FASD trocken reicht nicht

26. Februar 2016
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Um fetale Alkoholspektrumstörungen (FASD) zu vermeiden, reicht es nicht aus, ab der ärztlich nachgewiesenen Gravidität Hochprozentiges zu vermeiden. Wissenschaftler des CDC raten sogar Frauen, die schwanger werden könnten, auf ethanolhaltige Getränke zu verzichten.

Ethanol führt beim Embryo oder Fetus – abhängig von der Dauer und der Konzentration sowie vom Zeitpunkt – zu unterschiedlichen Schäden. „Jedes Jahr kommen in Deutschland etwa 2.000 Kinder mit dem Vollbild einer fetalen Alkoholspektrumstörung (FASD) zur Welt“, so Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Wer nur an Abweichungen bei Gewicht oder Größe, an kleine Augen, ein glattes Philtrum und an eine schmale Oberlippe denkt, täuscht sich gewaltig. „Weitaus mehr Neugeborene leiden unter Teilstörungen und Beeinträchtigungen, die durch den Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft verursacht wurden“, so Mortler.

Spitze des Eisbergs

Eine Veröffentlichung aus den Vereinigten Staaten zeigt das wahre Ausmaß. Philip A. May, Wissenschaftler an der University of North Carolina, Chapel Hill, hat Daten von Einschulungsunterlagen ausgewertet. Um fetale Alkoholspektrumstörungen zu erkennen, arbeitete er mit den IOM diagnostic guidelines for FASD. Im Mittelpunkt standen Größe, Aussehen, kognitive Assessments, aber auch Gespräche mit Müttern. Demnach kommen in den USA sechs bis neun von 1.000 Kindern mit einem FASD auf die Welt. Ein partielles fetales Alkoholsyndrom (PAFS) fand May bei elf bis 17 von 1.000 Schülern. In die umfassendste Kategorie, sprich fetale Alkoholspektrumstörungen, fielen 3,6 Prozent aller Kleinen. Seine Betrachtung ist möglicherweise nur die Spitze des Eisbergs.

Hunderte Symptome

Svetlana Popova vom Centre for Addiction and Mental Health, Toronto, gab sich mit dem Kenntnisstand nicht zufrieden [Paywall]. Für eine Metaanalyse nahm sie 5.068 Arbeiten unter die Lupe. Lediglich 127 Studien erfüllten alle Kriterien hinsichtlich ihrer methodischen Qualität. Dabei ging es um den Vergleich gesunder Kinder mit kleinen FASD-Patienten. Sie fand 183 verschiedene Krankheitssymptome beziehungsweise phänotypische Ausprägungen. Dazu gehören Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu Aufmerksamkeitsdefiziten oder Hyperaktivität. Seh- und Hörstörungen kamen als weitere Auffälligkeiten mit hinzu. Oft diagnostizierten erst Augenärzte oder HNO-Ärzte ein FASD, schreibt Popova. Beim FASD fand sie sogar 428 Komorbiditäten. Ihre Publikation könnte dazu beitragen, dass Ärzte fetale Alkoholspektrumstörungen rascher erkennen und langfristige Folgen vermeiden – vor allem hinsichtlich möglicher Benachteiligungen im Beruf und im Privatleben.

Verantwortungslos gehandelt

Soweit muss es gar nicht kommen, wenn Frauen während ihrer Schwangerschaft Alkohol komplett meiden. Die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) gehen jetzt noch einen großen Schritt weiter. Sie raten bereits Frauen, die nicht verhüten, aber Geschlechtsverkehr haben, auf ethanolhaltige Getränke zu verzichten. Zum Hintergrund: Das National Survey of Family Growth (NSFG) hatte 5.601 Frauen als repräsentative Stichprobe der US-Bevölkerung befragt. Etwa 7,3 Prozent hatten ungeschützten vaginalen Sex ohne Kontrazeption, konsumierten jedoch Alkohol. Ihre Aussagen galten für einen vierwöchigen Zeitraum. Anne Schuchat, stellvertretende Direktorin des CDC, extrapoliert, dass in ganz Amerika 3,3 Millionen Frauen „verantwortungslos handelten, indem sie FASD riskierten“. Älteren Daten ihrer Institution zufolge sei jede zweite Schwangerschaft nicht geplant. Viele Frauen, so Schuchat, würden ihre Gravidität erst Wochen später bemerken und in dieser Zeit weiter ethanolhaltige Getränke konsumieren – mit den allseits bekannten Folgen. „Jede Frau, die schwanger ist oder schwanger werden möchte, wünscht sich zusammen mit dem Partner ein gesundes Baby. Aber ihnen könnte nicht bewusst sein, dass Alkohol in jedem Stadium der Schwangerschaft eine Reihe von Behinderungen beim Kind verursachen kann“, ergänzt Coleen Boyle, Direktorin des CDC National Center on Birth Defects and Developmental Disabilities. Zahlen aus Deutschland zeigen, dass Präventionskampagnen noch lange nicht am Ziel angelangt sind.

