Japanische Enzephalitis: Winterschlaf im Schwein

25. Februar 2016
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Das Japanische-Enzephalitis-Virus verursacht Hirnentzündungen bei Mensch und Schwein. Bisher ging man ausschließlich von einer Ansteckung durch Moskitos aus. Das Virus ist aber auch zwischen Schweinen übertragbar und ist vermutlich deshalb auch in der Lage, zu überwintern.

Das Japanische Enzephalitis (JE) Virus ist die Hauptursache für schwere Gehirnentzündungen bei Menschen in Südostasien oder inzwischen auch in Indien. Es zirkuliert zum einen zwischen Vögeln und Moskitos, zum anderen zwischen Schweinen und Moskitos. Über die Stiche der Moskitos wird das Virus auf den Menschen übertragen. Insbesondere bei Kindern kann eine Infektion zu schwerer Gehirnentzündung mit lebenslanger Schädigung oder gar zum Tod führen. Beim Schwein verursacht das Virus, neben Fieber und Enzephalitis, vor allem Fruchtbarkeitsstörungen. Das JE-Virus ist mit dem West-Nil-, ZIKA– und Dengue-Virus nah verwandt. Sie alle werden durch Moskitos übertragen und gehören zu den Flaviviren.

Bisher war für JE-Viren nur der Übertragungsweg durch Moskitos bekannt. Eine Forschergruppe vom Institut für Virologie und Immunologie sowie der Vetsuisse Fakultät der Universität Bern unter Leitung von Dr. Meret Ricklin und Prof. Artur Summerfield konnten nun zeigen, dass JE-Viren auch direkt zwischen Schweinen übertragen werden können.

Virus überlebt im Schwein

Bislang war nicht erklärbar, wie das JE-Virus in Regionen, wie zum Beispiel in der nördlichen japanischen Insel Hokkaido, überwintern und im nächsten Jahr zu neuen Ausbrüchen führen konnte. Diese Ausbrüche erfolgten zum Teil im gleichen Bauernhof wie im Vorjahr, obwohl keine infizierten Moskitos in der Umwelt zu finden waren. Auch in Taiwan kam es im Winter zu Infektionen von Schweinen mit JE-Viren, ohne dass infizierte Moskitos gefunden werden konnten.

Wie die Forschenden nun zeigen konnten, scheiden infizierte Schweine das Virus während mehreren Tagen über den Speichel aus, wobei die Tiere auch empfindlich waren für eine Infektion über Mund und Nase mit sehr niedrigen Virusdosen. In den Schweinen vermehrte sich das Virus – wie beim Menschen – im Gehirn und verursachte dort eine Entzündung. Am stärksten war die Virusvermehrung allerdings in den Mandeln. In diesem Organ blieb das Virus mehrere Wochen, ja sogar Monate nachweisbar. Die Autoren vermuten, dass JE-Viren möglicherweise im Schwein zirkulieren und sogar monatelang überleben können. Bei erneuter Ausscheidung des Virus, zum Beispiel in Folge einer anderen Infektionskrankheit, die das Immunsystem schwächt, könnte ein neuer Infektionszyklus beginnen. Laut den Forschenden seien jedoch zukünftige Studien nötig, um diese Zusammenhänge zu belegen.

Bisher in Europa nicht aufgetreten

Die veröffentlichte Studie zeigt, dass auch bei Viren, die durch Insektenstiche übertragen werden, eine direkte Übertragung durch Kontakt nicht ausgeschlossen werden kann. „Es bedeutet, dass das JE-Virus auch ohne Moskitos in der Schweinepopulation zirkulieren und sich somit auch in Regionen mit gemässigtem Klima ausbreiten könnte“, sagt Artur Summerfield. Damit könnte es theoretisch auch den Menschen vermehrt bedrohen. Für Mensch und Tier existiert jedoch eine Impfung. In Europa trat das Virus bisher nur bei Asien-Rückkehrern auf, wobei es zu keinen weiteren Infektionen kam.

Originalpublikation:

Vector-free transmission and persistence of Japanese encephalitis virus in pigs
Meret E. Ricklin et al.; Nature Communications, doi: 10.1038/ncomms10832; 2016

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1 Kommentar:

Dr. Gero Beckmann
Dr. Gero Beckmann

Im letzten Satz der Meldung – “In Europa trat das Virus bisher nur bei Asien-Rückkehrern auf, wobei es zu keinen weiteren Infektionen kam.” – steckt aus Sicht eines Mikrobiologen die lebenspraktische Schlussfolgerung: Da wir Zweibeinigen laufend mit neuen mikrobiologischen Entitäten und epidemiologischen Konstellationen rechnen müssen, muss der zunehmende globale Handel mit Lebend- und Schlachttieren, Fleisch, Lebensmitteln tierischer und pflanzlicher Herkunft auch aus seuchenhygienischen Gründen sehr kritisch betrachtet werden. Die bisherigen Kontrollaktivitäten sind in vielen Fällen keinesfalls risikobasiert. – Auch ist an den Instinkt der Verbraucher zu appellieren: wer z.B. tatsächlich frische Kräuter aus Indien oder Vietnam via Laos verzehrt, der nimmt z.B. gerne an der Salmonella-Lotterie teil, wie die Schnellmeldungen z.B. Januar/Februar 2016 im europäischen Warnsystem RASSF zeigen.

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