie zwei Stunden später heim, da Sie am nächsten Tag ausschlafen können. Vergleicht man die Tage nun um 20 Uhr, befinden Sie sich beide Male im Restaurant und man könnte auf ein identisches Zeitprogramm schließen. Findet der Vergleich um 23 Uhr statt, sind Sie einmal schon im Bett und einmal noch unterwegs. Man könnte denken, dass Sie am Freitag vielleicht noch im Sportstudio waren oder einen ganz anderen Tagesplan hatten. Damit ist klar, dass punktuelle Betrachtungen keinen Rückschluss auf den ganzen Tag zulassen – weder auf den Ablauf noch auf die Aktivitäten.

„Bei der Erforschung des menschlichen Verhaltens ist es zielführend, die zugrunde liegenden Gehirnmechanismen zu betrachten. Und dies wiederum bedarf geeigneter Methoden, um umfassende Erkenntnisse zu gewinnen“, fasst Knoch zusammen. Oftmals könne gerade eine Kombination von neurowissenschaftlichen und psychologischen Methoden zu neuen Einsichten führen.

Originalpublikation:

Clocking the social mind by identifying mental processes in the IAT with electrical neuroimaging
Bastian Schiller et al.; PNAS, doi: 10.1073/pnas.1515828113; 2016

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Forschung, Medizin, Psychiatrie

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