Feminisierung: jünger, schöner, besser?

29. Juni 2011
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Ein Blick in die Hörsäle verrät es: die Medizin wird weiblich. Über die Hälfte aller Studienanfänger sind Frauen, und auch in der Lehre sind sie auf dem Vormarsch. Welche Konsequenzen bringt dieser Wandel für die Zukunft? Sind Frauen vielleicht sogar die besseren Profs?

War der Arztberuf bis in die 1990er Jahre noch männlich dominiert, findet seit einigen Jahren ein deutlicher Umschwung statt. Immer mehr junge Frauen entschließen sich zu einem Medizinstudium und stellen heute sogar weit über die Hälfte aller Studienanfänger. Dieser Trend lässt sich zwar auch bei den Absolventen beobachten, auf höheren Hierarchieebenen sind hingegen immer noch überwiegend Männer anzutreffen.

Mit jeder Stufe auf der Karriereleiter wird der Frauenanteil geringer, bis er im wissenschaftlichen Bereich – also in Habilitation und Professur – gerade mal 5% erreicht. Vor dem Hintergrund des allgegenwärtigen Ärztemangels sind solche Zahlen natürlich alles andere als akzeptabel. Um an dieser Stelle nachhaltige Zukunftsarbeit zu leisten, haben immer mehr Universitätskliniken wie auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DGF) Initiativen ins Leben gerufen, die Frauen in Forschung und Lehre fördern sollen. Dass viele dieser Programme schon Wirkung zeigen, macht sich heute schon im Studienalltag bemerkbar. Weibliche Dozenten sind beispielsweise an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) keine Seltenheit und geben Vorlesungen und Seminaren ihre ganz eigene – weibliche – Note.

Wandel macht auch vor Lehrstühlen keinen Halt

Dabei scheinen die meist ausgesprochen dynamischen und engagierten Wissenschaftlerinnen zumindest ein typisch weibliches Klischee zu bestätigen: ihre ausgeprägte soziale Ader. Um hierfür ein paar Beispiele anzubringen, möchte ich einmal aus meiner allernächsten Quelle schöpfen, meinen eigenen Erfahrungen als Medizinstudentin.

Schon im klassischen Anatomie-Kurs hatte ich eine Professorin im Präpariersaal. Während Kommilitonen regelmäßig über die rabiaten Testate ihres Dozenten “der alten Schule” klagten, hielt meine Professorin wenig von Stress-Testaten und setzte dagegen auf eher kollegiale Gruppen-Gespräche am Präpariertisch. Zudem suchte sie regelmäßig das Gespräch mit Studenten, die beispielsweise Lernschwierigkeiten hatten oder sich mit Fragen zum Studium an sie wandten. Was die Unterrichtsformen und didaktischen Gestaltungsmittel betrifft, setzten besonders die Dozentinnen auf Gruppendiskussionen, Kleingruppenarbeit und kreative Unterrichtsformen wie u.a. das Erstellen und Präsentieren von Plakaten. Im krassen Gegensatz dazu gibt es in der männlichen Fraktion immer noch viele klassische Professoren mit weltfremden Blick und übergroßer Wertschätzung des strikten Frontalunterrichts. Wie erfrischend war da doch ein Hygiene-Seminar, in dem uns die Dozentin wertvolle Tipps für die Prüfung gab und bei langen Nachmittagen zur Motivation sogar Schokoriegel (!!!) verteilte.

Die Mutter in der Klinik

In Zeiten unbesetzter Stellen und regelmäßiger Überstunden nimmt der Frauenanteil genau in jenen Bereichen ab, in denen vor lauter (Büro-)Arbeit für soziales Engagement in der Patientenbetreuung kein Spielraum mehr bleibt. Kein Wunder, denn das fließbandartige Abarbeiten von Entlassungsbriefen und Konsilen lässt sich wohl kaum als befriedigende und erfüllende Tätigkeit bezeichnen. Zudem scheint in einigen Disziplinen die Pflege eines Privat- oder Familienlebens schier unmöglich. Dieser Knackpunkt wird nach und nach immer mehr Arbeitgebern bewusst und so gibt es heute kaum eine Uniklinik, die für ihre Mitarbeiter keine Kinderbetreuung anbietet. So wurde beispielsweise die MHH kürzlich als besonders familienfreundlich ausgezeichnet und bietet zudem spezifische Förderprogramme für Frauen in der Wissenschaft an.

Obgleich solche Initiativen sicher schon einige Frauen dazu motivieren konnten, nach der Approbation am Ball zu bleiben, ist weiträumiges Umdenken dringend erforderlich. Denn nur, wenn dieser aktuelle Trend der Feminisierung endlich nicht mehr von vielen männlichen Kollegen als Bedrohung beäugt wird, könnten Ärztinnen zukünftig auch auf deutschen Lehrstühlen ihre kreativen und sozialen Energien voll entfalten.

Fazit

Der Frauenanteil in der Medizin nimmt stetig zu und auch in der Lehre haben Frauen ihren Platz gefunden. Obgleich ihr Anteil in der Wissenschaft noch höher sein könnte, bringen sie mit neuen Unterrichtsformen frischen Wind an deutsche Unis. Um diese engagierte Fraktion weiter zu stärken, sind innovative Projekte zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein wichtiger Schritt für die Zukunft.

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4 Kommentare:

Student der Humanmedizin

“und bei langen Nachmittagen (gab es) zur Motivation sogar Schokoriegel”. Was das mit frischem Wind und innovativen Unterrichtsmethoden zu tun habe soll, soll mir bitte nochmal jmd. erklären…

#4 |
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Udo Janus
Udo Janus

Der vorliegende Artikel von Frau Simon zeigt meines Erachtens sehr deutlich die Bevorzugung des weiblichen Geschlechts in unserer Gesellschaft. Als Begründung für explizite Frauenförderung wird eine angebliche Benachteiligung angenommen, die mit (durch die feministische Brille betrachteter) Statistik ¿belegt¿ wird. Der mit jeder Hierarchiestufe sinkende Frauenanteil lässt sich schlicht dadurch erklären, dass eine Karriereleiter von unten nach oben durchlaufen wird, d. h. Chefärzte sind i. d. R. älter als Oberärzte, diese wiederum älter als Assistenzärzte. Wenn heute mehr Frauen als Männer Medizin studieren, ist die Ebene der Assistenzärzte selbstverständlich weiblich dominiert. Je weiter man in die Vergangenheit zurückblickt (Wann haben Oberärzte ihr Studium abgeschlossen? Wann haben Chefärzte ihr Studium abgeschlossen?) desto geringer war der Anteil der Studentinnen an allen Medizinstudenten, so dass sich mit etwas Nachdenken der geringere Frauenanteil in höheren Hierarchiestufen ganz ohne Benachteiligung erklärt.

Die Schwarz-Weiß-Malerei mit Frauen als kreative, sozial kompetente Gutmenschen und mit Männern als weltfremde Grobiane “der alten Schule” trägt ebenso wenig dazu bei, Fronten aufzuweichen, wie die angestrebte Benachteilung der jetzigen männlichen Absolventen bei der Besetzung von Karrierepositionen.

#3 |
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Marei Borsch
Marei Borsch

Es ist sehr angenehm, endlich mal einen positiven Artikel zu diesem Thema zu lesen. Bei uns in der Tiermedizin ist der Frauenanteil glaube ich noch höher als in der Humanmedizin und ständig hört man, wie schlecht das für den Berufszweig angeblich ist. Vor Allem ist man sich einig, dass es unzumutbar ist, wie viele Frauen schwanger werden und in Elternzeit gehen oder vom Arbeitsmarkt verschwinden. Manche Frauen werben in Stellengesuchen damit, dass sie ihre Familienplanung schon abgeschlossen haben. Es ist ein Unding, dass Frauen immer noch die Hauptverantwortung für die Familie tragen und ihnen das sogar zum Vorwurf gemacht wird. Wenn es selbstverständlich wäre, dass Männer auch beruflich zurückstecken um Kinder zu haben, bräuchte man sich nicht über die Feminisierung zu beschweren. Außerdem gäbe es dann sicherlich auch mehr Frauen in der Forschung und mehr Professorinnen. Von den männlichen Professoren an unserer Fakultät in München haben fast alle eine Familie und Kinder. Bei den Professorinnen dagegen ist es nur eine!

#2 |
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Top Artikel, nur das Wort Feminisierung würde ich in diesem Zusammenhang vermeiden. Es ist in meinen Augen durch seine Nutzung in der Medizin (immer streng pathologisch – testikuläre Feminisierung), negativ vorbelastet.

#1 |
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