Schmerzbehandlung: THC ist doch ok

17. Juni 2011
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Der Bundesrat hat vor Kurzem beschlossen, der fünfundzwanzigsten Verordnung zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher Vorschriften zuzustimmen. Cannabis und seine Zubereitungen können nun legal auf einem BtM-Rezept verordnet werden.

In Anlage III steht nun: “Cannabis (Marihuana, Pflanzen und Pflanzenteile der zur Gattung Cannabis gehörenden Pflanzen) – nur in Zubereitungen, die als Fertigarzneimittel zugelassen sind” und in Anlage II: “Cannabis (Marihuana, Pflanzen und Pflanzenteile der zur Gattung Cannabis gehörenden Pflanzen) – sofern sie zur Herstellung von Zubereitungen zu medizinischen Zwecken bestimmt sind”.
Die neue Regelung sieht unter anderem vor, das generelle Verkehrsverbot von Cannabis aufzuheben und cannabishaltige Fertigarzneimittel zu medizinischen Zwecken zuzulassen. Was den Handel und Besitz von Cannabis betrifft, bleibt die Rechtslage unverändert.

Verordnung bisher aufwändig und kostenintensiv

Bisher war es möglich, die hochpreisigen THC-Arzneimittel Dronabinol und Nabilon zu verordnen. Gemäß den Vorschriften des DAC und des NRF (NRF 22.7 und 22.8) wurden bis jetzt in den Apotheken entsprechende Rezepturen daraus angefertigt. In den USA sind Marinol ® Kapseln zugelassen. Die Kostenträger verweigerten jedoch meist die Kostenübernahme. In Großbritannien und Spanien ist ein THC-Spray zugelassen. Sativex ® enthält Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) und wird als Spray sublingual verabreicht. In einer Pressemitteilung kündigten das britische Unternehmen GW Pharmaceuticals und das spanische Unternehmen Almirall an, dass nationale Zulassungen in Deutschland, Italien, Dänemark, Schweden, Österreich und der tschechischen Republik beantragt sind. Marktzulassungen für Deutschland, Dänemark und Schweden werden Ende 2011 erwartet.

Die deutsche Firma THC-Pharm GmbH vertreibt halbsynthetischen, durch Umwandlung von nativem Cannabidiol aus Faserhanf zu THC gewonnenen Wirkstoff. Die Mindestbestellmenge beträgt 0,5 g. Die Identitätsprüfung im Apothekenlabor ist im DAC beschrieben. Gemäß Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtMVV § 2) darf ein Arzt maximal 500 mg Dronabinol pro Patient innerhalb von dreißig Tagen verschreiben. Am 6. Dezember 2005 hat das Bundesverfassungsgericht (1 BvR 347/98) entschieden, dass bei einer „lebensbedrohlichen oder regelmäßig tödlichen Erkrankung“ die Kosten einer Behandlung erstattet werden müssen, wenn „eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf Heilung oder auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf besteht.“

Anerkannte Indikationen für Cannabiszubereitungen sind chemotherapiebedingte Übelkeit und Erbrechen, Appetitsteigerung bei Tumorkachexie, sowie Anorexie und Gewichtsverlust bei AIDS.

Experimentelle Indikationen sind u.a.

Mögliche Indikationen (theoretische Überlegungen oder Tierexperimente)

Glückseligkeit des Kleinhirns

Cannabinoide greifen im Kleinhirn THC-Rezeptoren an, die Mitte der 1980er Jahre identifiziert wurden. THC ist nicht mit Neurotransmittern verwandt. Die körpereigene Substanz Anandamid besetzt jedoch als Agonist THC-Rezeptoren. “Ananda” kommt aus dem Sanskrit und bedeutet soviel wie Glückseligkeit. Der Anandamid-Rezeptor kommt besonders im Kleinhirn, den Basalganglien, der Hirnrinde und dem Hippocampus vor. Dies erklärt die Beeinflussung der Motorik, des Zeitgefühls und der Gedächtnisleistung. Anandamid wirkt wie Endorphine auf das Belohnungssystem. Vermutlich gibt es eine Vernetzung zu den Opiatrezeptoren. Der erste THC-Rezeptor (CB1) wurde im Rattenhirn identifiziert und zeigte die Charakteristika eines G-Protein-abhängigen neuromodulierenden Rezeptors. Die CB2-Rezeptoren scheinen lediglich in der Peripherie aufzutreten, wohingegen die CB1-Rezeptoren zentral und peripher anzutreffen sind. Wenn sich THC an seine CB1- oder CB2-G-Protein-abhängigen Rezeptoren bindet, kommt es zu Veränderungen der Signalübertragungsfunktionen des Gehirns, des Immunsystems und der Reproduktionsorgane. Im Gehirn kommt es beim Andocken des THC an CB1-Rezeptoren zu ausgeprägten Veränderungen der sensorischen Wahrnehmung.
Ein Teil des THC wird nicht sofort metabolisiert und ausgeschieden, sondern bleibt mehrere Tage im Fettgewebe gespeichert. Spontane Freisetzungen größerer Mengen des gespeicherten THC sollten nach einer mittlerweile nicht mehr haltbaren Theorie zu den sogenannten “Flashbacks” führen.

Weitere THC-Wirkungen sind:

  • Erweiterung der Bronchien,
  • Senkung des Augeninnendruckes,
  • Hemmung des Bakterienwachstums,
  • Steigerung des Appetits,
  • Senkung der cerebralen Krampfschwelle,
  • Linderung von Schmerzen,
  • Senkung der Blutviskosität,
  • Verminderung des Brechreizes,
  • Stimmungsaufhellung.

Die schmerzstillenden Wirkungen von Cannabinoiden und Opiaten werden in derselben Hirnregion erzeugt. Cannabinoide modulieren die Aktivität von Nervenzellen in der rostralen ventromedialen Medulla, einer Struktur im Hirnstamm, in der auch Opiatrezeptoren vorkommen.

Schmerzfrei aber nicht „breit“

Cannabis in der Medizin hat sicherlich eine große Zukunft vor sich. Dennoch sind noch viele Fragen zu klären. Etwa das Abhängigkeitspotenzial bei der Verwendung als Medizin. Auch ob ein Patient unter dem legalen Einfluss von THC ein Fahrzeug führen darf. Ein Cannabisderivat, das zwar analgetisch aber nicht euphorisierend wirkt, ist bereits in Erprobung. Bisher funktioniert das bei Mäusen hervorragend. Das neue Derivat wirkt nicht an CB1/2 Rezeptoren, sondern an der ionenkanalähnlichen GlyR-Bindungsstelle. Über diese wird lediglich eine Analgesie vermittelt.

153 Wertungen (4.58 ø)
Medizin

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12 Kommentare:

Rettungsassistent

Etwas verwirrt mich.
Der Einsatz bei Epilepsie scheint möglich, eine Wirkung ist, dass die Krampfschwelle gesenkt wird.
Warum sollte ich einen Wirkstoff bei einer Erkrankung geben, die das Risiko, dass es zum Ausbruch der Erkrankung kommt, erhöht?
Ich könnte es verstehen, wenn die Krampfschwelle erhöht wird, aber so macht es für mich keinen Sinn.

Und ein Nachtrag an die ganzen Naturfreunde, esst doch mal ein paar Tollkirschen und dazu ein schöner Stechapfeltee, ist doch auch alles aus der Natur, scheint sich “Gott” ja auch was bei gedacht haben.
“Aus der Natur” ist die lächerlichste Begründung aller Zeiten.

#12 |
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Ärztin

In der palliativen Versorgung unserer Patienten ist Dronabinol als Tropfen oft die Ultima ratio für unstillbares
Erbrechen bei gastointestinalen Tumoren bzw.nach Chemotherapie und hilft ausgezeichnet, auch dann, wenn die herkömmlichen Antiemetika versagen und die Patienten unter
der Emesis zusätzlich leiden, bisher zwar auf Btm-Rezept zu
verordnen, jedoch von den gesetzliche Kassen nicht bezahlt.
Jetzt sollte es doch möglich sein, den Antrag auf Erstattung der nicht unerheblichen Kosten für den Patienten z.B.”Nikolaus Urteil” zu erreichen.

#11 |
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Endlich, nun kann diesen armen, schmerzgeplagten Patienten geholfen werden. Viele MS, AlS, Krebspatienten mit neuropatischen Schmerzen und vielen anderen geholfen werden.
Es wird sich erst langsam zeigen wie vielfältig die Anwendung von THC bzw Cannabinoiden ist. Nun ist es nicht mehr nötig sich dieses Präparat aus den Ländern wo die Gesetzeslage eine andere ist zu besorgen. Gratuliere!

#10 |
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Dr. med. Franz Scharte
Dr. med. Franz Scharte

Zufrieden, fühle mich gut durch den Artikel informiert

#9 |
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Medizinphysiker

Es könnte rein ketzerisch die Frage erlaubt sein, ob ein Einsatz von THC z.B. in Pflegeheimen zur Hebung der dort oft katastrophal schlechten Lebensqualität mancher Bewohner indiziert wäre? Wie gesagt, rein ketzerische Frage!

#8 |
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Cannabis-Produkte können auch bei einigen ALS-Patienten diverse Symptome lindern. Ausserdem zeigten ALS-Maus-Studien eine neuroprotektive Wirkung. Im Vergleich zu anderen Medikamenten-Studien wurde THC jedoch erst nach Auftreten von Symptomen eingesetzt – Lähmungen – und nicht bereits kurz nach der Geburt…

#7 |
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Dipl.-Psychologe Rainer W. Weber-Thammasut
Dipl.-Psychologe Rainer W. Weber-Thammasut

“Cannabis in der Medizin hat sicherlich eine große Zukunft vor sich.” – Historisch betrachtet völlig daneben. Bis in die 20er Jahre war die uralte Kulturpflanze Hanf (Cannabis) eine wichtige Medizin, die sich bei vielen Krankheiten und Beschwerden bewährt hat. – Bis Bayer Heroin auf den Markt brachte (Heroin-Hustensaft für Kinder!)
Lersen Sie ausführlich z.B.
http://www.cbgnetwork.org/Ubersicht/Zeitschrift_SWB/SWB_1998/SWB01_98/100_Jahre_Heroin/100_jahre_heroin.html

#6 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Na endlich! gebt doch den verzweifelte schmerzgeplagten. den lebensmüden und unheilbaren kranken ein bisschen positives schmerzfreies leben zurück . gottes garten läßt doch diese pflanzen nich umsonst wachsen.

#5 |
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Ich hatte heute Besuch der reginalen Almirall-Vertreterin: Sativex ist bereits zugelassen und vermutlich ab 01.07. in den Apotheken erhältlich, es ist Btm-Rp-pflichtig.

#4 |
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Hartmut Meier
Hartmut Meier

Neulich fragte mich jemand, warum man Kühe töten und essen darf,
aber Gras rauchen verboten ist ?!

#3 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Ein sehr Interessanter Artikel. Ich kann nur bestätigen das Cannabis eine sehr gute Schmerzstillende Wirkung hat und zumindest bei einigen AD(H)S Patienten eine gute Konzentrationssteigernde Wirkung haben kann.

Nichts desto trotz warnen viele vor Cannabis weil es Psychosen auslösen kann.
Troem ist es eine Pflanze der Natur und so lange es nicht geraucht wird doch alles gut.

Ich würde es begrüßen wenn es endlich auch Cannabis Produkte für Menschen gibt die auf die Kassenleistungen angewiesen sind.

#2 |
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Christian Klötzer
Christian Klötzer

Danke für den Artikel, und vor allem für die Auflistung der aktuellen *und* der möglichen Anwendungsgebiete von THC bzw. Cannabinoiden. Speziell die Anwendung für psychiatrische Krankheiten scheint vielerorts nicht nur auf (angebrachte) Skepsis, sondern auf pauschale Ablehnung zu stoßen. Das ist unangebracht und sicherlich nicht im Interesse der Patienten.

Beispiel:
In der November 2010-Ausgabe des “Journal of Clinical Psychiatry” gab es einen interessanten Kurzbericht über die erfolgreiche Behandlung von vier Fällen resistenter Psychose (“treatment-refractory psychosis”) mit oralem Dronabinol (Marinol).

#1 |
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