Kein Gläschen in Ehren

Trotz allseits bekannter Risiken bereits kleiner Mengen Alkohol für ungeborene Kinder hält fast jeder fünfte Deutsche ein gelegentliches Gläschen Bier oder Sekt auch während der Schwangerschaft für akzeptabel, fand das Institut für neue soziale Antworten (INSA) heraus. Marktforscher hatten 2.000 Personen ab 18 Jahren zu ihrer Einstellung befragt. 72 Prozent lehnten ethanolhaltige Getränke während der Schwangerschaft ab, während 18 Prozent keine Bedenken hatten. Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede je nach Alter. In der Gruppe zwischen 18 und 24 hielten lediglich vier Prozent der Befragten kleine Mengen Alkohol für vertretbar. Bei den über 55-Jährigen waren es 23 Prozent. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) lässt trotzdem nicht locker. Zusammen mit dem Berufsverband der Frauenärzte, der Gesellschaft für psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe sowie dem Deutschen Hebammenverband haben Experten neue Module entwickelt. Das Paket „Bewusst verzichten: Alkoholfrei in der Schwangerschaft“ gibt Fachkräften konkrete Hilfestellungen für Beratungssituationen an die Hand.

84 Wertungen (4.35 ø)

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9 Kommentare:

Apotheker

Den Menschen (also denen, die die körperliche Schwerarbeit in unserer Gesellschaft leisten) geht es so schlecht wie schon lange nicht mehr. Arbeitsarmut, Altersarmut und Kinderarmut sind so hoch wie schon lange nicht mehr. Die sind froh, wenn sie irgendwie über den Tag kommen. Da ist es völlig realitätsfremd einfach Abstinenz zu verlangen. Erst recht ohne eine sachdienliche Anleitung.

Ihre Aufgabe als Mediziner ist es den Menschen zu helfen und nicht sie zu verurteilen. Das hilft niemandem.

#9 |
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Entschuldigung: Habe mich bei der Ziffer vertan. Mein vorhergehender Kommentar bezug sich auch Beitrag #4.

#8 |
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@2: Sehr geehrter Herr Prof. Helmbold, auch wenn ich Ihre Skepsis gegenüber Statistisken teile,wird mir die Intension Ihres Kommentares nicht klar. Es geht hier um die Gesundheit von Neugeborenen mit lebenslanger Nachhaltigkeit. Selbst wenn das Schadensrisiko geringer sein sollte, als in dem ARtikel dargestellt, ist das Risiko gegeben. Da ist es doch nicht zuviel verlangt, von Frauen, die auf Verhütung verzichten, selbiges auch mit dem Alkohol zu tun. Jedes einzelne geschädigte Kind ist eines zuviel und dass Abstinez dem Fötus nicht schadet ist wohl unstrittig. Lieber ein vielleicht nur kleines Risiko ernst nehmen als ein großes unterschätzen.

Das Positive: Die Gebährfähigen im Alter zwischen 18 u. 24 sind offensichtlich vernünftiger als die Postmenopausalen Ü55erinnen.

#7 |
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InTho
InTho

Ich habe ein alkoholgeschädigtes Pflegekind. Mütter die in der Schwangerschaft trinken, wissen nicht was sie ihrem Kind antun.
Schwerbehindert ein Leben lang.

#6 |
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Gast
Gast

Ich kann Frau Becker nur zustimmen. Bei nachgewiesener Schwangerschaft wird schon seit Jahren vom Alkoholkonsum abgeraten (von den meisten Ärzten zumindest). Aber wie sieht es bei Kinderwunsch aus? Bei der Empfehlung Folsäure einzunehmen und den Impfpass nochmal auf Aktualität zu prüfen hört die Schwangerschafts-vor-Vorsorge meistens auch schon auf. Ich denke den Alkoholkonsum bereits vor nachgewiesener Schwangerschaft einzuschränken oder besser zu unterlassen wäre nicht zuviel verlangt und das kann man einer zukünftigen Schwangeren durchaus raten.

Selbst wenn, wie Herr Prof. Helmbold schreibt, die statistische Aussagekraft von Frau Popovas Metaanalyse zweifelhaft sein sollte: wer ist bereit das Risiko einzugehen?

(Zugegeben: ich bin da durchaus voreingenommen, denn der Schaden der der Gesellschaft und dem Gesundheitssystem durch leichtfertigen Umgang mit Alkohol entsteht sprengt meiner Ansicht seit Langem die Grenzen des Erträglichen: FASD, Verkehrsunfälle, vermeidbare Rettungsdienst- und Notarzteinsätze sowie belegte Intensivbetten, Schlägereien und sonstige Straftaten, psychische, physische, soziale und finanzielle Folgeschäden…)

#5 |
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Prof. Dr. med. Peter Helmbold
Prof. Dr. med. Peter Helmbold

Befall…
Frau Popova, die selbsternannte Bewerterin der wissenschaftlichen Güte aller anderen, schließt Studien mit gegenteiligen Ergebnissen konsequent aus.
Frau Popova sichtet die Spitze des Eisbergs: Eigentlich werden alle ärztlichen Diagnosen durch FASD verursacht, zumindest alle 428 Diagnosen, die die Ärzte kennen, welche Frau Popova glauben.
Eisberg-Vergleich II: In Wirklichkeit leiden 78,3 % der Amerikaner an FASD, da beim Eisberg immer 73,5% unter Wasser sind, daruter alle Präsidenten.
Nachdem andere Autoren pressewirksam zeigten, dass 27% der Bevölkerung an Zigaretten, 31% an Alkohol, 25% an Krebs, 32% an Bewegungsmangel, 13% an psychischen Problemen, 0,3% an Überdosis, 15,7% an Krankenhauskeimen, 8% an Diabetes, 38% an Hochdruck, 17% an Schlaganfall, 0,3% an plötzlichem Kindstod, 8% an Unfällen und 29% an Cholesterin sterben (in Summe sterben damit Jahr für Jahr 278% der Sterbenden), zeigt uns Frau Popova den nächsten statistischen Unsinn.
Hier wurden jeweils die Maximalwerte der Vertrauensbereiche der Odds-ratios pressewirksam vermarktet … ist ja auch interessanter als die langweilige Wahrheit dasss zwischen zwischen 7 und 428 andere Komorbiditäten damit assoziert sein könnten (Mittelwert 16).
Herr Heuvel, warum kommentieren Sie den Artikel nicht kritisch? Sind Sie nicht in der Lage dazu?

#4 |
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Hebamme

Eine Bestätigung dessen, was viele schon lange ahnten und viele nicht wissen wollen.
Es gibt immernoch viel zu viele Schwangere, die “ab und zu mal ein Radler” oder “zu Sylvester ein Glas Sekt” trinken und überzeugt sind, das sei ok. Und Mediziner(!), die dazu sogar raten, zB ein halbes Glas Rotwein in der Schwangerschaft zu trinken.

#3 |
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“Ihre Publikation könnte dazu beitragen, dass Ärzte fetale Alkoholspektrumstörungen rascher erkennen und langfristige Folgen vermeiden – vor allem hinsichtlich möglicher Benachteiligungen im Beruf und im Privatleben.”
Das raschere Erkennen führt leider nicht zur Vermeidung langfristiger Folgen! Die kann man höchsten abmildern! Einen Hirnschaden kann man leider nicht “weg-fördern”.

#2 |
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Wie wahr! Es ist wichtig, noch mehr Bewusstsein für diese Faktenlage zu schaffen. Es leuchtet doch eigentlich ein, dass es keine Mindestgrenze der täglichen Trinkmenge von Alkohol in der Schwangerschaft geben kann.

#1 |
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