Hirnwachstum: Mehr Stauraum für Intelligenz

19. Februar 2016
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Nach dem sogenannten Flynn-Effekt steigt der Intelligenzquotient in unterschiedlichen Bevölkerungen konstant an. Hierzulande liegt der IQ-Anstieg pro Jahrzehnt bei 0,2 Punkten bei Männern und 0,15 Punkten bei Frauen. Eine Erklärung hierfür ist das Wachstum des Gehirns.

Die Größe des Gehirns ist bei Menschen in Deutschland und Großbritannien im vergangenen Jahrhundert gewachsen. Damit einher ging ein Anstieg des Intelligenzquotienten. Diesen Zusammenhang haben Wissenschaftler unter der Leitung von Michael A. Woodley of Menie, nun erstmals nachgewiesen.

Der Flynn-Effekt

Die Psychologen stützen ihre Aussagen auf die Sekundär-Analyse von zwei Datensätzen, die mehrere Studien repräsentieren und Hinweise geben auf eine langfristige Steigerung der Gehirnmasse in Großbritannien und Deutschland. In Großbritannien zeigen sich für einen Zeitraum von 80 Jahren folgende Zahlen: Bei Männern stieg die Masse des Gehirns um 52 Gramm, bei Frauen um 23 Gramm an. In Deutschland lag der Anstieg innerhalb von 99 Jahren bei Männern bei 73,16 Gramm, bei Frauen bei 52,27 Gramm. Hieraus haben die Forscher um Woodley of Menie nach einer Methode des US-amerikanischen Psychologen Arthur R. Jensen berechnet, wie hoch der Anstieg des IQ ist, der sich durch das Wachstum des Gehirns begründet: Bei den Männern in Großbritannien liegt der so ermittelte Anstieg bei 0,19 Punkte pro Jahrzehnt, bei den Frauen sind es 0,08 Punkte. In Deutschland zeigt sich ein Anstieg des IQ pro Jahrzehnt von 0,2 Punkten bei Männern und 0,15 bei Frauen.

Diese Zahlen haben die Wissenschaftler wiederum ins Verhältnis gesetzt zu den Prognosen des Flynn-Effekts. „Einer der Co-Autoren unserer Veröffentlichung ist Prof. Dr. James Flynn, der als einer der ersten nachgewiesen hat, dass der Intelligenzquotient in unterschiedlichen Bevölkerungen mit der Zeit konstant ansteigt. Dieser IQ-Anstieg wird in Anerkennung seiner Entdeckung als Flynn-Effekt bezeichnet“, erklärt Woodley of Menie. Der Flynn-Effekt beschreibt, dass der Intelligenzquotient in westlichen Staaten seit Beginn des 20. Jahrhunderts stetig um durchschnittlich drei Punkte pro Jahrzehnt gestiegen ist. Die aktuelle Studie zeigt nun, dass ein Teil des Flynn-Effektes durch das Wachstum des Gehirns erklärt werden kann. In Großbritannien, wo der Gesamtanstieg des IQ Untersuchungen zufolge von 1932 bis 2008 bei 1,1 Punkte pro Dekade lag, beziffert sich der Beitrag des Anstiegs der Gehirnmasse auf fast 13 Prozent. In Deutschland, wo für den Zeitraum von 1956 bis 2008 ein Gesamtanstieg um 6,1 IQ-Punkte nachgewiesen wurde, beträgt der Anteil rund drei Prozent.

Originalpublikation:

It’s getting bigger all the time: Estimating the Flynn effect from secular brain mass increases in Britain and Germany
Michael A. Woodley of Menie et al.; ScienceDirect, doi: 10.1016/j.lindif.2015.11.004; 2016

22 Wertungen (4.05 ø)

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12 Kommentare:

Dipl.-Biol. Sonja Thedens
Dipl.-Biol. Sonja Thedens

Größere Menschen (meist Männer) wären demnach intelligenter als kleinere Menschen (meist Frauen). Im 19. Jahrhundert gab es diese Theorie, die wir jetzt besser nicht wieder aufleben lassen sollten. Ich empfehle die Lektüre von “The Mismeasure of Man” von Stephen J. Gould.

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Dr. phil. Heike Goebel
Dr. phil. Heike Goebel

Quantität war noch nie ein Indiz für Qualität!

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Dipl.Ing. Winfried Duven
Dipl.Ing. Winfried Duven

Ich wäre doch sehr überrascht, wenn IQ und Hirnmasse abhängig korrelieren würde. Und dann noch Länderspezifisch…
Dass die Menschen in den Industriestaaten größer werden und dabei wahrscheinlich auch Gehirnmasse mitwächst, mag ja sein. Auch, dass aufgrund der gestiegenen externen Anforderungen der in Maßen trainierbare IQ wächst leuchtet ein. Es leuchtet mir aber partout nicht ein, dass Hirnmasse und IQ in irgendeiner Weise ins Verhältnis gesetzt werden können. Wieviel Prozent unseres Hirns nutzen wir denn? Es soll ja Leute geben, die aus pathologischen Gründen deutlich weniger als 50% der üblichen Hirnmasse besitzen und dabei trotzdem ganz normale Hirnleistungen abliefern.

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Gast
Gast

#4 Herr Hoffmann
Vom Gehirnbesitzer zum Gehirnbenutzer kann es mitunter ein langer Weg sein.

#9 |
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Gast
Gast

Leider nützt dem Menschen ein höherer IQ nicht, solange die emotionale Intelligenz, die zwischenmenschliche Empathie verkümmert bei uns Menschen und weiter sinkt, Menschen meinen sich weiterhin bekriegen zu müssen – im Krieg ist schlußendlich niemand der Gewinner – es gibt auf beiden Seiten nur erzeugtes Leid und Gegenangriff, Rache und diese Erkenntnis war auch leider vor 100 Jahren mit angeblich weniger IQ nicht anders…

#8 |
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Gast
Gast

Und schon sind wir auch wieder beim EQ, dem Quotienten, der teilw. für das Leben als wichtiger erachtet sind und…… der Vermutung, daß dieser mit dem IQ korreliert. Die bedrückende Entwicklung im emotionalen Bereich ( etwa Empathie, Sensibilität, Alexithymie, stattdessen Überdrehtheit ) könnte dafür sprechen..

#7 |
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der

#6 |
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Ein Spruch meiner Mutter, wenn ich mal wieder “ich hab halt gedacht” als Ausrede gebrauchte: “Überlass das Denken den Pferden, die haben einen größeren Kopf!” Mehr lässt sich zu dem gebotenen Schwachsinn von DocCheck mit dem besten Willen nicht sagen, außer dass es eine Schande ist, dass für so was Unsummen an Forschungsgeldern ausgegeben werden. Gelder, die anderweitig dringend benötigt würden!

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Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann
Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann

Jaaa,
endlich der Beweis, daß Frauen dümmer sein MÜSSEN als Männer!
Diese Differenz von 0,05 /Jahrzehnt muß man ja auf ca. 100.000 Jahre Gehirnentwicklung hochrechnen…

#4 |
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Dipl. Psychologe Rainer Keller
Dipl. Psychologe Rainer Keller

Auf welcher Basis werden denn hier Äpfel mit Birnen gleichgesetzt. Um solche Vergleiche zu machen, müssten alle (!!) Probanden den gleichen IQ-Test unter gleichen Bedingungen gemacht haben. Und bei all’ den Abweichungen, die schon ein einzelnes Testverfahren hat, erscheint ein Vergleich von vielen verschiedenen über Dekaden hinweg schon als mehr als gewagt, um nicht zu sagen: das ist hanebüchen. Aber die Veröffentlichungswut – gepaart mit der Geltungssucht – treibt ja so manche Blüte, wie man schon in jüngerer Zeit beobachten konnte….

#3 |
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Gast
Gast

Die Abweichungen bei der Bestimmung des IQ liegen bei bis zu 15 Punkten. Und dann einen Anstieg von bis zu 3 Punkten pro Dekade feststellen zu können: Hut ab und Platz für größeres Gehirn.

Dass allgemein die Menschen größer geworden sind und dabei auch das Gehirn gewachsen ist und damit schwerer wird: ebenfalls große Erkenntnis.

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Betrifft das nur Erwachsene? Oder wird einem das als Anlage gleich mit in die Wiege gelegt? Interessant wäre dann, ob der Schädel mitwächst. Irgendwo muss die zusätzliche “Nutzlast” ja untergebracht werden.
Dann stellt sich die nächste Frage: wie sieht es mit dem Geburtskanal aus? Bisher gilt der doch als limitierender Faktor für die Schädelgröße. Sectio ist ja keine Alternative, da das Immunsystem die “Kontamination” mit mütterlichen Keimen benötigt.
Den IQ mit der Größe bzw. der Masse des Gehirns in Beziehung zu setzen, erscheint mir gewagt. Der Neandertaler soll mehr Volumen in seinem Schädel gehabt haben als der moderne Mensch, was diesen jedoch nicht davon abhalten konnte, ihn auszurotten.

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