Diabetes: Migrationskinder häufiger zuckerkrank

28. Mai 2013
Teilen

Eine Studie zum Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen zeigt, dass junge Menschen mit Migrationshintergrund auffallend stark betroffen sind. Auch gibt es Hinweise auf familiäre Veranlagung und geschlechtsspezifische Unterschiede bei Krankheitsverlauf und Begleiterkrankungen.

Laut einer neuen Studie der Universität Ulm, die im Fachjournal Pediatric Diabetes veröffentlicht wurde, sind Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund von Diabetes Typ II besonders häufig betroffen. Ihr Anteil an erfassten Erkrankten war mit 40 Prozent mehr als doppelt so hoch wie der Anteil an der Gesamtbevölkerung. Insbesondere Kinder türkischer, osteuropäischer und russischer Abstammung litten überdurchschnittlich häufig daran. „Unser Ergebnis deckt sich auch mit Vergleichsstudien aus anderen Ländern. So sind es in den USA vor allem ethnische Minderheiten wie Indigene, Afroamerikaner, Lateinamerikaner und Asiaten, die an dieser übergewichtsbedingten Form der Insulinresistenz erkranken“, erläutert Dr. Wendy Awa, die als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Epidemiologie und medizinische Biometrie an der Universität Ulm diese Studie verfasst hat. „Hier spielen wohl vor allem auch sozioökonomische Gründe eine Rolle“, vermutet die Wissenschaftlerin.

Die promovierte Humanbiologin hat die demografischen, biometrischen, klinischen, immunologischen und genetischen Daten von insgesamt 107 jungen Typ II-Diabetes-Patienten in Deutschland und Österreich auf statistische Zusammenhänge hin analysiert. Grundlage der deskriptiven Untersuchung war die sogenannte Diabetes-Patienten-Verlaufsdokumentation (DPV), deren Herzstück die Ulmer Kinder-Diabetes-Biobank (paedBMB) ist, für die im Deutschen Biobanken-Register ein neues Projektportal eröffnet wurde. Dort lagern neben den Patientendaten über 2.000 Blut- und Serumproben aus rund 150 pädiatrischen Diabetes-Einrichtungen. Hinzugezogen wurde auch die sogenannte Adipositas Verlaufsdokumentation (APV), in der die medizinischen Daten von fettsüchtigen Kindern mit stark steigendem Blutzuckerspiegel erfasst waren.

Famililäre Veranlagung

„Mit dieser Biobank haben wir ein hervorragendes Instrument, um Hinweise auf signifikante Zusammenhänge als Grundlage für weitere Forschungen zu suchen“, so der Koordinator der Ulmer Kinder-Diabetes-Biobank und Leiter der Studie, Professor Reinhard Holl, ebenfalls vom Institut für Epidemiologie und medizinische Biometrie der Universität Ulm. „Gleichwohl die Krankheit auch hierzulande in den letzten Jahren immer häufiger diagnostiziert wird, sind wir von einer Epidemie, wie sie in den Medien gerne ausgemalt wird, noch weit entfernt“, meint der Kinderdiabetologe. Holl weiter: „Brisant hingegen ist, dass Typ II-Diabetes häufig einhergeht mit dem sogenannten metabolischen Syndrom, einem wesentlichen Risikofaktor für koronare Herzerkrankungen, der folgende Faktoren umfasst: Adipositas, Bluthochdruck, krankhaft veränderte Blutfettwerte und Insulinresistenz.

Eine gesundheitlich bedenkliche Verknüpfung dieser Krankheitsbilder zeigte sich vor allem bei den jungen männlichen Patienten. Anders als die Mädchen – die bezogen auf die untersuchte Gesamtheit der Patienten zwar die Mehrzahl der Diabetes-Typ II-Erkrankten stellten – litten die Jungen besonders häufig noch an Begleitkrankheiten wie Bluthochdruck oder krankhaft veränderten Blutfettwerten und mussten dementsprechend medikamentös behandelt werden. Weitaus weniger überraschend war die festgestellte Tatsache, dass ein Großteil der jungen Diabetes-Typ II-Patienten stark übergewichtig oder sogar adipös war. So gilt gerade die Fettsucht als eine der Hauptursachen für die Entstehung von so genanntem Altersdiabetes bei Kindern. „Ursächlich dafür ist nicht nur ein falsches Ernährungs- und Bewegungsverhalten“, erklärt Awa. Die studierte Biologin und Public-Health-Expertin weiter: „Die Ergebnisse der Studien weisen zudem auf eine familiäre Veranlagung hin, wobei uns insbesondere eine gewisse Vorprägung durch die Mutter auffiel.“ So waren deutlich mehr Mütter als Väter von adipösen Kindern ebenfalls stark übergewichtig oder adipös, und bei über 80 Prozent der Eltern beziehungsweise Großeltern war ebenfalls Diabetes festgestellt worden.

In den Griff bekommen

Bei der Betrachtung autoimmunologischer Aspekte anhand von Diabetes-Antikörpern stellte sich heraus, dass mehrere Patienten Diabetes-Mischformen hatten. So waren Patienten aufgrund ihres starken Übergewichts als Typ II klassifiziert worden und wiesen dabei gleichwohl das Autoimmunprofil eines Typ I-Diabetikers auf. „Unsere Biobank kann also auch dabei helfen, die Diagnose zu präzisieren“, meint Holl. Für den Patienten macht dies einen großen Unterschied. „Für viele Typ II-Patienten gibt es Hoffnung, die Krankheit mit gesünderer Ernährung und mehr Bewegung in den Griff zu kriegen. Typ I-Patienten brauchen dagegen lebenslänglich Insulin“, sagt Dr. Wendy Awa.

Originalpublikation:

HLA-typing, clinical, and immunological characterization of youth with type 2 diabetes mellitus phenotype from the German/Austrian DPV database
Wendy L. Awa et al.; Pediatric Diabetes, doi: 10.1111/pedi.12043; 2013

20 Wertungen (3.85 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

3 Kommentare:

Ärztin

Ja, ich könnte das widerlegen. Auf diesem Gebiet recherchiere ich schon lange intensiv. Allerdings spielt ihr Einwand auch eine Rolle. Die Essgewohnheiten der Migranten passen nicht zum “dolce vita” unserer Gesellschaft hier. Dafür sind deren Ernährungsgewohnheiten zu fett und zu süß, diese sind nämlich auf harte körperliche Arbeit ausgerichtet. Die Mammas zudem kommen nicht vor die Tür. Sport und Bewegung finden nicht statt.”Unsere” Migranten kommen häufig, nicht immer, auch in ihren Heimatländern aus Schichten mit niedrigem Bildungsniveau. Einfache Berufe mit harter körperlicher Arbeit wären in ihren Heimatländern die Regel. Ernährungsgewohnheiten und entsprchende Stoffwechselvoraussetzungen führen dort dazu, dass diese Menschen unter diesen Bedingungen nicht verhungern müssen. Hier lebt man dann von Harz IV und kann sich Baclava leisten.
Nein, natürlich braucht man keine DNA-Analyse um die “Erblast”-zu sehen, höchstens um sie zu beweisen. Aber mit Kochtopfdeckel-Heben alleine ist es auch nicht getan.
Der richtige Weg ist sicher die Ernährung umzustellen bzw den hiesigen Bedingungen anzupassen UND sich adäquat, den körperlichen Voraussetzungen entsprechend (meist wahrscheinlich Kraftausdauer in großem Umfang) zu bewegen.
Ich denke an dieser Stelle sind wir wieder konform.

#3 |
  0

Ganz ehrlich: koennten Sie widerlegen, wenn ich sagen Wuerde: Sie haben Unrecht! Und Die Studie hat Recht, Aber Die falsche erklaerung! DENN: Kinder von Migranten haben ueberdurchscjnittlich oft Muetter, Die Hausfrauen sind, wenig Familieneinkommen, reduzierte Bildungschancen, Und Die Mutter als Koechin Und versorgerin, Die sich verpflichtet fuehlt, so manch schwierige Zeit mit suessen fettigen wohlschmeckenden lastern vergessen zu machen! So Wuerde ich mal wieder frech sagen. Man braucht Keine DNA Analyse um Die Erb- last zu sehen. heb einfach den kochtopfdeckel Und schau hinein, dort siehst du es genauso. Nur:an letzterem laesst sich was aendern!

#2 |
  0
Ärztin

– Die Ergebnisse der Studien weisen zudem auf eine familiäre Veranlagung hin, wobei uns insbesondere eine gewisse Vorprägung durch die Mutter auffiel. – Und ich ergänze : was typisch für mitochondriale Störungen und/oder auf alternative Prioritäten bei mitochondrialen Stoffwechselvorgängen ist. Mitochondrien werden via Eizelle von der Mutter an ihre Kinder weiter gegeben. Spermien dagegen tragen keine Mitochondrien mit sich. Im Sinne einer genetischen Auslese sowie epigenetischer Anpassung an Lebensumstände
wundert es darüber hinaus nicht, dass die Neigung zu Diabetes etnische Hintergründe hat. Diese Menschen haben bis zu ihrer Ankunft in “unserem” Umfeld viele Generationen unter Lebensumständen mit schlechter(er) Nahrungsmittelversorgung bzw durchschnittlich wesentlich mehr körperlicher Arbeit gelebt. Ihr Organismus ist schlichtweg an ein “Leben im Überfluss” weder genetisch, noch epigenetisch noch mitochondrial nicht angepasst und dekompensiert unter den hiesgen Ernährungs- und Arbeitsbedingungen.
– Bei der Betrachtung autoimmunologischer Aspekte anhand von Diabetes-Antikörpern stellte sich heraus, dass mehrere Patienten Diabetes-Mischformen hatten.-
Dieser Umstand erklärt mühelos, weshalb Übergewicht, Diabetes Typ I sowie Diabetes Typ II sowie Begleiterkrankungen inkonsistent nebeneinander Auftreten. Diese Erkenntnisse sind jedoch nicht neu. Schon in älteren Studien wurde belegt , dass ganze Volksstämme von Naturvölkern nachdem sie “zivilisiert” wurden unter DM Typ II litten nachdem sie die Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten ihrer Missionare übernomen hatten. Erst nachdem diese Menschen ein extremes Bewegungsprogramm (Laufen mind 20 km täglich) verordnet bekommen hatten normalisierten sich die Blutzuckerwerte wieder.
Man kann jetzt nur noch hoffen, dass genetische Datenbanken endlich dazu verwendet werden für Betroffene die idealen Ernährungs- und Bewegungsbedingungen zu erstellen- hin zur individualisierten Medizin und nicht zur weiteren Stigmatisierung übergewichtiger und Diabetiker. Der Diabetes Typ ist nicht Übergewicht-bedingt, sondern es besteht hierbei lediglich häufig, aber nicht regelmäßig eine Korrelation. Die meisten Übergewichtigen (ca 70-80%) sind keine Diabetiker und. Es besteht, unabhängig vom Gewicht aber eine deutliche Korrelation zwischen Nicht-alkohol-bedingter Fettleber und Diabetes mellitus, was auf eine mitochondriale Störung hindeutet und einen kausalen Zusammenhang nahelegt.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: