Samenleiterventil: Knips statt Knirps

1. März 2016
Teilen

Seit Jahrzehnten versuchen Wissenschaftler, Möglichkeiten der Verhütung beim Mann zu entwickeln. Pharmakologisch haben sie ihr Ziel noch nicht erreicht. Jetzt sorgt ein Medizinprodukt für Schlagzeilen: die Samenleiter-Verhütung per Wippschalter.

Kondome sind und bleiben das einzige steuerbare Verhütungsmittel in männlicher Hand. Seit Einführung von Latexvarianten im Jahr 1870 kam es zu keinen weiteren Innovationen. Alternativ bleibt, sich vom Arzt sterilisieren zu lassen: eine nicht immer revidierbare Entscheidung. Hormonelle Strategien führten bislang nicht zum Erfolg. Jetzt fasst Maria Roth, Seattle, den Stand der Forschung in einem Übersichtsartikel zusammen.

Möglich, aber wenig praktikabel

Eine „Pille für den Mann“, um die Spermatogenese zu beeinflussen, liege theoretisch im Bereich des Möglichen, so Roth. „Sein“ Hypothalamus setzt das Gonadotropin-releasing Hormon (GnRH) frei. Es stimuliert die Ausschüttung weiterer Faktoren, nämlich des luteinstimulierenden Hormons (LH) und des follikelstimulierenden Hormons (FSH) aus der Hypophyse. LH führt zur Bildung und Freisetzung von Testosteron, das zusammen mit FSH die Spermatogenese ankurbelt. Hohe Testosteronmengen hemmen über Regelkreise die Synthese von LH beziehungsweise FSH – und damit auch die Bildung weiterer Spermien. Soviel zur Theorie. In der Praxis führten 200 Milligramm Testosteron-Enantat intramuskulär bei zwei Drittel aller Männer zu Spermienkonzentrationen von weniger als einer Million pro Milliliter. Um Nonresponder zu identifizieren, mussten Ärzte regelmäßig das Ejakulat untersuchen. Im besten Fall erzielten sie bei der jeweiligen Partnerin Schwangerschaftswahrscheinlichkeiten von einem Prozent im Jahr. Moderne orale Kontrazeptiva für Frauen kommen auf deutlich bessere Werte.

Neue Ansätze für ein altes Problem

Dass es zu keiner „Pille für ihn“ auf Testosteronbasis kam, hat noch weitere Gründe. In der Praxis war die Testosteronkonzentration im Serum doppelt so hoch, verglichen mit physiologischen Werten. Langfristig drohen Akne, Haarverlust, aber vor allem Hypogonadismus, wie vom Anabolika-Missbrauch bekannt. Regelmäßig erforderliche Injektionen erhöhen die Adhärenz auch nicht unbedingt. Durch die zusätzliche Gabe von Gestagen-Derivaten wie Etonogestrel ließ sich die Testosteronmenge zwar verringern. Auch kam es schneller zur Oligozoospermie. Nebenwirkungen blieben trotzdem nicht aus. Weitere Studien befassten sich mit Testosteron plus Nestoron als Gel oder mit dem synthetischen Androgen Dimethandrolon-Undecanoat. Dass zehn bis 15 Prozent aller Männer auf pharmakologische Strategien zur Unterdrückung der Spermatogenese nicht reagieren, bleibt ein ungelöstes Problem.

Transport gestoppt

Sabatino Ventura, Forscher am Monash Institute of Pharmaceutical Sciences in Melbourne, verfolgt deshalb einen ganz anderen Weg. Er sucht nach Hemmstoffen, um den Transport von Spermien via Ductus deferens zu stoppen. Muskelzellen kontrahieren aufgrund von Impulsen des sympathischen Nervensystems, um Spermien in die Harnröhre zu befördern. An der Steuerung sind zwei Rezeptoren beteiligt. Der bereits zugelassene Arzneistoff Tamsulosin hemmt alpha-1A-adrenerge Bindungsstellen und führt bei 35 Prozent aller Männer zu „trockenen“ Ejakulationen. Ventura schaltete im Tierexperiment zusätzlich den P2X1-Purinrezeptor aus. Da er keinen Arzneistoff zur Verfügung hatte, arbeitete er mit Knockout-Mäusen, denen beide Rezeptoren fehlten. Die Nager waren steril, zeigten aber keine sonstigen Auffälligkeiten. Jetzt sind Pharmazeuten und Chemiker gefragt, um Inhibitoren des P2X1-Rezeptors herzustellen und zu testen. Das kann dauern.

Schalt mich ein, schalt mich aus

Umso überraschender ist die Idee von Clemens Bimek, einem Tischler. Sein Samenleiterventil (SLV) besteht aus einem Wippschalter im wörtlichen Sinne, der chirurgisch in die Samenleiter eingebracht wird. Mit den Fingern ertasten Männer das Ventil im Hodensack. Zum Öffnen drücken sie den Schalter in Richtung Oberkörper, also in die Richtung, in der auch Spermien fließen sollen. Dadurch wird die entsprechende Fläche des Schalters im Ventilkörper versenkt. Gleichzeitig muss ein Sicherungsstift an der Unterseite des Ventils gedrückt werden. Zum Schließen drückt man den Wippschalter in Richtung Hoden, sodass die hodenseitige Fläche im Ventil versenkt ist. „Der Mann ist steril, kann das Bimek SLV lebenslang tragen und mit einem Klick selbst regulieren“, schreibt Bimek.

Mit seiner rein technischen, hormonfreien Lösung konnte er 2014 einen Investor gewinnen. Er rechnet bis 2018 mit der Marktreife. Momentan läuft ein Zulassungsverfahren, wobei der Entwickler betont, ganz auf Tierversuche zu verzichten. Für eine klinische Studie hat er mehr als 2.000 interessierte Männer gefunden. Die Leitung soll Professor Dr. Dr. Hartwig-Wilhelm Bauer aus München übernehmen. Bleibt zu hoffen, dass er mehr Erfolg haben wird als Forscher mit pharmakologischen Ansätzen.

Originalpublikation:

Male hormonal contraception: looking back and moving forward
M. Y. Roth et al.; Andrology, doi: 10.1111/andr.12110; 2016

96 Wertungen (4.36 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

21 Kommentare:

Urologe
Urologe

das “vom Körper abgebaut” löst die Autoimmunerkrankung aus.

#21 |
  0
Bimek SLV
Bimek SLV

@Urologe
Es wird keinen Spermastau geben, da in geschlossenem Ventilzustand die vom Nebenhoden kommenden Sperma durch spezielle Öffnungen im Ventil abfließen können in den Hodensack, wo sie vom Körper abgebaut werden.

#20 |
  0
Urologe
Urologe

Verehrter @Bimek SLV, wieso kommen Sie auf die optimistische Idee,
dass dieser Fremdkörper bei heftiger Bewegung nicht zu Verletzungen führt,
siehe #8, #9 und #10 und dass das der Samenleiter überlebt, der ja kein Spermium durchlassen soll.
Die Sache mit der Autoimmunstörung, wenn 100.000 Spermien oder mehr vom eigenen Organismus wieder aufgelöst werden müssen, ist auch ernst gemeint.
Leider ist das mit der Vasektomie ein (internationales) Politikum zur Bevölkerungskontrolle (kleiner ambulanter Eingriff in LA), deshalb wird das gerne totgeschwiegen.
Ich habe selbst schon eine schwere Immunpankreatitis erlebt, die letztlich in einer totalen Pankreatektomie endete.

