Ihr Konto bei der Bio-Bank

21. Juni 2011
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Sie sind zugleich Schatzsucher und -hüter unter den Medizinern. In Biobanken liegen Schlüssel für Krebs, chronische Krankheiten und deren Prävention versteckt. Über die Regeln für deren Betreiber bei Verwahrung wird nicht nur in Deutschland intensiv diskutiert.

Wenn man den Voraussagen für erfolgreiche Geschäfte in der Zukunft der Biotechnologie glauben darf, sind Biobanken der ganz große Renner. Weltweite Umsatzerwartungen für 2015: 19,1 Mrd. Dollar, für 2025 44,6 Mrd. Dollar. Gesundheitsversorger und große Forschungseinrichtungen sind dabei, Banken für Tumorgewebe, Blutproben und Stammzellen anzulegen. Pharma- und Biotech-Unternehmen arbeiten mit Sammlungen von Zelllinien und Genbibliotheken, die leicht den Umfang von mehreren Millionen Proben erreichen.

Deutsche misstrauen medizinischen Sammlungen

Gerade im kommerziellen Bereich gibt es aber bisher kaum gesetzliche Regelungen, wer eine solche Biobank betreiben darf. Eine Verpflichtung zur Anonymisierung von humanem Gewebe oder eine genaue Bestandserfassung gibt es bisher in Deutschland nicht. Ob es daran liegt, dass das Misstrauen in der Bevölkerung gegenüber Biobanken und einem Missbrauch von Spendermaterial und den zugehörigen Daten so hoch ist?

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung würde nicht freiwillig an einer Sammlung von eigenem Gewebe oder auch Gesundheitsdaten teilnehmen. Damit liegt Deutschland ziemlich am Ende der Staaten Europas. Kein anderes Land auf dem Kontinent hat mehr Bedenken gegenüber Datenschutz und Vertraulichkeit bei Biobanken.

Mit komplettem Genprofil gibt es keine Anonymität

Wenn aber aus mehreren kleinen lokalen Sammlungen durch Vernetzung auf nationaler oder gar internationaler Ebene große Banken entstehen, ist Vertrauen ein entscheidendes Stichwort für den Erfolg von Forschungsprojekten. Ohne breite Bereitschaft von Patienten und Gesunden zum Mitmachen geht es nicht. Wer aber weiß, welche Nutzungsmöglichkeiten sich in einem oder mehreren Jahrzehnten ergeben? Wer bereit ist, sein komplettes Genprofil zu Forschungszwecken zur Verfügung zu stellen, der wird auch nach der Trennung von seinen Kontaktdaten leicht identifizierbar: Allein durch die einzigartige Kombination genetischer Merkmale. Das ist keine ferne Zukunftsmusik: Die FAZ zitiert Christoph von Kalle vom Nationalen Zentrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg: „In ein bis zwei Jahren sind wir soweit, die kompletten Genome von 500 Patienten im Jahr für unsere Therapieentscheidungen sequenzieren zu lassen.“

Tausche Gewebe gegen Ergebnisse

Wem gehört das Material und die zugehörige Information in lokalen, nationalen und internationalen Biobanken? Wer entscheidet, was damit jetzt und in einigen Jahren damit gemacht werden darf, wer profitiert von einem wirtschaftlichen Erfolg, der sich aus der Nutzung des Materials ergibt? Ein Artikel von Robert Mitchell und seine Kollegen aus dem nordamerikanischen North Carolina im Wissenschaftsmagazin „Science“ hat sich mit dieser Problematik befasst. Denn in den USA verliert der Spender jegliches Eigentumsrecht an seiner Probe, sobald sie nicht mehr mit einem Körper verbunden ist. Mitchell schlägt in seinem Kommentar die Modalitäten eines Geschäftsgeheimnisses für die Nutzung von Biobanken vor.

Der Spender taucht dabei sein Material und die darin enthaltende Information gegen das Recht ein, mögliche Risiken für sich selber jetzt und in Zukunft zu erfahren. Wie etwa ein Erfinder lizensiert er dabei den Forscher zur Nutzung des Materials, das er zur Verfügung stellt – mit oder ohne Einschränkung bei der Forschung und Ausbeutung seiner Spende. Eine finanzielle Kompensation für den Spender soll sich dabei aber nicht nach der Höhe eines wirtschaftlichen Ertrags bei der Nutzung der Biobank richten. Möglicherweise, so skizziert Mitchell sein „Trade-Secret“-Modell, könnten dann Einnahmen aus der Nutzungslizenz in einen Gesundheitsfond oder auch einfach zu Deckung der Unkosten dienen, um die Spender über Forschungsergebnisse mit ihren Proben zu unterrichten.

Deutscher Ethikrat: Fünf-Säulen-Modell

Nicht nur in den USA machen sich Experten Gedanken über das Verhältnis von Spender und Nutzer von Biobanken. Wenn sich der Geber nur als „Forschungsobjekt“ mit einer Nummer sieht, ist die Bereitschaft nicht allzu groß, entsprechende Initiativen zur Daten- und Gewebesammlung zu unterstützen. Auch der deutsche Ethikrat diskutiert schon seit einiger Zeit über das Thema. Herausgekommen ist dabei ein „Fünf-Säulen-Konzept“, das sich gar nicht so sehr vom Mitchell- Modell unterscheidet. Es beruht auf den Prinzipien:

  1. Etablierung eines Biobank-Geheimnisses: Darunter fällt die Vertraulichkeit von Informationen, auch gegenüber interessierten staatlichen Stellen, Versicherungen oder Arbeitgeber. Aufgrund der Informationen aus der Biobank darf nicht auf den Spender geschlossen werden.
  2. Festlegung der zulässigen Nutzung: Eingrenzung der möglichen Ausbeutung, Nutzungsdauer und entsprechende Information des Spenders. Je nach Willen des Spenders kann sein Material später aber auch noch jetzt noch nicht bekannten Forschungsprojekten dienen.
  3. Einbeziehung von Ethik-Kommissionen in das Anlegen und Betreiben einer Biobank.
  4. Qualitätssicherung beim Datenschutz: Das Prinzip verlangt eine frühe und zuverlässige Trennung von Kontaktdaten und Probe und entsprechende Zuständigkeiten.
  5. Transparenz der Ziele und Verfahrensweisen: Der Spender soll alle Vorgänge bei Sammlung und Nutzung seines Materials nachvollziehen können. Er kann seine Einwilligung jederzeit widerrufen.

NCT-Gewebebank: Erfolgreich auch ohne finanziellen Anreiz

Mit dem Aufbau eines öffentlich zugänglichen Biobanken-Registers wollen die Forscher das Vertrauen der Öffentlichkeit gewinnen. Vertrauen, das in der Vergangenheit möglicherweise verloren gegangen ist. Dass sich diese Transparenz auszahlt, zeigt die NCT-Gewebedatenbank mit mehr als einer halben Million Proben. Auch wenn die Zustimmung der Patienten zur Nutzung weder zeitlich noch projektabhängig ist, hat bisher erst ein Patient seine Zustimmung nachträglich zurückgezogen. Auch ohne finanziellen Gewinn haben die meisten Geber das Gefühl, zum Fortschritt in der Medizin beizutragen. Ein Fortschritt, von dem sie möglicherweise selber noch profitieren können. Übermäßige Bezahlung für die Spendebereitschaft würde dagegen Abhängigkeiten erzeugen oder verstärken. Gerade bei epidemiologischen Datensammlungen wäre eine neutrale Auswahl an Proben und deren Daten in Frage gestellt.

Ob ein Gesetz die Empfehlungen des Ethikrats festschreiben soll, dass ist umstritten. Viele Wissenschaftler und auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) plädieren dafür, den Betreibern nicht zu viel Bürokratie aufzuerlegen. Selbst der Ethikrat rät dazu, zeitlich begrenzte Sammlungen wie etwa im Rahmen einer Promotion, nicht mit sämtlichen Auflagen wie etwa einer aufwändigen Qualitätssicherung zu belasten.

Vollautomatisierte Lagerung

Bei großen Sammlungen ist jedoch „Qualität“ ein wichtiges Kriterium für ihren Nutzen. Wenn öffentliche Forschungseinrichtungen und Kliniken einen umfangreichen Vorschriftenkatalog beachten müssen und Kosten im Rahmen mehrerer Millionen entstehen , dann entsteht für private Anbieter ein interessanter Markt. Ein Spin-off Unternehmen des Fraunhofer-Instituts für Biomedizinische Technik könnte dabei den Weg in eine vollautomatisierte und doch sichere Biobanken-Zukunft weisen. Das bedeutet bei der Biokryo GmbH konkret: Eine geschlossene Kühlkette, bei der die Probe vom Einfrieren bis zum Auftauen nie wärmer als -140°C wird. Dazu ein kälteresistenter Chip in jedem Probengefäß, der Verwechslungen verhindert und eine automatische Entnahme ermöglicht.

Biobanken könnten schon bald zu Schatztruhen werden. Weißbekittelte Schatzsucher finden in ihnen möglicherweise die Schlüssel für bislang unbekannte Krankheitsauslöser und Heilmittel – mit Methoden, an die jetzt noch keiner denkt. Um aber entsprechende Goldstücke dort zu hinterlegen und keine falschen Fährten zu legen, brauchen wir das Vertrauen von jenen, die einen solchen Schatz zur Verfügung stellen und zuverlässige Hüter.

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1 Kommentar:

Was die “Weisbekittelten”finden könnten steht in den Sternen.Was wir finden könnten, ist mehr als wahrscheinlich: irgendeinen, hier so bescheiden titulierten “wirtschaftlichen Erfolg”. – man kann das auch anders sehen…
Georg Picht hat schon Ende der 60iger Jahre von einer “Balkanisierung der Wissenschaften” gesprochen.Sit venia verbo, oder?

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