Patientendaten: Kassen auf Beutezug

16. Februar 2016
Teilen

Fitnessarmbänder, Smart Watches oder intelligente Blutzuckermessgeräte sind bei Kunden beliebter denn je. Viele Tools erweisen sich als hungrige Datenkraken, und GKVen werfen ihre Netze aus. Jetzt zieht Heiko Maas die Notbremse.

Hightech am Handgelenk: Einer repräsentativen Umfrage von Bitkom Research zufolge nutzen momentan 31 Prozent aller Deutschen Fitnesstracker. Besonders beliebt sind Fitnessarmbänder (18 Prozent aller Nennungen), gefolgt von Smartphones (13 Prozent) oder Smartwatches (sechs Prozent). User erfassen unterschiedliche Vitalparameter, etwa die Körpertemperatur (99 Prozent aller Nennungen), das Körpergewicht (75 Prozent), die Schrittzahl (62 Prozent) sowie die zurückgelegte Strecke (57 Prozent). Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder spricht von Potenzialen im Präventionsbereich. 75 Prozent aller Gesunden und 93 Prozent aller chronisch Kranken wären generell bereit, Vitalwerte an Ärzte zu übertragen. Soweit zur Theorie. In der Praxis gibt es nach wie vor Schwachstellen.

Aus den Augen – im Web

Jetzt hat die Stiftung Warentest Gadgets unter ihre kritische Lupe genommen. Ihr Fazit: Nur zwei von zwölf Fitnessarmbändern erwiesen sich als gut. Um beispielsweise Trainingspläne anzulegen oder den eigenen Schlaf zu analysieren, benötigen User neben dem Armband selbst eine App. Bits und Bytes landen zur Analyse in der Cloud. „Beim Schutz der Daten fällt Fitbit negativ auf: Wenn der Nutzer Freunde einlädt, überträgt die App für Geräte mit Android-Betriebssystem sämtliche E-Mail-Adressen – ohne ihn zu informieren“, schreiben die Tester.

Das ist aber nur eine Seite der Wahrheit. Übernehmen Health Professionals Vitalparameter direkt aus Patientengeräten, gelangt mit dem Import womöglich Schadsoftware in die eigene IT. Nachdem Android und Windows schon oft zum Ziel von Hackerangriffen wurden, nahmen in den letzten Monaten Angriffe auf iOS zu. Im schlimmsten Fall spioniert Schadsoftware Patientendaten aus oder zerstört wichtige Daten. Deshalb fordert Bernhard Rohleder: „Bei der Verarbeitung der besonders sensiblen Gesundheitsdaten müssen die höchsten Standards für Datenschutz und technische Sicherheit der Geräte eingehalten werden.“

Kurzfristige finanzielle Vorteile

Neben kriminellen Machenschaften führen legale Wege ebenfalls an die begehrten Daten. Eine wachsende Zahl privater Krankenversicherungen hat Apps entwickelt, um Versicherten gesunde Verhaltensweisen zu vergolden. Generali will noch im ersten Halbjahr 2016 das Paket „Vitality“ anbieten. Im Produktportfolio heißt es: „Zu Beginn ermitteln Kunden ihre persönlichen Gesundheits- und Fitnessniveaus. Sie setzen ihre persönlichen Ziele fest, die sie im Laufe des Programms erreichen wollen.“ Je nach Erfolg oder Misserfolg winken Rabatte beziehungsweise Gutscheine in unterschiedlicher Höhe. Solche Offerten sind für junge, gesunde Versicherte nur allzu verlockend. „Allen Anwendern, die Fitness-Apps freiwillig herunterladen, rate ich, nicht unbedacht mit ihren sensiblen Gesundheitsdaten umzugehen und die kurzfristigen finanziellen Vorteile, welche die Datenoffenbarung vielleicht mit sich bringt, gegen die langfristigen Gefahren abzuwägen“, sagt Andrea Voßhoff, Bundesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit.

Vom Gesetzgeber fordert sie, privat versicherte Patienten besser zu schützen. „Die Mitglieder gesetzlicher Kassen sind durch Gesetz vor der unbedachten Preisgabe sensibler Daten und den damit verbundenen unabsehbaren Folgen geschützt.“ Begehrlichkeiten gibt es trotzdem. Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkassen, ist zwar „strikt dagegen, Tarife mit gesundheitsbewusstem Verhalten zu verknüpfen“. Er kann sich aber vorstellen, für Mitglieder Vitalparameter-Daten zu managen. Seine Idee: Elektronische Patientenakten enthalten nicht nur medizinische Informationen, sondern Daten, die beispielsweise von Fitnesstrackern erhoben wurden. Für ihn ist die nächste Revolution, Bits und Bytes zusammenzuführen.

„Gesundheitsdaten Teil der Privatsphäre“

Ob Versicherte hier aufspringen, sei dahingestellt. Eine Befragung des Markt- und Meinungsforschungsunternehmens YouGov hat gezeigt, dass Konsumenten nicht nur Angst vor falschen Messwerten (32 Prozent) oder sinnlosen Gesundheitsratschlägen (31 Prozent) haben. Rund 39 Prozent machten sich Sorgen über ihre Daten, während 28 Prozent hier keine Schwierigkeiten sahen. 32 Prozent sagten, persönliche Gesundheitsdaten gingen Dritte nichts an, und 49 Prozent wollten selbst bestimmen, wer welche Informationen bekommt.

„Die Studie zeigt: Fitness- und Gesundheitsdaten sind Teil der Privatsphäre“, so Verbraucherschutzminister Heiko Maas (SPD). Niemand sollte gezwungen werden, seine Fitness überwachen zu lassen. Maas weiter: „Das bedeutet zum Beispiel, dass man bei Krankenversicherungen keine Nachteile haben darf, weil man seine Gesundheitsdaten nicht zur Verfügung stellt.“ Er fordert einen besonderen Schutz für Gesundheitsdaten und will prüfen, ob Einschränkungen auf Grundlage der neuen EU-Datenschutzgrundverordnung möglich sind.

19 Wertungen (4.74 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

5 Kommentare:

Gast
Gast

Fuer Diabetiker sind solche Apps sehr praktisch, aber ich musste sehr lang suchen bis ich eine fand, die mir eine vernünftige Tagebuchfuehrung ermöglicht ohne dass ich ein Konto auf deren Server anlegen muss und deren Hunger nach Berechtigungen übersichtlich war. Dennoch bleibt ein Restrisiko. Die Mehrzahl meiner Mitpatienten nutzt unkritisch jede Art von Apps. Die Krankenkassen reden um den heissen Brei herum wenn man nachfragt warum man für ihre Diabetesapp eigentlich mit Versicherungsnummer einloggen muss. Angeblich nutzen sie die Daten garnicht sondern wollen nur sicher stellen dass ihre wertvolle App nicht etwa von Nichtmitgliedern… hahahahaha… wers glaubt wird seelig. Wie blöd kann man sein seine Werte direkt an die Krankenkasse zu übertragen? Aber dann jammern wenn irgendwas nicht bewilligt wird. Neeeeein das hat mit der App nix zu tun. .. *ironie off* Das Bewusstsein fuer Datenschutz ist leider generell viel zu schwach ausgeprägt. Was soll denn passieren, höre ich. Aber wenn dann mal tatsächlich einer die Daten nutzt wird geheult und das bei fb geteilt. Ich erinnere mich an den Aufschrei als die Hundesteuerstelle eine Dame anschrieb, die in einer lokalen Gruppe Bilder von ihrem Hund gezeigt hatte obwohl sie keinen angemeldet hatte. War ein riesiges Entsetzen, hat aber leider niemanden sensibilisiert darauf zu achten was er offensichtlich teilt (und da der Hund auf den Freund angemeldet war nicht mal die Dame nehme ich an). Mit Gesundheitsdaten ist es noch schlimmer weil es da dann auch ans Verzichten geht. Beispielsweise die neue Innovation: das Libre. Tolle Sache und wirklich hilfreich, jederzeit seine Werte scannen zu können. Aber das geht nur mit App. Und die ist hungrig nach Berechtigungen und Daten und auch da läuft soweit ich weiß nichts ohne ein Benutzerkonto. Im Moment fällt der Verzicht noch leicht, da die Kosten von den meisten Kassen nicht getragen werden. Aber immer mehr Geräte werden so gebaut dass man garnicht mehr umhin kommt Daten preis zu geben, egal wie vorsichtig man ist. Und selbst wenn. .. es findet sich sicher im eigenen Umfeld jemand der das nicht so genau nimmt. Wenn ich im Appstore immer die Apps für Pflegekraefte und auch Ärzte sehe…Patientenmanagement und so…dann kann man nur hoffen dass die eigenen Pflegekraefte genug Grips haben die nicht zu verwenden. Aber so funktioniert es eben. Es gibt genug Freiwillige, die alles preisgegeben und für den Rest irgendwann Nachteile. Und es hilft nicht mal zuverlässig, die eigenen Daten zurück zu halten, denn irgendein Dummer findet sich immer. Selbst Oma Meiers Telefonnummer liegt doch schon auf Googleservern obwohl die nicht mal Internet hat. Aber ihr Enkel hat ein Smartphone. ..

#5 |
  0
Alfonso
Alfonso

Maas “fordert einen besonderen Schutz für Gesundheitsdaten und will prüfen, ob Einschränkungen auf Grundlage der neuen EU-Datenschutzgrundverordnung möglich sind”.
Dabei ist es doch Maas, der die Datenschutzgrundverordnung verwässert.

#4 |
  0
Ärztin

Diese zunehmende und zunehmend freiwillige Selbstentmündigung und -entblößung ist schon erstaunlich.
Wenn ich bedenke, dass wir vor 30 Jahren noch gegen die Volkszählung protestiert haben…

#3 |
  0
Mitarbeiter Industrie

Ich halte es für unglaubwürdig dass “31 Prozent aller Deutschen” Fitnesstracker benutzen – vielleicht derer, die regelmäßig Fitness betreiben.. Reines Marketing nach dem Motto, wenn so viele es benutzen, dann brauch ich das auch. Wenn sich solche Dinge weiter verbreiten, brauchen wir keinerlei Datenschutz etc. mehr, denn es ist das Ende selbst noch der persönlichsten Privatsphäre. Diejenigen KVen, welche Zugriff auf solche Daten nehmen möchten sind die wahren Demokratie- und Verfassungsfeinde.
Die Bemerkung, keiner dürfe Nachteile erleiden, wenn er solches ablehnt ist zwar nett gemeint, aber meilenweit von der Realität entfernt – dann gilt eben der teure “Normaltarif” für diese und die andern, die Ihre Daten preisgeben, erhalten “Boni”. Die Versicherungswirtschaft hat schon immer Wege und Mittel gefunden – und die Politik handelt immer im Sinne von Wirtschaft und Industrie.

#2 |
  0
Heilpraktiker

Armband-Zwang an US-Uni:

“Bewegung macht 20 Prozent der Note aus”: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/us-universitaet-studenten-muessen-fitness-armband-tragen-a-1075206.html

Die Frage ist: wollen wir das bei uns auch?

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: