Gender Dentistry: Adam beisst Eva

31. Mai 2013
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Frauen sind anders – Männer auch: Karies, Parodontitis und Krebserkrankungen der Mundhöhle treten bei ihr und ihm verschieden häufig auf. Dafür wird das vermeintlich „starke Geschlecht“ bei Vorsorgeuntersuchungen schnell schwach.

Gendermedizin ist in vielen Fachrichtungen längst zum Thema geworden. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen gibt es Unterschiede hinsichtlich der Risikofaktoren, Symptome, Diagnostik und Therapie. Auch wirken Arzneistoffe je nach Geschlecht verschieden. Die Zahnmedizin hat ebenfalls erkannt, wie wichtig es ist, zwischen Patientinnen und Patienten zu differenzieren. DocCheck sprach dazu mit Privatdozentin Dr. Dr. Christiane Gleissner, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für geschlechterspezifische Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGGZ)

„Das Geschlecht in Studien stärker berücksichtigen“

Ihren Ursprung hat die DGGZ im „Dentista-Club“, dem Verband der Zahnärztinnen, genommen. „Um Inhalte fachlich neutral und fundiert zu präsentieren, braucht es aber eine Fachgesellschaft“, sagt Gleissner. „Unser Ziel ist, parallel zur Medizin entsprechende Themen in der Zahnmedizin zu fördern.“ Es folgten Präsentationen auf dem Deutschen Zahnärztetag, bei EuroPerio (European Federation of Periodontology) – und für die nächsten Jahre gibt es ebenfalls schon Einladungen zu Fachsymposien. Kooperationen bestehen mit der Medizinischen Hochschule Hannover und mit der Deutschen Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin. An der Charité läuft noch ein wissenschaftliches Pilotprojekt. Ziel ist, die medizinische und zahnmedizinische Literatur auf relevante Fragestellungen zu durchforsten und eine Datenbank aufzubauen. „Das Geschlecht findet in wissenschaftlichen Studien noch zu wenig Bedeutung“, resümiert Gleissner. „Beispielsweise wurden große Untersuchungen in der Parodontologie an amerikanischen Veteranen durchgeführt.“

Prophylaxe – nein, danke

Dies kann schnell zu einem Bias führen. Bereits im Jahr 2006 brachte die vierte deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS IV) signifikante Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu Tage. Männer haben mehr Plaque als Frauen und damit auch ein größeres Risiko, an Parodontitis und an Zahnhalsdefekten zu erkranken. Nicht selten stecken Defizite bei der Mundhygiene und bei der Prophylaxe dahinter. So zeigte der Barmer-GEK-Zahnreport 2012, dass Männer zwischen 20 und 60 weitaus seltener zum Zahnarzt gehen als Frauen. Besonders extrem sind die Unterschiede in jungen Jahren: Rund 73 Prozent aller 30- bis 34-jährigen Patientinnen nehmen mindestens einen Termin pro Jahr in Anspruch, verglichen mit mageren 58 Prozent aller Patienten. Eine repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD) lieferte ähnliche Resultate: Drei Viertel aller Frauen, aber nur etwas mehr als die Hälfte aller Männer pflegen ihr Bonusheft.

Zahn um Zahn

Umso erstaunlicher ist, dass Patientinnen generell stärker von Karies betroffen sind und früher ihre Zähne verlieren. Gleissner: „Statistisch gesehen haben schon 20-jährige Frauen einen Zahn weniger als gleichaltrige Männer.“ Zwischen 65 und 74 trägt nur jeder fünfte Mann ein Gebiss, aber jede vierte Frau. Professor Dr. Peter Meisel, Greifswald, überprüfte mit Daten der „Study of Health in Pomerania“ mehrere Hypothesen. Iatrogene Zahnverluste durch häufigere Konsultationen konnte er schnell ausschließen – regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen verbessern den Zahnbestand generell. Aus epidemiologischer Sicht spielen Kinder eine zentrale Rolle. „Grob gerechnet war pro Geburt ein Zahn weniger vorhanden“, so Gleissner. Hier kommen nicht nur hormonelle Umstellungen zum Tragen. Werdende Mütter lassen möglicherweise aus Angst vor negativen Folgen für den Embryo Parodontitiden nicht sofort behandeln. „Das könnte langfristig zu mehr Extraktionen führen.“ Meisel berichtet außerdem von sozioökonomischen Einflussfaktoren: Niedrige Bildung und ein geringes Einkommen sind statistisch gesehen Risikofaktoren für beide Geschlechter.

Wechseljahre: Schlechte Karten für gute Zähne

Nach der Menopause wird Osteoporose zum beherrschenden Thema. Bei dieser Krankheit nimmt auch der Kieferknochen Schaden. Aus wissenschaftlicher Sicht besteht ein Zusammenhang zwischen Markern für den Knochenstoffwechsel und Hormonersatztherapien. Patientinnen, die entsprechend behandelt wurden, hatten im Schnitt mehr Zähne als die Vergleichsgruppe. „Da man heute aus gutem Grund die Hormonersatztherapie sehr kritisch sieht, muss man darauf achten, dass Frauen nach der Menopause eine besonders gründliche Vorsorge benötigen“, fordert die Kollegin. Hormonelle Umstellungen in den Wechseljahren begünstigen die Entstehung entzündlicher Parodontalerkrankungen und verstärken eine bereits bestehende Gingivitis. Schon bei leichten Berührungen blutet das Zahnfleisch – Betroffene reinigen empfindliche Stellen deutlich seltener. Das wiederum fördert die Bildung von Zahnbelägen und den Übergang einer Gingivitis in eine Parodontitis. Entsprechende Patientinnen profitieren deshalb von professionellen Zahnreinigungen.

Bei Männern treten Parodontalerkrankungen altersunabhängig häufiger auf als bei Frauen. Jenseits der 50 kommt Wurzelkaries noch mit hinzu. „Möglicherweise brauchen sie eine andere Ansprache, um Mundpflege und Prophylaxe ernst zu nehmen“, gibt Gleissner zu bedenken. Harlan J. Shiau und Mark A. Reynolds, Baltimore, untersuchten auch hormonelle Einflüsse und Unterschiede im Immunsystem. Frauen haben mehr protektive Immunglobuline, während männliche Sexualhormone eine Entzündung eher befeuern. Christiane Gleissner folgert aus der Studie, wie wichtig es sei, Themen rund um Therapie und Prävention geschlechtsspezifisch anzugehen. „Unterschiede lassen sich schon bei prähistorischen und mittelalterlichen Schädeln aus osteologischen Sammlungen finden“, berichtet die Zahnärztin. „Lebensstil-assoziierte Faktoren können wir in diesen Fällen ausschließen.“

Riskante Schleimhaut

Damit nicht genug: Männer haben auch ein höheres Risiko, an Krebs der Mundhöhle und des Rachens zu erkranken (3,5 Prozent) als Frauen (1,5 Prozent). Ganz offensichtlich spielen Alkohol und Tabakrauch eine zentrale Rolle. Orale Leukoplakien treten bei Herren zwischen 35 und 44 Jahren doppelt so häufig auf wie bei Frauen, und zwar 2,3 versus 0,9 Prozent. Betrachtet man die Altersgruppe von 65 bis 74 Jahren, ist die Prävalenz gleich – nämlich 1,0 Prozent. Das Fazit: Patientinnen laufen laut der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund– und Kieferheilkunde eher Gefahr, dass es zur malignen Transformation von Präkanzerosen kommt.

Besser forschen – gezielter behandeln

Mittlerweile ist klar, dass Gender-Aspekte bei etlichen Krankheitsbildern der Zahnmedizin eine Rolle spielen. „Mein Wunsch an die Wissenschaft wäre, das Geschlecht in allen Studien zu berücksichtigen, damit man patientenzentrierte Daten erhält“, sagt Gleissner. „Für die Umsetzung müssen wir uns außerdem fragen, wie wir alle Patienten erreichen.“ Mädchen und Jungen bis 18 nehmen das Individualprophylaxe-Programm gleichermaßen gut an, während junge Männer erst einmal abtauchen. „Stellt sich die Frage, ob wir richtig motivieren oder eine differenziertere Ansprache brauchen?“ Eine Möglichkeit: Laien wissen oft nicht, dass Mundgesundheit und allgemeines Wohlbefinden Hand in Hand gehen.

94 Wertungen (3.91 ø)

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4 Kommentare:

Das es geschlechterspezifische Unterschiede in den Ursachen und der Behandlung
von Erkrankungen und auch in der Prophylaxe gibt,ist bekannt,auch das Medikamente anders wirken können!
Wenn ich aber etwas über die Gender Experimente lese und Fragen über das “Klonen
der Seele” beantworten muß,sind meine Interessen hinsichtlich der “Gender Medizin”
eher weniger geworden.

#4 |
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Ärztin

Iatrogene Zahnverluste konnten bei den Frauen ausgeschlossen werden?? Diese Aussage finde ich mehr als gewagt-fragen Sie doch mal einen Ganzheitszahnmediziner…….
Die meisten Zähne gehen durch Metallzahnfüllungen verloren(vor allem auch, aber nicht nur durch Amalgam) aber auch durch Plastikfüllungen oder giftige Kleber wird der Zahn zerstört-und der gesamte Organismus angegriffen. Die Mundflora wird durch Metalle gestört, das Zahnfleischbluten hört nach Metallentfernung meist auch sofort auf.

#3 |
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Es ist wohl bekannt, dass es in bestimmten Bereichen geschlechtsspezifische Unterschiede gibt.
Nur hat das mit der Genderideologie natürlich nichts zu tun.
Im medizinischen Bereich sollte es ausnahmslos um das Wohl der Patienten gehen – die Genderideologie dagegen ist eine marxistische Ideologie zur Spaltung der Bevölkerung zwecks besserer Unterdrückung und ökonomischer Verwertbarkeit.

#2 |
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Dr. Martin Kauer
Dr. Martin Kauer

Ich dachte ich sei “gut” informiert … und jetzt muss ich lesen, dass ich bisher nicht wusste, dass es eine “DGGZ” gibt. So eine Schmach!
Ich habe zwischen 1985 – 1990 studiert. Wenn ich mich recht erinnere gab es “damals” bereits geschlechterspezifische Medizinstatistik allenthalben und sogar schon vor dieser Zeit! Wie hat man das “damals” nur gemacht, ohne jeglichen Gendermainstream im Hintergrund?

#1 |
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