#19 |
  0
Bimek SLV
Bimek SLV

@Dauergast
Auf die Samenleiter werden Ventilanschlussstücke angebracht, die eine durchgehende Öffnung haben, die durch Stutzen, Flansch und Röhrchen führt und den Fluss der Spermien gewährleistet. Darauf werden die Ventilkappen mittels Spezialwerkzeug angebracht. Die Ventilkappenhälften rasten ineinander ein. Des Weiteren sind in den Hälften Mikronadeln eingearbeitet. Sie sind so angeordnet, dass sie beim Zusammendrücken der Ventilkappenhälften die muskulösen Wandungen des Samenleiters tangential durchstechen und in eingearbeitete Löcher auf der gegenüberliegenden Ventilkappenhälfte einstechen, ohne dabei auf der anderen Seite auszutreten. Dies sorgt für eine sichere Verbindung des Samenleiterventils mit dem Samenleiter, ohne die Blutversorgung des Samenleiters durch eine Abbindung oder sonstigen Naht einzuschränken oder zu gefährden. An diese Anschlüsse werden die Ventile angebracht.
Selbstverständlich wird erst die klinische Studie beweisen, wie zuverlässig das Bimek SLV funktioniert, deshalb wird sie ja durchgeführt. Allerdings möchten wir drauf hinweisen, dass das Gerät auf der Basis des aktuellen Stands der Forschung entwickelt wurde. Naturwissenschaftliche Bildung kann daher vorausgesetzt werden. Grüße DB

#18 |
  0
Dauergast
Dauergast

Natürlich ist diese Idee genial!
(*Ironie aus*)

Ich weiss ja nicht, wie dieser Schalter funtkionieren soll. Wird der dazwischen “geflanscht” oder aufgesetzt? Bei beiden Varianten wird der Spermientransport doch unweigerlich dauerhaft gestört. Dass die Idee von einem offensichtlich nicht naturwissenschaftlich gebildeten Menschen kam, ist sehr verständlich.

(*Ironie an*)
Ist doch weithin bekannt, dass menschliches Gewebe dauerhaften unphysiologischen Druck problem- und vor allem folgenlos aushält!
(*Ironie aus*)

#17 |
  0
Bimek SLV
Bimek SLV

Hallo. Interessante Diskussion hier. Wir stehen selbstverständlich für Fragen aller Art zur Verfügung.

@Dejan Danilovic. Ihre Unterstellung müssen wir zurückweisen. Clemens Bimek beschäftigt sich seit Jahren wissenschaftlich mit dem Thema und kann inzwischen als medizinischer Exerte auf seinem Gebiet gelten. Selbstverständlich sind die von Ihnen erwähnten Verfahren bekannt, haben allerdings alle den Nachteil, dass erneute Eingriffe notwendig sind, wenn die Schöieung des Samenleiters veranasst wurde. Das ist mit dem Bimek SLV nicht der Fall.
Nebenwirkungen schließen wir aus zwei Gründen aus: seit Jahrzehnten in der Implantationschirurgie verwendete Materialien, sowie abfließendes Sperma bei geschlossenem Ventil.

@Apreck
Ja, wie bei einer Vasektomie werden sich dem Schließen des Ventils noch 3-6 Monate lang Spermien im Ejakulat befinden. Das kommunizieren wir auch durchgängig. Um ganz sicher zu gehen, empfehlen wir ein Spermatogram bei Ihrem Urologen zu veranlassen.

@kayser
Nein :-) Das Ventil soll komplett analog bleiben. Aktuell ist sogar ein MRT damit möglich.

@Gast
Nein, zufälliges Anschalten ist nicht möglich, da ein Sicherhungsstift integriert ist, der beim Umlegen des Schalters gedrückt werden muss.

Mit freundlichen Grüßen
Dirk Baranek

Kommunikationsagentur:
Baranek & Renger GmbH für Bimek SLV

[Kommentar wurde von der Redaktion aufgrund werblicher Bestandteile eingekürzt.]

#16 |
  1
Gast
Gast

@Inside: Bestimmt – das tut der Artikel von Herrn Heuvel ja auch. Und die Kommentare von anderen als “naiv” zu bezeichnen hat dann aber auch nicht viel mit sachlich zu tun….

#15 |
  0
Insider
Insider

@Dr. rer. nat. Jürgen Boxberger
…nach den vorliegenden Infos soll bisher nur eine klinische Studie erfolgen.
Ein Verkauf ist daher noch garnicht möglich.

Trotzdem lohnt sich eine sachliche Betrachtung aus medizinischer Sicht.

#14 |
  2
Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent

Hilfe – laute Ventile und Schalter im Skrotum.. ein Glück, dass es kein Klatschschalter ist.. An Bedienbarkeit muss sicher noch gefeilt werden..

#13 |
  0

@ Insider

Das ist doch nicht etwa eine Verkaufsfördernde Maßnahme?

#12 |
  0
Insider
Insider

[Kommentar wurde von der Redaktion entfernt.]

#11 |
  3
Urologe
Urologe

Vasektomie hat nicht ganz ungefährliche immunogische Nebenwirkung.
Das wird bei dem Schalter nicht viel anders sein.
Ein Fremdkörper, der sich permanent im Organismus bewegt und mit dem ethischen Blödsinn ohne Tierversuche, sehr modern.
Wenns um Sex geht, wird regelmäßig der Verstand abgeschaltet.

#10 |
  0
Gast
Gast

wahrscheinlich wird es dann beim sex permanent ein- und ausgeschaltet.

#9 |
  0
Gast
Gast

so ein Quatsch.
Das stört erheblich gerade bei der Tätigkeit, weswegen man es implantiert.

#8 |
  0
Gast Wolf
Gast Wolf

Nun ist’s nicht mehr von Noeten! Wir mussten noch mit dem “Coitus interruptus” argumentieren. Ich wuerde auf jeden Fall ein 14-stelliges Passwort vor den Schalter setzen. [Kommentar wurde von Redaktion gekürzt.]

#7 |
  0
Nichtmedizinische Berufe

Herr Bimek und sein Investor haben von Medizin keine Ahnung. Sonst wüssten sie um die altbekannten Probleme, siehe VasClip (vom Markt verschwunden), RISUG/Vasalgel (Markteinführung verzögert sich), Silikonstöpsel (intra-vas device), Ausschäumen (MPU, MSR). Auch das Postvasektomie-(Schmerz)syndrom (PVS) gibt Hinweise auf Nebenwirkungen.

#6 |
  0
Helmut Apreck
Helmut Apreck

Hats doch schon gegeben … und hat sich nicht bewährt. Außerdem,was ist mit den Spermien in den Samenblasen ? Wie kontrolliert man, dass da keine mehr rumschwimmen ?

#5 |
  1
Dr. med. Dorothea Allemann
Dr. med. Dorothea Allemann

Meines Erachtens hatte Prof. Politano-Ledbetter vor 40 Jahren schon einmal einen solchen Schalter entwickelt, den man magnetisch bedienen konnte.
Mit frreundlichen Grüßen
Dr. Dorothea Allemann
FÄ für Urologie

#4 |
  0

Könnte man das Ventil nicht besser per Smartphone-App ein- und ausschalten? Dann zwickt´s nicht so…

#3 |
  0
Stephanie Svoboda
Stephanie Svoboda

@ Conny Lipp: die Bedienung des “Eileiterwippventils” könnte jedoch schwierig sein… Was schlagen Sie vor? Laparoskopisch??
Für den Mann aber ein durchaus interessanter Ansatz! Bleibt abzuwarten, ob es jemals zur Marktreife kommt… Auch, ob die Bedienung wirklich so einfach und nebenwirkungsfrei funktioniert.

#2 |
  0
( Altenpflegerin ) Conny Lipp
( Altenpflegerin ) Conny Lipp

Sehr gut! Warum wird das nicht auch für die Frau möglich gemacht? Licht freue mich besonders, dass ein Handwerker diese gnadenlos fantastische Idee hatte! Ein Eileiter – Wippventil für die Frau? Das wäre so klasse! Dann brauchts Kondome nur noch gegen Geschlechtskrankheiten!

#1 |
  11
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: